schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 10 - eigen der tag, an dem ich chancenlos war
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/10-eigen/der-tag-an-dem-ich-chancenlos-war

der tag, an dem ich chancenlos war

roland cresnar | der tag, an dem ich chancenlos war

Ich glaube, es war einer jener Tage, an denen ich nicht einmal erst aufstehen musste, um zu wissen, es war sinnlos. Ich könnte machen, was ich wollte, es würde mir nicht gelingen, das Kommende auch nur annähernd zu beeinflussen, geschweige denn nach meinem Willen zu gestalten. Also machte ich Frühstück und aß widerwillig die weichgekochten Eier eines seelenverwandten Huhns, schnitt einen Satz aus der Morgenzeitung heraus, den ich, nachdem er zerstückelt und sinnentfremdet war, in den populären Sender steckte. Danach drehte ich das Radio ab und ging Richtung Schuhgeschäft, in dem meine Freundin seit einigen Wochen arbeitete. Hinter einem Regal versteckt, schaute ich ihr zu, wie sie einen Automatenkaffee trank und dabei eine recht passable Figur machte. Gelangweilt und trotzdem mit Stil führte sie den Pappbecher an ihre Lippen. Ich war sehr stolz auf sie. Dann zog ich meine Pistole.
Was in der Folge geschah, wollte ich natürlich keineswegs, doch konnte ich mich nicht dagegen wehren. Wie gesagt, es war einer von diesen Scheißtagen, an denen ich einfach keine Chance hatte, nicht die geringste. Ich ging also auf meine Freundin zu, sagte "Morgen!" und "Tut mir leid" und schoss ihr einen Ohrring samt Läppchen vom linken Ohr. Die Kugel traf auch noch den Spiegel hinter ihr, ich sah mein Gesicht zerbersten und den Fetzen Haut mit Ring, wie er gemächlich auf der Kante einer Scherbe entlang rutschte. Was für ein Tag! Bekümmert warf ich noch schnell einen treuherzigen Blick auf die Freundin, ließ ihr mein Stofftaschentuch da und versuchte ein Lächeln. Sie sagte nichts, also sagte ich "Na dann, bis am Abend" und ging.
Ich fühlte mich nicht gut, sie hätte es mir leichter machen können. Doch fairerweise durfte ich die Schuld daran nicht ihr geben. Denn schuld war der Tag.
Nachdem ich die nächsten Stunden mit Kaffeehausbesuchen, einem Innenstadtbummel und dem Hören des populären Senders, der regelmäßig den zerstückelten Satz aus der Morgenzeitung wiederholte, zugebracht hatte, ging ich nach Hause und bereitete das Abendessen vor. Geflügelterrine, Sherrysuppe, Lammrücken in Kräuterkruste, dazu einen gehaltvollen Bordeaux, abschließend überflämte Beeren mit einer Beerenauslese.
Als meine Freundin kam, hatte sie einen Riesenverband um das linke Ohr und den Kopf. "Du siehst gut aus", sagte ich und: "Du solltest zu malen beginnen", doch erst nach dem Essen gab sie mir Antwort.
"Ich werde dich verlassen."
"Ja, das wirst du."
Schließlich wusste ich es seit in der Früh. Ich hatte es kommen sehen. Sie knallte mir eine. Dieser Tag war schwärzer als schwarz, und obwohl ich wusste, dass es sinnlos war, wehrte ich mich noch eine Weile.
"Wie hat dir das Essen geschmeckt?"
"Die Polizei wird gleich da sein."
"Ich weiß."
"Und sonst hast du gar nichts zu sagen?!"
"Natürlich. Der Tag ist an allem schuld. Wie er heute morgen schon angefangen hat ..."
"Arschloch!"
Es klingelte, und ich schoss ihr genau zwischen die Augen. Dann schaltete ich den populären Sender ein, öffnete die Tür, bat um einen Augenblick Ruhe, denn sie brachten gerade wieder den zerstückelten Satz: Am nächsten Morgen wird alles anders als morgen davor.