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ferien im nebenzimmer

bernhard flieher | ferien im nebenzimmer

Immer noch führt ein Toter den Rock’n’Roll durch die Gegenwart

Die Musik, die genau jetzt unser Leben verändern soll, handelt von Jacqueline. Sie ist siebzehn. Sie trägt eine dieser schicken, rechteckigen, schmalen Brillen. Sie hat blonde Haare, die auf schlanke Schulter fallen, von denen eine so genannte Traumfigur hinunter wächst bis dorthin, wo die teuren Stöckelschuhe nur noch einen letzten Rest Bodenhaftung ermöglichen. Jacqueline arbeitet am Infoschalter einer Empfangshalle, deren kühler Charme sich mit dem von Jacqueline ein heißes Duell liefert. Wir sehen Jacqueline durch die Augen von Alex Kapranos. Der ist Mitte 20, war mal Literaturstudent, ehe er in Glasgow eine Band gründete. Und jetzt steht er da wie angewurzelt. Jacqueline hat ihm gerade den Weg erklärt. Aber er schafft es nicht weiterzugehen, weil er so hingerissen ist von ihr. Seine Verwirrung unterstreicht er mit ein paar hingerotzten akustischen Akkorden auf seiner Wanderklampfe. Wo der Weg immer vorwärts führen muss, hält die Verwirrung jedoch nicht lange an. Also fällt ein schwerer E-Bass ein und dazu beginnen zwei E-Gitarren rastlos zu schwirren. Und von Jacqueline ist auf einmal gar keine Rede mehr. Dafür reißt der Lärm eine Tür zu einem Nebenzimmer auf, in dem zwei E-Gitarren und ein bisschen Coolness mehr zählen als alle schönen Augen und schwarzen Minikleider dieser Welt. "It´s always better on holidays. That´s why we only work when we need the money", ruft Kapranos.

Das Dasein, eine bebende Dauerparty. Das Leben, ein endloser Rausch. Die Wahrheit, ein schwüles Nebenzimmer in einem aalglatten Betonbau, in dem immer Ferien sind. So haben wir uns den Rock'n'Roll immer vorgestellt, seit die Hüfte von Elvis Presley und der Entenschritt von Chuck Berry die Tür zum Nebenzimmer aufstießen. Das haben sie uns versprochen! Und dieses Mal soll der Rock'n'Roll bei Partys der Kunsthochschule in irgendwelchen Abbruchhäusern oder Industriehallen am Stadtrand von Glasgow begonnen haben. Dorthin strömten schon nach den ersten Auftritten immer mehr Mädchen, um Alex Kapranos und seine Band zu hören. Und jetzt hören wir - angetan und durchaus betört von der Legende - diese Musik, die unser Leben verändern soll.

"This band will change your life!", tönte der britische New Musical Express zu Beginn dieses Jahres. Dass gerade erst die zweite Single von Alex Kapranos und seinen Kumpels, die sich als Band Franz Ferdinand nennen, erschienen war, passt prototypisch in die Rockgeschichte. Wie, wenn nicht mit einem Drei-Minuten-Song, ändert jemand die Welt? Wann, wenn nicht genau jetzt und durch drei längst bekannte Akkorde, soll dem Universum der Atem stocken?

Doch irgendwie schleicht sich bei aller Euphorie, die Kapranos und seine Kumpels seit ein paar Monaten durch die Boxen jagen, ein schlechtes Gewissen, während ich vor der Plattensammlung knie und nach den alten Scheiben der Talking Heads suche und nach denen von Gang of Four und auch ein paar New Wave-Helden herauskrame. Franz Ferdinand erinnern nämlich in einem einzigen Song an so viele diese Bands, das die Zeit während dieses Songs gar nicht reicht, um alle aufzählen zu können. Und das schlechte Gewissen lässt mich fragen: Leg ich das auf, wenn ich im Herbst unsere Tochter in der (Rock-)Welt begrüßen werde? Genügt das, um von der Kraft und der Herrlichkeit zu künden, die in dieser Welt letzte Zufluchtsorte erbauen, die die Welt einerseits besser verstehen und gleichzeitig leichter ertragen lassen? Reichen eben diese paar fetzigen Akkorde dieser jungen Männer aus Glasgow aus, um aus uns andere, womöglich bessere Menschen zu machen?

