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brigitte fuchs | fighting empire

Hardt, Negri, Jedi, Jerusalem (neu) und die Kokosnuss

Und jetzt, fragt sich

ein Zahn allein,
und schreibt dann doch keinen Brief an den Direktor der Schifffahrtslinien, um eine Passage nach Suez zu ergattern. Sein Name ist auch gar nicht Rimbaud, sondern Spinzoa, und er stellt sich diese Frage auf Lateinisch. Und er ist in Wirklichkeit nicht allein auf der Welt. Er ist Philosoph und als solcher ist ein winziges Teilchen jener "multitudo", die er selbst erfunden hat. Dieses Wort bezeichnet alle möglichen Leute mit und ohne Privatvermögen. Sie bilden eine Mehrheit und zwar in einem Imperium, wo ein Fürst im Gegensatz zur Multitudo die Macht hat. Diese Situation findet Herr Spinoza keineswegs optimal und er sieht sich gezwungen, ein wenig über die Wildnis oder Natur, über Gott und die Welt nachzudenken.

In der Natur herrscht natürlich das Naturrecht und jeder (aber nicht jede) hat gleiche Rechte und Macht. In seinem Scharfsinn fällt ihm nun auf, dass es unlogisch wäre, wäre sich ein Mann in der Natur seiner Rechte bewusst. Das Bewusstsein von Rechten träte logisch erst ein, sobald ein Sozialvertrag vorläge; notfalls auch ein Sozialvertrag, demzufolge nur ein einziger im Imperium die Macht hat. In diesem Fall könnten nämlich auch die anderen - die Multitudo beispielsweise - auf den Gedanken kommen, Macht zu beanspruchen. Die Macht wiederum kommt von Gott, denn Gottes Wesen ist die "potentia" und alles, was nicht Gott ist, untersteht seiner "Macht" ("potestas"). Wodurch bewiesen ist, dass nicht nur Gott, sondern auch die Natur wirklich existiert. Immerhin!


Zwei Zähne
bilden eine, wenn auch kleine Multitudo im großen, weiten Imperium, das sich überall in unserem schönen Universum breit macht. Sie sind Fans von Star Wars (Krieg der Sterne) und haben sämtliche Teile mehrmals im Kino gesehen, möglicherweise auch in deutscher Synchronfassung. Dabei haben sie gründlich begriffen, dass "die Macht" im Universum meistens widerrechtlich gegen die Guten ausgeübt wird. Und weil ihr Beruf das Philosophieren ist, sind sie entschlossen, ihren Lieblingsfilm in eine Theorie zu gießen. Und das natürlich auf Englisch, sodass das Imperium "Empire" und die Multitudo "multitude" heißt.

Glücklicherweise müssen sie sich nicht alles ganz alleine ausdenken. Zum Beispiel finden sie mit Herrn Foucault, dass die"Macht" in der Gegenwart die Form der "Bio-Macht" angenommen hat. Berufsbedingt haben sie auch Spinoza gelesen und es gefällt ihnen diejenigen, die im Film die Guten spielen, "multitude" zu nennen. Die Bio-Macht macht bekanntlich die multitude, die genauso vielfältig und kulturell und politisch genauso pluralisiert ist wie die diversen, zu den Guten zählenden Subjektivitäten in Star Wars. Die multitude will, wie gewohnt, natürlich fast immer ganz spontan ihr natürliches Recht und sie ist - wie auch die Zeit - schon längst reif für die Macht.

In Star Wars muss nun Luke Skywalker als Messiasersatz her, um der multitude zu ihrem Recht zu verhelfen. Diese Methode der Aquisition von Rechten und Macht kommt aber in der Natur nicht vor und ist von einem theoretischen Standpunkt aus kompletter Blödsinn. Um die messianische Theorie zu modifizieren, ohne sich zu allzu weit von der Vorlage zu entfernen, bedarf es eben genau an dieser Stelle einer Theorie. Dank Spinoza ist das auch ein Leichtes, weil Spinoza ja zwischen Gottes "potentia" und Gottes "potestas" unterscheidet. Wenn man unbedingt will, kann man nämlich behaupten, dass sich die potentia ausschließlich in der multitude verkörpert und dann mit Spinoza sagen, dass die "potestas" der ununterbrochenen Verwirklichung der "potentia" untergeordnet ist. Die Frohbotschaft lautet also, dass wirkliche Dinge wie zum Beispiel Kapital und Staat eigentlich gar keine Macht haben. Und das gilt nicht nur im Himmelreich, sondern auch auf Erden!

