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kodak

harald ditlbacher | kodak

(Romanauszug)

Der Vater war eigentlich ganz angenehm. Er sagte nicht viel, er war nicht hysterisch, er war nicht übermäßig besorgt. Er verhielt sich ruhig und angemessen.
Dr. Saluzzi hatte ihm gegenüber die Hoden nur am Rande erwähnt: Dr. Gertsen solle eine Kontrolluntersuchung durchführen, reine Routine, es gäbe keinerlei Verdachtsmomente in irgendeine Richtung, keinen Grund zu Beunruhigung, das entspräche absolut der üblichen Vorgangsweise.
Auch der Kreislaufzusammenbruch: Kein Grund zur Beunruhigung, so etwas komme in der Adoleszenz manchmal vor. Sollte sich Derartiges nicht wiederholen, dann sei eine genauere Untersuchung nicht angezeigt. Andererseits solle man diese Sache auch nicht unterschätzen und nicht aus den Augen verlieren. Max müsse sich in den nächsten Tagen unbedingt schonen. Bettruhe sei nur dann notwendig, wenn Max sich schwach fühle oder Übelkeit und Schwindelgefühle überhand nähmen. Ansonsten könne er sich ohne weiteres frei bewegen, er müsse jedoch jegliche Anstrengung - körperliche wie geistige - sowie schweres Essen oder Alkohol meiden. Er solle seinem Organismus einfach die Gelegenheit geben, sich in Ruhe zu stabilisieren.
Kodak saß im Auto, der Vater hinter dem Steuer. Es war finster. Keiner sagte etwas. Kein Wort von dem Brief. Das war ein gewisser Trost.
Alles war so kompliziert. Er wusste nicht, woran er bei Dr. Saluzzi war, weshalb der sich so eigenartig gebärdete, und generell hatte er das Gefühl, Max Knurs Heimat sei ein Gebilde von geheimnisvollen, für ihn völlig undurchschaubaren Verbindungen. Er hatte kaum etwas gesehen von dieser Heimat, aber seine Phantasie trieb wilde Blüten. Um nicht völlig handlungsunfähig zu sein, entschied er sich dafür, die Dinge so zu nehmen, wie sie sich ihm zeigten. Er hatte das Gefühl, dass ihn der Vater verstand, dass er zumindest verstand, dass er jetzt seine Ruhe haben wollte. Ihm schien, dass der Vater sehr wohl merkte, dass bei ihm etwas nicht in Ordnung war, und er wollte ihm helfen. Helfen, indem er nicht nachfragte, sich das Durcheinander nicht erklären ließ, sondern bloß ruhig war und Sympathie verströmte. Als sie von der Hauptstraße abzweigten, machte sich Kodak darauf gefasst, dass sie nun bald das Haus der Eltern erreichen würden. Sie fuhren durch eine Unterführung, Kodak atmete einmal tief durch, dann zweigten sie auf eine noch schmälere Straße ab, die sich am Fuße eines Hügels entlang schängelte. Dann bog der Vater in eine Hauseinfahrt ein und sie waren da.
Das Haus war ungewöhnlich, das sah er auf den ersten Blick. Es war zumindest ungewöhnlich groß. Es war alt, und es war dunkel gestrichen. Dunkelgrün. Besonders seine Größe beunruhigte Kodak. Sollte dieses Haus den Eltern Max Knurs gehören, dann wären sie sehr reich. Und mit einem Schlag fühlte sich Kodak wie ein Verbrecher. Wie ein Hochstapler. Bislang war er immer der Meinung, er habe nichts wirklich Verbotenes getan, er habe wenigstens keine böse Absicht verfolgt, aber mit reichen Eltern sah es plötzlich anders aus. Sollte die Sache auffliegen, dann würde man ihm zuerst finanzielle Motive unterstellen. Da würde dann alles Leugnen nicht helfen.
Das Vorzimmer war winzig klein und lag etwas tiefer als der Eingang, ein steinernes Gewölbe bildete seine Decke. Es gab keine Fenster, nur eine Tür in jeder der vier Wände. Es war so eng in diesem Raum, dass sich der Vater und Kodak nicht gleichzeitig bücken konnten, um ihre Schuhe auszuziehen. Der Vater ließ Kodak den Vortritt. Der nächste Raum glich dem ersten und war völlig leer. Der dritte Raum war um einiges größer, in der Mitte stand jedoch eine dicke Säule, die das Gewölbe abstützte und den Raum für viele Zwecke unbrauchbar Gemachte. Links stand eine Kühltruhe, rechts eine alte Bauernkredenz. Kodak hatte den Eindruck, er sei in einem Keller. Über drei Stufen nach oben kamen sie auf einen langen, sehr großzügig dimensionierten Quergang. Sie gingen ihn ein Stück nach rechts entlang und traten dann auf seiner linken Seite durch eine hohe Flügeltür in einen weitläufigen Salon mit stuckverzierter Decke. Der Raum war nur gedämpft beleuchtet. Zuerst konnte Kodak nur wenig erkennen. Er sah einige alte Holzmöbel herumstehen und große Ölbilder an den Wänden