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zwischen den stühlen I

Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten


Leopold Spoliti: mintex prosa.miniaturen.

Wien: edition das fröhliche wohnzimmer; 2002

Rezensiert von: stefan schmitzer


Es gibt Filme, die befähigen dazu, potentielles Zielpublikum für Leopold Spolitis mintex prosa.miniaturen zu enttarnen: Filme, zusammengesetzt aus knappen, in sich ruhenden Sequenzen, aus unterkühlt montierten Bildern, die nicht sofort und nicht aus sich heraus auf eine Geschichte verweisen, die es da irgendwo zu rezipieren gäbe. Erst, wenn ihrer fünf bis zehn uns gegenwärtig sind, offenbaren sie sich als "Szenen" einer "Handlung", ohne groß Aufhebens drum zu machen, aber stets unter Aufrechterhaltung der Suggestion: Hier geht es nur um lyrische Überhöhung einer alltäglichen Tatsache, ohne Hintergedanken, und noch einer, und noch einer. "Was?", fragen diese Bilder den Betrachter: "Da sind Zusammenhänge diesseits der Überhöhung." Das, was uns Bildern an Geschichte zugrundeliegt, rührt deine Freundin zu Tränen, weil's so scheiß-ausweglos ist? Nimm ihr das Rotweinglas weg und lass dich in unsere Flut fallen: Der "Rahmen" des Entfleuchens kraft unser inneren Logik ist doch völlig wurscht. Und die Unruhe, die dieser Anspruch im Rezipienten stiftet, wenn er mit dem "Inhalt" kontrastiert wird, den man nun nicht mehr einfach ausblenden kann, ist hier das eigentlich Künstlerische.

So vollziehen die Sequenzen modernistischer Filme eine kraftvolle Umkehrung des alten erzählerischen Kräfteverhältnisses zwischen Transzendenz und Immanenz, und ebenso tun dies die prosa.miniaturen Spolitis. Die 60 Texte, je kaum dreißig Zeilen lang, von mintex01 was war bis mintex60 todesarten, bilden in der Gesamtschau die Zeitraffer-Version eines halbundhalb verkorksten, psychiatrie-geschädigten Lebenslaufes, und mehr über den Inhalt wird an dieser Stelle nicht ver(b)raten. Wo Film allerdings mit optischen (d. h. Außenwelt-)Reizen arbeiten muss, weil sprachliche (d. h. Innenwelt-) Reize in seinem Fall immer bereits Figurenrede, also unausweichlich Handlung, bedeuten, kann mintex direkt sprachlich artikulierte Befindlichkeiten anzapfen (und tut das denn auch gerne, aber – dem Buch zur Rettung – nicht ausschließlich), ohne seine gefrorenen Tableaus dabei auftauen zu müssen. Die vergleichsweise geringe Nuanciertheit einer beträchtlichen Anzahl dieser Befindlichkeiten, gemessen an den Präzisionswerkzeugen der "bewegten Prosa", stört nicht weiter: Sie ergibt sich aus der Vorgabe der Schilderung eines Lebens in gefrorenen Schlüsselmomenten.

Denn erstens sind wir ja in solchen Schlüsselmomenten meist tatsächlich nicht zu weiß Gott wie nuancierter Selbst- und Weltwahrnehmung fähig – das ist mehr eine Sache von Nachbearbeitung mit Tee und Sofasessel. Zweitens und vor allem müsste jedes Quäntchen Analyse oder Synthese, das von der primären Emotion des mintex abweicht, die Form zerreißen und den Text vom Hundertsten ins Tausendste treiben. Und hier zeigt sich Spoliti als Könner: Denn die Plattheiten, die das Textsubjekt zumindest "auch" hervorbringt, werden nicht von diesem selbst, sondern von der – wie gesagt, filmtableauhaft montierten – Dingwelt trefflichst kommentiert und wieder ins rechte Licht gerückt. Die Introspektion des Subjekts ist bereits angelegt, sie geht uns nur – in diesem speziellen Fall – nix an. Sie ist ganz einfach nicht Thema des Buches. Ich persönlich mag's ja lieber saftig überdeterminiert. Aber das kann der Zielgruppe egal sein: Wenn der Tag lang und abends Der Himmel über Berlin im Fernsehen kommt, ist mintex wohl das ihr zu empfehlende Buch.