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tugendarbeitslosigkeit

thomas ernst brunnsteiner | tugendarbeitslosigkeit

oder vom Mann, der sich zu nichts mehr eignet

Jede Mühe, die über das Sorgetragen für Grundbedürfnisse - Essen, Wärme, Reinheit, Duldsamkeit - hinausgeht, nimmt mir immer öfter den Geschmack des Willkürlichen, des Unreinen und Entbehrlichen an. Zu Zeiten treiben mich materielle Sorge um, aber zu Zeiten bedarf es des Geldes gar nicht. Dann will ich nur meiner Herr werden - und dabei Knecht bleiben. „Warum“, frage ich mich, „weshalb, wozu mehr“, und ich finde in der Stille vor meiner Tür ganz sicher keine Antwort darauf. Es gibt keinen Grund ... Es gibt keinen Grund da draußen, keinen Grund, zu arbeiten.
Tagebucheintrag, Januar, Lappland

Man hatte mir gekündigt. Was blieb von mir, ohne Arbeit, was bin ich: Österreicher, laut Pass. An die Dreißig. Studienabbrecher, Fach Wirtschaft. Mann meiner Frau, Vater meiner zwei kleinen Kinder. Mehrsprachig, ja, wer denn nicht, heutzutage. Lebe auf einem alten Gehöft, in einem Dorf, im finnischen Trakt Lapplands. Und war, seit drei Tagen: arbeitslos.

Ich hatte mich als Touristenführer verdungen. Ging auf Schneeschuhen, lief Langlauf, fuhr Motorschlitten vor pensionierten Lehrern und Metallarbeitern, Fußpflegerinnen und Studenten, Installateuren und Wirtshauspächtern, die 2.000 Euro aufwärts hingeblättert hatten für eine Woche Frost und Schnee und Natur, und denen dies, immer auf meinen Rücken starrend, atemberaubendes Abenteuer in Europas letzter Wildnis war. Verdingte mich, bis letzte Woche. Da ereilte mich der Brief, darin die Abrechnung und ein kurzes Formblatt, auf welches mein Arbeitgeber ein paar Schnörkel, Datum, Unterschrift gekrakelt hatte, und zwei finnische Worte: „työ lopuu“ - „Arbeit zu Ende“. Oder vielleicht eher: „Arbeit ausgegangen“, ja, es steckte wohl nichts Böses dahinter, denen ist einfach die Arbeit ausgegangen, so wie uns zu Hause die Milch ausgeht.

Milch kann man kaufen. Aber geht einmal die Arbeit aus, wo kriegt man eine frische her? Arbeit - dies hat sie eigentümlicherweise mit ideellen Werten wie Liebe, Mut, Ehrlichkeit und Anstand gemein - kann man sich nicht kaufen. Das wäre doch ganz widersinnig! Und doch, meiner Kündigung gewahr werdend, hätte ich fast alles getan, um nur meine Arbeit nicht zu verlieren. Dem Arbeitgeber X also Geld anbieten, auf dass er mich nicht entlässt? Unmöglich. Alles, was ich hatte, war meine Arbeitskraft - aber die würde ich X kostenlos zur Verfügung stellen! Für eine gewisse Zeit wenigstens - geht es mal schlecht, muss man zusammenhalten -, und X könnte mich gar nicht gehen lassen, so wertvoll kostenlos wäre ich ihm geworden. Doch ich kam mit dieser Idee zu spät. Hinter meinem Rücken hatten bereits zwei junge Finnen angeheuert, Lehrjungen an einer Schule für Wildnis-Führer, und sie hatten sich anbötig gemacht, mehrere Wochen, ja Monate hindurch ohne Entgelt, unbezahlt zu arbeiten. An meiner statt. Deshalb hatte mir X geschrieben, ihm sei die „Arbeit ausgegangen“. Sie hatten sich Arbeit gekauft. Meine Arbeit. Diese forschen Menschen hatten sich zu Leibeigenen des X gemacht - nein, schlimmer: Zu Sklaven, denn der Leibeigene behält immer noch einen Teil des Ertrages ein, den seine Arbeit abwirft, während der Sklave seinem Herrn ganz und gar gehörte. Derweil sah ich mich hinabgestoßen in diese amorphe Masse, die der „zivilisierten Welt“ schon bis an die Knöchel reicht, der anheimzufallen jedermann zu fürchten hat, weil es dort göre (sozial) und faule (individuell), wo Desperation lungerte und Antriebslosigkeit und Suff, in die Masse ohne Antlitz, ohne Stimme, in die wir - nein, ihr! - Stützen und Beihilfen streut, damit sie uns - nein, euch! - nicht an den Beinen hochkriecht, kochend: die Masse der Arbeitslosen. Sie nahm mich gelassen und mit einem leisen Glucksen auf.

