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evelyne polt-heinzl | habe nun ach ...

Ein Kommentar zur aktuellen Kulturpolitik aus dem Jahr 1790

Prolog, sehr irdisch
Für Leser gilt uneingeschränkt das Prinzip des Regietheaters in seiner freiesten Interpretation. Die folgende Lektüre von Goethes Faust I und Schillers Kampf mit dem Drachen unterlegt den Texten Befindlichkeiten des beginnenden dritten Jahrtausends und liest eine Ebene der aktuellen kulturpolitischen Misere hinein. Denn wenn Kulturbudgets über Jahre hinweg eingefroren bzw. beschnitten werden, hat man nicht nur um die Kultur zu fürchten, sondern auch um die Arbeitslosenstatistik.

Faust remixed
„Und schnell und unbegreiflich schnelle / Dreht sich umher der Erde Pracht”, sinniert der Erzengel Gabriel im „Prolog im Himmel” vor sich hin. Dr. phil. Heinrich Faust ist von diesen rasanten Modernisierungsschüben aus der Bahn geschleudert worden. Unbrauchbar sind alle mühsam erworbenen Qualifikationen („Habe nun ach! ... Durchaus studiert ... Da steh ich nun, ich armer Tor!”) Die Karriereplanung hat einen Knick bekommen, alle studentischen Hoffnungen auf einigen Wohlstand und ein gewisses Ansehen haben sich nicht erfüllt („Auch hab ich weder Gut noch Geld, / Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt”). Also versucht er es mit Esoterik („Drum hab ich mich der Magie ergeben”) - umsonst. Immer noch bewohnt er ein „verfluchtes dumpfes Mauerloch”, vollgestopft mit „Bücherhaufen”, die sich verstaubt bis an die Zimmerdecke türmen. Noch dazu war der Winter besonders lang (hohe Heizkosten) und das Single-Leben wird zunehmend unerträglich. „Wo faß ich dich, unendliche Natur? / Euch Brüste, wo?” Wer glaubt, Fausts Sehnsucht ziele hier auf naturwissenschaftliche Erkenntnis, möge vorblättern zu jener Stelle, wo Faust Gretes Stube inspiziert. Just beim Anheben ihres „Bettvorhangs” findet er das Gesuchte mit einem „Wonnegraus”: „Natur! Hier bildetest in leichten Träumen / Den eingebornen Engel aus; / Hier lag das Kind! mit warmem Leben / Den zarten Busen angefüllt”.

Fausts Gesamtzustand ist zu Beginn des Stücks also katastrophal: kein adäquater Job, keine Ersparnisse, keine Frau. Denn schüchtern ist er auch: „Vor andern fühl ich mich so klein; / Ich werde stets verlegen sein” - das gesteht er allerdings erst später, bevor ihn Mephisto zum Auerbachschen Heurigen führt. Seine Sozialkontakte reduzieren sich auf einen gewissen Herrn Wagner, kein angemessener Umgang, aber immerhin einer, bei dem er seine Überlegenheit ein wenig ausleben kann. Als Wagner mitten in Fausts depressive Lebensbilanz hineinplatzt, knurrt er zwar etwas von einem „trockenen Schleicher”, der ihn gerade jetzt stören muss. Aber Wagners devote Art schmeichelt Faust sichtlich und er gerät unversehens in ein etwas geschwätziges Suadern. Er kann und will sich nicht mit der postmodernen Beliebigkeit („Leimt zusammen / Braut ein Ragout von andrer Schmaus”) und der Notwendigkeit mediengerechter Selbstpräsentation („Allein der Vortrag macht des Redners Glück”) abfinden. Die im Monologisieren leicht gebesserte Stimmung kippt wieder, sobald ihn Wagner verlässt. Der soziale Absturz ist für den Intellektuellen schwer zu ertragen, wie ausgebrannt sind die Gedanken. „Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug / Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert, / So ist ein kleiner Raum ihr nun genug, / Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.”

