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julius deutschbauer , gerhard spring | heineken statt heimaten

Eine ökumenische Bierandacht

JULIUS: Martin Luther sagt: ?Wer das Bierbrauen erfunden hat, der ist ein Unheil für Deutschland.? GERHARD: Nietzsche meint, der Geist der Deutschen werde durch Bier niedergehalten. JULIUS: Wie ist es eigentlich möglich, dass junge Männer wie wir, die den geistigen Zielen ihr Dasein weihen, nicht den ersten Instinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt des Geistes in sich fühlen - und Bier trinken? GERHARD: Wie viel Bier ist in unserer Intelligenz? JULIUS: Willst du mich ganz allein trinken lassen? GERHARD: Nein, jeder der Bier liebt, liebt das Weib an sich. Wir konstruieren über unseren Bierkonsum unsere Weiblichkeit. Herr Ober, noch ein Gemeinsames, mit Marille, bitte. JULIUS: Heimat bist du großer Brauer, GERHARD: Deutschbrauer, JULIUS: Springtrinker, GERHARD: Wechseltrinker. JULIUS: Heil dir! GERHARD: Bier heil! JULIUS: Ja, im Gegensatz zur Propaganda der Heimbrauer, GERHARD: Heimatbrauer, JULIUS: führen nicht die Kalorien, sondern die im Bier enthaltenen Hormone zu den weiblichen Formen der passionierten Biertrinker. GERHARD: Bierbäuche? JULIUS: Grund dafür sind die im Bier enthaltenen Phytoöstrogene. Diese Pflanzeninhaltstoffe wirken ähnlich wie die weiblichen Sexualhormone und führen zu den innerlichen wie auch äußerlichen Zeichen der Verweiblichung. GERHARD: Das zeigt sich daran, dass du seit geraumer Zeit einen deutlichen Brustansatz entwickelst. Der Mann hat das Weib in sich geschaffen - woraus doch? Nicht aus einer Rippe seines Gottes. JULIUS: Und mein Bierbauch: eine Scheinschwangerschaft. Mein Arzt rät mir zu Bier, um die Milchbildung anzuregen. GERHARD: Und wenn man uns das Bier bringt, muss jedes Glas zu Händen dessen gehen, dem es gehört. Gläser mit Hirschen und Gläser mit Stadtansichten. JULIUS: Und Gläser mit Frauenbildnissen zu unseren Händen. GERHARD: Zur Unterstützung der Phytoöstrogene. Was wir in Bezug auf das Bier empfinden, kommt unserem Bemühen nach Idealisierung des Weiblichen entgegen. JULIUS: In vornehm kühlem Gelb: dem eigentlichen Hintergrund der Verwandlung. GERHARD: Der Konstruktion unserer Weiblichkeit. JULIUS: Küssen lernen wir später. GERHARD: Und so bleiben wir sitzen, trinken unser Bier - melancholische Schwerflüssigkeit -, während unsere Gattinnen Wein trinken. JULIUS: Wo früher biegsame Fülle des Fleisches gewesen ist, blickt jetzt ein männlicher Knochenbau durch. GERHARD: Sie gaben ihre weiblichsten Instinkte preis, weil wir den Mann in uns nicht mehr gewollt haben. JULIUS: Sondern Bier. Wie alles in uns wie Biergläser in einander steckt, alle ökumenische Konzilien und Inquistitionen und Propaganden und der Teufel und seine Großmutter. Kaum rinnt das Bier durch meine Kehle, denke ich plötzlich, dass das überhaupt nicht ich bin, sondern das Frauenbildnis am Bierglas, das durch mich hindurchtrinkt. GERHARD: Wie Jesus gesagt hat, wer einer Frau tief in die Augen schaut, hat bereits Ehebruch mit ihr begangen. JULIUS: Das hat Goethe auch in den Wahlverwandtschaften gezeigt. Als Ottilie mit Neigung auf das Kind von Charlotte hinuntersah, erschrak sie nicht wenig an seinen offenen Augen: Denn