Denn so viel ist ja klar: Wo die jungen Helden auftauchen, müssen die alten Helden schon längst herbeizitiert worden sein. Da mag der Rock noch so sehr (und bisweilen übermäßig angestrengt) in der Gegenwart verortet werden, nur für das Hier und Jetzt Geltung haben (sollen): Er trägt schwer an seiner Geschichte, auch wenn die heuer erst ihr Halbes-Jahrhundert-Jubliäum begeht. War alles schon da. Und war alles schon besser. Und ab sofort geht gar nichts mehr. Das hat Keith Richards wegen Chuck Berry gehört und Jimmy Page wegen Keith Richards und Angus Young wegen Jimmy Page und so weiter. Bis dann halt wieder einmal die nächste E-Gitarre unter Mithilfe kreischender Zeitschriften eine Schneise durch den Instant-Dschungel aus Computerbeats schlägt. Diese Gitarre hat dann aber der Jimi Hendrix auch schon axtmäßiger durch die sattsam bekannten Klischees geschlagen und schnell ist klar: Weil früher alles besser war, geht es von jetzt an schnurstracks bergab. Seit wann? Seit immer. Definitiv aber seit ziemlich genau zehn Jahren. Dabei hat alles mit einem Siegesschrei begonnen.

„Wir haben gewonnen!“
„Wir haben gewonnen!“, schrieb die US-Musikjournalistin Gina Arnold im September 1991. Wenige Tage zuvor war Nevermind, das zweite Album von Nirvana, ohne Vorwarnung mit melodischen, aber harten Gitarren und einem schweren, aber rhythmisch vielseitigen Schlagzeug an die Spitze der US-Charts gedonnert. Wir hatten gewonnen! Gegen Michael Jackson und den 80er-Jahre-Synthie-Pop, gegen oberflächliche Yuppies und gegen alle jene, die den Rock längst begraben hatten. An diesem einen Tag hatten wir gewonnen. „Aber wer waren 'wir' – und warum waren wir so anders als die anderen?“, fragte Michael Azerrad, Autor der Nirvana-Biografie Come As You Are, vor drei Jahren in seinem Buch This Band Could Be Your Life. Und warum veränderte dieses „wir“ den Lauf der Popmusik? Und vor allem: Auf welche Art und Weise veränderte dieses „wir“, das Nirvana an die Spitze der Charts gebracht hatte, das millionenschwere Geschäft mit dieser Popmusik? Und zwar so, dass heute kein Rock mehr ist, wie er einmal gewesen sein hätte können. Das alles ist nämlich mit dieser einen Platte passiert. Diese zwölf Songs von Smells Like Teen Spirit bis Something In The Way machen uns seither die Hölle heiß, wenn wir der Zukunft des Rock nachspüren wollen.

Die Mittel, mit denen dieser Sieg erkämpft wurde, hätten uns ja schon stutzig machen müssen. Der Sieg hatte einen Vater: Kurt Cobain, Sänger und Anführer von Nirvana. Kurt Cobain hatte zwei Probleme: Die Welt, die ihm diesen Sieg schenkte, und die Erwartungen, die diese Welt mit diesem Sieg schürte.

Das notorisch zweifelnde Scheidungskind Cobain, 1967 geboren, hyperaktiv und mit Beruhigungsmitteln schon von früher Jugend an auf den Weg in den späteren Drogenmissbrauch geschickt, musste als Leitfigur des Grunge-Rock herhalten. Darunter wurde musikalisch und modisch subsummiert, was von einem Romantitel des US-Schriftstellers Douglas Coupland seinen Namen bekommen hatte: die Generation X. Die litt vor allem darunter, dass die immer (noch) währende gesellschaftliche Revolution der späten 60er-Jahre so nachhaltig wirksam eine von Popstrategien bestimmte und von Unterhaltungslust geprägte Welt geschaffen hatte, in der es kaum Spielraum zum Aufbegehren gab. Die Welt wurde immer kleiner und jeder kannte schon alles. Die Chefsessel in immer globaler agierenden Machtzentren waren besetzt – und zwar von den eigenen Vätern, die einst bei Hendrix die langen Haare wehen ließen und die Woodstock-Triple-LP als Glaubensbekenntnis verstanden. Unter diesen Voraussetzungen erstarrte erstmals auch die (Rock-)Subkultur unter der Meinungshoheit der Altvorderen. Revolution? Schon erledigt! Verzerrte Gitarren? Schon gehört! Wie gesagt: Früher war alles schon mal da und besser.