Unweigerlich stellen Selbstmordgedanken sich ein. Jetzt kommt die Szene mit der Phiole, die wortreich und mit viel Pathos besungen, aber nicht ausgetrunken wird (man weiß: die Osterglocken). Angesprochen wird hier erstmals Fausts latentes Alkoholproblem („Auf einen [!] Zug die Höhlung auszuleeren, / Erinnert mich an manche Jugendnacht”), das auch einige spätere Sprünge in der Handlungsführung erklären hilft. Es folgt der Osterspaziergang, mit Wagner natürlich, mit wem sonst. Ein bisschen wandern gehen, dem Körper etwas Gutes tun, das baut auf  - ein Wochen­ende im Wellnesshotel wär’ einfach zu teuer. Gut tut Faust sichtlich auch, dass ihn ein „alter Bauer” ehrerbietig mit „Herr Doktor” anspricht, was der psychologisch nicht ungeschickte Wagner so dick aufgetragen herausstreicht („Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann, / Bei der Verehrung dieser Menge haben!”), dass Faust nobel darauf schweigen kann. Er ist nicht mehr der Jüngste, das viele Sitzen (und Trinken) macht sich konditionell bemerkbar, er will „Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein”, um zu rasten. Kaum wieder bei Atem, quält er seinen geduldigen Zuhörer neuerlich mit endlosen Monologen, zum Beispiel darüber, dass man sich immer für die falschen Umschulungskurse entscheidet („Was man nicht weiß, das eben brauchte man, / Und was man weiß, kann man nicht brauchen.”) Unversehens gerät Faust dann in Naturschwärmerei, die ihn in gefährliche Nähe zu manischer Selbstüberschätzung führt. Er imaginiert sich als Sonnenball, dem nichts „hemmte dann den göttergleichen Lauf”. Wagner greift sensibel ein, um ihn auf den Boden der Realität herunterzuholen: „Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt”. Auch als Faust dann alles Mögliche in einen zugelaufenen Pudel hineinphantasiert, versucht Wagner ihn einzubremsen: „Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch, / Er wedelt. Alles Hundebrauch.”

Aber für Faust ist der Pudel mehr, nämlich „ein willkommner stiller Gast”, also der Versuch, das Single-Dasein mit einem Haustier erträglicher zu gestalten. Aber auch Haustiere stellen ihre Ansprüche, das Zusammenleben - zumal in beengten Wohnverhältnissen - verläuft nicht friktionsfrei. Faust versucht zu arbeiten, der Pudel will Ansprache und bellt und schon will Faust, der Hagestolz, „Solch einen störenden Gesellen” nicht mehr in seiner Nähe leiden.

Jetzt kommt natürlich des Pudels Kern, und der ist in diesem Kontext hier zugegebenermaßen nur mit Fausts Alkoholproblem zu lösen. Das wirkt vielleicht etwas gewagt, aber glücklicherweise finden sich doch auch im Text einige Hinweise in diese Richtung. Zum Beispiel schläft Faust sehr plötzlich ein - eingesungen von einem „Geisterchor“, so kann man’s natürlich auch nennen. Wieder erwacht, fühlt er sich erwartungsgemäß ziemlich elend und kommt im Selbstgespräch mit verteilten Rollen sofort wieder auf sein aktuelles Lebensproblem zu sprechen: „Ich bin zu alt, um nur zu spielen, / Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.” Schlaflosigkeit plagt ihn seit langem („Auch da wird keine Rast geschenkt”) und was er an Kräften und Ideen „im Busen” trägt, „kann nach außen nichts bewegen”. In seiner nun schon bekannt pathetischen Art verflucht Faust eine Reihe von Dingen, die er an seiner Lebensmisere schuldig wähnt, darunter das Streben nach Ruhm („der Namensdauer Trug”) und auch der Alkohol („Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!”).

Der Pakt mit dem Teufel ist dann eigentlich die Kapitulation vor der Schnelllebigkeit der Zeit und ihren Leitwerten. Dynamik, Veränderung, Oberflächlichkeit, Eventkultur sind angesagt: „Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, / Ins Rollen der Begebenheit! [...] Nur rastlos betätigt sich der Mann”. Das deckt sich mit Mephistos Programm: „Den schlepp ich durch das wilde Leben, / Durch flache Unbedeutendheit”. Aber Faust ahnt schon, dass er auch dabei, so wenig wie in Esoterik und Religion, Befriedigung finden wird: „von Freud ist nicht die Rede. / Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuß”.
Und was Mephistopheles zunächst bietet, ist wirklich mehr als dürftig. Diese polternde Banalität beim Trinkgelage in Auerbachs Keller, der derbe Scherz mit dem Nasenabschneiden - verständlich, dass Faust schon nach kurzem Hineinschnuppern in die Heurigenatmosphäre der übleren Sorte wieder gehen will („Ich hätte Lust, nun abzufahren”). Mephisto zieht seine Show zwar fertig ab, aber, was Faust betrifft, ohne jedes Ergebnis.

