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der sieg in der niederlage

jürgen plank , andrea hiller | der sieg in der niederlage

Über Masochismus, Kolonialisierung und Diktatur

So sei denn mein Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu sein. Und in demselben Augenblick gab sie mir einen Fußtritt.
Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz

 

31. 5. 1994: Eine Autobahnraststätte in der Nähe von Graz, das Grazer Künstlerkollektiv G.R.A.M. präsentiert: Hermes Phettberg am Klo. „Die Besucherin, der Besucher, trifft hier auf Josef Hermes Phettberg Fenz, ein Ausstellungsstück, über das zu verfügen jedermann/frau die Möglichkeit hat. Hermes Phettberg befindet sich in mehrfacher Hinsicht in der Rolle des Objektes. Zum einen ist er Objekt des Verfügers, welchem er sich ausgeliefert hat, zum anderen ist er Gegenstand der photographischen Abbildung, die die Interaktion dokumentiert. Und er ist Objekt für die Ausstellungsbesucher, die sich mit einem menschlichen Exponat konfrontiert sehen und zur Reaktion aufgefordert werden. Hermes Phettberg tut all dies für die Dauer der Performance. Er hat sich ausgeliefert.“ So kommentierte Phettberg selbst seine damalige Performance. In der Ausstellung Phantom der Lust, einem Projekt des Kulturhauptstadtjahres Graz 2003, liest man auf dem dazugehörigen Plakat den ironischen Zusatz: „Freibier“. Mit einem ebenfalls ausgestellten, handgeschriebenen Gutschein stellt sich Phettberg auf Lebenszeit der Kulturhauptstadt als Sexobjekt zur Verfügung.

Ob die Stadt Graz Phettbergs Angebot bereits genutzt hat, ist nicht bekannt. Die Aktion zeigt aber exemplarisch Aspekte des Masochismus auf: Unterwerfung, Dehumanisierung, Lust, Schmerz und nicht zuletzt - Humor. Der Gutschein Phettbergs ist in Zusammenhang mit jenem Vertrag zu sehen, den der Autor Leopold von Sacher-Masoch am 8. Dezember 1869 mit der Domina Fanny Pistor eingegangen ist: „Herr Leopold von Sacher-Masoch verpflichtet sich bei seinem Ehrenwort der Sklave der Frau von Pistor zu sein, unbedingt jeden ihrer Wünsche und Befehle zu erfüllen und das sechs Monate lang.“ Fanny Pistor verpflichtete sich ihrerseits nichts von ihm zu verlangen, was ihn als Mensch und Bürger „ehrlos machen“ würde.

Richard Freiherr von Krafft-Ebing machte Sacher-Masoch zum unfreiwilligen Namensgeber des Masochismus, als er in seinem Buch Psychopathia Sexualis (1886) mit diesem Begriff jene sexuelle Spielart bezeichnet, die Sacher-Masoch in Venus im Pelz beschreibt: Die Verbindung aus Schmerz, Leid, Demütigung und Lust, ausgeübt im schwülen bürgerlichen Salon - von Dominas in Pelzen. Krafft-Ebings Masochismus-Begriff war nicht geschlechtsspezifisch, aber sexualisiert.

Sigmund Freud wollte 1905 die Ursprünge des Masochismus herausfinden und hat drei sehr unterschiedliche Konzepte dazu entwickelt. Im ersten definierte er Masochismus als nach innen, also gegen die eigene Person, gerichteten Sadismus:

Wer Lust daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller Relation zu erzeugen, der ist auch befähigt, den Schmerz als Lust zu genießen, der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist, wenngleich die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm stärker ausgebildet sein und seine vorwiegende sexuelle Betätigung darstellen kann.
S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Freud geht von seinem Konzept 1920 ab und stellt seiner Trieblehre folgend zwei Triebe des Menschen in einen masochistischen Kontext: Den Sexualtrieb (Eros) und den Todestrieb (Thanatos). Sabine Fichtinger schreibt dazu nach Freud: „Dem Eros gelingt es manchmal, die Macht des zerstörerischen Triebes in seinen Dienst zu stellen. Damit erklärt Freud auch das Entstehen von Sadismus, welcher in seinem Wesen an die Herkunft destruktiver Triebkräfte erinnere.“ In seiner dritten Konzeption zum Begriff beschreibt Freud drei Arten des Masochismus: Erogenen, femininen und moralischen Masochismus. Erogener Masochismus ist demnach eine Art Schmerzlust - erst durch schmerzhafte und Unlust erzeugende Vorgänge im Körperinneren wird sexuelle Erregung für den Masochisten erlebbar. Im femininen Masochismus ist ein Mann mit masochistischen Neigungen anormal, weil er sich in eine für die Frau typische Position begibt - eine Sichtweise, die heute durch geänderte Rollenbilder als obsolet anzusehen ist.