hängen, die so dunkel waren, dass er nichts als Schwarz sehen konnte. Ganz hinten in der Ecke stand eine Wohnlandschaft. Eine Frau saß im Sofa und als er sich näherte, stand sie auf, kam ihm aber nicht entgegen. Sie war klein und ließ die Schultern hängen. Es war zweifellos die Mutter. Kodak stand vor ihr, sie sah ihm in die Augen, aber sie bewegte sich nicht. Kodak wusste nicht, wie er sie begrüßen, ob er sie küssen sollte, doch da ihn der Vater am Bahnhof geküsst hatte, meinte er, sie küssen zu müssen. Er nahm sie an den Schultern und berührte mit seinen Lippen ihre Wangen. Sie ließ es geschehen, aber sie reagierte nicht. Dann begann sie zu weinen und ließ sich langsam ins Sofa fallen. Oh Gott, dachte Kodak, das kann ja heiter werden. Kodak konnte die Situation nicht einschätzen. Was erwartete sie? War sie beleidigt, oder machte sie sich Sorgen? Sollte er etwas sagen? Sollte er sich setzen? Er setzte sich neben sie. Die Wohnlandschaft war mit braunem Kordsamt bezogen, der teilweise schon sehr speckig war und da und dort sogar Löcher hatte. Auch der Teppich war nicht schön. In dieser Ecke wirkte alles billig.
"Kommt es von den Hoden?", war das erste, was sie sagte. Glücklicherweise übernahm der Vater das Wort und fasste zusammen, was Dr. Saluzzi gesagt hatte: Nein, es kam nicht von den Hoden. Mit schmerzlichem Gegesicht und feuchten Augen sah die Mutter Kodak lange Zeit an, bis der Vater nachdrücklich, fast zornig sagte: ,"Sieglinde, es kommt nicht von den Hoden!" Scheinbar konnte der Vater von ihrem Gesicht ablesen, dass sie weiterhin glaubte, "es komme von den Hoden". Daraufhin entstand ein Streit zwischen den Eltern, in dem der Vater meinte, dass die Mutter mit ihrem Pessimismus das Unglück beschwöre und richtiggehend anziehe, während die Mutter so tat, als sei sie die einzige Leidtragende, und dem Vater vorhielt, dass er alles zu leicht nähme und der Wirklichkeit nicht in die Augen sehen wolle. Zwischendurch ersuchte der Vater Kodak, für die Mutter eine Tasse Kamillentee aufzubrühen. Das war ein brauchbarer Vorschlag. So konnte er immerhin für einige Zeit die Szene verlassen.
Die Küche war nicht leicht zu finden, sie lag hinter einer unscheinbaren Tür im alten Teil des Hauses. Die Ausstattung war eine Mischung aus museumsreifen Stücken und Plastikteilen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Sie war nicht schön, aber gemütlich. Sie wirkte lebendig. Während er das Wasser erhitzte, versuchte er zusammenzufassen: Offensichtlich wurde Max Knur ein Hoden entfernt, vermutlich hatte er Hodenkrebs oder irgendetwas Gefährliches gehabt. Wahrscheinlich war das schon einige Zeit her, denn scheinbar war er nicht mehr in Behandlung. Aber was bedeutete die Reaktion der Mutter? Sie hätte doch allen Grund, Mitleid für ihn zu zeigen, sich um ihn zu sorgen, ihn zu trösten. Stattdessen hatte es den Anschein, dass sie selbst Mitleid und Aufmerksamkeit beanspruchen durfte. Kodak hatte das Gefühl, dass die Mutter ihm die Schuld für ihr Leid zuschrieb. Aber sie konnte doch nicht beleidigt auf ihren Sohn sein, weil der krank war. Das war doch sehr unwahrscheinlich. Oder, so überlegte er, vielleicht hatte ihre Stimmung mit dem Brief aus Polen zu tun, vielleicht war die Szene im Wohnzimmer bloß die Fortsetzung von jener am Telefon. Doch war es möglich, dass seine Ohnmacht keinen Eindruck auf sie gemachte hatte? Oder war diese Frau immer so verletzt und verbittert, so egozentrisch?
Als Kodak den Kamillentee in den Salon brachte, hatte sich die Stimmung völlig verändert: Die Mutter lächelte ihn an, sie dankte ihm für den Tee, lud ihn ein, neben ihr Platz zu nehmen und sie erkundigte sich nach seinem Befinden. Sie tröstete ihn damit, dass sie in seinem Alter auch zwei Mal einen Kreislaufzusammenbruch hatte. ,"Das hast du von mir", meinte sie. Sie nahm seine Hand und versprach ihm, dass alles wieder gut werden würde, nun sei er ja da, nun könne sie ihn gesund pflegen. Sie werde ihm jetzt ein schönes, entspannendes Bad einlassen. Noch während Kodak überlegte, ob ihm jetzt ein Bad wohl bekommen würde, wendete der Vater ein, dass dies sicher keine gute Idee sei bei seinem wackeligen Kreislauf. Sofort war die Mutter wieder eingeschnappt. Der Vater schlug vor, dass Kodak zu Bett gehen solle, und das hielt er selbst auch für eine gute Idee.