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gottes erdhörnchen und der rest der welt

brigitte fuchs | gottes erdhörnchen und der rest der welt

Nur wenige Hauptsprachen kennen das Wort „eigen“

Eigen/eigen kommt, von einem globalen Standpunkt aus betrachtet, eigentlich selten vor (vgl. Tabelle 1).

In unserer Stichprobe, die immerhin 204 (3%) der 6.800 gezählten Hauptsprachen der Erde erfasst, gibt es das Wort „eigen“ nur zweimal oder in 0,98% aller Fälle. Und fehlt einmal „eigen“, so fehlen auch alle Wortverbindungen damit.
Allerdings muss festgehalten werden, dass „eigen“, wenn es überhaupt vorhanden ist, zu einem ausufernden Vorkommen neigt. Zum Beispiel soll Passamaqoddy nebst Micmac nicht weniger als fünf Worte für „eigen“ kennen, und zwar:

  • cepinu = Eine eigene Wohnung haben, wörtlich: er/sie lebt (ab)getrennt (lose)
  • kocicihtun eli ksicaqsit wasis = (Eigene) Kinder haben, wörtlich: Er/sie weiß, dass er/sie (selbst) Kinder gerne hat, (von ksiyapsu = jemanden mögen, im Besonderen Kinder)
  • sami Keluwosit nihto 'topelomal = Du kannst kein (eigenes) Erdhörnchen für dich haben, weil es Gottes ist
  • taltehkomoniya = Die Mädchen kicken eine Kartoffel
  • atsewe = Er/sie wechselt die Kleidung (Wenn man früher die Kleider wechselte, hängte man eine Decke auf, um sich zu verbergen)

Wir erkennen unschwer, dass der Reichtum an Passamaqoddy-Wörtern für „eigen“ ein Schwindel ist: Auch die Passamaqoddy und Sprecher verwandter Algonqin-Sprachen kennen „eigen“ eigentlich nicht. Uns bleibt daher nichts anderes übrig, als jene Minderheit von Sprachen ins Auge zu fassen, die „eigen“ kennen - der Einfachheit halber bei Deutsch.

Eigenname ist ein Wort, das sich in jedem Wörterbuch deutscher Sprache findet. Als „Name“ kommt es auch in Nicht-„eigen“-Sprachen vor. Es bezieht sich im weiteren Sinn auf die Gewohnheit, Orte, Tiere, Sachen und Personen speziell zu „bezeichnen“. Würde es keine „Namen“ geben, gäbe es überhaupt keine Sprache/n. Sprache/n gibt es aber, wie jede/r weiß, sehr wohl, obwohl man in keiner Sprache so recht weiß, warum etwas so heißt, wie es heißt. Etwas anders verhält es sich glücklicherweise mit den Eigennamen im engeren Sinn, denn man kann sich allenthalben erkundigen, welche Namen Orte und Personen tragen und warum. Während die Frage nach dem Warum uns interessantes Material für Abhandlungen liefert, ist die Frage nach dem Wie von fast noch größerer Bedeutung.

Verzichtet man auf diese Frage, so erhält man höchst fragwürdige Resultate, wie das berühmte „Henrietten“-Beispiel zeigt: Hätten nämlich die Konquistadoren die Einheimischen nach dem Namen der (tatsächlich nur ihnen) unbekannten Gegend gefragt, so hätten sie ihn zweifellos erfahren. Sie hätten dann nicht den lächerlich feminisierten Namen des Seefahrers Amerigo „Heinrich“ Vespucci für die „neue Welt“ auswählen müssen. Diese Entscheidung zog das Verschwinden vieler Eigennamen und Vokabel nach sich, wofür es allerdings auch in der deutschen Sprache Beispiele gibt:

Eigenleute sind unter den 88 Einträgen zu e/Eigen/e/Eigen - des aktuellen Rechtschreib-Duden ebenso wenig verzeichnet wie im Großen Duden. Auch der Grimm weiß nichts von ihnen, und das, obwohl der Grimm doch viele wunderbare, seltene und wenig gebräuchliche Wörter - „veraltet“ / „süddeutsch“, wie es der Duden ausdrückt - kennt.