Beim moralischen Masochismus nach Freud steht das Schuldmoment im Zentrum, er tritt in sozialen Gruppen, Volks- und Religionsgemeinschaften auf. Der moralische Masochist sucht förmlich nach Situationen des Leidens und des Schmerzes - kein Wunder, sind doch Erbsünde, Schuld­erziehung und Kollektivschuld in das Unterbewusstsein unserer Gesellschaft eingebrannt.
Im Christentum sind masochistische Tendenzen auszumachen: Das Leid zu Lebzeiten wird zugunsten der Erwartung des Paradieses bzw. des ewigen Lebens hingenommen - und schon ist ein weiteres Stichwort zum Thema gefallen: Warten. Ein Reiz des Masochismus liegt im Aspekt des Wartens, den der einzige uns bekannte, von Deleuze zitierte Masochismus-Witz sehr schön transportiert. Der Masochist sagt zum Sadist: „Schlag' mich!“ Der Sadist antwortet: „Nein!“ Zu diesem Witz ist jedoch anzumerken, dass es dem Masochist überhaupt nicht darum geht geschlagen zu werden: Der Masochist genießt nicht den Schmerz, sondern die Lust, die durch den Schmerz - gewissermaßen auf Vorrat - erkauft wird. Der Schmerz bringt den Menschen ins Zentrum des Geschehens zurück. Durch den Schmerz „spürt“ sich der Mensch wenigstens in irgend einer Form und fühlt sich lebendig. Das zuvor geleistete Opfer des Schmerzes verwandelt die Todesangst, die Quelle aller Angst, in eine Quelle der Lust. Indem der Masochist den Schmerz überlebt, entsteht der Eindruck, den Tod überwunden zu haben, ein triumphales Gefühl des Sieges!

Der Masochist strebt nicht nach Unlust, sondern nach Lust, die mit Unlust bezahlt werden muss. Der Tiefenpsychologe Theodor Reik hat das so formuliert: „Zuerst die Sühne, dann die Sünde.“ Nach der Sühne kann das lange Warten auf die Sünde beginnen. Leopold von Sacher-Masoch hat sich mehr als zwanzig Jahre bis zur Erfüllung seiner masochistischen Phan­tasien geduldet: Er wünschte sich einen griechischen Liebhaber für seine Ehefrau Wanda.

Auf Wanda nahm das Graz 2003-Projekt Wanda SM Bezug, bei dem der polnische bildende Künstler Piotr Dluzniewski Befehle der Künstlerin Irene Andessner erwartete, um nach diesen Anweisungen Fetischbilder anzufertigen. Dluzniewski sollte drei Wochen lang in einem ehemaligen Verlies im Schloßberg in einem spartanischen Atelier zubringen, die Befehle wurden ihm via Videoschaltung eingespielt. Vor Ablauf der Frist wurde er jedoch von Irene Andesser „gekündigt“ und durch einen anderen Malsklaven ersetzt, der die von ihm begonnenen Zeichnungen fertigstellte. Ironie am Rande: Vermutlich ist Dluzniewski als Pole streng katholisch erzogen.

Von der indonesischen Autorin Ayu Utami weiß man mit Sicherheit, dass sie katholisch sozialisiert wurde. Sie war als Gast des Leopold Sacher-Masoch-Symposiums in Graz. In ihrem Debütroman Saman hat sie explizit masochistische Sexualpraktiken beschrieben - das Buch war der programmierte Skandal und Erfolg in der prüden, von Männern dominierten indonesischen Gesellschaft. „Es gibt in Indonesien keine starke Auseinandersetzung mit Masochismus“, sagt Utami im Gespräch mit der schreibkraft. Trotzdem, so Utami, bestehen in ihrem Land masochistische Strukturen, die auf Basis der kolonialen Strukturen entstanden sind.

