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gefühlswinterschwimmer begünstigt

Günther Freitag seziert in seinem jüngsten Roman gesellschaftliche Kälteschichten


Günther Freitag: Flusswinter

kitab; 2004

Rezensiert von: hannes luxbacher



"Der Landstrich am Fluss, früher die fruchtbare Au und geschützt, entvölkert sich von Woche zu Woche mehr." Schon mit den ersten Sätzen steht man als Leser mittendrin im von Günther Freitag entworfenen Szenario und erahnt, weiß Bescheid, worum es geht: Um Katastrophen großen Ausmaßes, um Katastrophen, deren Namen die Kapitelüberschriften in Geschichtsbüchern sein könnten. Die #große Veränderung# hat das Land befallen, Menschen verschwinden, Repression ist Alltag, eine unscharfe, doch konkret spürbare Bedrohung lastet auf der Bevölkerung, wird spätestens sichtbar, wenn die Militärs auffahren. Und über all dem schwebt die zunehmende Erstarrung, der kontinuierliche Temperaturrückgang, der sich wider alle globalen Tendenzen ausgerechnet am Landstrich am Fluss rücksichtslos seine Bahn bricht. Das sind die Zutaten von Flusswinter, und so bekannt diese Elemente auch sein mögen, legt Freitag nach einigen Jahren des Kaum-Publizierens mit diesem Roman einen Wurf vor, der besagte Elemente nahezu monströs verdichtet und in einer kühl wirkenden, nüchternen Sprache transportiert.

Vier Perspektiven hat der Autor gewählt, um seinen Blick auf das zu werfen, was nur vehemente Verfechter der Schweigespirale nicht als der Wirklichkeit entnommen anerkennen mögen, vier Perspektiven, hinter welchen sich durchaus kanonisierte Säulen des Abendlandes festmachen lassen. Da ist der Messner Janak, dem der Pfarrer abhanden gekommen ist und der, immer wieder konfrontiert mit seiner pädophilen Vergangenheit, zunehmend die Agenden des Pfarrers übernimmt, da ist der städtische Junglehrer, der bislang seine Mutter gepflegt hat und in seiner Unbedarftheit im rauen Klima des Dorfes nicht bestehen kann, da ist die Hotelbesitzerin, ehedem Künstlerin, deren tyrannischer Ehemann trotz seiner schweren Krankheit alle Macht ausübt, die ein Patriarch nur ausüben kann und da sind schließlich die Kinder, eine Horde unendlich gewiefter, konsequent rücksichtsloser Durch-Blicker, die nicht nur in der Lage sind, die Erwachsenen in ihrem Sinne zu manipulieren, sondern als einzige ein strategisches Verhalten an den Tag legen, dass den übrigen Figuren und Personen weitgehend mangelt. Freitag bündelt diese Zutaten zu einem Text, der menschliche Niedertracht in einer Variante ausformuliert, wie das zum einen schon auch schwer zu ertragen ist, zum anderen aber hat diese Neigung menschlichen Verhaltens vehemente überzeitliche Gültigkeit, sodass die Arbeit des darauf Hinweisens regelmäßig jemand machen muss.

Freitag entzieht sich in Interviews zur politischen Konnotation seines Textes mit dem simplen Satz "dass der Inhalt überall spielen kann" aus der an ihn herangetragenen Pflicht der lokalen Festlegung, aber das die Frage im Bezug auf ein Thema wie dieses müßig ist, davon wissen ohnedies die Medien täglich zu berichten und wer unbedingt hören will, dass es sich bei diese Text um Österreich handelt, dem sei gesagt: Ja, aber auch.