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pferde, affen, lächeln

clemens berger | pferde, affen, lächeln

Anmerkungen zu Dressur und Tausch im Neoliberalismus

1. Das gestirnte Pferd und der manische Karren

Um die zeitgenössische Kulturindustrie der Postmoderne, und um es ernster zu sagen: den zeitgenössischen Kapitalismus überhaupt besser zu verstehen, lohnt es sich, über ein Produkt jener Industrie nachzudenken, die durch uns in uns am Werke ist.

Starmania, als die manisch-depressive Suche der Musikindustrie nach einem Zugpferd, das den Karren mit dem Sumpf aus dem Sumpf zu ziehen vermag, war ja ein vorzügliches Beispiel für die Demokratie, die von der neoliberalen Ausformung der Globalisierung gemeint ist. Denn darauf kommt es an: Den eigenen Auftritt so zu gestalten, dass möglichst viele motiviert werden, ihn mit ihrer Stimme, und das ist immer ihre Zustimmung, zu honorieren, während andere ihr Geschäft machen. Das Honorierte heißt dann Authentizität. Sie darf für kurze Zeit einen Platz ausfüllen, der schon da ist, aber immer wieder erzeugt werden muss. Diese Authentizität als Beweis der Individualität wird von bereitstehenden Schubladen ausstaffiert. Vom liebenswürdigen naiven Dummkopf bis zur Rebellin, vom bodenständigen Holladriokerl zur verführerisch Schönen stehen zahllose Schubladen bereit, um einen Kern, der Identität heißt, kommunizierbar zu machen. Einzig im Unterlaufen dieser Schubladen könnte sich ein Eigenes als Eigenes verstehen. Um Stimmen zu maximieren, muss allgemein und glatt bleiben, wer mehrheitsfähig sein will. Das nennt sich Natürlichkeit. Sie schmiegt sich den potentiellen KundInnen an, die jene Figur von dazumal, die WählerInnen, ersetzt. Ein Produkt soll erzeugt werden. Vorher muss freilich der Markt befragt werden. Die KandidatInnen sind dessen Lotinstrumente. Denn wirklich erzeugt wird erst, wenn die Wünsche des kontinuierlich bearbeiteten Marktes feststehen.

Allfällige Ähnlichkeiten mit dem politischen Wettbewerb sind nicht zufällig: sie ergeben sich zwangsläufig. Alle sind lieb, die es zu etwas bringen wollen, alle sind nett. Und vor allem eines ist gefragt: zu den MitbewerberInnen fair zu sein. Das ist die postmoderne Ethikette, die bisweilen öffentlich heruntergekratzt wird. Wo ansonsten der Platz für eine/n Böse/n offensteht, blieb er diesmal leer. Gerade das, was vielleicht einmal zum Stern machte, Nonkonformismus, wurde hier ausgespart. Was glitzerte, waren Kleider, die zumindest die Schwelle der Peinlichkeit weit hinter sich ließen. Vielleicht zeugt das auch vom Konservatismus der Kids, die, zwar nicht alleine, aber hauptsächlich, nicht nur wählten, sondern voteten. Das Voten hat mit Abwägen von Argumenten nichts gemein. Es ist eine Kampfabstimmung über Sympathie. Wofür zu voten ist, steht vorab fest, weil dafür ständig geworben wird: Fairness; Liebenswürdigkeit; mit Anstand verlieren; die Normalität des Normalen, will heißen: nicht ungut auffallen; ein kleiner Scherz bisweilen aus dem arg gebeutelten Ärmel; sowie ein Auftritt, der möglichst viele Segmente der Gesellschaft per Du anspricht. Das ist das Signum der von Foucault und Deleuze beschriebenen „Kontrollgesellschaft“: In einem präformierten Raum kontrollieren wir uns über unsere moralischen Anforderungszuschreibungen selbst. Die beste Eigenschaft ist auch hier: keine. Flexibel: Jedes Lied singen können, auch wenn man es hasst. Fair: Sag zum Abschied laut „Das macht nichts“. Normal: Bei einem Glas Bier verstehen wir einander ohnehin irgendwie, weil wir ohnehin alle irgendwie das gleiche wollen und tun, nur auf je eigene Art. Bloß das innerste Prinzip des ganzen Unternehmens darf nicht ausgesprochen werden: Die beinharte Konkurrenz bleibt Tabu. Gerade in ihrer verlogenen Verhüllung offenbart sie sich. Die Gesichter derer, die trotz guter Ellenbogen ausgeschieden sind, passen nicht zu den einstudierten Sätzen, man sei nicht enttäuscht und obendrein den anderen, die Freundinnen und Freunde geworden seien, im Mindesten etwas neidig. In Wirklichkeit will jede/r der Star werden. Ein zweiter oder dritter Platz ist zwar angenehm, aber eine Niederlage. Nur der ganz Erfolgreiche ist beliebt. Nur ihm fällt vollauf zu, was der monatelang produzierte Signifikant Star verspricht.

