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der mikrokosmos auto

martin erhart | der mikrokosmos auto

Das Blechbiotop als Psychotherapieersatz

Als Siegfried Marcus 1870 den ersten einfachen Wagen mit Benzinmotor entwickelte, wagte er nicht zu träumen, wie schnell sich das "Fahrzeug mit maschinellem Selbstantrieb" - wie er es nannte - in unserer Gesellschaft manifestieren sollte. Von der Vision ausgehend, die Mobilität des Menschen zu revolutionieren, ist die eigentliche Idee über sich hinausgewachsen. Marcus konnte nicht wissen, wie sehr das Auto den einzelnen Menschen, ja ganze Gesellschaften, später beeinflussen sollte - auch abseits ökologischer oder wirtschaftlicher Aspekte. Später ist jetzt. Und so wie ich auch, starten tausende Österreicher jeden Morgen den Motor und machen sich auf ihren Weg - für gewöhnlich alleine. Auf den ersten Blick ist nichts weiter dabei. Das Ziel ist in der Regel klar, der Weg Routine. Zur Arbeit, zur Uni oder zum Einkauf. Der Vorgang ist der gleiche und die Fahrt, der tägliche Weg, passiert automatisch, so nebenbei. Über den Hügel, schalten, dann rechts, danach wieder links. Ein Procedere wie ein Ritual, an dem sich manchmal das ganze Land zeitgleich beteiligt, was bei näherer Betrachtung gar nicht verwunderlich ist. Denn auf den zweiten Blick spielen sich eigenartige, oft schon paradoxe Dinge auf unseren Wegen ab. Und wer nicht mitmacht, läuft Gefahr so einiges zu versäumen.

Die unbewusste Ausnahmesituation?
Ist man einmal in die Tiefen des Blechdschungels eingetaucht, gibt es vieles zu entdecken. Der geschlossene Raum, die Kontrolle, die Geschwindigkeit, all das birgt eine eigene kleine Welt in sich. Einen eigenen kleinen Mikrokosmos, den jeder für sich unterschiedlich zu nutzen gelernt hat. Es spielt dabei keine Rolle, ob man zehn Minuten oder zwei Stunden unterwegs ist, hinter dem Steuer mutieren harmlose Artgenossen zu sonderbaren Kreaturen. Die personifizierte Coolness wird zum Choleriker und gewöhnlich handzahme Menschen entpuppen sich als wie vom Teufel gejagte Bestien. Natürlich kann das - von einer beweglichen Blechzelle beeinflusste - Gemüt umgekehrt genauso schnell und überraschend Wendung nehmen. Kurzum, wer bewusst andere Verkehrsteilnehmer in ihren Fahrzeugen beobachtet, hat gute Chancen, Menschen in Ausnahmesituationen zu erleben. Damit meine ich nicht Ausnahmesituationen im Sinne eines möglichen Unfalls oder eines apokalyptischenMeteoriten, der just in dem Moment auf der Motorhaube landet. Sondern Ausnahmesituationen im Sinne einer veränderten Persönlichkeit. Zwar wird man die als Fremder wohl kaum wahrnehmen, zumal ein vorbeifahrendes Auto oft nur einen Augenblick sein Inneres und damit den Menschen darin preisgibt. Aber gerade in dieser Tatsache steckt eine Ursache für die unorthodox wirkenden Verhaltensweisen der Autofahrer unserer Zeit.

