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gentechnik reloaded!

bernd wieser, sandra karner und manfred hall | gentechnik reloaded!

Nach ruhigen Jahren grüßt die „grüne Gentechnik“ wieder aus den Medien

Seitdem die Kontroverse um den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen (GVP) bzw. gentechnisch veränderter Organismen (GVO) in Österreich und anderen Ländern Europas in den späten 1990er-Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, war es in den letzten Jahren ruhig geworden um die "grüne Gentechnik" - die Anwendungen der Gentechnik im Bereich von Landwirtschaft und Lebensmitteln. Ab Oktober 1998 wurden in der Europäischen Union fast sechs Jahre lang keine gentechnisch veränderten Pflanzen zugelassen. Man sprach von einem "de facto Moratorium", das im Mai 2004 mit der Marktzulassung einer Konserve mit gentechnisch veränderten Maiskörnern aus den USA zu Ende gegangen ist. Während der letzten knapp sechs Jahre wurden in Europa nur in Spanien GVP angebaut (jährlich ca. 25.000 bis 32.000 Hektar insektenresistenter Bt-Futtermais). Europa ist in dieser Hinsicht jedoch eine Ausnahme, weltweit ist die Anbaufläche von GVP laut ISAA-Report 2003 nunmehr auf rund 67 Mio. Hektar angestiegen. Das entspricht bei Soja 50 % der weltweit genutzten Anbaufläche. Im Fall von Mais beträgt der Anteil von gentech Vernisch veränderten Sorten 11 % der weltweiten Produktion, bei Raps 16 % und bei Baumwolle 20 %. Der Anbau von GVP konzentriert sich im Wesentlichen auf nur fünf Länder: USA, Argentinien, Kanada, Brasilien und China. In diesen Ländern werden 99 % aller weltweit gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut.

Wirtschaftsinteressen
Die europäische Politik in Sachen Gentechnik hat sicherlich mit der öffentlichen Meinung und einer relativ breiten Ablehnung durch die Konsumenten zu tun, allerdings auch mit handfesten Wirtschaftsinteressen: Die USA möchten ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf dem europäischen Markt verkaufen und üben auf die EU Druck aus, wenn diese versucht, strengere Auflagen auf Gentechnikprodukte zu verordnen. Unter anderem wirkt sich dieser Konflikt in der Kennzeichnungspraxis aus. In der EU wird eine Kennzeichnungsform favorisiert, die auch Herstellung und Verarbeitung von GVO-Produkten ausweist, während sich die USA an der Nachweisbarkeit von gentechnisch veränderten Substanzen im Endprodukt orientiert. Unterschiede können auch für die Risikoabschätzung und Sicherheitsbewertung verzeichnet werden. Seit April 2004 gelten in der EU neue (strengere?) Rechtsvorschriften, die Defizite der Vergangenheit beheben sollen. Mit diesen Maßnahmen versucht man das viel zitierte Vertrauen der Konsumenten zu gewinnen und einen Weg zu finden, gentechnisch veränderte Pflanzen und Nahrungsmittel für den europäischen Markt akzeptabler zu machen. Vor diesem Hintergrund ist in Zukunft mit dem kommerziellen Anbau von GVP in vielen EU-Ländern zu rechnen.

Neue Marketingstrategien
Neue Strategien gibt es aber nicht nur in der Politik, sondern auch in der Forschung und der Biotech-Industrie. Management und Marketingabteilungen ließen ihre Köpfe rauchen und fragten sich, ob die geringe Akzeptanz nicht möglicherweise darauf zurückzuführen wäre, dass bisherige GVP in erster Linie den Landwirten und Lebensmittelproduzenten Vorteile bringen sollten. Vor allem die Steigerung des Ertrags stand im Vordergrund der grünen Gentechnik. Mittlerweile hat sich diese Strategie geändert, eine neue Generation GVP soll nun auch den Ver brauchern Vorteile bieten. Lebensmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse sollen mithilfe der Gentechnik länger halten, gesünder und schmackhafter sein, vor Krankheiten schützen und sogar Arzneimittel produzieren.