sie glaubte, in ihre eigenen zu sehen. - Wenn du bei diesen Unterhaltungen einschläfst, wecke ich dich auf. GERHARD: Sprechen wir weiter. JULIUS: Dabei ziehen wir unterm Tisch unsere Schuhe aus und an. GERHARD: Sobald wir die Schuhe abgestreift haben, gießen uns die anderen Gäste Bier hinein, und schielen zu uns herüber, ob wir die Schuhe anziehen und uns dabei das Bier aus den Schuhen schwappt. JULIUS: Wir aber weinen, aber nicht vor Wut, sondern vor Glück, denn wir halten das Bier in unseren Schuhen für eine Aufmerksamkeit GERHARD: der Brauunion, JULIUS: der Brauökumene Heineken, GERHARD: ein ökumenischer Bierdienst. JULIUS: Bierdienst statt Gottesdienst GERHARD: als Beihilfe zur Konstruktion unserer Weiblichkeit. JULIUS: Dabei gleiten wir unter den Tisch. GERHARD: Dort bleiben wir dann in den kleinen Pfützen Biers und dem sonstigen Unrat, von dem der Boden bedeckt ist, liegen. JULIUS: Dort vergehen Stunden. GERHARD: Stunden gemeinsamer Weiblichkeit. JULIUS: Wir verirren uns so weit in die Fremde, wie vor uns noch kein Mann sich verirrte. GERHARD: Erschöpft von den Attacken normaler Empfindungen gehen wir zur höheren Erotologie über. JULIUS: Unsere Männlichkeit und unsere Weiblichkeit überbieten einander, sich gegenseitig scheußliche Dienste zu leisten. Mich reizt ein blitzartiger Übertritt. GERHARD: Eine Bewegung in solchen Minuten scheint unmenschlich stark und geschickt zu sein - und Schluss. JULIUS: Das Gegenteil geschieht. Mit einem Schlag zieht es mich in die völlige Einsamkeit - in eine weibliche Einsamkeit: einfach zehn Minuten im Garten herumspazieren. Dann wiederkommen - und schnell den Vorhang aufreißen. GERHARD: Ich fühle mich wie an einem Strand, JULIUS: wie in einem Hain, GERHARD: Heineken. JULIUS: Reicht dir das? GERHARD: Alles am Weiblichen hat eine Lösung: Sie heißt Schwangerschaft. JULIUS: Herr Ober, noch ein Gemeinsames. GERHARD: Mit Marille. JULIUS: Bier unser statt Vater unser. GERHARD: Heineken ist nicht unser Bier. JULIUS: Unser Bier ist nicht mein Bier. GERHARD: Dein Bier ist Heineken, JULIUS: ein Heineken Fuchs. GERHARD: Goehte kennt jeder, Heine kenn ich. JULIUS: Dichterpfütze, GERHARD: Konvertitenpisse, JULIUS: Tittenpisse. GERHARD: 2 Titten, 1 Bier. JULIUS: 4 Eier, 1 Marille. GERHARD: Dies gehört zu den Dingen, auf die ich nicht verzichten kann. JULIUS: Immer noch auf der Suche nach dem Uhrturm. GERHARD: Alle haben uns vom Grazer Uhrturm erzählt. JULIUS: Alle sagen: der Uhrturm, der Uhrturm. Aber obwohl wir jetzt schon tagelang in Graz sind, haben wir ihn kein einziges Mal gesehen. GERHARD: Und nicht, dass wir besonders betrunken wären. JULIUS: Wie viele Male schon haben wir im Rausch oder danach mit brummendem Schädel die Muhrbrücke überquert, aber den Uhrturm haben wir kein einziges Mal gesehen. GERHARD: Unser Gruß sollte sein: „Lass Dir Zeit“. JULIUS: Der Reim von „Rast“ mit „Hast“ ist ein Zufall. GERHARD: Aber ein glücklicher Zufall, und du kannst diesen glück­lichen Zufall entdecken. JULIUS: Einer zahlt dem andern ein Bier, der andere weiß nicht: soll er ihm auch eines zahlen, oder einen Dritten einladen, oder das Bier stehen lassen ... GERHARD: ... oder aufheben und in die Tasche stecken. JULIUS: Hier die Murinsel, siehst du sie? GERHARD: Hier die