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christian h. sötemann | die auflösung des eigenen im ontischen

Das Sein und sein Sein

Sowohl in der Wissenschaft wie auch im Alltagsleben werden Grenzen und Abgrenzungen immer wieder definiert und redefiniert. Ein wichtiger Teil dessen besteht in der Feststellung (explizit oder implizit), was davon „eigen“ ist und was nicht - d. h., was das untersuchte Phänomen in irgendeiner Weise als unterscheidbar von Anderem qualifiziert, und wo dieses nicht mehr gegeben ist, wo also Gemeinsamkeiten die Konstruktion übergeordneter Kategorien wie „Obst“ oder „Sozialdemokraten“ oder „Metalle“ erlauben. Dabei sind diese oft scheinbar fest kristallisierten Grenzen in vielen Bereichen nicht so sehr festgesetzt, wie es den Eindruck erwecken könnte.

Die Erkenntnistheorie beispielsweise hat sich seit langem damit beschäftigt, wie das menschliche Subjekt sich gegenüber der postulierten oder auch angezweifelten Außenwelt zu positionieren hat. Das jeweilig Eigene, aufgefasst im Sinne einer ontologischen Fragestellung, ist in den Beschreibungen zu präzisieren – z. B. die Frage, was den Menschen einzigartig macht, was ihn vom Tier, von der Pflanze, vom Wasserwerk unterscheidet?

Alle Versuche einer wie auch immer gearteten Ausdifferenzierung mit dem Ziel der Feststellung dessen, was dem zu Beschreibenden eigen ist, was es unverwechselbar sein lässt, werden auf einer spezifischen philosophischen Betrachtungsebene nivelliert, nämlich auf der ontischen Ebene. Anders als die Ontologie, die das Sein in verschiedene Kategorien einzuteilen trachtet, ist die Ontik ausschließlich darauf gerichtet, das Sein zu konstatieren. Das heißt, alle Eigenschaften, jedes Eigene wird auf dieser (sicherlich meist nicht isoliert stehenden) Ebene zurückgestellt, um das bloße, schlichte Vorhandensein zu nennen.

Die ontische Herangehensweise möchte ich in diesem Zuge mit einem Axiom illustrieren, das ich „Grundsätzliche Äußerung“ nenne, und das da lautet: Alles ist. – Was meint das? Die Gesamtheit der Welt, des Universums kann nur vorhanden sein, kann nur sein. Etwas kann nur Teil der Welt sein, wenn es ist. Die Konzeption des Nichts ist eine Konstruktion, denn wenn es das Nichts gäbe, wäre es ja vorhanden und somit per definitionem Sein, also Teil der Seinsentität anstatt Gegenpol des Seins. Das Nichts oder Nichtsein kann also nicht sein, und es gibt demnach nur Sein im Universum. Interessant ist die Fähigkeit des Menschen, diese widersprüchliche Konzeption überhaupt aufzustellen – aus diesem Grunde ist Sartres phänomenologische Ontologie auch in sich schlüssig, da sie gerade die Fähigkeiten des Menschen zur Negation als ontologisches Differenzierungskriterium verwendet.

Als Basis für die Ontologie dient jedoch die Ontik. In der Ontik kann einem jeden Fokussierten zugeschrieben werden, dass es ist. Dabei ist völlig irrelevant, wie unterschiedlich das Herangezogene untereinander ist. Ich kann beispielsweise zu einem roten Stuhl ebenso wie zu einer Sexualphantasie sagen: sie ist. Materielles und Psychisches wird hier unabhängig von erkenntnistheoretischen Vermittlungsproblematiken geeint, denn alles ist vorhanden.

Sicher gibt es Einwände, wie „aber ich kann doch an etwas denken, das es gar nicht gibt“. Dieses bezieht sich allerdings auf die inhaltliche Qualität der psychischen Produktion. Die Vorstellung einer grünen Ratte ist in diesem Moment genauso sehr wie die Sonne am Himmel vorhanden, und es spielt keine Rolle, ob irgendeine Komponente der Materie außerhalb des  Subjektes als ebensolche grüne Ratte organisiert ist. Auch bedeutet die Abwendung von der Vorstellung an die Ratte hin zu einer Erinnerung an einen heute noch wahrzunehmenden Termin nicht, dass es weniger Sein gibt, sondern allein eine qualitative Änderung der psychischen Inhalte. Vor allem für unbewusste Inhalte hat die Freud'sche Psychoanalyse mit der Einführung der „psychischen Realität“ als Wirkfaktor menschlichen Handelns und Interagierens einen wichtigen Beitrag zur Anerkennung der Vorhandenheit psychischer Produktionen als äußeren Reizen und Vorkommnissen ebenbürtig geleistet.