Die unbewusste Normalsituation?
Nämlich die Kombination aus dem Raum und der Mobilität jenes Raumes. Sie provoziert wie selten etwas im Leben eine völlige Authentizität. Ich sage bewusst "provoziert", denn "man selbst sein" erlaubt faktisch jede Situation. Aber tatsächlich unterstützen tun es im Leben nur wenige. Das Bewusstsein, für sich alleine zu sein, spielt dabei eine wesentliche Rolle. Und was könnte hierfür bessere Rahmenbedingungen schaffen als das Auto? Kein verriegeltes Zimmer ist so sicher, kein Keller so tief und kein Wald so groß, um gegen einen 130 km/h schnellen Stahlkäfig anzukommen, wenn es darum geht, sich absolut und hundertprozentig für sich zu fühlen. In seiner eigenen Welt lebt es sich einfach ungenierter. Es singt sich unbeschwerter, wenn keiner hört, dass man ganz offensichtlich "Leider-nein Kandidat" irgendeiner Casting-Show ist. Es schreit sich lauter, wenn keiner erschrocken nach dem Grund danach fragt, und es "mault" sich grundsätzlich besser, wenn man in einer Karosserie aus Stahl sitzt. Hinter der Zimmertür könnte ja doch noch jemand mithören, genauso wie hinter dem Baum vielleicht doch noch einer steht. Unwahrscheinlich, dass bei 130 km/h nebenher jemand mitläuft. Auch blinde Passagiere an Bord sind nicht üblich. Fühlbar abgeschottet von der Außenwelt fallen sonst beklemmende Gedankenströme weg. Eine gute Voraussetzung also für authentisches Verhalten. So gesehen könnte man sagen, der tägliche Weg gehört zu den ehrlichsten Dingen unseres Alltags. Vielleicht sogar zu den ehrlichsten der Welt. Es kann demnach gar nicht das Autofahren sein, das die Menschen anders werden lässt, sondern es ist vielmehr das Autofahren, das die Menschen wieder normal werden lässt. Das Auto also als blecherner Therapieraum gegen den Zwang gesellschaftlicher Anpassungen?

Die unbewusste Extremsituation?
Schaltet man (gedanklich) einen Gang höher, stößt man auf ein weiteres Kuriosum, das die Autofahrt zum Besonderen macht. Auf die Reaktionen einer direkten und routinierten Kontrolle. Die Steuerung des Fahrzeugs steht geistig natürlich an erster Stelle, ihr gehört unsere größte Aufmerksamkeit. Sie ist ja quasi verbindlich - vorausgesetzt man will heil ankommen (und schließlich geht es beim Autofahren ja darum, irgendwo anzukommen). Gleichzeitig aber lässt sie ungewohnt viel Raum für andere Gedanken zu. Für jene Gedanken, die unter der Beeinflussung unseres normalen Umfelds seltener an die Oberfläche dürfen. Für die unwichtigeren, sinnloseren, leereren. Unsere Gesellschaft ist eine rasende, auch im wörtlichen Sinn. So bleibt immer weniger Zeit, Erlebtes zu verarbeiten oder mehr als nur einen Gedanken an Banalem zu verschwenden. Die Zeit hinter dem Lenkrad wird deshalb nicht selten als "vergeudete" Zeit empfunden, was in gewisser Weise auch stimmt. Die Hände sind ans Lenkrad gekettet, die Füße an die Pedale. Dennoch, physisch mag man gefesselt sein, mental und geistig aber frei. Während unsere Gliedmaßen nicht anders können und ohne weiteres Zutun den automatisierten Abläufen folgen, läuft die "Gehirn-Masturbation" auf Hochtouren. Weniger bewusst wie etwa im Park oder abends im Bett. Sondern mehr aus einem Reflex heraus. Einem ähnlichen Reflex, wie er sich erstmals in Extremsituationen, in Kriegszeiten bemerkbar machte. Kriegsgefangene, die über Jahre hinweg gefesselt (und zwar tatsächlich gefesselt), geknebelt und von sozialen Kontakten abgeschnitten, stets am selben Ort fest gehalten wurden, berichteten, dass sie dem Wahnsinn nur entkommen konnten, indem sie komplette Partien Schach und Fußballspiele fortwährend im Kopf rekonstruierten. Sie durchdachten Bild für Bild, jedes Detail, ständig und immer wieder. Zuvor sollen sie nicht in der Lage gewesen sein, einfache Morse Codes zu behalten. Es passierte angeblich von selbst - ohne sich bewusst beschäftigen zu wollen. Offensichtlich versucht unser Gehirn - ähnlich wie in Extremsituationen - auch im Auto einem Wahnsinn zu entgehen. Nämlich dem, ausschließlich rationell und produktiv zu denken. Der ganz normale Alltag ist unsere Extremsituation und so wie die Gefangenen durch geistige Höchstleistungen davor bewahrt wurden verrückt zu werden, so schafft uns das Autofahren mit dem genauen Gegenteil, mit der Möglichkeit zum "dumm" sein, einen Ausgleich. So gesehen könnte man behaupten, Autofahren bedeutet gar nicht Zeit zu vergeuden, sondern vielmehr einen natürlichen Ausgleich für einen gesunden Geist. Das Auto also als fahrende "Psycho-Couch" gegen gesellschaftlich verursachten Stress?