Allerdings, getrunken wird er schon einiges haben im Auerbach’schen Keller, zumal er sich in dieser rüden Gesellschaft zweifellos mehr als unwohl gefühlt hat. Das könnte wiederum helfen, den scharfen Schnitt zur nächsten Szene zu erklären: die Hexenküche. Man kann diese Hexenküche aber auch mit mehr Realistik unterlegen. Faust versucht es mit der Wellness-Welle, jetzt zahlt ja Mephisto. „Wohl dreißig Jahre” will er sich vom Leibe schaffen. Im Spiegel des Fitnessstudios sieht er dann „Das schönste Bild von einem Weibe”, in das er sich, in diesen Dingen wie wir wissen wenig erfahren, sofort verliebt. Aber seine Trainer - Mephisto und die Hexe - verordnen ihm zuvor noch eine besondere Medizin, offenbar eine Mischung aus isotonischem Getränk und Viagra. Nicht ungefährlich für den Klienten, aber Mephisto beruhigt die Hexe, Faust sei diesbezüglich geeicht, „ein Mann von vielen Graden, / Der manchen guten Schluck getan”. Anschließend wird er noch in die Kraftkammer geschickt, denn er muss jetzt „notwendig transpirieren, / Damit die Kraft durch Inn- und Äußres dringt”. Dafür winkt der Lohn: „bald empfindest du mit innigem Ergetzen, / Wie sich Cupido regt und hin und wider springt”. Ob’s gleich so funktionieren wird, scheint Faust selbst eher zweifelhaft. Denn als er dann heimlich und allein erstmals in Margaretes Stübchen steht (wir hatten die Szene schon, er phantasiert hier von Natur und Busen und so), hat Heinrich Faust auf einmal Angst, das Objekt der Begierde könnte plötzlich hereinkommen und „Der große Hans, ach wie so klein! / Läg, hingeschmolzen, ihr zu Füßen”. Dass es dann doch geklappt hat, veranlasst Faust zu einem Dankesmonolog an Gott („Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, / Kraft, sie zu fühlen, zu genießen.”). Wohl auch aus dieser Unsicherheit heraus hat er sich ein blutjunges Mädel aus der Vorstadt für seine erste Eroberung ausgesucht, deren grenzenlose Bewunderung („was so ein Mann / Nicht alles, alles denken kann!”) ihm die nötige Selbstsicherheit verleiht. Die Folgen dieser Mesalliance sind bekanntlich fatal: Die Mutter überlebt den verabreichten Schlummertrunk nicht, Gretchen wird schwanger, Faust ersticht Gretchens Bruder und verlässt die verzweifelte schwangere Vollwaise.

Der Bruch ist radikal, nicht nur für Gretchen, auch für den dramaturgischen Aufbau: Es folgt die Blocksberg-Szene. Möglich, dass beim Zustandekommen der „Traum- und Zauber­sphäre” im Zuge der Bergwanderung ein Flachmann mit im Spiel ist, denn „Alles, alles, scheint zu drehen”. Jedenfalls geht es in dieser (mythischen?) Bordellszene reichlich orgiastisch zu und Faust ist plötzlich so vollkommen entfesselt, dass Mephisto selbst ihn etwas zügeln muss („Es ist zu toll, sogar für meinesgleichen”). Was die weitere Entwicklung des Dr. phil. Heinrich Faust betrifft, könnte der Schlüsselsatz vielleicht aus dem am Blocksberg aufgeführten Theaterstück „Walpurgisnachtstraum oder Oberons und Titanias Goldne Hochzeit” herausgelesen werden. Der „Genius der Zeit” verkündet hier: „Mit rechten Leuten wird man was. / Komm, fasse meinen Zipfel! / Der Blocksberg, wie der deutsche Parnaß, / Hat gar einen breiten Gipfel.”

Der Abgesang ist kurz - Fausts Katzenjammer (die einzige Szene in Prosa) und sein später, mehr als halbherziger Versuch, Gretchen aus dem Kerker zu befreien und zu retten, aber dafür ist es natürlich ziemlich genau neun Monate zu spät. Fraglich auch, ob in Faust II wirklich nachzulesen ist, wie es mit Dr. phil. Heinrich Faust weitergeht. Denkt man sich den Götterapparat weg, wirkt ein rasant beschleunigter sozialer Abstieg glaubwürdiger.