Der Star ist ein leerer Signifikant, der mit Prestige, kulturellem wie materiellem Kapital und einer gewissen Zukunft angefüllt ist. Er muss bloß ausgefüllt werden. Dass er hierzulande natürlich sein muss, also so, wie eigentlich niemand ist, bleibt der österreichischen Variante verschuldet. Das Schönste am Wettbewerb im Starunternehmen war der Kandidat, der ein trauriges Abschiedslied sang. Gefragt, und die Moderatorin streichelt seinen Rücken, an wen er denn dabei gedacht habe, antwortete er: an den Tod der Urgroßmutter vor zwei Jahren.

Allein der alles umspannende Dis­kurs, der aus der im Unternehmen angelegten Rivalität einen gesunden Wetteifer und eine vorzügliche Motivation bei gleichzeitiger Zusammengehörigkeit macht, durchläuft Unternehmen wie KandidatInnen. Sie alle produzieren gemeinsam: den Star. Der Star erinnert frappant an den Lottomillionengewinn. In Wirklichtkeit kann jede/r den Jackpot knacken - in Wirklichkeit ist es dann doch Der oder Die und nicht Du. In diesem Vorzeigeprojekt haben wir ihn endlich, den Synergieeffekt, von dem wir schon im Wirtschaftsunterricht an den Schulen hören. Ein Joint venture unter Patronanz der Musikindustrie. Die ärmste durchläuft triste Zeiten. Die neuen Technologien, die den Operationen der Macht - in den globalen Polizeieinsätzen, der Dienstleistung und Kundenfreundlichkeit genannten Kontrolle und statistischen Inventarisierung der Bevölkerung, den high-tech-Waffen und der Waren- und Wahrheitsproduktion - zugrunde liegen, werden von der Kreativität jener, die einfach nicht zahlen wollen, gegen sie verwendet. Kazaa etwa, in der Nachfolge von Napster, operiert als ein spiegelverkehrtes multinationales Unternehmen: Entworfen von Menschen aus Litauen, angesiedelt im rechtsfreien Raum einer kleinen Karibikinsel, treffen sich auf seinen Internetseiten täglich Millionen von Menschen, um im gemeinsam erschaffenen Pool, in den alle ihre Musik einbringen, die Produkte unentgeltlich zu tauschen. Dabei verlieren diese ihren Warenstatus. Und das ist der eigentliche Skandal. Plaudernd, rauchend, cocktailtrinkend wird getauscht: wie es sich gehört im Pool und auf dem Fest, zu dem alle etwas mitnehmen. So zwanglos hat sich praktischer Kommunismus selten gegeben. Nur dass die Gemeinschaft virtuell und potentiell global bleibt.

Eine kleine Konjunkurbelebung tut also Not. Und Starmania ging aufs orchestrierte Ganze. Die Plattenindustrie instrumentalisiert für eine erhoffte Konjunktur staatlichen Rundfunk und private Medien, die im Gegenzug viel bekommen vom Kuchen. Das Fernsehen macht ungeheuerliche Quote; im Auftrag des Rundfunks produziertes Merchandising bringt Geld; dortselbst ist neben der Produktwerbung auf Ö3 der eigene Widerspruch in Form der witzigen Projekt-X-Gscheitblödler auf FM4 als negative Werbung zu haben; und die Massenmedien müssen nur noch aufspringen auf den Zug, der immer schon losgefahren ist. Was erzeugt wird, und das ist das Paradigma des postmodernen Kapitalismus, ist keine Ware im herkömmlichen Sinne, sondern ein immaterielles, virtuelles, mit dem Markt akkordiertes Produkt, an dem Tausende von Menschen mitarbeiten: der Star.

