schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 10 - eigen zimmer mit aussicht
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/10-eigen/zimmer-mit-aussicht

zimmer mit aussicht

Das vielschichtige Prosadebüt des Salzburger Autors Johannes Gelich


Johannes Gelich: Die Spur des Bibliothekars. Novelle.

Salzburg: Otto Müller Verlag; 2003

Rezensiert von: werner schandor


Ob man will oder nicht, wirkt man in unserer windschnittigen Zeit allein durch die Beschäftigung mit Büchern bald einmal suspekt. Der Bibliothekar Florian Servaes, Hauptfigur und Ich-Erzähler der Novelle Die Spur des Bibliothekars, will nicht. Als es in der Wiener Stadtbibliothek durch einen ehrgeizigen Vorgesetzten ungemütlich wird, lässt sich der übergewichtige, ambitionslose und desillusionierte Servaes wegbefördern. Er wird zum Leiter der Österreich-Bibliothek in Iasi, Nordost-Rumänien, ernannt und gleichzeitig mit dem Auftrag versehen, seinen verschollenen Vorgänger aufzufinden. Doch statt sich an dessen Spur zu heften, richtet es sich der 40-jährige gemütlich im Schwellenland Rumänien ein: Die Öffnungszeiten der Bibliothek werden verkürzt, die Bücher neu geordnet, das Bett daheim so platziert, dass der passionierte Langschläfer auch im Liegen aufs Brachland vor seinem Fenster blicken kann. Kinder spielen hier Fußball, eine Blaskapelle trifft sich zum Üben, Zigeuner lagern auf der Wiese, Männer tragen die Mauern eines abbruchreifen Hauses ab. Und zugleich spiegelt diese Wiesenfläche das innere Brachland des Protagonisten in Johannes Gelichs schwebendem Prosadebüt.

Servaes frönt seiner existenziellen Mattheit – bis eines Tages eine Leserin in der Bibliothek auftaucht. Illinka, eine Deutschlehrerin. "Es gab einige wenige, die jung ihr Liebesglück machten", räsoniert der Erzähler. "Ich gehörte nicht zu ihnen. Ich hatte abgeschlossen gehabt. Für die unendliche Geschichte war ich verdorben. Und mittlerweile auch zu unbeweglich. Es reichte höchsten für Kurzgeschichten. Kurze Geschichten mit kurzen Sätzen. Ich war froh, wenn die Geschichten länger wurden."

Nicht nur, dass Illinka die Hormonkurve des Protagonisten in Unruhe versetzt – sie ist auch das Missing Link zu Tanzer, dem verschollenen Bibliothekar, den Servaes suchen soll. Nun kommt Bewegung in die Geschichte, der Hauptteil beginnt: Servaes sucht die Liebe. Seine Liebe, Illinka, sucht – gleich wie der österreichische Staat – Tanzer, aber Tanzer hat sich in Europas letzten Urwald, das Donaudelta, zurückgezogen. Betrachtungen über die Liebe werden angestellt, Betrachtungen über das gesellschaftliche Scheitern, das Brachland vor dem Fenster wird betreten, der verschollene Bibliothekar letztendlich aufgespürt, um gleich wieder aus dem Blickfeld zu verschwinden. Doch wozu das Ganze? – Wenn man sich anschaut, wie die träge Figur des Bibliothekars am Ende mit ihrer selbstgewählten Außenseiterposition ins Reine kommt, dann könnte man meinen: um sich selbst zu finden. Doch als Selbstfindungsliteratur erschöpft sich die Spur des Bibliothekars noch lange nicht.

Das Buch ist ein untypischer Agentenroman, eine Geschichte unerfüllter Liebe, eine unaufdringliche Bildungsnovelle, und bei all dem ist es ein leises, rätselhaftes Buch voller Raffinesse, das mit einfacher Sprache auf eine vielschichtige innere Erzählarchitektur baut. "Türschilder, Zitate, Eintragungen, Fotos, alles liefert samtene Hinweise", schreibt der Autor und Bibliothekar Helmuth Schönauer in seiner Besprechung des Buches für die Buchkultur. Und weiter: "Erzählt wird eine perfekte Schatulle, in welche der Leser seine gelesene Novelle passgenau ablegen kann." – So schön hätte ich das auch gerne gesagt.