Jeder fünfte Mann in finnisch Lappland war ohne Job, in den Dörfern oft jeder zweite. Kalevi, einer der Junggesellen, „poika-miehet“, hier im Dorf, ohne Job, ohne Frau, ohne Haus, an Nachmittagen mit dem Bier in der Hand. 24 Jahre war er alt, und arbeitslos seit acht Jahren, sein ganzes Erwachsenenleben lang. Beruf? JägerFischerTischlerMaurer und BauerKfzInstallateur. Ich sah ihn all das tun. Eines Tages erzählte er mir, er habe einmal in Helsinki sein Glück versucht. Genau eine Woche lang. Dann sei es ihm dort zu kalt geworden. Nein, nicht das Wetter: die Menschen.
Notizen zu einer Reportage, September, Lappland

Arbeitsscheu. In den Tagen nach meiner Kündigung baute ich eine gewisse Scheu vor Arbeit auf, sie war mir unnahbar geworden, gar suspekt. Sollte es wirklich so sein, dass man Arbeit teilweise gratis verrichten müsste, ohne Kompensation, um ihrer nicht ganz verlustig zu gehen? Ich wollte das nicht hinnehmen, fand aber bald immer mehr Belege dafür: Trainees, Praktikanten arbeiteten lohnlos. Nicht nur sie. Männer in Anzügen, in den Schnellzügen Europas, vor aufgeklappten Laptops, verrichteten unentgeltliche Mehrarbeit. Frauen an Mobiltelefonen, zwischen so genannten Meetings, in den Mittagspausen, dachten, planten, werkten unbezahlt. Väter und Mütter brachten an freien Abenden und an Wochenenden Arbeit mit nach Hause. Abertausende flogen, Zig-Millionen fuhren, hasteten täglich zur Arbeit - dies selbst wurde nicht als Arbeit angesehen. Selbst die Stehzeiten - Stau, Abflughalle, U-Bahn-Waggon - wurden genutzt. Niemand schien sich daran zu stoßen - konträr: Die Menschen hatten begonnen, von Arbeit selbst zu träumen. Man sprach von Traumjobs (substanziell verschieden von Nachtarbeit). Die Arbeit war zum Gut, zum Zweck an sich geworden: interessant, herausfordernd, ständig neu, flexibel, anders, geistvoll, eine Selbsterfüllung, kreativ, aktiv, kommunika-, lukra-, alle -tivs: Arbeit war Spaß geworden. Acht, zehn Stunden Spaß am Tag.

Mehr Arbeit, mehr Geld, aber auch mehr Spaß - für mich ein völliges Paradox. Wohin war das gute, alte Arbeitsleid? War man in den frühen Tagen der Ökonomie als Wissenschaft so kurzsichtig gewesen? Arbeit, das war Leid damals, ein Leid, das jeder Weber, Fabrikarbeiter, ja sogar der Entrepreneur durchlitt - und der Lohn war eine Entschädigung für dieses Leiden. Mehr Arbeit, mehr Geld, aber auch mehr Leid, so lautete die Rechnung. Geht sie denn nicht mehr auf? Stellen wir uns einmal die Arbeit als das vor, was sie eigentlich ist: ein Räuber. Ein Tagedieb, der uns Stunden, Tage, Jahre unserer irdischen Existenz für immer entwendet. Der Räuber unserer postmodernen Lebenszeit ist der Räuber Arbeit. Er trat schon an unsere Eltern heran, sie opferten ihm einen erkleck­lichen Teil unseres Lebens, gaben es als Unterpfand, ließen uns ausbilden, konditionieren, qualifizieren, dressieren. Gaben unsere jungen Leben, speis­ten uns im Alter von drei Jahren spätestens in den Hort-Betrieb, Schule-Betrieb, Lehr- oder Universitäts-Betrieb, auf dass wir vollgepumpt, erschöpft, ahnungslos und wahnsinnig gealtert daraus entlassen würden. Im Schnitt ist ein Österreicher 21 Jahre alt, ehe er diesen Mühlen entkommt. Wohin? In die Arbeit. Doch nach Jahren der Prüfungen und Unterwerfungen und des Auswendigmemorierens tritt er ein in ein Heer der wahren Asozialen. In dieser maroden Masse, diesem Ellenbogenmeer wachelt er nun mit seinem Curriculum Vitae und skandiert einstudierte Bewerbungsphrasen - und wird es doch billiger geben müssen als einst die Weber in ihren Lumpen. Denn er wird gratis arbeiten. Nicht einmal den Subsistenzlohn verdienen. (Das ist der Lohn, ohne den er verhungern müsste, wäre er sein einziges Einkommen). Nach Jahren wird er es vermutlich „geschafft haben“, allein, für sich. Über Altersvorsorge kann er sich dann einen Kopf machen, und über einen gediegenen Lebensstil, Antiquarisches kaufen. Solid. Rarität. Solidarität? Diesen Begriff mag er nach all den Jahren des Einzelkämpfens nicht mehr verstehen. Er hat ja Arbeit.

