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zwischen den stühlen II

Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten


Lukas Cejpek, Christoph Hauri: KANNEN FANGEN. Ein Skizzenbuch.

Wien: edition das fröhliche wohnzimmer; 2003

Rezensiert von: stefan schmitzer


Ein Buch, ohne das die Menschheit sicher ebensogut weiterleben könnte, ist KANNEN FANGEN. Ein Skizzenbuch von Lukas Cejpek (Text) und Cristoph Hauri (Graphik), ebenfalls erschienen im fröhlichen wohnzimmer. Es ist unmotiviert, es hängt mitsamt seinem abstrusen Thema (Kannen [!] als solche und als Träger sozialer Rituale) völlig im luftleeren Raum herum (den nie ein sinnstiftendes Diskursfragment zuvor gesehen hat), es erschöpft sich über weite Strecken in Kleinstform-Erzählartistik um ihrer selbst willen, es trägt die Spuren fragmentarischen Zusammengeschustertseins stolz und formal unnotwendigerweise zur Schau, es ist klugscheißerisch und es tut nicht einmal so, als hätte es mir irgendwas zu sagen. Zu allem Überfluss kommt dem aufmerksamen Leser der eine oder andere Kunstgriff von Raoul Schrotts Die Legenden vom Tod her bekannt vor, einem sehr ähnlichen Buch, das aber zumindest sich selbst als Struktur ernst genug nimmt, um wie "aus einem Guss" zu erscheinen. Diese Beobachtungen, wiewohl völlig ungeeignet, als Klappentext einer eventuellen 2. Auflage Verwendung zu finden, verdichten sich indes – statt zum Verdammungsspruch – zu einem Urteil, das mich selber stutzen ließ: KANNEN FANGEN hat Charme. Viel erzählt es einem nicht im Laufe der bunten Weltreise in Sachen Kannengebrauch, die es unternimmt, als sei es ein Artikel in einer Art GEO für schwerstbekiffte Etymologiefanatiker.

Gar nichts lässt es darüber durchblicken, welcher Art die Motive der Verfasser waren: "Spiel mit einem Kanon formaler Vorgaben", "Erbauung/Belehrung des Publikums" und "Recherche-Ergebnisse an den Mann bringen" scheiden zumindest aus. Es ist einfach da und spannt auf je einigen Zeilen mehr oder weniger symbolschwangere Bilderbögen über (z.B.) Eskimo-Trinkkultur, Nelkenernte auf den Molukken oder Tontaubenschießen in England. Manche von ihnen brechen mitten drin ab, manche nicht, einige haben den Charakter von Gleichnissen, einige andere den von Pretiosengedichten, aber keines hat mehr Hand und Fuß als mein Schmunzeln (vor allem) und der – wie gesagt, klugscheißerische – Tonfall (mitunter auch) beisteuern. Die Bilder von Christoph Hauri archaisieren jedenfalls mein Leserbewusstsein ebenso, wie sie den Tonfall der Texte in ihrer Nachbarschaft trüben. Dank ihrer Wucht ist man eher versucht, sich den Vortragenden als zu später Stunde mit rotweingeöltem Arkadier- Mund schwadronierenden Orchideenfach-Professor von der Universität Tirana (oder so) vorzustellen, anstatt sich mit dem Bild des diktaphonschwingenden GEO-Reporters zu plagen, das die Texte, auf sich allein gestellt, eher provoziert hätten. Um es kurz zu machen: Wiewohl mir der Grund des Vorliegens von KANNEN FANGEN völlig schleierhaft ist, ist seine Lektüre eine erheiternd abwegige Angelegenheit, Lukas Cejpek nicht im Geringsten zu tadeln und die Kosten-Nutzen-Abwägung beim Büchereinkauf (wieder einmal) WEIT hintanzustellen.