Der Optimismus der so genannten Goldenen Rockära in den 60er-Jahren, die Unbekümmertheit einstiger Tage, in denen ein simples „AWopBopaLoopBop“ die Welt aufstacheln konnte, war ohnehin spätestens mit dem schnellen Ende der Punk-Zeit in den späten 70er-Jahre verschwunden. Der Sieg, den Nirvanas Nevermind darstellt, basiert – erstmals in der Rock­geschichte – nicht auf nur leicht chiffrierten Beschwörungen der Sexualität, Liedern des Übermuts oder Suaden der Wut.

Die neuen Rocksongs des Grunge wuchsen aus tief verwurzeltem Pessimismus, einer gehörigen Portion immer währender schlechter Laune, quälender Langweile und einer bestenfalls ironischen, meistens aber zynischen Weltsicht.
Wenn Rock Kraft und Herrlichkeit demonstriert, wenn er sich auflehnt gegen den ganzen verdammten Rest der Welt, wenn er losbricht als Sturm, der die Erlösung von allen Mühen der Ebene des Daseins zur Folge hat, dann ist Rock eine einsame Angelegenheit. Das gilt für den Helden, der ihn aus tiefster Überzeugung zelebriert. Das gilt genauso für die, die der Held anspricht, die ihn tief in ihr Herz aufnehmen, denen ein Gitarrenakkord, eine scheinbar belanglose Textzeile aus tiefster Seele spricht. Und Cobain  sprach aus tiefster Seele. „Hey, wait! I´ve got a new complaint.“ Oder: „Here we are now. Entertain us! I feel stupid and contagious.“

Diese bisweilen melancholische, meist aber ohnmächtig dröhnende Umsetzung eines als trist und ausweglos empfundenen Alltags entsprach einer Grundregel, die seit dem Erwachsenwerden des Rock in den 60er-Jahren niemand so erschütternd für sich in Anspruch nahm: Sag, was ist und sag es laut, damit dir alle zuhören müssen. Damit war es aber bald vorbei.

Die Zerstörung des Geniegedankens
Gleichzeitig mit dem Grunge in Seattle war von Detroit und Berlin nämlich der Techno in die Welt gewummert und wurde zur bestimmenden Popkultur der Gegenwart. Zigfache Techno-Ableger beherrschen die Dancefloors. Die Auswirkungen von Produktionstechnik und Klangästhetik lassen sich bis in gegenwärtige Seicht-Pop-Produkionen à la Britney Spears oder Christina Aguilera nachvollziehen. Techno propagierte – zumindest in den Anfangsjahren, als sich noch keine DJ-Stars herausgebildet hatten und ihr Startum als Massenproduzenten förderten – die Zerstörung des Geniegedankens, der bis dahin die Popwelt bestimmte. Durch die simple, für jedermann leicht zu bewerkstelligende Herbeiführung des kollektiven Erlebnisses auf der Tanzfläche (Platte auflegen, abspielen, abtanzen), das jenseits jeder gesellschaftlichen Reflexion oder gar sozialen Gebrauchsanweisung funktionierte, gelang die Aufhebung des Individuums. Generation X, Grunge und allen voran Nirvana rü­ckten dagegen womöglich ein letztes Mal in voller Lautstärke das gebrochene Individuum, sein Leid an und mit der Welt, seine nicht zuletzt aus diesem Schmerz und Leid wachsende Kreativität in den Mittelpunkt. Eben aber aus diesem Schmerz, aus einem aufgeschlossenen Blick auf die Welt, aus einer vielleicht durch das persönliche Schicksal provozierten, aber für viele andere ebenso nachvollziehbaren Weltsicht nährte sich der Rock von Dylan bis U2, von The Band bis Oasis, von Gene Vincent bis zu Jack White von The White Stripes. Seine Kraft liegt in der Kraft des Individuums. In einer Welt, die das Individuum nach allen Regeln der Brutalunterhaltung auflöst, die es zur wählbaren Nummer in einer Fernsehshow degradiert, tut sich der Rock aber schwer, weil er Helden braucht, die gegen alle Regeln verstoßen und entlang einer schneidenden Gitarrenlinie aus der Reihe tanzen. Schon klar: Wer seinen Grundbedarf an Lautstärke per Handy-Klingelton bezieht, muss das altmodisch finden.