Wie ist Arbeit in unserer westlich-säkularisierten Welt überhaupt an jenen Stellenwert geraten, den sie heute hat? Weshalb ist sie allen so schrecklich wichtig? Mir fallen sechs Gründe ein:

  1. Arbeit (Jagd-Flucht-Kampf) hindert uns an der Kontemplation. Sie hält die Gedanken und Geister all dessen von uns fern, das über die Arbeit selbst hinausgeht. Wer arbeitet, muss zwar denken, aber nicht nachdenken. Im Müßiggang gewärtigen wir Schönheit und Dämonen, durchleben die tiefsinnige Tragikomödie unserer Existenz, wollen endlich wissen: „Wohin mit mir? Woher kommt dieses Ich? Weshalb ...“ Dagegen ist Arbeit (Jagd-Flucht-Kampf) die eigentliche Pause.
  2. Arbeit ist mehr oder minder einfach zu erlernen, der Traumjob zumindest theoretisch jedem erreichbar. Leben, Liebe, Gefühle, Leid und Triebe sind kaum zu erlernen, man muss sie zäh Tag für Tag erleben und kann sie bestenfalls begrenzt erfahren. Perfektion, Effizienz, Führungskraft - im Leben nur eitle Schimären. Der Tod (die Arbeitslosigkeit des Lebens, quasi) lässt sich überhaupt nicht erlernen, nicht erfahren und ganz sicher nicht - erleben.
  3. „Arbeit“ ist für gewöhnlich ein anderes Lokal als „Heim“. Acht Stunden oder mehr pro Tag im Lokal „Arbeit“ verbringen zu wollen, sagt oft wenig über den Fron aus und viel über den Ort, dem man einen Gutteil des Tages zu entkommen sucht: „Heim“. Wer sein Heim flieht, flieht sich. Sein Heim in Ordnung halten - Stichworte Beziehungsarbeit, Gartenarbeit - ist der erste Schritt außerhalb des Teufelskreises.
  4. Arbeit ist sinnvolle Beschäftigung. Der Angestellte stellt etwas an, der Arbeiter erarbeitet, schafft etwas. Verewigt sich, jeden Tag aufs Neue, er baut ein Haus, eine Brücke, eine Straße, den Telegraphen, er bestellt ein Feld, er sticht eine Sau ab, webdesignt eine Homepage. MERKE: Sinnvolle Beschäftigung ist dennoch nicht gleich Erwerbsarbeit! Gebt dem Menschen einen Ziegelstein, Beton, eine Axt, einen Pflug, ein Messer, eine Maus. UND SIEHE: Er beschäftigt sich sinnvoll, und kann dabei ARBEITSLOS SEIN! (Man vergebe mir penetrante Hervorhebungen: Aber so geschieht es hier, im nämlichen Dorf in Lappland. Keiner hat Arbeit, alle sind beschäftigt. Dem Menschen der Stadt sind indes längst alle Produktionsmittel genommen - und damit auch die meisten Möglichkeiten, sich außerhalb des ökonomischen Arbeitskreislaufes sinnvoll zu beschäftigen. Er ist unterjocht.)
  5. Arbeit ist eine Tugend. Ein Heil. Ein Gut. Das war bei Gott nicht immer so. „orboh-s“, der indogermanische Stamm des Wortes Arbeit, bezeichnete ursprünglich eine Waise - verwaist sein, und dies implizierte: „Zu schwerer körperlicher Arbeit verdingt sein“. Noch im Mittelalter war Arbeit „schwere, körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage, eine unwürdige Tätigkeit“. Einen sittlichen Wert bekam sie in der Neuzeit erst mit Martin Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum. Seither ist Arbeit im Protestantischen eine Tugend, Müßiggang dagegen eine Sünde, Faulheit frevelhaft. „La dolce vita“ lässt sich nicht sinngleich ins Schwyzerdütsch übersetzen, nur hinkend ins Deutsch: „Das süße Leben“.  Süß?
    „Vollbeschäftigung“ und „Wohlstand“ sind die zeitgemäßen, pseudoreligiösen Metaphern zu dieser götzenhaften Arbeitsethik, sind soziale Heilsversprechungen, so kohärent wie „Klassenlose Gesellschaft“ oder „Himmlisches Paradies“. Alle diese hehren Ziele zu erreichen ist den Bürgern in einem Staat aus Leichen vorbehalten; dort liegen alle gleich faul in ihren Kisten, man ist unter sich, Hie­rarchien und profane Prüfungen haben keine Geltung mehr. Doch wenn Arbeit eine Tugend ist, sind Nichtarbeiter tugendlos? So will man uns glauben machen. Wir sollten eine neue Kategorie schaffen: die der Tugendarbeitslosigkeit.
  6. Arbeit ist Lebensunterhalt. Dieser Punkt ist letztgereiht, da am leichtes­ten anfechtbar. Arbeit im kontemporären Sinne - 40-Stunden-Woche - ermächtigt den Verfüger und Bezieher eines Gehalts zu weit mehr, als seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Um das Leben zu erhalten, reichen Wärme, Essen, Reinheit und Duldsamkeit völlig aus. Um das Leben (und den modernen Menschen) zu unterhalten jedoch, bedarf es der Mehrarbeit: Sie erkauft Fernsehen, Auto, Geschirrspüler, Markenkleidung, Tinnef tausendfach, am Ende Abstraktes wie Status und Selbstwert. Niemand ist im Moloch der Städte festgebunden - Landflucht und Industrialisierung sind nicht irreversibel. Stadtflucht und Verzicht, Reduktion und Entschleunigung würden allerdings das derzeitige System unausweichlich zum Kollaps führen. Konkret: Dass der Bauer vom Verzehr eigenen Fleisches, Mehls, der eigenen Milch und Butter lebte  - anstatt vom Verkauf all dessen - und also von 20 anstatt von 2000 Kühen, ist ein anachronistischer Gedanke. Ein schädlicher. Vielleicht sogar ein gefährlicher. Er wird daher nicht gedacht.