Bierflasche, mit deren Inhalt du dir die Haare massieren kannst. Und dort der Hosenscheißer, der auf dem Trottoir herumkratzt. JULIUS: Den sehe ich auch. GERHARD: Na also, dann beruhige dich. Alles geht seinen normalen Gang. Ich bringe dir noch ein Bier. JULIUS: Bier, birra, beer, bivo. GERHARD: Das Tier trinkt ein Bier, der Mensch trinkt vier. JULIUS: Niemand kann ein Bier für mich trinken, wie mir niemand als ich den Hut aufsetzen kann. GERHARD: Niemand als ich kann mir die Brille aufsetzen, wie niemand den Uhrturm für mich sehen kann. JULIUS: Ganz Graz ist voller Künstler, aber vom Uhrturm keine Spur. GERHARD: Es gibt mehr Künstler als Kneipen in Graz. Es gibt weltweit Millionen Künstler, die gegen den Hunger in der Welt auftreten, aber niemand macht etwas gegen den Durst JULIUS: in der Welt, GERHARD: den Weltdurst. JULIUS: Was der Kellner kann, das überlass dem Kellner. GERHARD: Wenn man getrunken hat, läuft die Zeit langsamer. JULIUS: Dann trinke schneller. GERHARD: Du bist gut. Und du hast wahrscheinlich noch recht. JULIUS: Es wäre Unsinn, aus unserer Suche nach dem Uhrturm eine Utopie zu machen. GERHARD: Ich kann Gesuchtes so deutlich vor mir sehen, dass es mir fast schon als gefunden erscheint. JULIUS: Dieses Schild schließlich, das auf den Weg um die Ecke verweist? GERHARD: Hinter der der Uhrturm sich verbirgt! JULIUS: Wir sollten den Uhrturm vielleicht buchstabieren, um ihn als Erfahrung lesen zu können. GERHARD: Dadurch ist der Turm nur noch Buchstabe. U wie Urtyp, H wie Heineken, R wie Reininghaus. JULIUS: T wie Tittenpisse, GERHARD: U wie Urinal, JULIUS: R wie Alexandra, GERHARD: M wie Murleiche. JULIUS: Im Sinn dieses Wortes, dem diese Buchstaben angehören, vergegenwärtigen wir uns den Uhrturm GERHARD: von dessen Plural noch die Rede sein wird. JULIUS: Die tiefe Versenkung in die Braukunst ist ein Zweikampf. GERHARD: Wie im Entsetzen schreit der Künstler in mir auf, bevor er vom Bier überwältigt niederstürzt. JULIUS: Brutale Diktatur. GERHARD: Die Periode normaler Ereignisse ist zu Ende. JULIUS: Was anfangs weite Kreise umfasst hat, beginnt zu einem Zentrum hinzustreben. GERHARD: Zum Uhrturm. JULIUS: Jedem stellt sich der Uhrturm anders dar. GERHARD: Abhängig natürlich auch von der Klasse, der einer angehört. JULIUS: Du begießt dir das Gehirn mit immer größeren Dosen von Alkohol. GERHARD: Die du mir mixt. JULIUS: Ein kräftiger Mix, Nationalgefühl z. B. GERHARD: Da drüben, der Uhrturm! JULIUS: Was redest du da für einen Unsinn. GERHARD: Vor meinen trunkenen Augen modelliert sich jeder Baumwipfel zu den phantastischen Formen des Grazer Uhrturms. JULIUS: Wir haben immerhin heute Kombinationen der rarsten Biere der Welt getrunken. GERHARD: Bier durchtränkt mein Gehirn schon wie einen Schwamm. JULIUS: Es gibt auch normale Biere, aber die würden wir nie trinken. GERHARD: Der Uhrturm! JULIUS: Nimm einen Mokka, das macht dich wieder nüchtern. GERHARD: Wir müssen den Uhrturm suchen. JULIUS: Wir begehen die Stadt konzent­risch. GERHARD: Ich verstehe. Zwischen uns kann es kein Missverständnis geben. JULIUS: Du bist ein politischer Künstler in einem metaphysischen Land. GERHARD: Aber vorher trinken, trinken! JULIUS: Bring Schnaps. Wir müssen die Dosis verstärken. GERHARD: Sonst