Ähnliches gilt für Veränderungen rein materieller Art. Die von einem Strandstrolch zertretene Sandburg löst sich lediglich in ihre (Sand-)Bestandteile auf. Das zu Staub zerfallene Buch bedeutet nicht das Verschwinden von Sein, sondern lediglich die qualitative Veränderung von Sein. Es gibt etwas Anderes - dieses wurde auch von Sartre im Rahmen seiner Ontologie festgestellt. Die Zustände ändern sich konstant, und in diesem Sinne erscheint Heraklits Feststellung, alles fließe, und Parmenides' Behauptung der Unveränderlichkeit des Seins nicht unvereinbar: Alles bleibt Sein, ändert aber oft, wenn nicht gar andauernd seine Erscheinungsform. Die ontische Ebene weist eine Unveränderlichkeit, ein ewiges Beharren auf, die ontologischen Ebenen können changieren: Lebendes kann sein Leben los und damit leblos werden, und aus Unbelebtem kann sich irgendwann einmal Leben entwickeln (wer weiß schon, was das mich Konstituierende vor unzähligen Jahrhunderten formiert hat – man mag spekulieren).

Das Bedauerliche ist, dass die ontische und die ontologische Ebene nicht selten auf verwirrende Weise miteinander vermischt werden. Heidegger hat mit der Unterscheidung von „Sein“ und „Seiendem“ sicher zur Seinsverwirrung beigetragen. Auch für einige sich humanistisch gerierende Theorie­entwürfe, denen eine Normierung, wie der Mensch rechtschaffen und zufrieden sein Dasein fristen könne, inhärent ist, wird dann der Begriff „Sein“ instrumentalisiert. Driftet man noch weiter in esoterische Gefilde ab, so wird das, was unter „Sein“ verstanden wird, noch weiter mystifiziert, was nicht selten scheußliche Resultate zeitigt. Die Ontik ist dagegen äußerst nüchtern, ihr Bereich besteht allein darin, Sein festzustellen. Einwände, die die Redundanz der Ontik behaupten, lassen sich entspannt mit dem Hinweis auf obige Konfusionen in der Verwendung des Seinsbegriffes beantworten.

Darüber hinaus liefert die Ontik einen Beitrag zur Versprachlichung von Sachverhalten, die im Alltagsleben als gegeben vorausgesetzt werden. Der englische Ausdruck „taken for granted“ umschreibt dieses sehr gut: Es sei daran erinnert, dass wir im Sog der alltäglichen Daseinsverrichtung nicht andauernd dahin tendieren, zu hinterfragen, warum das Gesellschaftssystem, in welchem wir leben, so und nicht anderes organisiert ist. Selbstverständlich ist die Ontik noch auf einer viel grundsätzlicheren Ebene angesiedelt – ontische Aussagen vernachlässigen gänzlich, ob gejubelt oder gelitten, ob gelebt oder gestorben wird. Sie stellen somit keine „Weltsicht“ dar, sondern liefern eine Grundlegung, auf die in vielen Richtungen aufgebaut werden kann.

Abgrenzungsversuche, „Eigenes“ zu diagnostizieren, finden also nicht auf einer ontischen Ebene statt. In der Ontik sind die silberne Stange, der Staub, der Gedanke, die Sonne, der Wind, der Bundeskanzler, die Gesellschaftstheorie, das verrostete Fahrrad usw. usw. alle gleichermaßen vorhanden. Differenzierungsmöglichkeiten ergeben sich erst z. B. auf einer ontologischen Ebene, in der die aufgezählten Phänomene in verschiedene Kategorien subsumiert werden können, deren Auffächerung dort endete, wo das Einzigartige, das nur diesem Phänomen Eigene, festgestellt würde.

Dabei ist freilich fraglich, ob diese Ebene erreicht werden kann, zumal mit den begrenzten Mitteln der Sprache. Letztere äußern sich ja unter anderem auch darin, dass die Ontik gewissermaßen erst herausgeschält werden muss, bevor ein bewussteres Erfassen dieser Omnipräsenz, dieser jederzeitig impliziten und schrankenlos explizierbaren Gegebenheit möglich ist.