Ein Michael darf in diese Rolle schlüpfen. Unter jenen in Österreich, die eine kostenpflichtige Nummer wählen, sooft sie wollen, um an der Erschaffung eines Stars mitzuwirken, ist er mehrheitsfähig. Er hatte klug kalkuliert. Mit einem Lied, von dem ein Experte (Experten sind in der heutigen Öffentlichkeit immer die, die rechtfertigen, was durchgehen soll, von den notwendigen Strukturreformen bis zur hegemonialen Geschichtsschreibung) sagte, es sei mutig, weil es als ein selbstgeschriebenes niemand noch gehört habe, und das doch tausendfach schon gesungen ist, Herzschmerz am Klavier, traurig-sehnsüchtiger Blick ins Publikum, des Leidens aus Liebe ist kein Ende, reüssierte er. Damit war klar, dass eine Christina, die sich mit ihrem Song für das alternative FM4 positionieren wollte, den Kürzeren wählen würde. Vielleicht hätte sie gleich das dort derzeit viel gespielte Lied von Wir sind Helden singen so­llen: „Ich tausch nicht mehr, ich will mein Leben zurück.“ Der Strohhalm, den der junge Mann anbot, richtete sich in erster Linie ans Publikum junger Mädchen, die in dieser Kultur ins Blumenwerfen, Kreischen und Ohnmachtfallen eingeschrieben sind. Er war tatsächlich länger. Jenes Charisma, das etwa einen Bon Jovi (aus)zeichnet, steht zur Aneignung bereit. Und dass es um Musik gehe, hat ohnehin niemand behauptet.

Das Schale am Produkt ist dasselbe wie an allen anderen viel gepriesenen Waren. Zuhause, alleine, ist es viel weniger, als draufsteht. Das Glitzern gehört zu einer Welt, das Produkt zur anderen. Und beide gemeinsam erzeugen ein Lebensgefühl. Was gekauft wird, ist was verkauft wird: das Glitzern als eigentliche Ware. Michaels Album werden viele kaufen. Es wird nicht schlechter und peinlicher sein als der Hitparadendurchschnitt. In ein paar Jahren werden Sendungen im Fernsehen unterm augenzwinkernden Motto stehen: Also das haben wir uns damals angehört, grauenhaft. Aber so waren eben die Zeiten.

2. Der bedrohliche Rücken der Ordnung
Im Wintersemester 1956/57 sagte Adorno, dessen Wort aus 1944, wonach es kein richtiges Leben im falschen gebe, zum heurigen hundertsten Geburtstag von Magazin zu Magazin flattert, in einer Vorlesung über Moralphilosophie:

Man sollte nun, soweit es nur irgend möglich ist, so leben, wie man in einer befreiten Welt glaubt leben zu sollen, gleichsam durch die Form der eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widersprüchen und Konflikten, die das nach sich zieht, versuchen, die Existenzform vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige wäre. Dieses Bestreben ist notwendig zum Scheitern und zum Widerspruch verurteilt, aber es bleibt nichts anderes übrig, als diesen Widerspruch bis zum bitteren Ende durchzumachen. Die wichtigste Form, die das heute hat, ist der Widerstand, dass man nicht mitmacht, und wenn das nicht möglich ist und wir auf unsere eigene Schwachheit und die Übermacht der Verhältnisse Rücksicht nehmen müssen, sollten wir wenigstens versuchen, dort, wo wir mitmachen müssen, nicht ganz mitzumachen und es ein bisschen anders zu tun als die, die es von ganzem Herzen betreiben.