finden wir den Uhrturm nie. JULIUS: Man muss nur immer trunken sein: das ist es. GERHARD: Ich hätte auch nichts dagegen, mit dem Saft der Gerste oder dem der Frau eingerieben zu werden. JULIUS: So trägst du dir immer wieder den Vorwurf des allzu Weibischen ein. GERHARD: He, was ist denn das? JULIUS: Was? Ich habe nichts gehört. GERHARD: Pscht! Pscht! Um Gottes Willen! Es ist die Polizei! JULIUS: Die Grazer Polizei! Die Grazer Polizei! Bei Gott, wir sind ruiniert! GERHARD: Pscht! Ich glaube, der verdammte Inspektor ist auf Pirsch. JULIUS: Wir sind verratzt. GERHARD: Vergrazt! JULIUS: Wir werden uns ganz einfach ruhig verhalten. GERHARD: Pscht! JULIUS: Ich glaube, der Inspektor weiß, wie ich heiße. GERHARD: Allerdings. Allerdings. JULIUS: Und wenn mich nicht alles täuscht, kennt er dich auch. GERHARD: Stimmt genau, Julius. JULIUS: Das war´s dann ja wohl, das war´s dann ja wohl. GERHARD: Ja, das war´s dann wohl. JULIUS: Da ist Hopfen und Malz verloren. GERHARD: Es sei denn, wir bieten dem Inspektor etwas zu trinken an. JULIUS: Und wir erzählen ihm, was für ein schweres Leben die Wiener Polizei in Ausübung ihrer Pflicht führt. GERHARD: Darüber soll die Grazer Polizei ruhig einmal nachdenken! JULIUS: Bestechung, Korruption und versuchte Beeinflussung von Polizeiangehörigen. GERHARD: Davor möge Gott den Inspektor beschützen. Da müssen wir dem Ordnungshüter ordentlich einschenken. JULIUS: Dem Garda Schikana, wie man ihn bei uns nennt. GERHARD: Pscht! JULIUS: Was ist? GERHARD: Es ist die Grazer Hitze. JULIUS: Um Gottes Willen, die Grazer Hitze, die Grazer Hitze! GERHARD: Pscht! JULIUS: Warum Pscht? GERHARD: Ich beginne nämlich auszutrocknen. JULIUS: Auszutrocknen? GERHARD: Jedes Bisschen von mir fängt an, auszutrocknen und zu verdorren. Das erste, was nicht mehr klappt, sind Zunge und Mund. Meine Zunge wird trocken und bekommt Risse. Und jetzt wird sie ... JULIUS: Pscht! Pscht! GERHARD: ... größer! JULIUS: Die Wege des Herren ... GERHARD: Sie schwillt an, ich ersticke fast. Mit dieser Zunge kann ich nicht mehr schlucken! JULIUS: Pscht! GERHARD: Warum Pscht? Es ist wie auf dem Grill - nur ohne Sauce. JULIUS: Ich könnte mir vorstellen, dass auch deine Augen in Mitleidenschaft gezogen werden. GERHARD: Pscht! JULIUS: Und die Augenbrauen versengt werden. GERHARD: Nein! JULIUS: Und dein Oberstübchen verdampft. GERHARD: Herr Ober! JULIUS: Das Hirn ist nämlich ein nasser Schwamm, und da können die eigenartigsten Sachen passieren. Die eigenartigsten Sachen. GERHARD: Wenn es sein muss, schwimme ich an der Acconci-Insel vorbei über die Mur bis hinauf zum Uhrturm. JULIUS: Wo ist die Demarkationslinie zwischen uns und dem Uhrturm? GERHARD: Vielleicht verläuft die Linie durch mich, Julius. JULIUS: Durch jeden von uns beiden kann sie gehen. GERHARD: Vielleicht verändert sie sich ja fortwährend? JULIUS: Wie der Standort des Uhrturms. GERHARD: Ich bin betrunken und fühle mich ihm weit überlegen. JULIUS: Ich sehe, dass Bier dir intellektuell viel hilft. GERHARD: Wer nur Wasser trinkt, hat etwas zu verbergen. JULIUS: Jedes Jahr sterben tausend ÖsterreicherInnen am Alkoholismus. Es sind nicht nur Künstler­Innen. GERHARD: Auch PolitikerInnen, die ausschließlich heimische Destillate aus Kelchen der österreichischen