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hohe wasser sind tief

7 Erzählungen aus dem Leben bedrohter Existenzen


Eugenie Kain: Hohe Wasser

Otto Müller Verlag; 2004

Rezensiert von: christoph d. weiermair


"In mein eigenes Leben bin ich noch nie rechtzeitig gekommen. Ich bin immer zu spät dran. Als ich auf die Welt kam, war der Vater schon weg. So ging es weiter."
In ihrer neuesten Publikation Hohe Wasser vereint die Linzer Autorin Eugenie Kain sieben Erzählungen aus dem Leben bedrohter Existenzen. Sie lässt uns teilhaben am Dasein derer, denen das Wasser bis zum Hals steht: Verlierer, Verlassene, Verzweifelte, Verlorene, Nutzlose, Suchende, Gefangene.
Da ist der Arbeitsvermittler, der an den Karpfenteichen Südböhmens vergeblich die Liebe seines Lebens wiederzugewinnen versucht. Da ist das junge Mädchen, das mit dem Tod ihrer Großmutter ein Stück Vertrauen und Geborgenheit verliert. Und da sind vor allem die Schicksale von Frauen: Die eine fristet mit ihrem Neugeborenen das Leben einer Gefangenen an Herd und Bügeltisch im Fertigteilhaus, die andere will auf einem Irland-Urlaub die erkaltete Liebe ihres Ehemanns neu entfachen - ohne Erfolg.

"Sie würde Abschied nehmen müssen von dieser Landschaft und nach ihrer Reise zurückkehren an einen Ort, den es nicht mehr gab." - Die Erzählung "Feuerbrand" führt eine Alleinerziehende mit ihren beiden Kindern an die bretonische Küste. Die Mittel sind knapp, Sohn und Tochter unausstehlich, Hotels und Pensionen ausgebucht. Trotzdem wittert die Frau an den Stränden des Atlantiks die Chance auf einen Neubeginn. Die Bedürfnisse ihrer Kinder durchkreuzen jeden ihrer Versuche, in ihr altes, geliebtes Leben zurückzukehren. Sie findet kaum einen Moment der Ruhe und Entspannung, ihr wird vorgeworfen, "mit dem Kopf ganz weit weg" zu sein. Schließlich schreit sie sich "weg von den Kindern, weg von den nassen Kleidern und brennenden Füßen, (…) hinein in die erstarrten Wellen des blauen Gesteins und hinaus aufs Meer zu den silbernen Thunfischschwärmen" und findet so ihre Sprache wieder.

Mit Hohe Wasser ist Eugenie Kain ein berührendes Buch gelungen. In einer schnörkellosen Sprache schildert sie das alltägliche Leid von Menschen am Rande der Gesellschaft. Das Wasser ist Leitmotiv ihrer Erzählungen: Ob an der Linzer Donau oder an der irischen Küste. Ob Hochwasser, Wellen, Schaumkronen, Gischt. Ob plätschernd, rauschend, sprudelnd, gurgelnd. Es ist bedrohlich und beruhigend, Enge und Freiheit, Anfang und Ende zugleich. Kains Figuren werden von ihm magnetisch angezogen. In ihm spiegeln sich ihre Sehnsüchte und Hoffnungen wider, in ihm gehen sie aber auch wieder unter. Wo man geneigt ist, wegzusehen, gräbt Eugenie Kain tief. Mit sezierendem Blick entblösst sie das Seelenleben ihrer Figuren. Sie bleibt nüchterne Erzählerin, sie wertet und verurteilt nicht. Und doch erzeugt sie einfühlsam Verständnis für das Schwache im Menschen. In der feinen Ironie und im stellenweise lyrischen, gleichnishaften Ton ihrer Erzählungen wohnt ein Funken Hoffnung. Kains "Hohe Wasser" mögen auf den ersten Blick düster und tragisch wirken, doch sie sind mutige Zeugnisse einer Zeit, in der es unter der glänzenden Oberfläche unaufhaltsam krankt und fault. Ein wichtiges Buch.