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bauch zeigen

gisela müller | bauch zeigen

Nun bin ich inzwischen in ein Alter gekommen, in dem "auf eigenen Beinen zu stehen" gemeinhin das gleiche bedeutet wie Vier-, Sechs-, Acht- oder gar mehr Füßler zu sein. Kein Schritt bleibt fortan für sich allein. Immer hängt schon wer oder etwas daran: Ein ach so kleines klebriges Händchen, eine verführerisch süße Gewohnheit, ein anschwellendes Geschrei, eine lange Lebensspanne und die so große Verantwortlichkeit dabei. Wer wollte da diverse Steh- und Gehhilfen ausschlagen. Fortbewegt von Kinder- und Einkaufswägen, Potenz zu Eigenständigem allmählich schwindend, zwei in sich ruhende entgegengesetzte Spiraldrehungen. So geht es rund; durch Kreissäle, Supermärkte, Innenstädte, zum Pauschaltarif um die ganze Welt. Das Telefon klingelt, der Mann von der Bausparkasse ist dran. Der Bausparvertrag, von den Eltern in bester Absicht über Jahre gehegt und gepflegt, sei bald zuteilungsreif. Wenn ich, aha, nicht beabsichtige, Eigenheimtum zu erwerben, könne man aus dem bislang Ersparten eine Altersvorsorge treffen. Ich müsse nur monatlich und soundsoviel und bis daunddahin. Ich hab dafür nichts übrig, erkläre ich mich und ihm. Kurz stutzt er. Fängt sich. Ruft wieder an. Eine Woche später mit dem genialen Spar- und Zukunftsfahrplan. Ich müsse jetzt gar nichts zahlen, und später, wenn ich dann wieder, also wenn ich dann wieder festen Boden, also ein festes Einkommen wenn ich das dann hätte und eine geregelte Arbeitszeit. Klingt das nicht spannend? Ich nicke für ihn unsichtbar, nein, eigentlich schüttle ich den Kopf. Verspreche, es mir zu überlegen. Er ruft wieder an. Ich habe nichts überlegt. Auch nicht, wie ich ihn endlich loswerden kann. Ich erwäge provokant, das angesparte Geld nicht weiter investieren, sondern lieber davon und jetzt gleich leben zu wollen. Er schluckt. Lässt nicht locker. Der Mann ist Profi. Will mir nun seine Visitenkarte schicken. Unverbindlich. Und alles noch einmal ausrechnen. Genau. Mir ein Angebot machen, ein bestimmt sehr verlockendes, das ich, hundert pro!, nicht ausschlagen werde. Und wieder anrufen. Er behält Recht, kann nichts ausschlagen, verlange erneut Bedenkzeit. Was wollen Sie noch bedenken? ruft er, nach Dreitagesfrist wieder an. Vorausschauend habe ich diesmal schon nachgedacht. Ich habe keine Wahl. Jetzt muss ich es tun. Er klingt siegesgewiss. Wähnt meine Unterschrift, die seinen gefährdeten Job sichern soll, bereits in der Mappe. Ich bin zu allem bereit. Aber wie soll ich ihm, dem Versicherungsagenten, oder den gutmeinenden Eltern oder denen, die wie die gutmeinenden Eltern ihr Eigentum nähren und mehren und in voller bester Absicht ihre Brut, wie soll ich denen allen nur erklären, dass mich ihr scheiß Daseinsentradikalisierungsmodell in keinster Weise interessiert? Wie soll ich ihnen sagen, dass es mir in dieser Situation und bei meinem ständigen Bewusstsein völlig unmöglich ist, an so etwas wie Rente und Lebensversicherung oder eine wie Eigenurintherapie drohende Eigenheimzulage ? nichts geht verloren - überhaupt nur zu denken! Plötzlich aber schwellen die Bäuche der besten Freundinnen an und tragen sie in alle Himmelsrichtungen davon. An einer naturnahen Peripherie bleiben sie hängen, kommen nieder, vielleicht auch nie mehr wieder. Doch irgendwann, vermute ich fast, lassen die Zentrifugalkräfte wie das Bindegewebe nach. Man hat davon erzählt: Von der eigentümlichen Verlassenheit in der verwaisten Mitte. Wenn auch die strukturbildende Kraft der Possessivpronomen langsam erschlafft. Mein Mann, meine Frau, mein Kind, unser Garten, unser Haus, unsere Freunde, unsere Urlaube, meine Untreue, deine Schuld ...