Rat bei Schiller
Nein, so wie in Faust II funktionieren Karrieren nicht, weder damals noch heute. Da ist man mit Friedrich Schillers Kampf mit dem Drachen vielleicht doch näher dran. Es beginnt mit einem großen Coup, den ein ehrgeiziger Newcomer landet. Er tötet den Drachen und beendet damit seine Schreckensherrschaft. Das jubelnde Volk begleitet ihn zum Zentrum der Macht, wo sich der viel versprechende junge Mann zu Recht eine Belobigung erwartet. Doch der „Fürst“, wie es überraschend heißt, ist der „edel Meis­ter“ doch eigentlich der Ordensvorstand, zeigt sich wenig erfreut. Ob Fürst oder Vorstand, der junge Held hat an ihm vorbei für die Beseitigung eines Übels gesorgt, das keiner der Mächtigen beseitigt haben wollte. Möglicherweise regt sich im Vorstand auch Konkurrenzneid. Die Jungen drängen ja überall nach und die Alten müssen ständig fürchten, den Anschluss zu verpassen. Aber ob sie ihre Leistung bringen oder nicht, sie sitzen nun einmal im Sattel und sind wild entschlossen, dort bis zur Pensionierung zu bleiben. Also spricht der Chef die fristlose Entlassung aus. Begründung: Kompetenzüberschreitung.

Der selbstbewusste junge Mann handelt noch einmal eigenmächtig, indem er sich Redezeit aneignet - „Herr, richte, wenn Du alles weißt“ - und beginnt weitschweifig seine Selbstdarstellung „mit gesetztem Geist“. Er ist eindeutig rhetorisch besser geschult als Kollege Faust. Zuerst versucht er das existierende Verbot des Drachenkampfes argumentierend zu entkräften, denn die offizielle Version dafür lautet: „Fünf unseres Ordens waren schon [...] Des kühnen Mutes Opfer worden“. Also wurde das Verbot im Interesse der Mönche ausgesprochen - wir befinden uns in der Zeit der Kreuzzüge - um junge Glaubensfanatiker daran zu hindern, für posthumen Ruhm und ewiges Leben leichtsinnig das Abenteuer zu suchen. Das trifft aber an unserem Drachentöter vorbei. Er handelt keineswegs überstürzt wie ein neurotischer Eiferer, sondern überlegt und ruhig kalkulierend. Gerade das macht ihn ja gefährlich für den Vorstand, der junge Mann ist einfach zu gut. Im großen Mittelteil der Ballade, immerhin 16 der 25 Strophen, schildert er die sorgfältige Planung und überlegte Durchführung der Tat. Ausführlich berichtet er, wie, getrieben von „Streitbegier“ aber auch von Empörung über das Elend des Volkes, der Entschluss in ihm reifte. Jeder Morgen, der „Kunde gab von neuen Plagen“, verstärkt seine Empörung. Man hört einen Ton von sozialem Engagement heraus. Denkt da ein angehendes Mitglied der Elite unausgesprochen: toter Mönch ist gleich toter Hirte, Menschenleben ist gleich Menschenleben? Aus seinem Glauben heraus, man könnte auch Ethik-Verständnis sagen, sieht er einen Auftrag, für das Wohl des Volkes zuständig zu sein: „Bekriegt er (der Christ) nur die falschen Götter?“ Diesen Gedanken äußert er so naiv treuherzig, als könne er sich nicht vorstellen, dass am Fortleben des Drachens ein Interesse bestehen könnte.

Vielleicht ist das aber nur geschi­ckte Rhe­torik. Denn offensichtlich ist ihm klar, dass der Chef sein Vorhaben nicht unterstützen würde, weshalb er sich lieber heimlich ans Werk macht. Unter dem Vorwand, einen Urlaub zu benötigen, nimmt er die langwierige Vorbereitung in Angriff. Er baut einen künstlichen Drachen und trainiert sich selbst, sein Ross und zwei Doggen in die adäquaten Kampftechniken ein. Das ist eine originelle Herangehensweise - vielleicht macht das den alten Vorstand noch wütender, dem schon lange nichts Originelles mehr eingefallen ist. Natürlich ist der junge Mann stolz auf seine Leistung, lässt sich vom Volk feiern - gibt Interviews, genießt das Blitzlichtgewitter - und freut sich, auf der Karriereleiter ein Stück weiterzukommen. Man könnte das Ganze auch so sehen: Da hat ein junger Kopf eine gute Idee, geht erfindungsreich zu Werke, sucht sich die geeigneten Bündnispartner (Ross und Doggen) und erreicht sein großes Ziel, sagen wir: die Formel für ein kostengünstiges Medikament gegen eine verbreitete Volkskrankheit oder die Alternative zum Benzinmotor aus erneuerbarer Energie - alles schön und gut, nur die Sachzwänge hat er übersehen.

