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zeit im blick II

Zwei Bücher, zwei erfreuliche Lesemomente


Daniel Wisser: Dopplergasse acht.

Klagenfurt: Ritter Verlag; 2003

Rezensiert von: hannes luxbacher


Ein anderes Blickfeld eröffnet sich in Daniel Wissers Romandebut Dopplergasse acht. Wunderschön als Roman in 45 Strophen untertitelt, zeigt dieser Titel schon an, wie die Reise durch die Dopplergasse stattfinden soll. Wisser, der in der schreibkraft bereits zu Recht als Herausgeber der Literaturzeitschrift Der Pudel gerühmt wurde (siehe Heft 7, heftig), hat mit Dopplergasse acht nicht nur eine Liebeserklärung an seine Wohnstraße geschrieben, sondern auch ein Sittengemälde verfasst, wie es umfangreicheren Werken nicht gelungen ist. Ausgangspunkt ist der vergleichsweise schmale Ausschnitt Welt, der sich dem Erzähler beim Blick aus seinem Fenster auftut. Der nahe liegende Klischee-Schluss, dass mit dieser Restriktion der Perspektive auch eine geistige Engstirnigkeit einhergeht, läuft dabei jedoch ins Leere. Kommt aber trotzdem mittelbar vor. Im Haus gegenüber wohnen Sie schon, die Stereotype, sprich der schlagende Vater, der gescheiterte Schriftsteller, der unter Verwendung aller Buchstaben des Zauberbergs ein neues Werk zu schreiben versucht und so wie der Protagonist ein permanenter Fensterschauer ist, die ungehorsame Tochter. Es ist das Können von Daniel Wisser, das die Ansammlung dieser Figuren nicht ins Banale, vielfach Gelesene kippen lässt, sondern sie als zwar typisches, paradoxerweise aber dennoch einmaliges Personal einführt. Ein Grund dafür mag Wissers Sympathie für seine Figuren sein.

Im Spot der Beobachtung steht Ingrid, jene Frau aus dem Haus gegenüber, mit der der Protagonist noch nicht einmal verbalen Kontakt hatte, in die er jedoch verliebt ist. Kommt sie nicht von den Fahrten zu ihrer Großmutter zurück, oder taucht sie nicht rechtzeitig im Fenster auf und weiß der Beobachter dadurch, dass sie wohlauf ist, werden die Fluchten aufgestoßen, in die sich die Gedanken ergießen. Erinnerungen an Kalauer der Jugend – "Fut, Arsch, Nudl / Kirchschläger Rudl" – werden dann genauso hochgespült wie notorisch-neurotische Befürchtungen, Ingrid könnte einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein. Wisser lässt seine Hauptfigur einen vielfach gedoppelten Blick auf die Dopplergasse werfen, entwirft ein Kaleidoskop eines heterogenen Soziotops, das einiges mit der Lindenstraße gemein hat, wenn man deren Betulichkeit abzieht. Die formale Konstruktion des Textes in seiner Strophenanordnung samt mangelnden Interpunktionszeichen, anderenorts vielfach als störend empfindbar, kommt dem Lesefluss hier ungemein entgegen. Daniel Wisser, dessen Texte durch das musikalische Projekt Erstes Wiener Heimorgelorchester z. T. auch vertont erhältlich sind, besticht mit seinem Debüt, das mehr ist als die Archivierung zeitlosen Zeitgeschehens. Oder sagen wir so: Wenn ich meinen Blick starr auf etwas richte und die Augen ganz schnell auf und zu mache, sehe ich zwar immer wieder das Gleiche, aber ausschauen tut es trotzdem immer anders. So in etwa wirkt das Buch. Daniel Wisser, bitte rasch umziehen und ein neues Buch schreiben!