Indonesien: Geschichte der Unterdrückung
Indonesien existiert seit 1949 als Nationalstaat und hat im Laufe der Jahrhunderte viele Machthaber erlebt: Auf die hindu-javanischen und hindu-buddhistischen Großreiche folgten portugiesische, spanische, japanische und niederländische Kolonialherren. Die von den Niederländern etablierten Strukturen sahen die Indonesier als Unterjochung an: Brutale Ausbeutung passierte etwa auf den Tabak-Plantagen in Nord-Sumatra. Die Ausbreitung des kolonialen Kapitalismus in Form von Hunderten Plantagen ging mit der Rekrutierung von Arbeitern aus China, Java und von anderen Inseln einher: Ab dem Jahr 1880 wurden Strafsanktionen gegen die Arbeiter als Recht der Plantagenbesitzer angesehen. Diese Unterdrückung führte zu einer Institutionalisierung der Gewalt, gleichzeitig wurden die Plantagen zum „Motor des kolonialen Wirtschaftswachstums“.
Nach dem Abzug der Niederländer setzte sich die Gewalt fort, in den 1960er-Jahren wurden die angesprochenen Plantagen Sumatras zum Kampfplatz für verschiedene Interessensgruppen der Gesellschaft. Schließlich organisierten sich Arbeiter und Bauern auf Dorfebene, wobei ein Streitpunkt der privilegierte Zugang zu Land und die Abschöpfung der Plantagenerträge durch die Malayen war. Durch die Partizipation an der Macht wurden die Malayen zur Zielscheibe der Aggression von benachteiligten Gruppen. Insgesamt nahmen dadurch die politischen Konflikte zu, kommunistische Sympathisanten wurden auf den Plantagen ermordet. Am Höhepunkt der politischen Konflikte zwischen verschiedenen Interessensgruppen - Präsident Sukarno, Armee und Kommunistischer Partei - kam es 1965 zu einem Massaker, bei dem zwischen 500.000 und 1.000.000 Menschen starben. General Suharto übernahm 1966 die Macht und limitierte die Anzahl der politischen Parteien auf drei. Politischen Aktivisten und Mitgliedern von Massenorganisationen wie Gewerkschaften wurde der Zutritt zu den Plantagen verweigert. Die Erinnerung an grausame Demütigungen und die Angst gekündigt zu werden, hemmte die Bereitschaft der Arbeiter sich politisch zu betätigen.
Die Frage, ob die Menschen in Indonesien kolonial gewachsene Strukturen internalisiert haben, beantwortet Ayu Utami so: „Ich glaube, dass meine Beschäftigung mit Masochismus durchaus mit diesen kolonialen Strukturen der Unterdrückung zu tun hat. Das Problem ist, dass die Menschen in Indonesien die Phantasie des Masochismus nicht als eine Strategie ausarbeiten, um mit diesen Mechanismen umzugehen.“

Was bei Freud moralischer Masochismus heißt, bezeichnet Theodor Reik als sozialen Masochismus, diese Terminologie erscheint im Zusammenhang mit Kolonialismus am sinnvollsten: Reik spricht dann von sozialem Masochismus, wenn das Phänomen gesellschaftlich hervorgebracht wird. Sein Masochismus-Begriff ist wie der Krafft-Ebings geschlechtsneutral und desexualisiert. Nach Theodor Reik stellt der Masochist sein Verhalten zur Schau und braucht dafür Zeugen, die Lustmomente des Masochis­ten entstehen durch die Lust an der Unlust. Eine paradoxe Dualität, die sich im sozial-masochistischen Kontext mit der Reihe Sieg/Niederlage, Freiheit/Unfreiheit, Macht/Ohnmacht fortsetzen lässt.

Die postkoloniale Entwicklungsideologie des indonesischen Staates führte die Praxis des europäischen Imperialismus fort, indem sie Macht mittels Gewalt etablierte. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurde Entwick­lungsplanung von weißen Eliten - oft gegen den Willen der Bevölkerung - mit der „Last des Weißen Mannes“ beschworen: Der weiße Kolonisator nimmt die Bürde auf sich, den benachteiligten, mitunter von despotischen traditionellen Herrschern unterdrückten Völkern dieser Welt neue Moral- und Verhaltensstandards beizubringen.