Zurück zu uns: Wer seine Arbeit „verloren hat“, mag sie eines Tages wiederfinden - kaum die gleiche übrigens, selten dieselbe - und kann dann sagen: „Ich habe eine Arbeit gefunden“. Da wird mitschwingen, dass er eigentlich nicht mehr mag - eine Arbeit -, was er aber nicht zum Ausdruck bringen wird dürfen, da er sich glück­lich schätzen kann, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben, heutzutage. Zu sagen: „Ich habe endlich eine Arbeit gefunden“, das ist korrekt und impliziert die lange und devote Suche, gekrönt mit dem Fund, endlich. Aber wer „keine Aussicht auf einen Job“ hat, also „schwer vermittelbar“ ist und glauben will, dass die Arbeit ein Räuber sei, ein Götze und ein Instrument, eine Geißel, dem kann ich nur raten: Lass die Finger davon. Finger weg von der Arbeit!

Leicht ist das nicht. So gut wie alles steht dagegen. Unsere Ethik, nach der Arbeit und Fleiß höchst löbliche Werte seien, quantifizierbar in Geld, und reich ist gut. Unsere Aufbringung zu Individualisten, die uns das Geben wie auch das Nehmen vom Nächsten an die Grenze des Unerträglichen erschwert hat. Die postindustrielle Struktur unserer Gesellschaft endlich, in der die Arbeitsteilung so weit fortgeschritten und die Selbstversorgung radikal ausradiert ist, der Tauschhandel „mein Produkt gegen deines“ gänzlich eliminiert. Zwei Beispiele aus Lapp­land: Der mir benachbarte Rentierzüchter T. wird aufgrund einer EU-Direktive geheißen, sein gelerntes Handwerk, das Schlachten, in der 200 Kilometer entfernten Kreisstadt durchführen zu lassen. Das kostet Geld und zwingt ihn, Fleisch zu vermarkten. Das Herz eines Rentiers, jedes hat nur eins, wird um 1,50 Euro pro Kilo in Supermärkten feilgeboten. So lustvoll entmachtet das System selbst seine peripheren Untertanen.

Ich? Ich habe keine Arbeit mehr. Also bin ich nicht erwerbstätig. Achtung, jetzt kommt's: Ich will keine Arbeit mehr. Ich will nicht arbeiten. Ich will in Wahrheit auch kein Geld. Ist dies eine letzte Blasphemie? Hat man jemals derartiges gelesen oder gehört? Ich will keine Arbeit, ich will keine Arbeit, ich will nicht ...! Das hat diabolische Kraft, das kann in keiner Familie toleriert werden, das ist gotteslästerlich! Faul, das ist das Schreckliche, das Unaussprechliche und Böse, Arbeitsscheue kann die Grundfesten unserer Welt erschüttern. Aber wollen wir es nicht darauf ankommen lassen? Wir haben ja sonst nichts zu tun. Wenigs­tens nicht im Moment.