Die unbewusste Machtsituation?
Die Kontrolle über das Fahrzeug im eigentlichen Sinn, lässt nicht weniger Rückschlüsse auf die Eigenheiten des Autofahrens zu. Es gibt nicht viele Situationen in denen man sein eigenes, aber vor allem das Schicksal anderer so bewusst in den Händen hält wie hinter dem Lenkrad. Abseits von Gesetzen und menschlicher Verantwortung bedeutet das nichts anderes als Macht zu haben. Im Extremfall sogar Macht über das Leben und den Tod anderer. Denn unbewusst entscheiden wir täglich, ob wir mit hundert Sachen durch die Fußgängerzone rasen wollen, oder nicht. Meistens entscheiden wir uns gegen diese Option - Gott sei Dank. Aber dass wir stark auf den Zuspruch von Einfluss reagieren wissen wir. Der Mensch war ja schon immer verleitet, seine Macht bis an die Grenzen zu testen. Warum sollte das gerade bei Autofahrern anders sein? Das soll nicht heißen, Autofahrer wären eine Gruppe von ausgeflippten Machtgeilen, die an nichts anderes denkt als ihr Fahrzeug in die nächste Schülergruppe zu jagen. Niemand vernünftiger würde diese Möglichkeit je ausschöpfen. Aber was wäre wenn? Das Wissen um die Eventualität ist da. Genauso wie die Gewissheit, nur eine winzig kleine Handbewegung davon entfernt zu sein. Nüchtern gesehen impliziert Macht ja eine klare Überlegenheit, eine überlegene Stärke, einen starken Einfluss. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Verantwortung, die uns speziell bei der Autofahrt daran hindert, die verliehene Macht wirklich auszuleben. Trotzdem wird gerne demonstriert, dass es sie gibt. Die Parallelen zwischen den Gesetzen des Dschungels und jenen des Blechdschungels sind hier ganz offensichtlich. Was beeindruckt sind Größe, Stärke und Schnelligkeit - oder zumindest was danach aussieht. Es bleibt nur die Frage: Wozu diese Prahlerei? Wovor will man sich eigentlich wappnen? Der Hase hat einen guten Grund für seine ausgezeichnete Kurvenlage und auch die Bodenfreiheit einer Antilope ist kein Zufall. Das Auto dagegen soll zeigen, was man alles könnte, wenn man nur wollte. Es soll den gesellschaftlichen Status verdeutlichen und nicht zuletzt für den Einfluss seines Lenkers stehen. Wer solchen besitzt, kann das zweifelsohne am eindrucksvollsten mit dem Statussymbol Auto zeigen. Wer nicht aber genauso. Tatsächlich sind Größe, Preis und Pferdestärken vielleicht Hinweise, aber bestimmt keine Garanten für treffende Zuordnungen in einzelne Gesellschaftsschichten - nicht mehr. Das sind beeindruckende Posen, Farben oder Formen in der Natur genauso wenig. Wie sich die harmlose Natter mit dem Muster einer Kobra aufspielt, so wird Macht auch auf unseren Straßen imitiert. Man könnte also sagen, wer "nur" jene Macht besitzt, die das Auto mit sich bringt - und die wegen der Verantwortung ja doch nicht ausgelebt werden kann - hat mit einem dicken Auto wenigstens die Chance, seine Wichtigkeit, Gefährlichkeit oder seinen Einfluss, außerhalb des Mikrokosmos Auto, vorzugaukeln. Das Auto also als Antistatussymbol?