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zeit im blick I

Zwei Bücher, zwei erfreuliche Lesemomente


Hanno Millesi: Im Museum der Augenblicke.

Wien: Triton Verlag; 2003

Rezensiert von: hannes luxbacher


Hanno Millesi legt mit seiner jüngsten Erzählung ein Werk vor, das elegant durch die Flure eines Museums moderner Kunst schlendert – die städtische Verankerung ist hier zwar Wien, lokalisiert könnte das Museum aber auch überall anders werden –, gleichzeitig den Plot für einen Kriminalroman entwirft, ohne diesen kriminalromanmäßig zu verfolgen, und schließlich fast selbstverständlich vollkommen offen bleibt und aufgeworfene Fragen elegant unbeantwortet lässt – because the future's so bright, I gotta wear shades. Etwas detaillierter: Arthur Werdenau ist Museumsaufseher und behütet als solcher zwei Universen. Das eine macht das Gebäude aus, die Ausstellungsräumlichkeiten, das andere die Kunstwerke selbst. Werdenau hat, wie seine Kolleginnen und Kollegen auch, eine Beziehung eher zu diesen Gängen und Sälen aufgebaut, denn zu den dort ausgestellten Kunstwerken.

Denn im architektonischen Netz kennt er sich aus, wohingegen er nicht Bescheid weiß über die Kunstwerke, was er für sich auch nicht wünscht, denn die Werke seien genauso belanglos wie seine Geringschätzung jener groß ist, die hierher kommen. Werdenau zieht sich zurück auf sich, betrachtet sich als Außenseiter selbst in der Kollegenschaft, als unterprivilegiert und sozial derangiert. Der einzige Halt ist ihm seine Arbeit. Das mangelnde Selbstbewusstsein macht auch ein bewegendes Moment des Textes aus: Nachdem die Arbeiter erfahren haben, dass es aufgrund von Einsparungsmaßnahmen zu Kündigungen kommen wird, ist Werdenau sich gewiss, dass jedenfalls er einer der Entlassenen sein wird. Mit diesem wissenden Glauben belastet, verkehrt sich die Pflicht des Aufsehers, einen versierten Umgang mit Augenblicken zu haben, in tödliche Selbsterhaltungsmaßnahmen, denn so eigenschaftslos Werdenau auch ist, einen Charakterzug weist er vehement auf: bedingungslosen Erhaltungstrieb.

Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, hat schon Thomas Hobbes zitiert. Werdenau nutzt fortan also jede sich bietende Gelegenheit, Kollegen, die nunmehr zu Kontrahenten mutiert sind, augenblicklich zu töten, sobald sich eine Möglichkeit dazu ergibt. Nicht dass er plötzlich zu einem kalt kalkulierenden Mörder geworden wäre, vielmehr erscheint ihm selbst sein Vorgehen als, nüchtern ausgedrückt, legitime Maßnahme zur Existenzsicherung, da er sich in einer Situation befindet, die selbst ungeahnte und bislang nicht tolerierbare Handlungsweisen rechtfertigen und wird "Augenblick" hier als "Spontaneität" gedeutet. Selbst eine sich anbahnende Romanze mit einer Arbeitskollegin wird in Werdenaus paranoider Persönlichkeitsstruktur zur Bedrohung, die persönliche Ungefestigtheit lässt ihn in jedem Sozialkontakt eine Niederlage wittern. So wird auch diese Kollegin zur latenten Gefahr und muss schlussendlich aus dem Weg geräumt werden.

Nahezu nüchtern streng führt Millesi Im Museum der Augenblicke mikrokosmisch aus, was im Makrokosmos gegenwärtiger Lebenswelten, geprägt von einem sakrosanktem Neoliberalismus um sich greift: ein Verdrängungswettbewerb, dessen Folgen nicht immer so offensichtlich fatal zutage treten wie in Werdenaus Morden, initiiert von Repräsentanten wirtschaftlicher und/oder/ist gleich politischer Macht. Dass ein Museum den Handlungsort abgibt, obendrein ein Museum für moderne Kunst, somit ein Produkt des aufgeklärten Menschen, der keine Regeln und Normen mehr anzuerkennen bereit ist, verleiht der Erzählung eine zynische Note, die ihren Höhepunkt darin findet, dass das Blut der zuletzt Ermordeten Annelie Geberth einem Werk von Hermann Nitsch hinzugefügt wird. Der Kommentar zu diesem Vorgehen ist beißend: "Weder von einer Verschönerung, noch von einer Verhässlichung kann gesprochen werden. So viel steht fest." Aber manchem Thema ist ohne dem Beistand von Zynismus ohnedies nicht beizukommen bzw. sind manche Themen ohne die Beimengung von Zynismus und Übertreibung bloß zahnlose Selbstvergewisserung für wissende Rezipienten.