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midlife crisis

martin ross | midlife crisis

Im Hotel. Spät abends am Gang. Niemand ist zu sehen. Die Lampen und die Notausgangslichter leuchten, am Boden liegt ein roter staubiger Teppichläufer. An den Wänden hängen Reproduktionen von Landschaften: Wälder, Seen, Wiesen. Plötzlich hört man jemanden eine Stiege heraufeilen. Es ist CONNY, die sich sehr beeilt, in ihr Zimmer zu kommen. CONNY, Mitte Zwanzig, trägt eine Art blauweiße Schuluniform und hat langes blondes Haar, das mit einer blauen Schleife zusammengebunden ist. Hektisch versucht sie, ihre Zimmertür aufzusperren. Während man von der Stiege her eine männliche Stimme und Schritte hört, geht die Tür auf, CONNY tritt erleichtert ins Zimmer und sperrt zweimal zu. Es erscheint KONNY, Mitte Vierzig, ein mittelgroßer Mann mit leichten Anmutungen eines Wohlstandsbauches, dunklen gefönten Haaren und einer Nickelbrille. Er ist unrasiert und ganz in Weiß gekleidet: Hemd, Anzug, Socken, Schuhe. In der Hand hält er eine graue Mappe und seinen Zimmerschlüssel.

KONNY (sieht sich vorsichtig um und nähert sich der Tür): Conny?

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY (mutiger geworden): Conny! - Komm schon!

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY: Muss der Abend denn so enden? (Er klopft an.)

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY (drängender): Geh kumm, wir haben uns unten doch so gut verstanden. Jetzt sei net so und sperr auf.

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY (überlegen grinsend): Komm, zier dich nicht, machma uns eine schöne Nacht, ha?

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY (für sich): Scheiß Weiber. Erst tuns da umadumpupillieren und dann sperrn sie sich ein.

(Er beginnt scharf zu überlegen und drückt währenddessen versonnen an seinem Hosenstall herum.)

(Pause.)

KONNY (sichtlich aufgekratzt): Conny, hab ich vielleicht nicht gut vorgelesen? Oder haben dir die Gedichte nicht gefallen? - "Komm, Mädchen, lass Dich stopfen / Das ist für Dich gesund ..." (Er drückt herum.)

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY (verzweifelt herumdrückend): Geh, lass mich rein, verdammt nochamal! Ich sag dir auch schönere Gedichte auf, ja? Benn zum Beispiel. Benn ist eh besser. Weißt eh, der Größenunterschied ... (Er grinst schmutzig.)

(Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

KONNY (drückt herum.)

KONNY (für sich): Des hats jetzt eh net kapiert, deppert, wie die Weiber sind. (Laut:) Herrschaftzeitennochamal, lass mi einekumman!!

(Er geht auf die Knie, wirft Mappe und Schlüssel auf den Boden und beginnt, mit beiden Fäusten auf die Türe zu hämmern.)

KONNY: Einelossn! Einelossn!! Einelossn!!! (Hinter der Türe ist nichts zu hören.)

(KONNY kniet vornüber gebeugt und heult wie ein räudiger Hund.)

(Pause.)

(KONNY kniet vornüber gebeugt und heult lauter.)

(Pause.)

KONNY (keucht vor lauter Heulen und schaut auf die Uhr): Scheiße, schon so spät. (Keucht:) Morgen früh ... (keucht) ... mein Vortrag ... Mannsein als philosophische Frage ... (keucht) ... viele Leut ... (keucht) ... und nix geht heut ... (Er rollt sich erschöpft seitwärts auf den Teppich, wo er ausgestreckt liegen bleibt.)

(Pause.)

(KONNY setzt sich auf, greift sich die Mappe und holt ein Manuskript heraus. Nach kurzem stillem Lesen fängt er an vorzutragen.)

KONNY: "... dass es sozialisationsbedingt unterschiedliche Auffassungsweisen von Philosophie gibt, lassen sich weder Forschungskompetenz noch Förderungsansprüche ..." - ach scheiße, was solls. Ist halt wieder nichts gangen.

(Er steht auf.)

KONNY (stolz für sich): Wer nicht einmal vor der Türe einer Frau um Einlass geflennt hat, darf nicht von sich behaupten, als Mann sozialisiert zu sein.

(Er putzt ein wenig seinen schmutzig gewordenen Anzug. Er blickt um sich, nimmt Mappe und Schlüssel und spuckt vor CONNYS Zimmertür aus. Ab.)

(Pause.)

(Vorhang.)