Fruchtsäfte mit erhöhtem Vitaminund Mineralstoffgehalt stehen längst auf unseren Frühstückstischen, ebenso probiotische Milchprodukte. Neu ist, dass in Zukunft beispielsweise Äpfel und Erdbeeren selbst schon mehr von den gewünschten Inhaltsstoffen aufweisen sollen, sodass diese nicht erst wie bisher im Verarbeitungsprozess zugesetzt werden müssen. Gleichzeitig versucht man, unerwünschte Pflanzeninhaltsstoffe, wie Allergene und Giftstoffe, zu minimieren oder überhaupt auszuschalten. "Functional Food" soll die Konsumenten durch einen zusätzlichen ernährungsphysiologischen oder medizinisch-gesundheitlichen Nutzen für sich gewinnen.

Sojabohnen mit einem erhöhten Anteil an einfach ungesättigter Fettsäure sind für die USA, Kanada und Japan bereits zugelassen. Der Verzehr solcher Sojabohnen soll sich somit positiv auf den Cholesterinspiegel auswirken. Eines der bekanntesten Beispiele für neu entwickelte GVP ist der "Golden Rice". Dieser Reis wurde vor allem für Regionen entwickelt, in denen es aufgrund von Vitamin-A-Mangel häufig zu Augenerkrankungen bis zur Erblindung kommt. Ist Reis in diesen Ländern nun das wichtigste Nahrungsmittel, so könnte doch Reis mit erhöhtem Vitamin-A-Gehalt sprichwörtlich Gold wert sein. Über diesen Reis wurde viel diskutiert, nicht zuletzt deshalb, weil man täglich etwa 9 kg (gekocht) davon essen müsste, um auf eine wirksame Menge Vitamin A zu kommen.

Auch Raps und Senf können inzwischen gentechnisch mit Carotin (Vitamin A) angereichert werden. Ölhältige Pflanzen sind für die Anreicherung mit Carotin besonders interessant, weil dieses Vitamin nur in gelöster Form aufgenommen werden kann. Kartoffeln mit geringerem Fett- und erhöhtem Ballaststoffanteil sowie mit verringertem Bitterstoffanteil befinden sich ebenfalls in Entwicklung. Eine Reduktion von unerwünschten Pflanzeninhaltsstoffen wird bei koffeinfreiem Kaffee, allergenfreiem Reis, glutenfreiem Weizen und Sojabohnen mit verringertem Stachylosegehalt - ein Mehrfachzucker, der vom Menschen nicht verdaut werden kann und Blähungen verursacht - angestrebt. Nikotinarmer Tabak ist in den USA bereits auf dem Markt, und an geschmacksverstärkten oder geschmacklich veränderten Erdbeeren und anderen Pflanzen wird gearbeitet.

Die Rückkehr der Impf­banane
Die Entwicklung von Bananen mit einem Impfstoff gegen Gelbsucht war ein populär gewordenes Beispiel für die Anwendung von Gentechnik. Im konkreten Fall war die enthaltene Konzentration des Impfstoffes jedoch zu gering, um einen ausreichenden  Impfschutz zu ermöglichen. Zudem war der Impfstoff nicht ausreichend stabil. Dennoch wird weiterhin daran gearbeitet, Pflanzen zu entwickeln, die eine Immunisierung ohne medizinische Ausrüstung über die Nahrung erlauben.

Beim so genannten „Biopharming“ werden GVP als Bioreaktoren genutzt. Gemeint ist damit die pflanzliche Produktion von Arzneimitteln, Impfstoffen, hormonell wirksamen Substanzen und Proteinen für die Diagnose und Therapie von Krankheiten. Durch gentechnische Veränderungen können Pflanzen auch dazu gebracht werden, Rohstoffe für die Industrie, z.B. Bioplastik oder Waschmittelenzyme, zu produzieren. Ist dies gelungen, so können die gewünschten Stoffe anschließend aus den Pflanzen gewonnen werden oder sie werden direkt wirksam, etwa wenn die Pflanze verzehrt wird, etwa bei essbaren Impfstoffen.

Besonders verheißungsvoll wird die Möglichkeit propagiert, Impfstoffe bei Raumtemperatur in Form von Pflanzensamen zu lagern. Gerade für Entwicklungsländer - so wird argumentiert - könnte dies von größtem Nutzen sein. Bislang sind noch keine pharmazeutisch wirksamen Substanzen aus GVP auf dem Markt, allerdings steht in einem „nordamerikanischen Entwicklungsland“ eine Reihe von Produkten vor ihrer Marktzulassung. Das größte Risiko wird beim Biopharming in der Vermischung mit herkömmlichen Nahrungs- bzw. Futtermitteln während Anbau, Ernte oder Weiterverarbeitung gesehen. Auf diese Weise könnten pharmazeutisch wirksame Substanzen in die Lebensmittelkette gelangen.

