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wiener porzellan

An dunklen Tagen muss man aus hellen Tassen trinken, meint Christoph Strolz in seinem Debütband


Christoph Strolz: AlltagsBrüche. Ein Logbuch.

Wien: Edition Doppelpunkt.; 2003

Rezensiert von: helwig brunner


Die Wiener Edition Doppelpunkt legt sichtlich kostengünstige, aber mit markantem Doppelpunkt-Logo auf schlichtem Kartongrund neuerdings sehr ansprechend gestaltete Bücher vor. Zuletzt erschien der Gedichtband Frostspanner von Joachim G. Hammer, das bereits dreizehnte Opus dieses zu wenig beachteten Grazer Lyrikers.

Auch der 1960 geborene, heute in Wien lebende Germanist und Theologe Christoph Strolz ist Graz durch längeren Aufenthalt verbunden. Jetzt tritt er mit seinem Erstling AlltagsBrüche an die Öffentlichkeit. Das Spiel mit ausgefallenen literarischen Gattungen hat Konjunktur; Textliche Materialsammlungen wie das Journal, das Jahresbuch oder auch das Logbuch sind dem aufmerksamen Beobachter der Literaturlandschaft nicht unbekannt. Das Logbuch, ursprünglich ein Schiffstagebuch, in das alle nautischen Entscheidungen und Vorkommnisse an Bord eingetragen werden, gibt seinem Autor die Möglichkeit, in kurzen Notizen ungezwungen zwischen tagebuchartiger Privatheit und aphoristischem Weitblick zu changieren. Jenseits davon, und das ist das eigentlich Interessante, kann eine Metaebene entstehen, welche die zunächst handlungsfreie Abfolge thematisch disparater Eintragungen in einen beinahe narrativen Bogen spannt. So rückt der Text im Kopf des Lesers überraschend ein Stück weit in die Nähe der Erzählung oder des Romans.

Christoph Strolz betreibt in seiner Version des Logbuchs eine konsequente Mikroskopie des Alltags und seiner sprachlichen Widerspiegelungen. Er sieht sich im losen Gefolge einer Tradition, die von Lichtenbergs Sudelbüchern und Aphorismen bis zu Handkes Gewicht der Welt führt. Die Aufzeichnungen setzen im Februar 1992 mit der spätwinterlichen Gelassenheit der Natur ein und enden elf Jahre später mit einem Gang rund um eine Kirche. Dazwischen findet sich Verschiedenstes von der winterlichen Abwesenheit der Insekten bis zur einstigen Tabuisierung der Masturbation, vom Auge des Taifuns bis zu den individuellen Arten des Niesens. Strolz behandelt dramatische Sensationen gleich wie banale Alltagsgeschehnisse; ob Lawinenunglück oder schwitzendes Bier, immer interessiert den Autor neben der sorgfältig ausgeloteten subjektiven Bedeutung vor allem auch die sprachliche Substanz der Ereignisse und ihrer Schilderung. Allmählich summieren sich die Eintragungen und bilden gedankliche Entwürfe zu Themen wie Religion, Sexualität, Zeit, Sprache und Medien. Was sich dabei als Metaebene im oben erwähnten Sinn abzeichnet, ist die sympathisch bescheidene Erzählung eines Autors, der lediglich von einer sorgfältig durchlebten Zeitspanne seines Lebens mit ihren Höhen und Tiefen, Erkenntnissen und Stolperern berichten will. Einige Eintragungen ins Strolz'sche Logbuch hätten ohne ihre vom Autor mitgelieferte erklärende Ausdeutung eine noch stärkere poetische Wirkung erzielen können, so wie dies etwa die im Untertitel zitierte lapidare Feststellung mühelos leistet. Auch will man inhaltlich vielleicht nicht jeder Aussage widerspruchslos zustimmen. Dennoch macht vor allem das Unsensationelle, der Verzicht auf den heißen Plot und den sich selbst wichtig nehmenden Erzählgestus diesen Debütband zu einer empfehlenswerten Lektüre.