Und so ist der Ordensvorstand auch wenig beeindruckt von der selbstbewussten Rede des jungen Mannes und wiederholt die fristlose Entlassung. Was tut der Held? Reagiert er emotional? Oder fordert er das ihm zugetane Volk auf, seine Partei zu ergreifen und ruft die Medien zu Hilfe? Da ist der Ausgang natürlich immer ungewiss und erfahrungsgemäß gewinnt in solchen Kämpfen nur sehr selten der Ohnmächtige, da sitzen die alten Vorstände einfach immer zu behäbig in ihren Sesseln. Mit der Macht kann man sich auch anders arrangieren, aber arrangieren muss man sich. Denn groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass den jungen Mann, reihte er sich erst einmal ein ins Heer der freiberuflichen Intellektuellen, gar noch behaftet mit dem Makel der „Fristlosen“, ein Faust-Schicksal erwarten würde. „Schweigend blickt er nieder“, überdenkt seine Optionen und trifft die richtige Entscheidung: Er entledigt sich „still“ der Ordensuniform, küsst „des Meisters strenge Hand / Und geht“. Sein Kalkül geht auf, jetzt darf er natürlich bleiben, die Demütigung hat funktioniert, das Image des alternden Platzhirschen ist repariert, und der junge Mann signalisiert, dass er seine Lektion gelernt hat. Er wird im Interesse seiner Karriere künftighin auf Hierarchien und Sach­zwänge je nach Maßgabe der Lage sorgfältig Rücksicht nehmen - eine gültige Parabel auf eine der Grundregeln effektiver Herrschaftstechnik.

Denn was das ehrgeizige Nach­wuchs­talent im Eifer übersehen hatte: Der Drache ist eine Art unbesiegbarer Sachzwang, unter dem zwar scheinbar alle gleich zu leiden haben, aber einige doch ein wenig gleicher. Fünf im Kampf gescheiterte Mönche sind eine tragische Bilanz, die Zahl nicht-mönchischer Opfer ist ungleich höher. Sachzwänge sind für jene, die über die Macht verfügen, sie zu definieren, immer auch etwas Nützliches. Und genau das ist der Punkt. Bestimmend für die Strenge des Vorstands ist ein machtpolitisches Kalkül, nicht nur dem jungen Mann gegenüber. Die Präsenz des Ungeheuers sorgt im Volk für das Bewusstsein einer permanenten Bedrohung und garantiert damit das Bedürfnis nach Glaubens- oder Konsumtrost, was die Position der Eliten auf Dauer gut stützt. Wer dazugehören will und diesen fundamentalen Interessen zuwiderhandelt, steht auf der anderen Seite der Barrikade: „Ein Feind kommst du zurück dem Orden“. Denn an Drachen, Volkskrankheiten oder Benzinmotoren ist immer auch gutes Geld zu verdienen.

Das potenziell viel gefährlichere Ungeheuer ist in Schillers Ballade eindeutig das Volk. Wo es im Text auftritt, wird es in Metaphern aus der Lebenswelt des Drachen beschrieben. In der Eingangs- wie Schlussszene „wälzt“ es sich, „rottet sich im Sturm zusammen“ und bricht schließlich „tobend“ aus - das klingt nach Volksaufstand. Wenn unser junger Mann am Schluss einsieht, dass die Aufgabe des Intellektuellen nicht in der Arbeit an der Verbesserung des Wohlstands für alle liegt, spricht der „Meister“ vom viel „schlimmern Wurm“, den er in seiner Seele nunmehr überwunden habe. Die angehängte Lehre heißt dann ganz konkret: „Mut zeiget auch der Mameluck, / Gehorsam ist des Christen Schmuck“. Das ist auch abgesehen vom rassistischen Ausrutscher ziemlich deutlich und schwer erträglich, zumindest wenn man den Text, wie es wohl lange üblich war, als Dokument des Humanismus liest. In Schillers Balladen kann man „zu recht fraglichen Schlüssen kommen, wenn man sie strikt auf ihren moralischen Gehalt abklopft“, bemerkte schon Ruth Klüger, der das Rezitieren Schillerscher Balladen die Qualen des Konzentrationslagers überleben half. Aus dem historischen Kontext heraus zeigt Der Kampf mit dem Drachen nur: Hier schreibt ein von den historischen Ereignissen verunsicherter Zeitgenosse gegen die politischen und sozialen Ängste seiner Zeit an. Die hießen damals nicht Globalisierungsfuror und soziale Destabilisierung, sondern Volksaufstand und Französische Revolution (geschrieben wurde die Ballade 1798). In solchen historischen Umbruchsmomenten werden immer auch phantastische Karrieren möglich. Wer seine Lektion in Sachen Herrschaftstechnik rechtzeitig lernt und sich ein partizipatives Plätzchen sichert, hat gute Chancen, die in solchen Phasen ebenfalls sprunghaft ansteigende Drop-out-Rate nicht zu vergrößern.