Freilich werden manche sich jetzt fragen, warum die multitude nicht längst schon an der Macht ist. Und natürlich gibt es auf diese Frage eine Antwort: Das Problem ist nämlich die unterdrückte Subjektivität der Multitudo, die anstatt gegen die Macht zu sein, die Macht unterstützt. Darüber müssen wir aber nicht traurig sein, ist doch das Happyend ein Muss und das Problem ein unbedeutendes. Diesmal aber nicht dank Herrn Spinoza, sondern dank der nicht mehr real existierenden Spruchbänder, die einst dem "historischen Optimismus (der Arbeiterklasse)" gewidmet wurden: Musste auch die Arbeiterklasse der multitude weichen, so bleibt uns ihr historischer Optimismus doch erhalten! Und wenn die multitude die Bio-Macht dann endlich satt haben wird, wird sie sich auch holen, was ihr gehört: Die Macht, die anders und viel schöner als im Film nicht zurückschlägt.

Drei Zähne
sind in Unkenntnis des reinen Idealismus von Hardt und Negri offenbar der Auffassung, dass das Empire doch zurückschlagen wird. Infolge ihrer Unwissenheit bezeichnen sie das Empire als "Globalisierung (der Konzerne), die multitude aber gar nicht. Denn diese wurde erst erfunden, nachdem sie selbst schon die Praxis zur Theorie geliefert hatten. "Es gibt", wie sie sagen, "Alternativen zur Globalisierung". Diese sind, wie wir noch sehen werden, politisch und kulturell genauso vielfältig wie die multitude selbst. Und um endlich selbst Teile der multitude zu werden, können wir uns an dieses Buch als Leitfaden halten und folgendermaßen vorgehen:

  1. Zuerst benötigen wir als materielle Basis einen Garten, den wir natürlich ganz ohne Maschinen bestellen (traditionelles Gartenwerkzeug ist glücklicherweise erlaubt). Wer noch keinen Kleingarten hat, muss sich unverzüglich einen besorgen, denn nur durch die hortikulturelle "Subsistenzproduktion" können wir peu à peu vom globalen Markt unabhängig werden.
  2. Ideologisch schließen wir uns - je nach Geschmack und noch viel wichtiger: je nach biologischer Geschlechtszugehörigkeit - dem Öko-Feminismus (Frauen) oder dem Öko-Sozialismus (Männer) an und nehmen dann an allen Arten von Demonstrationen und Foren teil, die sich gegen Globalisierung, Gentechnik, Neuen Reproduktionstechnologien etc. richten. (Nach zahlreichen Augenzeugenberichten tanken wir bei solchen Gelegenheiten auch jede Menge historischen Optimismus.)
  3. Wir erfinden "andere Geschichte/n" über "unsere" (?) Vergangenheit; insbesondere behaupten wir, dass es vor der "Geschichte" ein friedliches, matriarchales Zeitalter gegeben hat, sogar in "Europa" (nicht etwa "Nordwestasien").
    Andere Alternativen gibt es eigentlich nicht, sodass der englische Titel "There is an Alternative" eigentlich richtiger ist.

Vier Zähne
können den Gartenbau nicht leiden. Ebenso scheuen sie den finanziellen Aufwand, der für Anmietung und Betreiben eines Kleingartens nötig ist. Unter Umständen haben sie Hardt und Negri gar nicht gelesen und meinen, das Imperium schlage zurück. Oder sie haben Hardt und Negri gelesen, sind aber dagegen, dass Messias Luke einfach übergangen und durch die multitude ersetzt wird. Möglicherweise hat ihnen im Kino gerade Luke Skywalker am besten gefallen und sie möchten ihm nacheifern, und sei es auch ohne jede Jedi-Ritter-Schulung. Sie bewaffnen sich daher mit Steinen, Stanleymessern, (natürlich ausgetrunkenen) Bierflaschen und Ähnlichem, um das Empire in heroischem Kampf herauszufordern.


Zwei Zähne
sind besser als gar kein Zahn.


Und jetzt
noch - zum Trost und zur Erbauung - einige Verse über das Neue Jerusalem, natürlich von William Blake:

And did those feet in ancient time/Walk upon England's mountains green?/
And was the holy Lamb of God/On England's pleasant pastures seen?

And did the Countenance Divine/Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here/Among these dark Satanic Mills?

Bring me my Bow of burning gold!/Bring me my Arrows of desire!
Bring me my Spear! O clouds, unfold!/Bring me my Chariot of fire!

I will not cease from Mental Fight,/Nor shall my Sword sleep in my hand,
Till we have built Jerusalem/In England's green and pleasant Land.

(Blake, William: Milton. In: Sampson, John (Hg.): The Poems of William Blake. London: Chatto & Windus 1921, S. 239)