Und doch steht dieses Vokabel in der neuhochdeutschen Übersetzung des Palästinalieds, verfasst von Walther von der Vogelweide. Diesem zufolge [wurden] in Palästina, „dank Speer, Kreuz und Dornenkrone / die Eigenleute (eigen) frei [...]“, und zwar, weil sich dort „der Reine“ „taufen ließ“. Der „Reine“ ist eine Figur aus der christlichen Mythologie, der anderswo als „Jesus der Wanderer“ bekannt ist - als jener Kulturheros, der die Menschen lehrte, wie man Vorschlaghämmer und Keile benutzt und, noch viel wichtiger, wie man Reusen macht. Jesus soll auch den kannibalischen Rehmenschen besiegt haben und den Biber, der gerade ein Schlachtmesser anfertigte, um ihn zu töten. In den religiös-mythischen Überlieferungen der westlichen Welt enthält der Jesus-Mythos allerdings eine andere Botschaft, nämlich dass Eigen-Leute „befreit“ sind, sobald ihr von anderen genutzter Körper dank des physischen Todes von ihren Eignern nicht mehr gebraucht wird. In Bezug auf die Eigner ergibt sich, dass sie nicht als sie selbst, sondern vielmehr als „Geister“ oder „Seelen“ - die nach christlichen religiösen Lehren nach dem Tod frei werden - Eigner ihres und anderer Körper/s sind.

Eigentliche Menschen sind nur diese „Geister“. Diese groteske Vorstellung, die politisch eigentlich schon überholt und im Rückzug begriffen ist, ist mitunter auch heute noch anzutreffen. Aus Anlass eines in einer religiösen Kultstätte durchgeführten Rituals konnte eine der Verfasserin wohlbekannte Informantin vor einiger Zeit Ohrenzeugin folgender Aussage einer „Frau (Dr.) B.“ werden: „Und wenn dann die Eigentlichen kommen, ist kein Platz mehr.“ Diese Erwartungshaltung, als „eigentliche“ Person gegenüber „Uneigentlichen“ privilegiert zu werden, deutet auf Hegel hin, den Schöpfer eines hierarchisch gegliederten „Geist“-Systems und die Autorität für „Geist/er“ schlechthin. Er schrieb, „dass der Mensch, der das Bewusstsein seiner Freiheit noch nicht hat [...] zu einer Sache, zu einem Wertlosen herabsinkt.“ Zu beachten ist, dass Hegel für solche „menschlich aussehende Sachen“ gelten ließ, dass sie Menschen „an sich“ seien. Tatsächlich meinten viele andere zeitgenössische „Geister“, dass Sachen eben Sachen sind und bleiben. Sie legten allerdings Wert darauf, „gewöhnliche“ Sachen, die sich nicht selbst bewegen, von „beweglichen“ - menschlichen und tierischen - Sachen zu unterscheiden. In konfuser westlicher Logik werden allerdings „Eigenleute“ nicht für „beweglich“ gehalten, denn sie können, wenn überhaupt, nur gemeinsam mit ihrem Wohnort „bewegt“, das heißt veräußert, werden. Daher sind Eigenleute zwar „uneigentlich“, aber auch keine gewöhnlichen Sachen oder Waren wie Sklaven (die nebst Vieh auch „bewegliches Eigentum“ heißen). Und wohl nicht zuletzt weil das alles so verwirrend ist, kommen die Eigenleute anders als „Sklaven“ nicht in deutschen Wörterbüchern vor.