Aufstand gegen die Musikindustrie
Cobain und Nevermind haben aber noch etwas ganz anderes bewirkt als Erinnerungen an eine Zeit, in der ein trauriger Einzelgänger und seine melancholische Wut für kurze Zeit die Welt regieren konnten. Nirvana waren das erste kommerziell erfolgreiche Ergebnis einer US-amerikanischen Revolution, einer Revolte gegen die seit den 70er-Jahren grassierende Ausbeutung durch die Macht einer ideenlosen Musikindustrie. Der Aufstand wurde angeführt von Bands wie Hüsker Dü, Sonic Youth, The Minutemen, Black Flag oder Pixies, die den größten Einfluss auf Nirvana hatten. Die Pixies haben sich trotz der Lebensfeindschaft zwischen Sänger Frank Black und Bassistin Kim Deal noch einmal zusammengetan, um in diesem Sommer von Minnesota bis Madrid und von Laibach bis Los Angeles wieder auf Tournee zu gehen. Ihre Tour trägt den Titel Sellout. Die wissen, was sich gehört und was sie tun!

Alle diese Bands waren Wegbereiter für den Mega-Erfolg von Nirvana und damit das bisher letzte überzeugende Aufflammen der Rockgitarre mit gesellschaftspolitischer Relevanz. Sie alle setzten – manchmal im Hard-Core, manchmal als hymnisch-heftige Melodiker, manchmal als verstörende Experimentalisten, aber immer auf ästhetischer Basis der Rockmusik und geleitet von der Idee, „independent“ und „alternative“ zu sein - auf das revolutionäre Credo des Punk: Do it yourself! Sonst tut es niemand. Ein Netzwerk aus Rebellion und Rockmusik hatten sie so unter den Augen der Reagan-Ära geschaffen, das mit Nevermind auf Nimmerwiedersehen explodierte.

Die Worte „independent“ und „alternative“, zwei Quintessenzen der Rockmusik, weil sie – wenn sie nicht nur gut, sondern auch sinnvoll sein soll – immer eine Gegenwelt repräsentieren muss, stehen seit Nevermind unwiederbringlich nicht mehr als Attribute für laute, gewaltige, aus Widerstandsgeist geborene und das Innerste nach außen kehrende Musik jenseits der Hitparade und damit für ein Leben jenseits eines einförmigen, auf lockeres Mitschwimmen in der massenhaften Mehrheit abgerichteten Daseins. Die Worte wurden Genres, weil jede Nische auch nur eine Marktlücke ist. „Independent“ landete, als ginge es um werbewirksame Beschreibungen wie „kuschelweich“, „hitzebeständig“ oder „mikrowellenfest“, als Anpreisungsattribut auf Pressemitteilungen und auf Anzeigenseiten einer fantasielosen Musikindustrie-Gesellschaft. Inhalt spielt keine Rolle, solange die Titelseiten nur den Slogan, das Schlagwort groß und breit transportieren. So unterteilt Universal Music, das aktuell größte Entertainment-Konglomerat aus Plattenlabels, TV-Sendern und Hochglanz-Magazinen, seine wöchentlichen Newsletter für Journalisten und andere „Medienpartner“ nicht nur in Kapitel wie „Superstars“ oder „Soundtracks“, sondern bietet längst auch die Abteilung „Alternative“ zum Ausverkauf. Mit der harten, rockigen Alternative, die in den 80er-Jahren in kleinen Clubs geboten wurde, hat das freilich nichts zu tun.

Auch das seit eineinhalb, zwei Jahren hochglänzend unter dem Markenzeichen „Rockrevival“ vermarkte Treiben von Bands wie The Strokes, The White Stripes, The Vines, The Hives, Black Rebel Motorcycle Club oder neuerdings Franz Ferdinand steht in den Lagerhallen der Industrie in der Abteilung „Alternative“. Das mag für die ästhetische Qualität der neuen Lederjackenrocker in einer Britney-Welt und einem Starmania-Universum schon stimmen. Die Musik dieser Bands hört sich auch gut an, fährt in ihren großen Momenten sogar durch Mark und Bein, beschwört für kurze Augenblicke sogar eine nicht mehr für möglich gehaltene Leck-mich-Haltung. All diese Bands haben die Kraft und die Macht, für einen Taktwechsel die Welt aus den Angeln zu heben. Ihnen allen aber fehlt der unbedingte Wille zur Unabhängigkeit von den Mechanismen des Marktes. Vielleicht fehlt ihnen auch jede Möglichkeit zu dieser Unabhängigkeit in einer Welt, die in diesem Wort keine Tugend mehr sieht, sondern eine Gefahr. Die Industrie domestizierte mit Nirvana auch den letzten Rest von Untergrund.

