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die nummer 1 vom wienerwald

andreas r. peternell | die nummer 1 vom wienerwald

oder Warum Bananen niemals FPÖ wählen

Murmansk. Nordwestliches Russland. 200 Kilometer nördlich des Polarkreises im Osten der Kola-Bucht. Dick gewandete Seeleute, Kriegswitwen und ehemalige Politbonzen stehen vor den Verkaufstheken des lokalen Einzelhandels. Mangel ist an diesem unwirtlichen Ort kein Fremdwort. Vor allem trockenes Birkenholz, Manner-Schnitten und Political Correctness sind nicht einmal am Schwarzmarkt käuflich erwerbbar. Sehr wohl jedoch erhältlich: Bananen! Und das erfreut den durchnässten und erkälteten Seemann außerordentlich.

Graz. Südöstliches Österreich. Schick gewandete Kleinunternehmer, Seitenblickerandfiguren oder Bürgermeister lustwandeln mit großer Begeisterung durch die Räumlichkeiten von „Kultur“-Cafes, Friseurläden oder Wirtschaftskammerstadtbüros und betrachten mit allergrößtem Kunstverständnis die ausgestellten Rot-Schwarz-Kombinationen. Mangel ist auch hier vorhanden. Vor allem Geschmack, Stilsicherheit und zurückhaltende Eleganz sind auch mit einem dicken Bankkonto nicht zu kaufen. Auch hier mittendrin: Die Banane! Sie erfreut den Anhänger subtil-erotischer Darstellungen außerordentlich.

New York. Nordöstliches Amerika. Ein wild gewordener Haufen zugedröhnter Musiker sitzt im dritten Stockwerk eines alten Fabrikgebäudes und macht Lärm. Mangel - wie überall. Vor allem die Phasen der allgemeinen Nüchternheit dürften nicht wirklich nachhaltig sein. Aber keine Frage: Die konkrete Banane ist Gast auf zahlreichen Partys und noch mehr auf darauf folgenden Sonntagmorgen. Sie erfreut Millionen von Musikliebhabern weltweit.

Brüssel. Westliches Europa. Wissenschafter, Beamte und Politiker sitzen in riesigen Betonburgen mit wenig Tageslicht, vermessen verschiedene Obst- und Gemüsesorten und verfassen im Anschluss daran seitenlange Gesetzesentwürfe. Mangel? Realitätsbezug ist wahrscheinlich nicht die USP bei Einstellungsentscheidungen der Europäischen Union. Aber (natürlich) auch hier vertreten: Die Banane ist die erste Obstsorte, die nach allen Regeln und Erkenntnissen neuzeitlicher Wissenschaftsideen vermessen und normiert wurde. Und das freut so manchen Zollbeamten außerordentlich.

Selbst in unserer zunehmend unsicheren Leistungsgesellschaft also, in der permanent Superstars und -sternchen gesucht werden, gibt es noch Konstanz und Sicherheit. Denn während sich Größen aus Film, Funk und Fernsehen kaum langfristig in der Öffentlichkeit, geschweige denn auf den aufmerksamkeitsökonomisch ersten Plätzen halten können - Hermann Maier: schon lange nicht mehr Gesamtweltcupsieger; Erich Honecker: 99% bei demokratischen Wahlen kaum mehr en vogue; und über kurz oder lang wird auch Harry Potter wieder von den Bestsellerlisten verschwinden -, hält die Banane seit Einführung der vom Kunden zu bedienenden Obstwaage völlig unangefochten ihre Spitzenposition. Es gilt: Banane ist gleich Taste Eins. Weltweit, in Graz, Palermo, Duisburg oder Murmansk. Über Ideologische Grenzen hinweg, bei Aldi, Spar oder Meinl am Graben. Globalisierung at it’s best.