Viele, die sich heute unterm Motto „Eine andere Welt ist möglich“ treffen, um nicht mitzumachen, leben wie die junge Frau, die ein Foto aus den Demonstrationen gegen den Internationalen Währungsfond und die Weltbank in Prag herausgehoben hat. Da steht sie, mit einem Strickpullover und Dreadlocks, an einen Polizeiwagen gedrängt - aber sie lehnt entspannt da und hat die Hände in den Taschen, und vor ihr stehen drei martialische Polizisten, mit kugelsicheren Westen, Helmen, Schlagstöcken und Schusswaffen, und die bedrohlichen Rücken der Ordnungshüter lassen das eigentlich unglaubliche Lächeln des Mädchens erscheinen, als käme es wirklich aus einer anderen Welt.

3. Die Zukunft benötigt dressierte Affen
„Wir können alles schaffen, genau wie die tollen, dressierten Affen, wir müssen nur wollen“, singen Wir sind Helden bei der Eröffnung der Wiener Festwochen. Und damit spielen sie, auf der Bühne vorm Rathaus, gegen einen gar nicht so kleinen Teil des Publikums da unten. Damit aber thematisieren sie auch die riesige Bühne, die sie von den Vielen trennt. Da oben die, die sich Freiheiten bewahren und nehmen können, lächelnd und Fäuste ballend der Macht die Nase drehen, und da unten viele, die ihre Zeit und körperliche oder geistige Arbeitskraft verkaufen, um an etwas Heteronomen mitzuarbeiten, das ihnen freilich möglichst als Eigenes erscheinen soll. Die neoliberale Ideologie vom Ich gibt ja vor und lehrt uns, dass dessen einzige Sache einzig das Ich sei. Ich-Aktie heißt das. Tatsächlich wird das Ich zur bloßen Funktion einer Sache, des kapitalistischen Wettbewerbs und seiner Regeln, mithin zum genauen Gegenteil dessen, was einmal mit Ich gemeint war.

Mit Ich war einmal die Seele gemeint, das unter allfällig Ähnlichem Unterscheidbare und Besondere. In der Konzeption des Ich schwang die ersehnte Fähigkeit mit, Zusammenhänge zu erkennen, sie in Beziehung zu setzen und dann aus freien Stücken zu wählen, wer und was Ich sein, was Ich mit meiner Zeit und Phantasie anfangen will und kann, damit diese Ich-Konzeption immer mehr Menschen möglich wird. Mit den modernen Massengesellschaften und deren Masse erzeugenden Apparaten änderten sich die Bedingungen der Möglichkeit einer solchen Vorstellung vom Ich grundlegend. Adorno, der in den 40er-Jahren die Falschheit des allerorts vernehmbaren Individualismusgeschreis entlarvte, umkreiste das „Nicht-Identische“, das weder in der verwalteten Welt aufgeht, noch mit Fragebögen erfassbar ist und sich seinen Platz im herrschaftlich verfassten Gesellschaftsgefüge nicht vorschreiben lässt. Das war nach den Ka­tastrophen des 20. Jahrhunderts eine Abwehrhaltung, die negative Reformulierung des einstigen Ich-Programms. An einem verwandten Begriff, dem „Bezug-zu-sich“, arbeitete Foucault an seinem Lebensende, um den Fallstri­cken zu entgehen, die ihn nur noch Omnipräsenz der Macht, ihrer Disziplinierungsmethoden und Ohnmacht des Individuums hatten orten lassen. Indem das Subjekt in Fühlung mit sich und dem gerät, was durch die Zeitläufte und über alle Veränderungen hinweg gleich und wesentlich bleibt, vermag es sich der Macht zu entziehen. Im antiken Bezug-zu-sich findet Foucault schließlich eine mögliche Form des Widerstands gegen Macht. Er aktualisiert sich, wenn Ich mit Mir auf Mich einwirke. Um aber auf mich einwirken zu können, muss es ein Ich geben, das sich sukzessive bilden darf. Offensiv gewendet wäre Ich, zusammen mit dem irreduziblen Rest, der weder von sozialen, historischen noch genomischen Beschreibungen erfasst wird, das Eingedenken unversehrter Subjektivität, die sich nicht schubladisieren und nicht für Herrschaftsanliegen einspannen ließe - die Neues versucht, und die die globale Matrix außer Kraft setzen will.