Eigenland ist ein Vokabel, das sich aus der Existenz von eigentlichen Leuten und „Eigenleuten“ ohne Weiteres erklären und ableiten ließe. Trotzdem zeigt ein Blick in die Wörterbücher, dass es dieses Wort gar nicht gibt, obwohl die deutsche Sprache eine große Anzahl von Wörtern mit ähnlichem Sinn kennt wie „Eigenbesitz“, „Eigenheim“, „Eigengarten“ und „Eigentor“, um nur einige Beispiele zu nennen. Hingegen kennt die englische Sprache den Begriff des „Eigenlandes“, wenn auch nur in Kombination mit „Gott“: „god's own country“. Ein Beispiel dafür ist der indische Bundesstaat Kerala, der - laut Information des dortigen Ministeriums für Tourismus - Eigenland des Gottes Shiva ist. Außerhalb Indiens sind vor allem die Vereinigten Staaten als „god's own country“ bekannt, die aber nicht Shiva, sondern dem großen westlichen Universalgeist gehören. Dessen Sprachrohre verstehen unter einem „Gottes-Eigenland“  ein Land, das, weit weg von zu Hause liegend, „unbekannt“ ist und von Leuten bewohnt wird, die weder eigen sind noch Eigner haben. Weil ihnen dadurch der eigentlich menschliche Charakter völlig abzugehen scheint, muss Gott in seinem Aspekt als universeller Geist-Befreier höchstpersönlich als Eigner von Land und Leuten einspringen, um sie zu befreien. Unterstützung erhält Gott dabei von untergeordneten „Geistern“, den „eigentlichen“ Menschen. Diese nehmen ihm nicht nur die Last des Aneignens ab, sondern bald auch die Belastung mit Rechtstiteln auf Land „weit weg von zu Hause“, das statt „Eigenland (Gottes)“ auch „Niemandsland“ heißen kann.

Eigentum kommt ebenso wie „Eigentümer“ in jedem noch so kleinen deutschsprachigen Wörterbuch vor. Obwohl „Eigentum“ in „Privat“- und „Gemein- oder Kollektiveigentum“ zerfällt, wird es meist mit dem „privaten Eigentum“ gleichgesetzt. Dem „Privateigentum“ an Sachen und ihrem allgemeinen Äquivalent (Geld) wird im Einklang mit der religiösen Überlieferung des Westens meist deswegen der Vorzug gegeben, weil es Gegenstand einer „wunderbaren Selbstvermehrung“ ist: Das Geld bekommt, sobald es in die Produktion und Verwertung von Gütern „investiert“ wird, schon sehr bald Kinder namens „Zinsen“ und „Zinseszinsen“, was als ideal gilt. Daraus leitet sich auch der „Idealismus“ ab, eine Philosophie, der zufolge („eigentliche“) Menschen vermittels ihres „Geistes“ nicht nur Sachen und Geld „besitzen“, sondern auch ihre und fremde Körper samt allen dazugehörigen Organen und Körperteilen. (Letzteres gilt allerdings nur, bevor man stirbt; nach dem Tod stehen Körperteile und Organe der „Allgemeinheit“ zu Verfügung, weil sie ihr Eigentümer, der „Geist“, ja nun nicht mehr benötigt.) Der Idealismus führt auch dazu, dass immer mehr kollektive Güter und Dienstleistungen privatisiert werden, denn nur so gehen sie in die „wunderbare Selbstvermehrung“ ein. Als zusätzlicher Erfolg werden die uneigentlichen Menschen automatisch weniger, weshalb die Feinde des Privateigentums, die es auch gibt, dasselbe für „unmenschlich“ halten. Allerdings wissen sowohl Freunde als auch Feinde des Privateigentums, worum es sich dabei handelt. Sie unterscheiden sich damit von Leuten, die „Eigen/tum“ nicht kennen (und daher auch nicht darüber sprechen können). Eigentum ist daher eine der Eigenart/en (auch: Eigenheit/en) der westlichen Zivilisation.

Eigenwerkisch gehört zu den Wörtern, die so extrem selten vorkommen, dass man sie erklären muss:

St. Guthlac, ein früherer Straßenräuber, lebte als Eremit auf Croyland, einer Insel in den Mooren jedoch war er nichts weniger als allein: Zweimal am Tag unterhielt er sich mit einem Engel, und er erfreute sich der Gesellschaft der Tiere der Insel. Zwei Schwalben ließen sich auf seinen Schultern nieder und hüpften dort singend herum. Verblüfft fragte sein Freund, Wilfried, St. Guthlac eines Tages, warum diese wilden Tiere ihm vertrauten. St. Guthlac antwortete, dass ,jene, die nicht die Gesellschaft von Menschen suchten, von wilden Tieren und häufig auch von Engeln besucht würden'.

Laut Grimm fand Luther solche, von der römischen Kirche empfohlenen Geschichten so empörend, dass er nicht nur seine eigene „lutherische“ Kirche gründete, sondern auch schrieb: „hie handeln nu die törichten menschen fehrlich und sonderlich die eigenwerkischen heiligen“ (Luther I, 234).