schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 10 - eigen sparen wir uns das „sparen“
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/10-eigen/sparen-wir-uns-das-201esparen201c

sparen wir uns das „sparen“

martin ross | sparen wir uns das „sparen“

Anleger aller Länder enteignet Euch!

Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Sparens. Alle Mächte des neuen Europa haben sich zu einem heiligen Hochamt zu Ehren dieses Gespenstes verbündet, die EU-Kommission und EU-Präsidentschaft, die Schröder und Schüssel, die Arbeits- und Flüchtlingsämter. Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als prasserisch verschrien worden wäre, wo die Partei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf der Prasserei nicht zurückgeschleudert hätte?
Sie alle haben sich einer Gottheit verschrieben, die - zumal in Österreich - schon den Taferlklasslern aufgedrängt wird: dem Sparefroh. Diese Personifikation des Sparens, ihrerseits ebenso fiktiv wie die angeblich grassierende Prasserei, soll den ideologischen Hintergrund für das allenthalben ausgerufene Spargebot abgeben.

Daraus geht zweierlei hervor:
1) Obwohl in unseren Kreisen naturgemäß nicht existent, wird das Prassen bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt.
2) Es ist hoch an der Zeit, dass die vermeintlichen Prasser ihre Anschauungsweise, ihre Ziele, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Sparens ein Manifest entgegenstellen.

Zu diesem Zweck haben sich vermeintliche Prasser der verschiedensten Nationalitäten versammelt und folgende Maximen entworfen:
Wir behalten es nicht für uns: Wir hören auf zu sparen. Wir hören auf, auf jene zu hören, die sagen: Spart! Sie machen sich einen Sport daraus, uns einzuhämmern, wie notwendig es sei, zu sparen. Unsportlich, wie wir sind, machen wir dabei nicht mit.
Wir wissen: Der Umkehrschluss auf das Prassen ist falsch. Wer es satt hat zu sparen, hungert umgekehrt nicht nach der Prasserei. Er will sich vielmehr nicht dreinreden lassen in das, was sein Eigen ist. Wer sein Eigen nach Österreich rettet, hat zumindest zwei Möglichkeiten: Es in eine Stiftung einzulagern oder in Traiskirchen im Lager zu wohnen. Die ersteren stiften es gewiss sich selbst und sparen Steuern. Die zweiteren sind angeblich stiften gegangen, und Vorwürfe werden ihnen nicht erspart.
Wir wollen das, was uns gehört, hergeben, ausgeben, verwenden. Wir wollen, dass uns weitere und höhere Steuern erspart werden. Anderenfalls haben wir nichts mehr her- und auszugeben. Wir wollen auch wissen, ob nicht die Apologeten des Sparens hinterrücks jener Prasserei frönen, die sie uns als Phantom allzu gerne unterschieben.

Wir haben uns darauf verständigt, das Wort „sparen“ ab nun nicht mehr zu verwenden, wir sparen es uns. Um-so mehr prassen wir mit anderen Wörtern. Wir werfen sie Gott Sparefroh so lange an den Kopf, bis er in schlechter Verfassung ist. Die Khol- und anderen Köpfe werden sich dann überlegen, ob sie diese flexible Gottheit noch für verfassungstauglich halten oder ob sie sie dort hinbiegen können.

Wir schenken uns das „Sparen“, nein: Wir schenken den Mächten des neuen Europa das Widerwort des „Sparens“. Egal ob „Sparpaket“, „Sparpotenzial“, „Spargelessen“, „Spartaner“ oder „Spareribs“ - wir schenken diesen Mächten dieses Wort, indem wir es als solches, aber auch in diesen, ja in allen seinen Zusammensetzungen zum Unwort des Jahres 2003 küren. Wie sprach ein weiser Mensch? „Unworte bereiten Untaten den Boden.“ - Im Falle des Sparens sind sie bereits geschehen.