Die stummen Riesen
Inzwischen können auch Bäume gentechnisch verändert werden. Ein Nutzen für Konsumenten soll sich hauptsächlich aus längerer Haltbarkeit der Früchte und der Verringerung allergener Inhaltsstoffe ergeben. Attraktivität verspricht man sich auch von Zierhölzern mit neuen Blütenfarben und Duftnoten. Gentechnisch veränderte Bäume können jedoch auch zur Reinigung und Sanierung ihrer unmittelbaren Umwelt (hauptsächlich der Böden) eingesetzt werden. Dieses Phänomen wird als Phytoremediation bezeichnet. Konkrete Forschungen werden bereits an Pappeln sowie anderen Pflanzen, wie Tabak, Reis und Senfkohl, durchgeführt. Die „Reinigungskraft“ wird allerdings nicht erst durch gentechnische Veränderungen erzeugt, sondern schlummert bereits in den Pflanzen. Beispielsweise können Bäume über ihr Wurzelsystem Schwermetalle aufnehmen, umwandeln und in ihren Blättern speichern. Mittels Gentechnik werden diese und andere für den Sanierungseffekt nützliche Eigenschaften der Pflanzen verstärkt. Besonders erwünscht sind schnelleres Wachstum, erhöhte Toleranz gegenüber den aufgenommenen Substanzen, gesteigerte Aufnahme, Umwandlung und Speicherung der Schadstoffe.

Neben den „generellen“ Risiken, die bei allen gentechnisch veränderten Pflanzen bzw. Organismen diskutiert werden - wie z.B. der Gentransfer auf andere Organismen oder Fitnessvorteile der GVP gegenüber Wildpflanzen - stellt sich bei diesen GVP allerdings auch noch die Frage ihrer Toxizität. Eine mit Schadstoffen, Pestiziden und anderen gefährlichen Substanzen angereicherte Pflanze kann eine Bedrohung für ihre Umwelt darstellen. Problematisch ist beispielsweise, wenn solche Pflanzen eine Nahrungsquelle für andere Lebewesen sind. Wildtiere haben keine Möglichkeit zu erkennen, dass ihr gewohntes Futter infolge einer genetischen Veränderung oder durch die aufgenommenen Substanzen plötzlich toxisch geworden ist. Verwendet man für eine Bodensanierung primäre Nahrungspflanzen, wie z.B. Reis, so wäre es denkbar, dass diese inklusive aufgenommener Schadstoffe in die menschliche Nahrungskette gelangen und letztendlich auf unseren Tellern
landen.

Ein weiteres Problem wird in der Entsorgung dieser Pflanzen gesehen. Dass diese Gewächse nach der Schadstoffanreicherung aus dem Ökosystem entfernt werden müssen, liegt auf der Hand, soll doch das neuerliche Eindringen der Schadstoffe in den Boden, beispielsweise durch Laubfall, verhindert werden. Offen ist allerdings die Frage, wie die Entfernung der Pflanzen vorgenommen werden soll und was mit diesen im Anschluss daran geschieht. Sollen sie vollständig verbrannt werden, oder sollen sie weiterverarbeitet und die gespeicherten Substanzen rückgewonnen werden? Zurzeit befinden sich GVP zur Umweltsanierung noch in der Testphase, wobei vor allem in den USA bereits Freilandversuche durchgeführt werden, um das Potenzial und die möglichen Risiken dieser Entwicklung unter „Realbedingungen“ zu testen.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Vermutung, dass ein stärkerer Nutzen für Konsumenten zu einer Erhöhung der Akzeptanz von gentechnisch veränderten Pflanzen führt, stimmt. Es wird sich auch zeigen, ob die dargestellten Züchtungsziele von der Öffentlichkeit auch tatsächlich als Gewinn bringend und nützlich aufgefasst werden. In jedem Fall jedoch werden die vorgestellten neuen Entwicklungen aus den Labors der grünen Gentechnik auch neue Herausforderungen für die Risikobewertung und ihre Regulierung in der Europäischen Union und ihren Mitgliedsländern stellen.