Die vertane Chance des Rock
Nirvana, deren Label Sub Pop allen Regeln der Szene zum Trotz einen Vertrag mit Geffen Records, einem der damaligen Giganten im Geschäft, abgeschlossen hatte, veränderte den Musikmarkt – und damit die Chancen des Rock. Der Erfolg von Nevermind, so überzeugend ehrlich er auch gemeint und gesungen, gerockt und gestöhnt war, ließ die Plattenindustrie schwitzend hinterherlaufen. Damals schon war die Wirklichkeit schneller als die angeblichen Marktführer der Branche, die planlos ihre Nasen in Marktstudien stecken, statt den Duft der Realität zu atmen. Aber wenn Industrialisierung und Globalisierung zum Zweck der Gewinnmaximierung irgendwo ideal und reibungslos funktionieren, dann in der Unterhaltungsindustrie. Was nach Trend riecht, wird ausgepresst. Da können sich die Geschäftemacher im Showbusiness noch so sehr anstrengen und uns alle die oben genannten „The“-Bands als neueste, verheißungsvolle Zukunft des Rock verkaufen wollen: Die Zukunft hat angefangen, als sie schon vorbei war. Den Rock’n’Roll führt nämlich auch heute immer noch ein Toter an.

5. April 1994
Kurt Cobain schoss sich am 5. April 1994 über der Garage seines Hauses in Seattle das Hirn aus dem Kopf. Ausgemergelt vom Erfolgsdruck, voll gepumpt mit Heroin und ausgelaugt von verzweifelten Versuchen, den erdrü­ckenden Starstatus als Sprachrohr einer Generation wieder einzudämmen, hat er aufgegeben. Der Schuss aus seiner Schrotflinte hallt gleichermaßen nach wie Gitarre, Bass und Schlagzeug seiner Band. Das Echo dröhnt heute noch so laut und ewig wie Neil Youngs Hymne auf den Sex Pistols-Anführer Johnny Rotten: „Hey hey, my my, Rock’n’Roll will never die.“

Neil, der große Vorsitzende der Rockgesellschaft, ist immer noch da und müht sich redlich, während der von ihm als Held besungene Rotten bei einer TV-Abenteuershow des englischen Fernsehens den Quotenkasperl und Vorzeige-Punk gibt. Zehn Jahre nach Cobains Selbstmord sind ein paar neue Nirvanas in Hörweite. Die freche Attitüde, mit der Alex Kapranos die wunderhübsche Jacqueline stehen lässt und sich der E-Gitarre widmet, mag Anlass zur Hoffnung geben. Der rotzige Punkrock von The Strokes und der dreckige Electro-Blues von The White Stripes sorgen durchaus für eine Befreiung der Ohren von fahrstuhl- und kaufhauskompatibler Musik. Andererseits klingt beim Black Rebel Motorcycle Club trotz all der betörend intensiven Gitarrenarbeit eine Textzeile hilfloser als alles, was Cobain je formulierte: „What happened to our Rock’n’Roll?“, fragen sie – und finden keine Antwort.


Die Gegenwart des Rock
Die Gegenwart des Rock klingt – wenn man genau hinhört – nicht schlecht. Allerdings ist niemand in Sicht, der auch nur annähernd die Strahlkraft von Cobain hätte. Unwillkürlich fragt man sich – weil, wie gesagt, früher ja alles besser war und früher manchmal bis heute dauert –, wo Cobain heute wäre, wenn er noch wäre. Darauf gibt es freilich keine Antwort, sondern eine durchaus als zynisch einzuordnende Gewissheit: Erst sein Tod machte Cobain und seinen Rock endgültig glaubwürdig. Eine Gewissheit, die wir seit Buddy Holly, Janis Joplin, John Lennon, Bon Scott oder Jeff Buckley kennen. Die Spritze, die Flasche oder die Schrotflinte gebaren in der Rockmusik stets Mythen. Und die sind unsterblich – erst recht in einer quasi-religiösen Betätigung, wie sie die Liebe zur Rockmusik und die unzerstörbare Hoffnung auf ihre erlösende Kraft darstellen. Im Hier und Jetzt tut man sich mit diesem Glauben freilich schwer, auch wenn man sich noch so redlich bemüht, es mit Kris Kristofferson zu halten: „Yesterday is dead and gone and tomorrow´s out of sight.“