Firma Riedel genießen. JULIUS: Ist noch Bier in der Flasche? GERHARD: Wir müssen eine neue Flasche öffnen. Ein steirisches Heineken. JULIUS: Du bist mir ein rechter Österreicher. Welches Produkt österreichischer Braukunst hast du vorgesehen, wenn wir endlich auf der Aussichtsplattforn des Grazer Uhrturms stehen? GERHARD: Lass dich überraschen. JULIUS: Um wie viel Uhr gedenkst du, unsere Suche nach dem Uhrturm fortzusetzen? GERHARD: Gleich, die Sache ist nur die ... ist nur die, dass ... JULIUS: Was denn? GERHARD: dass unser österreichisches Bier auf unserer Suche schal werden könnte. Immer wieder muss ich daran denken, wenn ich auf der Aussichts­­plattform des Uhrturms stehe, würde eine schale Flasche Bier vollauf hinreichen, mich daran zu hindern, die Aussicht zu genießen. JULIUS: Von der Flasche ins Glas, vom Glas in den Mund. GERHARD: Vortreffliche österreichische Braukunst. Es wäre schade, einen Tropfen davon schal werden zu lassen. JULIUS: Wir tasten uns nun schon seit Tagen durch Graz, immer an den Häusern entlang, ohne den Uhrturm zu finden. Manchmal denke ich schon: Du lieber Himmel, er ist nicht mehr da. Dann wieder denke ich mir: Wenn er da ist, steht irgendwo geschrieben, dass wir ihn nicht wiederfinden sollen. GERHARD: In beiden Fällen müssten wir darauf verzichten. JULIUS: Von diesen beiden Versionen kannst du dir morgen oder übermorgen mit ausgenüchtertem Kopf diejenige aussuchen, die dir am besten behagt. - Nimm deine Flasche und gehe umher. GERHARD: Es macht dir wohl Spaß, das zu sagen? JULIUS: Apropos Spaß: Kennst du den? GERHARD: Nein. JULIUS: Was ist ein Uhrwurm? GERHARD: Ein Druck­fehler, sollte Uhrturm heißen. JULIUS: Sollte Ohrwurm heißen. GERHARD: Spiele nicht mit dem Namen des anderen! JULIUS: Ist das die Ansicht der Flasche oder die deine? GERHARD: Das ist die Ansicht der Flasche und die meine. JULIUS: Möglicherweise ist der Uhrturm einem Terroranschlag zum Opfer gefallen, GERHARD: oder er wurde von einem ausländischen Meteoriten getroffen JULIUS: und ist auf ein geparktes Auto gestürzt. GERHARD: Schrecklich. Zum Glück sind wir nicht mit dem Auto hier. JULIUS: Erschreckend ist aber auch die Tatsache, dass schon einige Betrunkene vom Uhrturm gefallen sind, GERHARD: Nein! JULIUS: und dann tragisch in der Mur ertrunken sind, GERHARD: im Murwasser! JULIUS: Andere verloren das Bewusstsein und erstickten am eigenen Erbrochenen. GERHARD: Heute morgen konnte ich beobachten, wie du dir mit Whisky das Zahnfleisch massiertest. JULIUS: Und du versuchtest, dir dein Glas aus dem Telefonhörer voll zu gießen. GERHARD: Und du hängtest deine Hosen aus dem Fens­ter, ohne dass dort ein Haken gewesen wäre. JULIUS: Ich sah nur die brünetten Haarschöpfe von obdachlosen Melancholikerinnen. GERHARD: Ich wäre bereit, eine ganze Ewigkeit zu geben, wenn man mir vorher den Grazer Uhrturm zeigen würde. JULIUS: Ich atme so, dass sich beim Gehen die Beine in den Knien nicht verheddern. GERHARD: Selbst wenn wir nach links gehen, kommen wir zum Uhrturm, und wenn gerade aus, dann kommen wir auch zum Uhrturm, und wenn nach rechts, dann auch zum Uhrturm. JULIUS: Darum gehen wir nach rechts, um ganz gewiss hinzukommen. GERHARD: Na siehst du, ich habe doch gewusst, was ich sage. Wenn wir nach rechts