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liebe, tod und teufel

Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern von Zoran Feric präsentiert die kroatische Urlaubsinsel Rab einmal ganz anders


Zoran Feric: Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern. Aus dem Kroatischen von Klaus D. Olof.

Wien - Bozen: Folio Verlag; 2000

Rezensiert von: hermann götz


Mit einem Begräbnis startet Zoran Ferics Roman, mit einer transsexuellen Leiche nimmt die Handlung ihren Lauf. Ein Kriminalfall auf einer bekannten kroatischen Insel, ein Hauch Grusel und die zumeist kaum jugendfreien Jugenderinnerungen des Protagonisten bilden die Zutaten. Höchst morbid das alles – und der Erzähler ist zu allem Überfluss Pathologe. Pointiert und mit viel schwarzem Humor serviert er eine ebenso liebenswerte wie böse, ebenso amüsante wie spannende Geschichte. Eher zufällig ist dem Rezensenten das Kunststück geglückt, beim Blick über den Tellerrand der deutschsprachigen Literatur auch gleich eine Art literarische Urlaubsnachlese zu erleben.

Zoran Feric gehört der jüngeren kroatischen Schriftstellergeneration an, deren Schreiben weder durch die sozialistische Doktrin des alten Jugoslawien geprägt ist noch durch den (auch literarisch) manifesten Nationalismus der Tudjman-Ära. Sein Buch Engel im Abseits, eine Sammlung von neuen Erzählungen, zählt zum Bekanntesten, was in den letzten Jahren in Kroatien erschienen ist. Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern ist in der Zeit des Jugoslawien-Krieges angesiedelt, erzählt aber nicht - oder nur zwischen den Zeilen – von diesem. Zeit und Ort sind so gewählt, dass die Abwesenheit von Touristen (es ist nicht nur Krieg, auch die Saison ist vorbei) die provinzielle, frivol-morbide Stimmung fördert, die den Roman durchgehend prägt. Feric schildert das Leben und die Menschen der Insel Rab als ein Panoptikum an Skurrilitäten und mörderischer Absonderlichkeiten: Das Irrenhaus ist nicht weit, jeder Zweite will in die Frührente und markiert zu diesem Zweck den Idioten, wobei sich jene, die weder irr sind noch alkoholkrank, womöglich als wirklich gefährlich erweisen. Der Blick des heimkehrenden Erzählers auf die tratschsüchtigen, trinkfesten und fußballvernarrten Inselbewohner ist dabei ein fast schwärmerischer. Feric präsentiert eine Karikatur seiner Heimat, die mörderische Abartigkeiten als Schrulle vorführt, oder alltägliche Schrullen als mörderische Abartigkeit erkennbar macht – und doch stellt er dem Lesen- den einen Haufen von Sympathieträgern vor.

Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern ist ein Puzzle an Eindrücken, die der Erzähler detektivisch phantasievoll zusammensetzt, bis sie ihm wieder auseinanderfallen, um neu kombiniert zu werden. Die wirren, vom Tod geprägten Geschehnisse auf der Insel evozieren immer neue Erinnerungen an die an diesem Ort verlebte Adoleszenz. Erinnerungen, die vor allem von Sexualität dominiert sind und starken Einfluss auf die Gedankenwelt des Erzählers auszuüben scheinen. Zwischen Onanie und Fußball wird die unheimliche Heimkehr des Ich-Erzählers zum Horrortrip im Schatten turbulenter Zeitgeschichte. Der nahe Krieg und scheinbar ferne Kriegsverbrechen bleiben eine Randerscheinung der Story, bilden aber einen klaren historischen Rahmen, der bis zum Zweiten Weltkrieg zurückreicht und dem dubiosen Grauen, mit dem der Roman durchwirkt ist, einen Hintergrund verleihen.