Dieses Paradigma führte der indonesische Staat unter der Präsidentschaft von Suharto (1966 - 1998) fort, Entwicklung und Fortschritt waren zentrale politische Ziele: Man wollte die „zurückgebliebenen“ Bevölkerungsgruppen der Außenprovinzen modernisieren; dies geschah jedoch nur dann, wenn sie den Interessen des Zentralstaates dienten. Der Staat errichtete Schulen, sorgte für Infrastruktur und kümmerte sich um die medizinische Versorgung, um die Rohstoffe einer Region besser ausbeuten zu können. Die emanzipatorische Dimension des Entwicklungsgedankens wurde zugunsten eines egoistischen Modernisierungsgedankens aufgegeben, die Politik war nach den Interessen der Metropolen und der oligarchischen Eliten ausgerichtet. Bis heute wird in Indonesien die gewaltsame Durchsetzung staatlicher Politik gegenüber der lokalen Bevölkerung durch die Überlegenheit der Herrschenden in Bildung und Moral legitimiert. Mit seiner paternalis­tischen Attitüde, mit der die rück­ständige Bevölkerung auf den Weg in die Moderne angeleitet werden soll, wurde der koloniale Blick wiederholt, ein Phänomen, das „Innerer Kolonialismus“ genannt wird.

Unterwerfung als Teilnahme an der Macht
Kolonialismus und Masochismus, egal welcher Art, sind letztlich als Machtstrukturen zu sehen und beinhalten eine strategische Komponente: Im Zusammenhang mit Herrschaftsverhältnissen ist es schlicht leichter masochistisch zu sein und sich zu unterwerfen, als die Auflehnung zu versuchen. Wer einem stärkeren System gleichsam ohnmächtig gegenüber steht und nicht dagegen gewinnen kann, entwickelt sozialen Masochismus als Überlebensstrategie: Die sich fügenden Kolonialisierten werten den Herrscher auf und sich selbst ab, wodurch sie die Unterwerfung immer wieder vor sich selbst argumentierbar machen - weil Gleichwertigkeit für den Masochisten ohnehin nicht möglich ist, führt die Unterwerfung zu einer Partizipation an der Macht. Der Sieg wird in der Niederlage gesucht, das bedeutet im sexual-masochistischen Kontext die Lust an der Unlust und auf sozialer Ebene das Paradoxon, Freiheit durch Unterwerfung erreichen zu wollen.

Es ist nachvollziehbar, warum sich Diktatoren trotz ihrer Gewaltregime oft über Jahrzehnte an der Macht halten: Mobutu Sese Seko behauptete sich im Kongo über 30 Jahre lang an der Spitze des Staates, bis Laurent-Désiré Kabila gegen ihn putschte. Ab dem Jahr 1957 errichtete François „Papa Doc“ Duvalier auf Haiti ein tyrannisches Herrschaftssystem, das sein Sohn Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier von 1971 bis 1986 fortsetzte. „Das kann nur funktionieren, weil der Machthaber so unendlich viel Angst hat, dass er sich ausreichend viele Gladiatoren, Speichellecker und Günstlinge heranzieht, die ihn bewachen“, sagt der Psychiater Max H. Friedrich im Gespräch mit der schreibkraft. Diese Helfer - und letztlich die Bevölkerung - werden immer mehr in einen Komplex aus Schuld und Schuldgefühl, Begünstigung, sozialer Verpflichtung und Komplizenschaft, Ohnmacht und der Entwicklung der angesprochenen Überlebensstrategie verstrickt.

In Indonesien hatte das Militär eine historische Rolle als politisch-adminis­trative und militärische Ordnungsmacht. Korruption, ein Kennzeichen für ein klientelistisches politisches Sys­tem, war oft die einzige Möglichkeit, eine Position im öffentlichen Sektor zu erlangen. Mit der Einführung des javanischen Dorfregierungssystems auf anderen Inseln wurden traditionelle kommunale Machtstrukturen aufgelöst: Das Diktat von Ökonomie und Politik sickerte von Jakarta bis in die Provinzhauptstädte durch, Gouverneure und Bürgermeister fungierten als Agenten der großen nationalen Institutionen, die somit den Einfluss der mächtigen Clans und Familien bis in die dörflichen Gemeinschaften trugen.