gehen, kommen wir ganz gewiss zum Uhrturm. JULIUS: Ich hebe die Augen zu ihm empor. Über allen Türmen ist Ruh. GERHARD: Menschen hasten vorbei. JULIUS: Es sind Grazer, sie schauen finster drein und überlegen wahrscheinlich: Sollen wir ihnen den Uhrturm zeigen, so wie er da steht, der Welt zur Mahnung, oder lieber nicht? GERHARD: Was gehen uns diese Grazer an? JULIUS: Was geht uns Graz an? GERHARD: Was gehen uns diese Leute an, die so finster dreinschauen können. JULIUS: Wahrscheinlich überlegen sie: Sollen wir sie in Stein meißeln, den alten Völkern zur Mahnung, oder lieber nicht? GERHARD: Setzen wir unseren Weg fort. Ich möchte nämlich noch zwei Sandwiches kaufen, um nicht kotzen zu müssen. JULIUS: Wird dir wieder schlecht? GERHARD: Aber nicht doch. Schlecht wird mir auf keinen Fall, es könnte nur sein, dass ich kotzen muss. JULIUS: Vom ausländischen Bier muss man kotzen, vom inländischen wird einem schlecht. GERHARD: Siehst du, wie die vier Grazerinnen uns schon die längste Zeit nachschauen und heimlich tuscheln. JULIUS: Merkwürdig finde ich das und etwas beunruhigend. GERHARD: Vielleicht sollten wir sie nach dem Uhrturm fragen. JULIUS: Sie durchlöchern uns mit ihren finsteren Blicken. GERHARD: Wo ist der Uhrturm? JULIUS: Vielleicht ist das der Uhrturm? GERHARD: Nein, das ist nicht der Uhrturm, das sind zwei Uhrtürmer! JULIUS: Weine nicht, weine nicht. Noch eine Woche Graz und wir fühlen uns heimisch hier. GERHARD: Wenn dir plötzlich dieser Stadt etwas sagt, so brauchst du dir´s nicht erklären zu können. Es ist dir plötzlich auch diese Stadt zugänglich. JULIUS: Dieses Bier ist gut. GERHARD: Sagen: Dieses Bier ist gut, heißt ebenso viel, als unser Gemeinsames JULIUS: mit Marille GERHARD: auf jedermanns Wohlgefallen ihm nur nachsagen. Durch die Annehmlichkeit seines Geruchs hat es gar keine Ansprüche. Den einen ergötzt dieser Geruch. JULIUS: Den anderen benimmt er den Kopf. GERHARD: Nur in Gesellschaft kommt es dem Bierbrauer an, nicht bloß Brauer, sondern auch nach seiner Art Anhänger einer ökumenischen Biergemeinschaft zu sein. JULIUS: Heineken, im Auftrag der Zivilisation. GERHARD: Wie beschwerlich ist es, an Orte zu reisen, wo die Leute nicht gelernt haben zu brauen. Das englische Ale ist sehr stark, das holländische gibt mehr Schaum, fahlunisches Bier in Schweden ist das Beste, ausländisches Bier aus Österreich hingegen ist oft schädlich, stopft stark, macht Wassersucht und verkürzt sicherlich die Lebenszeit. JULIUS: Wer frisches Bier, das noch nicht gegoren hat, trinkt, wird bemerken, dass es ihm nicht lange danach sauer aufstößt. GERHARD: Sehr bitteres Bier dämpft die Liebeslust, trocknet den Körper aus, macht einen mager und bereitet einem Wasser- und Windsucht. JULIUS: Wie jedermann weiß, macht man Bier aus Wasser, Malz, Hopfen und einem gärenden Wesen. GERHARD: Mit dir würde ich gern eine Bierreise unternehmen. JULIUS: Aber dazu ist es jetzt zu spät. GERHARD: Wozu eine Bierreise, wenn wir hier in Österreich nur noch ausländisches Bier genießen dürfen. JULIUS: Heineken sei Dank. GERHARD: Bier heil. JULIUS: Drei Liter! GERHARD: Sechs Halbe. JULIUS: Ein moderner Österreicher wird in einem interkonfessionellen Bierzelt, bei einer ökumenischen Biermesse, zur Welt gekommen sein.