schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 11 - und jetzt?! herr busfahrer
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/11-und-jetzt/herr-busfahrer

herr busfahrer

kerstin kempker | herr busfahrer

"Mir geht's gut, Herr Busfahrer. Mir geht's wirklich gut."
Der Mann, der eben vorne beim Fahrer den Bus betreten und den Fahrer gegrüßt hat, hier am Stadtrand ist das noch üblich, zwei Stationen weiter beginnen die Hochhäuser, da grüßt man nicht mehr, der Mann, ein etwas altmodisch gekleideter Mann, blass und knochig, spitze Schuhe, grauer Doppelreiher mit Schulterpolstern, setzt sich in die erste Reihe. Er legt seinen Stoffbeutel auf die Knie und reckt sich dem Fahrer entgegen, um ihm noch einmal laut und beinahe flehend entgegenzurufen:
"Mir geht's wirklich gut."
Er kommt vom Arzt, denke ich, und der Arzt hat sich gefreut, als der Mann sagte,
"mir geht's wirklich gut."
Jetzt möchte der Mann noch einmal jemanden glücklich machen, den Busfahrer, in dessen Wagen er gestiegen ist. Er möchte, dass der Busfahrer sich keine Sorgen um ihn macht, denn jetzt geht es ihm gut, wirklich.
Aufmunternd schaue ich den Fahrer in seinem Rückspiegel an und wünsche mir, dass er ihm antwortet, dass er sagt:
"Ja, das ist schön. Das freut mich."
Aber er reagiert nicht. Ich weiß nicht, ob er mich sieht. Er tut, als müsse er auf den Verkehr achten, schaut nach vorne, als sei da etwas, worauf er achten müsse. Aber die Straße ist leer. Er könnte doch etwas sagen. Ich kann ihm nicht beispringen. Er ist es, dessen Wort hier zählt. Ich bin nur die Dritte im Bunde, die Sprechstundenhilfe allenfalls, die ihrem Chef mit einem Wink zu verstehen gibt, dass er in seiner Geschäftigkeit etwas Wichtiges unterlassen hat.
Die Zeit wird knapp. Wir haben die nächste Haltestelle schon passiert, und dann werden sie zusteigen, die anderen Fahrgäste. Dann wird er sicher nichts mehr sagen. Es wird ihm peinlich sein und ungewiss in seinen Folgen. Was, wenn er antwortet und der Mann fortfährt, wenn er ihm und allen von seinem Leben erzählt, von dem, was nicht gut war in seinem Leben, sich jetzt aber endlich zum Guten gewendet hat.
Der Busfahrer sitzt aufrecht hinter dem Lenkrad. Er trägt ein weißes kurzärmeliges Hemd und einen akkurat zurechtgestutzten Bart. An seiner rechten Hand blitzt ein goldener Siegelring. Links wird er eine Armbanduhr tragen, eine silberne, vielleicht sogar goldene Gliederarmbanduhr. Er ist gewappnet und bringt seinen Wagen an der Haltestelle vor dem Hochhaus zum Stehen. Er öffnet seine Türe, schenkt den Zusteigenden keinen Blick, schließt die Türe, schaut auf seinen linken Arm und fährt wenige Sekunden später wieder an. Der Busfahrer ist auf der Hut.
"Herr Busfahrer",
setzt der Mann, der Nachbarn bekommen hat, noch einmal an und blickt dem Fahrer im Spiegel ins unbewegte Gesicht. Die Umsitzenden straffen sich und schauen ebenfalls zum Fahrer, der nun erst recht nicht antwortet, natürlich nicht, er ist jetzt Teil einer stummen Front, die sich jede Ansprache verbittet.
Als habe sich eine Vermutung erhärtet, die ihn schon lange beschäftigt, sackt der Mann in seinem Anzug zusammen und wendet sich dem Fenster zu. Er existiert nicht. Er hat es immer schon geahnt, jetzt weiß er es. Seine weiße Hand fährt über das schüttere Haar und sinkt zurück. Mehr kann er nicht tun hier im Bus. Er kann sich nicht abtasten von Kopf bis Fuß, um sich zu vergewissern, dass da doch etwas ist, ein Körper, ein Mund. Er muss warten, bis er zu Hause ist, er sich vor seinen Spiegel stellen und ein Gespräch beginnen kann, Rede und Gegenrede.
In Tegel steigt der Mann aus, und ich folge ihm. Ich kann es nicht gutmachen, aber ich will ihn beschützen, sein Rückgrat sein. Im Stadtzentrum könnte er von hinten als einer dieser noch unentdeckten Intellektuellen durchgehen, die sich bei Humana mit den Anzügen ihrer Vorväter eindecken und lässig wandeln zwischen den Moden. Hier in Tegel ist er nur ein verlorener Mann im Sonntagsstaat. Sein Stoffbeutel ist fast leer und schlenkert traurig am linken Handgelenk. Ein Schlüssel, ein Geldbeutel, vielleicht ein Apfel, mehr ist da nicht drin. Ich weiß, dass er alleine lebt, Hinterhaus, Erdgeschoss, modernisierter Altbau, schätze ich. Ein Single, das Wort wird er nicht benutzen, ein Junggeselle, jung ist er nicht mehr, es gibt kein Wort für ihn.
Vielleicht war er noch gar nicht beim Arzt und hat im Bus nur geprobt, was er dem Arzt sagen wird, zu dem er nun unterwegs ist, denke ich und wünsche mir, dass es ein freundlicher Arzt ist und dass er ihm immer noch sagen kann,
"Es geht mir gut, Herr Doktor. Es geht mir wirklich gut."
Der Mann betritt aber jetzt eine Drogerie. Das ist auch besser so. Wer weiß, was der Arzt ihm verschreiben würde, wenn er ihm die Wahrheit sagte, wenn er sagte,
"Ich glaube, es gibt mich nicht. Die Leute hören mich nicht, wenn ich sie anspreche. Ich weiß nicht einmal, ob sie mich sehen."
Ich warte vor der Drogerie auf meinen Mann. Wenn es nötig ist, werde ich den Beweis führen, dass es ihn gibt. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Er verschwindet hinter einer Regalwand und dann, eine ganze Weile später, taucht er wieder auf und steht mit dem grauen Anzugrücken zu mir an der Kasse. Er ist der einzige Kunde. Die Kassiererin blickt zu ihm auf und sagt etwas. Ich freue mich für den Mann. Er hat nicht viel Geld. Er hat es sich etwas kosten lassen.
Er tritt aus dem Laden, bleibt stehen, prüft den Inhalt seines Stoffbeutels und geht beherzt, ja, beherzt, denke ich, auf die Kreuzung zu. Ich betrete die Drogerie, greife mir irgendeinen Gegenstand, den ich nicht brauche, gehe zur Kasse und lache die Kassiererin dankbar an.
Vor der Drogerie nehme ich den Apfel aus meinem Beutel, beiße hinein, spüre die Frische in meinem Hals, überquere die Kreuzung und warte auf den Bus, der mich zurück an den Anfang bringt.