Je dichter ein solches Netz gestrickt wird, desto schwieriger ist es zu durchbrechen. Diese Verstrickung passiert im kolonialen und postkolonialen Gefüge nicht nur auf psychologischer, sondern besonders auf wirtschaftlicher Ebene: Man kann aus den bestehenden Strukturen nicht aussteigen, weil etwa Schulden von einer Generation auf die nächste vererbt werden und so eine Familie wegen dieser Schuldknechtschaft zum Verbleib auf einer Plantage förmlich gezwungen wird.

So entsteht das Paradoxon, dass der Einzelne letztlich das System unterstützt, das seine Unterdrückung und mitunter sogar die Vernichtung beschlossen und zum Teil bereits vollzogen hat. Dennoch profitieren sogar in diesem Gefüge alle Beteiligten: Denn für den Unterdrückten ist die Akzeptanz der Überlegenheit des anderen letztlich die einzige Möglichkeit irgendwie an der Macht teilzunehmen.

Die Partizipation an der Macht wird im Wechselspiel zwischen Kolonialherr und Kolonialisierten oder im Postkolonialismus zwischen Großgrundbesitzer und Bauer kanalisiert, indem der Unterdrückte selbst in das System eingebunden wird und sozusagen „mitspielt“ - und selbst zum besseren Kolonialisten wird: So ist es erklärbar, dass der unterdrückte Eingeborene zuweilen brutaler agiert als die kolonialen Machthaber, er gibt den auf ihn auferlegten Druck nach unten weiter und unterstützt somit das gesamte System.

Die Unterdrückten haben die Vorurteile gegen sich selbst internalisiert. Um diese permanente Abwertung zu verkraften, kommt es zu dem Phänomen, dass sich Unterdrückte mit ihren Unterdrückern verbünden. Das hat sich etwa in jenen Einzelfällen gezeigt, in denen Juden auf Seiten der Nationalsozialisten besonders grausam gegen ihre Glaubensbrüder vorgegangen sind. „Das ist das entsetzliche KZ-Syndrom. Es gibt die so genannte Übersprungshandlung, sich mit dem Peiniger so sehr zu identifizieren, dass man ihn noch überflügeln muss, um der bessere Peiniger zu sein“, sagt Max H. Friedrich.

Masochismus ohne Safeword
Im Unterschied zum sexualisierten masochistischen Spiel befreit den in ein solches System Verstrickten kein Safeword aus seiner Situation: Vor Beginn des sexuellen masochistischen Spiels vereinbaren die Spieler ein so genanntes Safeword, das zum sofortigen Abbruch des Spiels führt, oft wird dafür der internationale Notruf „Mayday“ verwendet. Wie jedes Spiel gehorcht auch das masochistische Spiel Gesetzen - und Gesetze sollen gemeinhin Sicherheit geben. Die Spieler finden sich gleichsam in einem geordneten regelgeleiteten Spiel wieder, das auch als ritualisierte und dadurch vertrauenbildende Situation beschrieben werden kann.

Durch die Wiederholung geben Rituale Sicherheit: Das gilt für das Amen im Gebet wie für das Dankeschön nach dem Peitschenhieb der Domina. „Die Teilnahme an dramatischen öffentlichen Solidaritätsriten stärkt [...] das Gefühl der Gruppenidentität“, schreibt der Ethnologe Marvin Harris. Insofern ist das Kala Chakra genauso als Solidaritätsritus zu sehen wie eine Militärparade in P'yöngyang (Nordkorea), die den Einzelnen am Charisma der Macht teilhaben lässt und das Gemeinschaftsgefühl stärkt.

Kinder wollen Alltagsrituale, und sie wollen zum Beispiel Märchen immer gleich erzählt bekommen: Denn so können sie sich dessen sicher sein, dass auf den durchaus lustvollen Grusel das Happy-Ending folgt. Auch der Masochist benutzt die Macht der Gewohnheit: Er will eine genaue Ritualisierung von masochistisch-sexualisierten Han­d­lungsabläufen, passiert dabei ein „Fehler“, geht mit dem Ritual die Sicherheit und somit die Lust verloren.

