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michael pand | inzucht

Vom Nutzen und Nachteil der Inzucht im österreichischen Kulturbetrieb

Inzucht ist Fortpflanzung unter nahen verwandten Lebewesen. Sie beschleunigt die Homozygotie, das Herauszüchten bestimmter Eigenschaften und hat in der Tier- und Pflanzenwelt von jeher „eine große Rolle gespielt“. Andererseits werden im real existierenden österreichischen Kulturbetrieb (ORF, Parlament, Kronen Zeitung) allgemein: im STANDARD generierender und gestikulierender Zeichensprachen auffällig oft die großen Rollen von Erben prominenter Menschen gespielt.
In einer Studie der Universität Siegen, Thema: „Kinder von Werksangehörigen als Nachwuchs im Betrieb“, erschienen im Zentralblatt für Arbeitswissenschaft (Band 15, Seite 185-187) kommt Gerhard Merk zu folgendem Ergebnis:

Grundsätzlich sind Jugendliche von Werksangehörigen als Lehrlinge oder Anlernlinge beim Eintritt in den Betrieb zu bevorzugen, soweit sie an schulischer Grundbildung, charakterlicher Ausprägung und Berufseignung anderen Bewerbern zumindest gleich sind. Erfüllen sie diese Bedingung nicht, so ist im Interesse des Unternehmens und seiner Belegschaft der Heranwachsende aus Werksfamilien als Berufsanfänger abzuweisen.

Als Argumente für die Bevorzugung werden bessere Anpassung, erzieherische Vorteile („weniger Meckerer“) und soziale Beweggründe geltend gemacht.

Jugendliche, deren Vater oder Mutter bereits Belegschaftsmitglied ist, passen sich dem Betriebsablauf nach häufigen Beobachtungen viel leichter an als Kinder anderer Eltern. Ebenso fügen sie sich reibungsloser in die betriebliche Sozialstruktur ein. Das ist zu einem Teil nur der geschilderten „Erziehung auf das Werk hin“ zuzurechnen. Ein weiterer Umstand tritt noch hinzu. Die Väter vererben sehr oft ihre spezifische Geschicklichkeit auf die Nachkommen. So haben (unveröffentlichte) Untersuchungen eines Großbetriebs der verarbeitenden Industrie im Ruhrgebiet eindeutig gezeigt, dass Söhne von Facharbeitern im Maschinenbau ein bedeutend größeres Maß an Eignung für die metallbearbeitenden Berufe mitbringen als etwa Kinder von Bergleuten. Auch scheinen sich nach anderen Beobachtungen in besonderer Weise die Fähigkeiten des Buchhalters auf die Söhne zu übertragen.

Umgekehrt warnen Populationsgenetiker schon seit längerem vor den Gefahren einer Zucht mit hohem Verwandtschaftsgrad, diese Studien beziehen sich allerdings nur auf die deutsche Hundezucht. Dass in demokratisch konstituierten Gesellschaften manche, die trotz ausreichender Qualifikation bei der Besetzung von gut bezahlten Positionen im Kulturbetrieb übergangen werden, namentlich dann, wenn sie lange arbeitslos bleiben und erfahren müssen, dass ein mit hohem Verwandtschaftsgrad ausgestatteter Mitbewerber den Zuschlag erhalten hat, mit entsprechendem Ressentiment reagieren, versteht sich von selbst und soll das geringste Argument gegen die bestehende, bewährte Praxis sein.

Meist wird von den Übergangenen einfach übersehen, dass die Kunst- und Kulturwelt nur nach eigenen, system­immanenten Gesetzen operieren und funktionieren kann, die mit den populären und horizontalen Auffassungen von Demokratie und Chancengleichheit schon deshalb nicht auf eine Ebene gestellt werden möchte, weil es in der Kunst um wesentlich höhere, in jedem Falle aber transzendente  Werte geht. Bereits 1436  im Traktat Della Pittura von Leon Battista Alberti findet sich der Hinweis: „Die Künstler stützen sich auf ‘eigene’ Vernunft und ‘eigenen’ Weltzugang. Sie beanspruchen auch einen über das Handwerk hinausgehenden Sozialstatus.“ Leider hat dieser Gedanke noch selten Eingang im gesellschaftlichen Leben gefunden. In anthropologischer Hinsicht, wir denken  an das indische Kastensystem, wurden 3.000 Jahre lang erfolgreich alle Berufe, besonders aber der Bereich, den wir in der Moderne den künstlerischen oder Kulturbetrieb nennen, Brahmanen, Musiker, Tänzer, Kaufleute etc. von Generation zu Generation weitervererbt. Wer möchte bestreiten, dass Ravi Shankar, Ali Akbar Khan, beide aus Musikerdynastien entstammend, meisterhaft ihren Kulturkreis repräsentieren? Aus der Evidenz des bis auf den  heutigen Tag bestehenden indischen Kastenwesens ist es nur ein kleiner Gedankensprung zum  so genannten Casting (dt. auch Ab-, Auswerfen), vormals Vorsprechen, Vorstellen und Bewerben genannt, das  bei Film- und TV-Produktionen ebenso wie bei Stellenausschreibungen des ORF veranstaltet wird.