Wir sollen anderes mit uns vorhaben: Ich muss mich/sich rechnen - so lautet das Programm jedweder Ich-AG. Das Individuum wird zum Dividuum, zum asymmetrisch geteilten Wesen: Einerseits muss Ich mich rechnen, in meiner Lebensrechnung, Plus und Minus, fein säuberlich im Buch des Selbst festgehalten. Andererseits, und das ist maßgeblich, muss sich das Ich rechnen. Ich ist also nur da, wenn es für andere da ist. Diese anderen sind keine freien Individuen, keine freie Assoziation selbstbestimmter Subjekte, sondern übergeordnete Institutionen, geschmiedet aus Waren, so genanntem Humankapital, Überwachungs- und Disziplinierungsapparaten: Weltmarkt, Staat, Unternehmen, (Hoch) Schulen etc. Das Erstaunliche an dieser Operation ist nicht die Warenförmigkeit der Subjekte, die Arbeitskraft und Lebenszeit verkaufen müssen, um das eigene Leben zusammen mit den Produktionsverhältnissen zu reproduzieren - das hat schon ein gewisser Marx treffend analysiert. Erstaunlich ist die positive Umdeutung dieses Programms, die selbstverständliche Geste, die von sich sagt: Ich bin eine Aktie, so what!

Das Ich als Aktie aber ist keines. Es ist standardisierte Identität nach Maßgabe ökonomischer und sozialer Tatsachen. Es kann Finanzminister werden oder Programmiererin, Künstler oder Vorstandsvorsitzende - und gut abschneiden damit. In der Sozialstruktur der Gesellschaft liegt der Unterschied beschlossen. Der Finanzminister und die fünfzigjährige Arbeitslose notieren höchst unterschiedlich an der Börse. Anders gesagt: Die Erstnotierung an der Ich-Börse wiederholt die sozialen Unterschiede. Ihre Ich-Aktie am Arbeitsmarktservice setzt sich aus Arbeitskraft und dem unhinterfragbaren Wissen zusammen, dass „Ich istgleich 50“ weniger Ansprüche anmelden darf als „Ich istkleinergleich 35“.

Um mehr Ansprüche anmelden zu dürfen, muss das Ich rentabel werden, muss es dazu verführen, dass andere Anteile an ihm halten wollen. Hochgezüchtet wird, wo das Wort vom lebenslangen Lernen meint: sich ein Leben lang spezialisieren, flexibel sein, nicht mehr auf jeden Wink bereit sein, sondern möglichst jedem Wink zuvorkommen. Um dem Wink zuvorzukommen, bedarf es Scheuklappen: für alle anderen gesellschaftlichen Teilgebiete und Arbeitsteilungen, die den Einzelnen entsprechend dem jeweiligen Grad der Spezialisierung und Ausdifferenzierung immer undurchdringlicher werden.

Da sind etwa physikalische oder chemische Probleme zu lösen. Was sie verursacht haben könnte, womit sie einhergingen, damit die aufzuspürende Lösung nicht noch vertrack­tere Probleme nach sich ziehe: das lässt Dressur kaum zu. Adorno schrieb: „Die Departementalisierung des Geistes ist ein Mittel, diesen dort abzuschaffen, wo er nicht ex officio, im Auftrag betrieben wird. [...] So ist für die Ordnung gesorgt: die einen müssen mitmachen, weil sie sonst nicht leben können, und die sonst leben könnten, werden draußen gehalten, weil sie nicht mitmachen wollen.“ Anzunehmen, mit hochgradiger Spezialisierung aller - letztlich von der „Königin der Wissenschaften“ Betriebswirtschaft orchestrierten - Einzeldisziplinen würden allmählich die großen Probleme bewältigt, ist Trugschluss. Und wer über dressierte Affen im Zoo lacht, ohne dass dieses Lachen ins Gegenteil kippte, wähnt sich allen Ernstes im Zoo und doch außerhalb.

