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... es ist o.k., alles auf dem Weg

heinz m. fischer | ... es ist o.k., alles auf dem Weg

Vor, nach, in der Krise: Zur Befindlichkeit des Journalismus. Nichts ist, wie es einmal war und nie mehr sein wird.

Wer 2004 durch Redaktionen vornehmlich deutscher Medien wandelt, begibt sich in sonderbare Sphären. So beklemmend, manche sagen: so depressiv, war es schon lange nicht. Jetzt erst werden die Konsequenzen dessen merkbar, was in den vergangenen Monaten passiert ist. Wird spürbar, was hinter der Managerfloskel vom "Redimensionieren" steckt. Wird sichtbar, was es heißt, weglassen zu müssen, was nicht unbedingt sein muss. Wird fassbar, was es bedeutet, rationeller und ökonomischer zu agieren. Wird deutlich, wie es ist, nur noch Projekte realisieren zu können/zu dürfen, die sich rechnen, die rentabel sind. Wird offensichtlich, dass immer weniger publizistische Flächen und Räume für recherchierte, journalistische, kreative Leistungen zur Verfügung stehen.

Ein leitender Redakteur einer österreichischen Tageszeitung merkte neulich an, Druck auf Medien und Redaktionen habe es immer schon gegeben. Das sei gleichsam systemimmanent. Neu sei, in welcher Intensität ökonomischer Druck die Journalisten jetzt treffe, welchen ausschließenden Charakter dieser habe. Dass eben vieles, was ursächlich dem Wesen des Journalismus entspreche und damit mit Journalist-Sein zu tun habe, einfach nicht mehr gehe, nicht mehr gemacht werde.

2 PR-Leute auf 1 Journalisten
Nie zuvor war Journalismus angehalten, sich dem Publikum dermaßen anbiedern zu müssen wie heute. Was nicht quotenmäßig daherkommt, fliegt raus. Kompromisslos. Nie zuvor war die Verquickung von Marketing, Werbung und PR so eindringlich und intensiv - und das ist erst der Beginn. In den USA, und wohl auch bald in unseren Breiten, ist die Zahl der PR-Beauftragten bereits jetzt höher als jene der Journalisten. Verfolgt man diesen Trend, fallen demnächst nominell auf einen Journalisten wahrscheinlich zwei PR-Referenten, drei Werbeleute und vier Marketingstrategen.

Analysiert man sogenannte redaktionelle Inhalte detaillierter, erkennt man, dass - zugegeben nicht überall, allerdings doch zunehmend - PR- oder werbegesteuerte Interessen dahinterstecken. Und zwar in allen Mediengattungen. Dies ist zwar immer schwieriger zu identifizieren, so perfekt und präzise geriert sich der Medienmix, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Mechanismen mittlerweile so und nicht anders funktionieren. Und eben auch so, und zwar genau so, vom Publikum zur Kenntnis genommen werden.

Eine der umfangreichsten amerikanischen Studien zur Befindlichkeit des Journalismus, The State of the News Media, kommt zu schwindelerregenden Ergebnissen. Während die Nachfrage nach journalistischen Angeboten mehr oder weniger abnimmt, kämpft eine immer größere Zahl anderer Informations- und Kommunikationsanbieter um die Aufmerksamkeit von Lesern, Usern und Zuschauern. Zwar kann man - entsprechende Kompetenz, Bemühungen und finanzielle Möglichkeiten vorausgesetzt - so gut informiert (oder desinformiert) sein wie noch keine Gesellschaft, qualitativ hochstehende Inhalte drohen jedoch in einem immer größeren Angebot von Trivialem, Falschem, Hochstilisiertem und Einseitigem unterzugehen.

So ist etwa laut diesen Medienuntersuchungen die innenpolitische Berichterstattung in den drei führenden US-Nachrichtenmagazinen seit 1980 um 25 Prozent reduziert worden, während sich der Anteil an Seiten mit Lifestyle-Themen, gemessen am Gesamtumfang, verdoppelt hat. Besonders in fortlaufend aktualisierten Medien, wie etwa dem Internet, ist ein Trend zur Veröffentlichung nahezu unbearbeitenden Materials zu beobachten. Journalistische Prinzipien wie Faktenprüfung, Analyse und Einordnung von Nachrichten werden immer mehr der Erfordernis nach möglichst rascher Aktualisierung und Rationalisierung geopfert.