Die Schattenseiten, der Preis für heftige Linien- und Inzucht sind jedoch Verhaltensstörungen (Paulus Manker), Depressionen (Antonia Reininghaus) oder Hyperaktivität (Xandi Muliar) seitens der Betroffenen. Eine israelische Untersuchung hat ergeben, dass die Vitalität einer Rasse (dieser Begriff bezieht sich explizit nicht nur auf Hunde!) extrem davon abhängt wie viele unterschiedliche genetische Merkmale in ihr vorhanden sind. Offenbar benötigt ein Organismus möglichst viele, unterschiedliche Geninformationen für seine Reaktion auf Umwelteinflüsse. (Hundewelt,  4/1994 ).

Wenn, in monarchistischer Tradition, eine familiäre Rangordnung, ein Nomen est Omen-Konzept, auch nach außen am Binnenmarkt des Kulturbetriebes vermittelt werden kann, hat das fertige Produkt eine ungleich bessere Chance, dass es seinen säkularen Warencharakter überwindet und volkstümlich-metaphysisch erscheint. Mit passenden Namen, die als Logotype einem medialen Event vorangestellt werden, kann der günstige Fall eintreten, dass einerseits Publikumserwartungen erfüllt, gleichzeitig aber die katholische Tradition befolgt und umgeschriebene, visuell-karmische Gesetze erfüllt werden.

Beim gegenwärtigen Stand der Dis­kussion über Vor- und Nachteile von Vetternwirtschaft oder Inzucht in der modernen Mediengesellschaft stehen wir somit vor einer interessanten, paradoxen Kreuzung: Während im herkömmlichen Bereich der Tierzucht (Natur), die immer schon auf schnelle Zuchtergebnisse spekulierte, ein Trend gegen zu starke Inzucht erkennbar ist, läuft es im öffentlichen Kulturbetrieb genau umgekehrt, nämlich in Richtung zur verstärkten Familienzusammenführung.
Niklas Luhmann hat in Die Kunst der Gesellschaft auch über das Verhältnis von Kunst und Natur nachgedacht: „Als Natur im alteuropäischen Sinne zählt, was von selbst entsteht und vergeht; als téchne oder ars zählt dagegen das, was um irgendwelcher Zwecke Willen gemacht ist. Offenbar sucht die Kunst ein anderes, nichtnormales, irritierendes Verhältnis von Wahrnehmung und Kommunikation, 'und allein das wird konsumiert'“.

Nun liegt es auf der Hand, dass man über einen bekannten, prominenten Namen ergiebiger kommunizieren kann als über einen No-Name. Wer solches begriffen hat, für den sind die einfachen platonisch-mathematischen Gesetze von Addition oder Multiplikation keine Hexerei: Zwei Prominente sind besser als einer usw. Ähnliches wird sich die ZIB-Redaktion im ORF gesagt haben, als man den sympathischen Stefan Gehrer, Sohn und Stammhalter der Unterrichtsministerin, zum Nachrichtensprecher und Moderator wählte. Das Publikum bekäme ein delikates Surplus wenn er seine Frau Mama zur Akademikerarbeitslosigkeit interviewen würde. Leider wird sein Dienst immer nur dann angesetzt, wenn ohnedies feststeht, dass sie nicht im Studio erscheint.

Im Modus einer bequemen Zuschauerrolle nationaler und globaler Possen mit ungewissem Ausgang sind verwandtschaftlich geladene Namen zumindest unterhaltend. In Washington, in Nordkorea und im Kronen Zeitungs-Empire finden wir kulturgenetisch denselben Typus „Sohn der Sonne“, jeder auf seine Art und Weise bemüht und verpflichtet, das Vermächtnis und Erbe des Vaters zu vollenden.