Immer alert zu sein, lernen wir, wenn ein anderer Zweig des moribunden kapitalistischen Baumes austreiben möchte. Die Zähne zusammenbeißen und unsichtbare Zahnstocher zum Auseinanderspannen der Lider: sonst könnte etwa ein neues technisches Hilfsmittel die Pupillengeschwindigkeit der nie Auslernenden testen und für zu müde befinden. So sollen wir alles schaffen wollen. Schon in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts sprach Herbert Marcuse vom eindimensionalen Menschen.

Die Jungen sind es, denen die Zukunft gesungen wird, und die soll strahlen wie die Gegenwart. Aber warum dieses Einhämmern? Warum diese extreme Ausdifferenzierung von Kompetenzen? Das ist die Einschwörung der Vielen durch die Vielen auf die Bewältigung anstehender Probleme. Alles schaffen wollen müssen, was die aus den Rudern halbwegs rationaler Weltplanung gelaufene, unter den Primat der Verwertbarkeit und des Warentausches gebeugte Gesellschaft fürs Weitere überlebensfähig machen könnte: Alle sollen das Soll wollen. Eine Krise jagt die andere, die sie aufhalten sollen sind ohnehin krisengeschüttelt, und eine Strukturreform der Weltbank schickt ganze Regionen den verpesteten Bach hinunter. Ökonomische und technische Prozesse, von denen so viel erwartet wurde, haben sich weitestgehend verselbstständigt und entgleiten den Menschen immer mehr. Die Asienkrise hat der Kapitalismus ebensowenig wie die Talfahrt der New Economy gewollt. Und dass jede technische Errungenschaft, die unterm Banner des Fortschritts und der Demokratisierung propagiert wurde, letztlich neben Enklaven der widerspenstigen Anwendung Polizei- und Überwachungszwecken aller Art dient, ist spätestens dann evident, wenn ein SMS in das zehn Meter entfernte Geschäft locken wird und das Eigene aufs - von der Herrschaft gesehen - einzig Irreduzible heruntergebrochen wird, den Fingerabdruck. Der auf einer gerade unbefahrenen Straße bei Rot stehenbleibt, obwohl nirgendwo die Gefahr des Überfahrenwerdens lauert, und bei Grün weitergeht, hat gut gelernt. Vielleicht fürchtet er sich unbewusst vor Überwachungskameras, die ihm ein Strafmandat direkt in den Postkasten schicken lassen. Das losgebundene Schiff an den nächsten Felsen vorbeisteuern, selbst wenn es von diesen havariert wird, und dann schnell etwas einfallen lassen, weil ein Felsen vor den nächsten vielleicht noch gar nicht sichtbar ist - das sollen wir schaffen wollen. Wenn wir nur wollen. Die tollen Menschen dann, endlich.