Der italienische Journalist und Asienkenner Tiziano Terzani meint, in Asien würden Traditionen und Rituale zugunsten der Verwestlichung über Bord geworfen werden. Asien würde nach dem Kolonialismus heute wegen der Verwestlichung endgültig das Bewusstsein seiner selbst verlieren. Die Sucht nach Macht und Erfolg im westlichen Stil führt nicht nur zur Schwächung der lokalen Traditionen, sondern nimmt im „modernen“ Indonesien fast religiösen Charakter an. „Indem sich der Westen als einzig wahrer Vertreter des menschlichen Fortschritts dargestellt hat, ist es ihm gelungen, denen, die nicht nach seinem Vorbild ‘modern’ sind, einen starken Minderwertigkeitskomplex einzuflößen - was nicht einmal das Christentum geschafft hat“, schreibt Terzani.

Subtile Formen von Rassismus verbreiten sich über religiöse Anschauungen genauso wie über Soap-Operas, in denen entgegen der gesellschaftlichen Realität Indonesiens die Darsteller überwiegend helle Haut haben. Die Partizipation an Macht und Erfolg wird somit an diese Normierungen gebunden. Die Abwertung und Schwächung der eigenen lokalen Traditionen führt im kollektiven Unterbewusstsein zu einem Gefühl der Minderwertigkeit und zu einer gezwungenen Teilnahme an den von außen induzierten Konzepten. Die Anpassung an die Religion, Sprache, an den Staat und die Global Players der Wirtschaft wird zur Überlebensstrategie - und geht manchmal sogar unter die Haut: Weiße Haut gilt als Schönheitssymbol, über das die meisten Indonesier nicht verfügen. Die Lösung für den Alltag ist so pragmatisch wie einfach: Man tupft sich weißes Puder ins Gesicht und nähert sich auf diese Weise dem Idealbild an. Dieser Annäherung ist gleichzeitig das Eingeständnis inhärent, dass das Ideal nie ganz erreichbar ist. Es entsteht das Paradoxon, dass die Position der Schwäche und der Unterdrückung im Versuch sie zu bekämpfen erst recht zugegeben wird - sozialer Masochismus. Wir erinnern uns an dieser Stelle an Theodor Reik, demzufolge der Masochist sein Verhalten zur Schau stellt und Zeugen braucht.

win-lose-win-win
Durch die Verleugnung der Identität wird die bestehende strukturelle Gewalt gestützt, der Unterlegene gewinnt dadurch im konkreten Leben aber nicht - eine win-lose-Situation. Aufgrund des masochistischen Paradoxons wird daraus auf psychologischer Ebene trotzdem eine win-win-Situation, der Masochist hat ihn einmal mehr gefunden - den Sieg in der Niederlage; die internalisierte Struktur eines masochis­tischen Gefüges wurde verwirklicht.

Koloniale und masochistische Strukturen können zwar nicht deckungsgleich übereinander verschoben werden, am Beispiel Indonesien haben sich aber dennoch interessante Parallelen gezeigt. Wem das alles zu eigen ist, der kann eine Acconci-Schnecke
essend durch die Krafft-Ebing-Straße im Grazer Bezirk Geidorf spazieren und dessen eingedenk sein, dass Sacher-Masoch große Teile von Venus im Pelz in Graz geschrieben hat. Noch eine Spur des Masochismus endet hier: Der 1840 in Mannheim geborene Krafft-Ebing starb 1902 in der Stadt an der Murinsel; und vielleicht befindet sich das Objekt Hermes Phettberg just in diesem Moment in der Gewalt der Stadt Graz - in lustvoller Erwartung eines Fußtritts.


Buchtipps:
Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz. Aufbau: Berlin 2002.
Léon Wurmser: Das Rätsel des Masochismus. Springer: Berlin 1998.
Sabine Fichtinger: Zur Ästhetik des weiblichen Masochismus in der österreichischen Gegenwartsdramatik von 1970 bis 1985. Dissertation: Wien 1994.