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Viele Medienunternehmen - amerikanische ebenso wie europäische, überregionale ebenso wie lokale - stehen nach rasanter Talfahrt wirtschaftlich nun wieder gut oder zumindest passabel da. Dies ist einerseits auf eine neu eingetretene wirtschaftliche Dynamik zurückzuführen, vor allem aber auf rigorose Sparmaßnahmen und Rationalisierungen. Stellenabbau und Budgetkürzungen standen zuletzt in der noch vor wenigen Jahren extrem erfolgsverwöhnten Medienbranche an der Tagesordnung. Wird jetzt wieder investiert, dann eher in Verbreitung und Distribution als in Generieren von Nachrichten und Informationen. Redaktionen müssen - auch als Folge der technologischen Entwicklung - immer mehr Produktionsaufgaben übernehmen. Der Journalist mutiert zum Techniker.

Und die einstige Zukunftshoffnung Internet?
Online-Journalismus ist es nur ansatzweise gelungen, sich von klassischen Medien zu emanzipieren. Auch deswegen, weil Internet-Departments spätestens seit dem Platzen der New-Economy-Blase nur spärlich Möglichkeiten zur Entfaltung und Entwicklung geboten werden. Kein gewinnbringendes Geschäftsmodell für das World-Wide-Web, kein Interesse an neuen publizistischen Versuchen. So werden also weiterhin publizistische Teile für das Internet überwiegend aus etablierten Medien wie Zeitung oder TV übernommen, aus Agenturmeldungen oder Medienaussendungen. Die faszinierenden multimedialen und interaktiven Optionen des neuen Mediums werden hingegen kaum eingesetzt. Von Risikobereitschaft wollen Medienmanager nichts mehr wissen. Die Implosion des virtuellen Internetgebildes hat auch viele spannende und interessante Ideen zugrunde gerichtet. Vom Hype in den Untergrund, gewissermaßen.

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Gerade die Medienszene war immer schon anfällig für unmissverständliche Hinweise, wie schwer man es habe gegenüber anderen Berufen. Wohl kaum eine Redaktion, in der nicht schon in guten, aber erst recht in schlechten Zeiten geraunzt, gemeckert oder über das Management geflucht worden wäre. Außerdem ist die
Medien- und Informationsbranche, wo auch immer, ein Hort von Intrigen, Gerüchten und persönlichen Verunglimpfungen - das hat Kommunikation in Redaktionen eben so an sich. Dazu kommt, dass sich nicht wenige Journalisten für Weltverbesserer, Missionare und letzte Instanz des Besser-Bescheid-Wissens halten.

Wohl selten zuvor dürfte das mediale Binnenklima aber so schlecht und dumpf gewesen sein wie derzeit. Um jeden Auftrag wird gerungen, um jede Story gekämpft, Anerkennung geheischt. Ein Spannungsfeld zwischen arrivierten Journalisten, die stets ihre Pfründen bedroht gesehen haben, und unbekümmerten, frechen Newcomern hat es immer schon gegeben. Mittlerweile ist aus redaktionellem Wettbewerb aber beinharte Konkurrenz geworden, weil es eben auch um persönliche Existenzen geht. Hier die etablierten Redakteure, im Status einigermaßen gesichert (oder auch nicht), da die freien Mitarbeiter, lauernd darauf, was an Terminen und Themen abfallen könnte. Und noch etwas: Kaum zuvor dürfte die Einkommensschere so weit aufgerissen worden sein. Dumping-Honorare für die „Freien“ – die ja letztlich alles andere als frei sind – stehen oft in keiner Relation zu Aufwand, Kenntnissen und persönlichem Einsatz.

