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zwischen den stühlen III

Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten


Johannes Weinberger, Lukas Kollmer, Maria Edelsbrunner: autorenmorgen 01.

Wien: edition LUFTSCHACHT; 2002

Rezensiert von: stefan schmitzer


Underground Ästhetik und Kunstliteratur
Nun, zu guter (na ja?) Letzt muss ich mich anschicken, drei Autoren und einem Verlag gegenüber ungerecht zu sein, denen bzw. dem ich eigentlich und von Herzen suhrkampsche Verkaufszahlen und eine ebensolche Breitenrezeption wünsche. Ungerecht, denn die Anthologie Autorenmorgen 01 aus der edition LUFTSCHACHT, in der Johannes Weinberger, Lukas Kollmer und Maria Edelsbrunner unter der Herausgeberschaft eines im besten Sinne innovationsgeilen Teams ihr seltsames und streckenweise makaberes Fest der Erzählwut (im Wortsinne) feiern, ist auf weniger als drei Seiten nicht anders als oberflächlich (und somit nicht eben zum Kauf reizend) beschreibbar. Mal sehen. Johannes Weinberger schildert in seinen Geschichten (drei an der Zahl) nicht einfach Protagonisten, die wahnsinnig sind. Er schildern ganze Welten, "settings", die nur allzu bereitwillig auf den Wahnsinn des ihnen sich freiwillig unterwerfenden Subjekts hineinkippen. Er tut das mit einem gut ausgeprägten Gespür für das Verhältnis Erzählzeit/erzählte Zeit, kiloweise fein platzierten, langsam sich entfaltenden Anspielungen auf Symptome des tatsächlichen Wahnwitzes unserer Lebensweise und in einem Tonfall Marke lakonisch-surrealistisch. Die Plots erinnern, verknotet, verschlungen und von harter Dichotomisierung geprägt, an die Reißbrett-Konstrukte des Novellenschaffens der schwarzen Romantik, nur dass sie eben gänzlich anderer Staffage sich bedienen: Aus dunklen Karsthöhlen mach kakerlakenverseuchte Fernsehzimmer, sozusagen. Weniger surreal in Sprache und Folie, weniger daheim im Reich gezielter literarischer Effekte, dafür härter, persönlicher, sexuell aufgeladener und nicht im Geringsten um Erklärungen bemüht sind die erzählerischen Gebilde von Lukas Kollmer. Böswillige Puristen könnten vor allem bei Gambit 5 vom "Schielen ins Reich der trivialli-terarischen Sci-Fi" geifern, allein, so, wie H. R. Gigers Bilder, Kommerz und Horrorkitsch-Vorwurf zum Trotz, ihren festen Platz in der Gegenwartsmalerei haben, verdienen auch die Gratwanderungen des Herrn Kollmer Publikum und intelligente Rezeption. Pointenreich sind Kollmers Geschichten allemal: Auf eine Art und Weise nämlich, die uns an jedem der abrupten Wendepunkte zwingt, alle Sicherheiten dreinzugeben, die wir uns am Text bereits gebildet hatten. Der Gesamteindruck, den die Lektüre seiner Arbeiten zurücklässt, ist folgerichtig der, schwebend ferngesteuert zu werden:

Schwebend in weiß gekachelten Fluchträumen, in denen Schmerzen nachhallen, von denen keiner mehr weiß, wessen Schmerzen.

Über Maria Edelsbrunner schließlich heißt es im beigefügten Autorinnenportrait, ihre Texte seien "perfide". Diesen Eindruck mag ich nicht teilen. Viel ruhiger als ihre beiden männlichen Kollegen spricht sie aus ihren Texten (die in ihrem Fall nur zum Teil erzählend und ansonsten lyrischen Charakters sind), mit fein abgestimmter Metaphorik, ohne zu versuchen, in jeden Satz gleich alles zu legen, was der Text an Wahnsinns- oder Poetisierungspotential hat. Dass sie dieses Potential allerdings unterm Strich dann doch ausreizt, sei ebenso festgestellt. Edelsbrunners Texte lassen sich Zeit, aber nicht zu viel. Sie erzielen eine Wirkung nach der anderen, bemühen sich sichtlich, den Leser nicht zu überfrachten, bis – Ja, bis sie ihn dort hat, wo er sich fragt, was an dem zurückgelegten Stück Rezeptionsweges ihn eigentlich so verstört. Ihr Personal und ihre Folien sind dabei allerdings um nichts optimismus- und konsumkultkompatibler als die von Kollmer und Weinberger. Eher – weil langsamer entfaltet – im härtesten Sinne "menschlicher".Die Anthologie Autorenmorgen01 ist, wie das Vorwort richtig verheißt, eine Gratwanderung zwischen Underground-Ästhetik einerseits und dem "kunstliterarischen" Anspruch an intellektuelle Rezeptionsdiskurse andererseits. Eine gelungene Gratwanderung. Die Anthologien aus dem Hause LUFTSCHACHT werden sich wohl zu einem heißen Tipp entwickeln, wenn das so weitergeht.