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gentechnik reloaded. epilog

bernhard wieser | gentechnik reloaded. epilog

Wie der Markt den Bürgern den Einfluss nimmt - am Beispiel Gentechnik

Pünktlich zur Zulassung der ersten gentechnisch veränderten Konserve seit sechs Jahren in der EU nimmt auch die Diskussion um die grüne Gentechnik mit altbekannten rhetorischen Strategien wieder ihren Gang. Ein kurzer Kommentar dazu sei aus aktuellem Anlass gestattet. Hans Rauscher schreibt am 13. Mai 2004 auf der Titelseite des Standard im so genannten „Einserkastl“: „Der amerikanische Agro-Business-Gigant Monsanto hat die Produktion seines gentechnisch veränderten Weizens eingestellt. Die Begründung lautete: Die Konsumenten wollen das Zeug nicht.“ Rauscher sieht sich dadurch veranlasst, die freie Marktwirtschaft als wahre Demokratie zu feiern. Er schreibt weiter: „Man mag über genetisch veränderte Nahrungsmittel (und über mögliche Versäumnisse in der Forschung, gerade in Österreich) denken, wie man will, aber der Markt hat gesprochen.“

Tatsächlich ist dieses Statement typisch für eine beliebte Strategie in der Gentechnikkontroverse. Man muss wissen, dass sich dieses unschuldig und zugleich rational anmutende Argument gegen die Forderung richtet, mittels demokratischer Verfahren und nicht per kapitalistischer Marktmechanismen über die Anwendungen der Gentechnik zu entscheiden. Seit Jahren produzieren Sozialwissenschafter Studie um Studie, die belegen, dass die Bevölkerung mehrheitlich gegen die Anwendung von Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmitteln ist. Die Bürger sprechen also auch – und sagten in diesem Fall sogar dasselbe wie Rauschers Markt –, nur wird das kaum entscheidungswirksam. Abgesehen davon fragt man sich, wie der Markt sprechen soll, bevor die Produkte in den Regalen der Supermärkte stehen. Zu entscheiden ist da nicht mehr viel. Mit anderen Worten: Konsumenten können ihre Wahl erst treffen, wenn der Entschluss zur Anwendung von Gentechnik bereits gefallen ist, denn die Pflanzen stehen dann schon lange auf dem Feld. Was an Rauschers Kommentar irritiert ist, dass er so tut, als würde der Markt als Entscheidungsinstrument so eindrucksvoll funktionieren. Ironischerweise wird Rauscher bereits wenige Tage nach dem Erscheinen seines Artikels eines Besseren belehrt. Im Standard vom 21. Mai ist die Schlagzeile zu lesen: „Bt-11-Süßmais als Türöffner für andere Genfood-Produkte“. Man kann ganz den Eindruck gewinnen, die EU hört nicht darauf, was der Markt spricht oder was Hans Rauscher schreibt.