Nietzsches toller Mensch hatte noch am helllichten Tag mit einer Laterne am Marktplatz nach Gott gesucht. Die heutigen tollen Menschen, die Ärmel immer aufgekrempelt, mit wenigen Stunden Schlaf arbeitstüchtig, sollen beflissen an dem Rad mitdrehen, das sie selber mitdreht. Das aber ist eine andere Zukunft und ein anderes toll. Es ist die Zukunft der gegenwärtigen Herrschaft. In der ständigen Anrufung der Vielen, allen voran der Jungen, soll die Zukunft der Gegenwart untertan gemacht und an sie rückgebunden werden. Die mächtigen Interessen der Gegenwart schreiben eine Zukunft vor, auf deren Zustimmung wir ständig eingeschworen werden. Für diese Zukunft bedarf es augenscheinlich keiner Demokratisierung des Wissens, des gesellschaftlichen Reichtums und der technischen Möglichkeiten. Auch bedarf es keiner Entfaltung subjektiver Sensibilitäten, anderer Wahrnehmungsformen, wo die Konserven der Kulturindustrie Augen, Ohren und letztlich tätliche Zungen präformieren. Schon gar nicht gelegen käme eine Übernahme der Wahrheitsproduktion. Würde Globalisierung wirklich statt haben, an einem Tag, auf allen Kanälen, aus denen Worte, Klänge und Bilder fließen, unsere Augen und Ohren hätten genug zu tun, um mit den Zungen zaghaft die brennenden Fragen zu formulieren. Wo all das zu verhindern die Voraussetzung einer starken Zukunft ist, stehen wir ständig vor Bühnen, von denen Einverständnis erschallt. Sie sehen nicht gut aus, die dressierten Affen im Zoo. Gar nicht gut.
Allein es gibt auch andere Bühnen. Eigentlich sollten sie keine sein. Jedesmal, wenn im Blätterwald von einem Werk, einem Film, einem Gedanken oder einer Musik gesprochen wird, die zum Nachdenken anrege, kann man davon ausgehen, dass es sich um einen Angriff handelt. Denn der Unmut wächst. Die Gegenöffentlichkeit arbeitet. Und genau die alles schaffen wollen sollen, könnten einmal stehenbleiben und innehalten: Was mache ich da mit den (Nicht-)Fähigkeiten, die ich erworben bekam? Da war doch etwas. Da waren die Hoffnungen all der vorangegangenen Generationen, ihre Kämpfe und Träume. Von der Gegenwart werden sie übertönt. Auf dass sie sich nicht vermischen mit dem Widerspruch der Heutigen, der in Seattle und mit der Erhebung der Zapatistischen Befreiungsarmee am 1. Jänner 1994 im mexikanischen Chiapas begonnen hat. Was sind wir eigentlich?, fragten sich die Indígenas, und die Guerilla, die seit Jahren durch den Lakandonischen Urwald streifte, musste sich von jenen dieselbe Frage gefallen lassen. Auf einmal trafen ihre revolutionären Konzepte nicht mehr. In der Interaktion mit den Indígenas änderten sie ihre Sprache und ihre Fragen. Als dann am Neujahrstag Mexiko der Nordatlantischen Handelszone beitrat, und somit offiziell in die Erste Welt eintrat, erhoben sich die Zapatistas, besetzten ihr Gebiet und widerstehen bis heute dem Militär und den Weißen Garden, um ein anderes Leben zu führen als das ihnen ansonsten vorgeschriebene. Wenn die unter die Räder derer Gekommenen, die heute als „die Erben aller, die je gesiegt haben“ (Walter Benjamin) Zukunft auf sich vereidigen wollen, irgendein noch so schwaches Recht haben, dann dass ihre Hoffnungen auf Zukunft mit den unseren in der Gegenwart zusammen diskutiert werden. Und das geschieht längst. Das ist immer schon wieder noch am Geschehen.

Vielleicht müssen wir in der Tat nur wollen. Als erstes. Wir müssen nur sagen wollen, was wir denken, wenn wir dagegen sind. Wenn wir wissen, was wir nicht wollen, und warum wir es nicht wollen, können Perspektiven entstehen, was dem entgegenzusetzen wäre, was wir nicht wollen. Und das stimmt dann nicht mehr nach­denklich.

4. Der schönste und traurigste Trost
Der ist eigen, hörte ich früher oft, naja, die ist halt eigen. Das aber hieß: Mit denen stimmt etwas nicht. Sie tun nicht, was sie eigentlich tun sollten, um als natürlich bezeichnet zu werden. Gerade was in der Umgangssprache - und in so mancher „Wissenschaft“ - natürlich heißt, ist nichts anderes als schlechte, weil herrschaftliche Kultur, die jedem und jeder von allem Anfang an die Natur Mann und die Natur Frau als Basis verpasst, um jedem und jeder, vor aller weiteren Spezialisierung und Differenzierung, einen Platz zuzuweisen, damit die als Natur verhüllte Kultur am Laufen gehalten werden kann. Der ist eigen, hörte ich früher oft, naja, die ist halt eigen. Was soll man da machen? Einmal gehörig zurückstutzen. Aufs rechte Maß.
Vielleicht ist der schönste und traurigste Trost aber der: Wer sich so viel versagen und abschneiden muss, dass alles Andere als eigen mit schärfster Verachtung stigmatisiert wird, wird einmal vielleicht, an einem bestimmten Tag, aus einem bestimmten Anlass, auch in sich etwas spüren, dass eigen sein könnte und sich nicht unter die Worte fassen lässt, die herrschen. Wer sich dann begegnet und nur schnell fort will von sich, und nicht alleine sein mit sich, kann getrost davon ausgehen, zu funktionieren.