Irgendwann einmal hatte Journalismus etwas mit Passion, Berufung, Leidenschaft zu tun. Da sprach man von Tugenden wie Neugier, Haltung, Courage. Das ist lange her. Wer sich heute im rauen Gewerbe der Medien an solch hehren Leuchttürmen wie Moral, Ethik, Ethos und Charakter orientiert, versinkt rasch in den Wogen eines eiskalten Info-Geschäftes, in dem es längst nicht mehr „menschelt“. Spricht man da noch von journalistischem Handwerk, zählt man rasch zu den Ewiggestrigen. Inmitten von „Speed“ und „Scoops“ ist hochprofessionelles Agieren gefordert. Immer der Zeit voraus, stets im Hinterkopf, was die Zielgruppe reizen könnte, punktgenau hat das „Agenda Setting“ zu erfolgen. So viele Skandale, die aufgedeckt werden sollten, kann es gar nicht geben, so viel Spektakuläres und Sensationelles nicht passieren, dafür ist diese Welt zu klein. Also pusht man es, macht es groß, inszeniert, dramatisiert, egal ob wesentlich oder unwesentlich, verbindlich oder unverbindlich.
Das Lamento, Journalismus früher sei viel besser gewesen, mag niemand mehr hören. Anders ja, aber besser nicht. Bloß, es gab mehr Gelegenheiten, sich zu beweisen. Journalismus ließ mehr Persönlichkeit zu und war weniger anonym. Heute haben es die Jungen noch schwerer sich zu profilieren als die Alten, als diese jung waren. Wie und wo können sich Talente, die Journalismus nicht unbedingt mit Szene-Tratsch gleichsetzen, entfalten, Themen der Zeit erkennen, etwas bewegen und verändern?

Viele, sehr viele meinen, solche Talente zu sein. Die Ausbildungsbranche für Medienberufe boomt. Kein Jahr, in dem nicht neue Lehr- und Studiengänge, Akademien und Institute gegründet würden. Aber geht es wirklich um größtmögliche Pluralität in der Aus- und Weiterbildung auch auf dem Mediensektor? Kann es nicht sein, dass unter dem Deckmäntelchen differenzierter und spezialisierter Ausbildung, die angeblich nur private Anbieter leisten können, ein Riesengeschäft bevorsteht? Interessierten jungen Leuten um exorbitant hohe Kosten etwas vorgespiegelt wird, das mit der Realität wenig oder nichts zu tun hat und in keiner Preis-Leistungs-Relation steht?

Das Einbekenntnis eines an einer deutschen Akademie tätigen Medienkenners entlarvt die derzeitige Situation: „Wir wissen, dass wir Absolventen produzieren, von denen etliche arbeitslos sein oder keinen adäquaten Job finden werden. Wir wissen aber nicht, was wir dagegen unternehmen können.“


... es ist o.k.
Ein Kollege, immer wieder schwankend zwischen Resignation und Motivation, sinnierte, ein Buch über das Ende des Journalismus zu schreiben. So reizvoll und charmant die Idee ist, so wenig fände sie meine Zustimmung. Denn irgendwo geht immer irgendetwas zu Ende. Diesmal eben der Journalismus – oder auch nicht. Denn Journalismus wird es immer geben, fragt sich nur, in welcher Form und mit welchen Inhalten. Auch Qualitätsjournalismus wird Bestand haben. Man wird einen solchen suchen müssen, noch genauer als bisher, aber man wird ihn finden.

Es wird schwieriger, sowohl für jene, die Qualität produzieren, als auch für jene, die Interesse daran haben. Qualität könnte etwas für Minderheiten werden. Es stimmt bedenklich, dass exzellente neue Produkte, von jungen Publizisten und Autoren ambitioniert und engagiert gemacht, nach nur kurzer Zeit wieder verschwinden. Nicht nur, weil „der Markt“ nicht vorhanden gewesen ist, sondern weil es kein Publikum dafür gegeben hat. Ja, wo waren sie denn, die potenziellen Käufer? In solchen Fällen, und diese sind keine Seltenheit, kann man nicht einmal „den Medien“ einen Vorwurf machen, den Verlegern, den Managern. Mitunter gelingt es sogar, Journalismus zu betreiben trotz der Medien, trotz der Manager. Aber was hilft es, wenn es dann zu wenige Leser, Hörer, Seher gibt? Also, wo bleibt das eine hohe Qualität einfordernde Publikum?
"... es ist o.k., alles auf dem Weg", singt Herbert Grönemeyer. Woran mag er bloß gedacht haben?