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lebenswelt kaltgepresst

Elisabeth Vera Rathenböck wirft in ihrem „Herbarium des Präsens“ einen sachlichen Blick auf ihre Umgebung


Elisabeth Vera Rathenböck: Herbarium des Präsens

edition innsalz; 2003

Rezensiert von: werner schandor


Pflanzen in dicke Wälzer legen, um ihnen jedes Tröpfchen Leben auszupressen, diese Methode ist bekannt. Aber den eigenen Wahrnehmungskosmos in seinen Einzelteilen literarisch plätten und schön alphabetisch geordnet zwischen zwei Buchdeckel zu bannen, das kommt einem seltener unter. Die in Steyr und Wien lebende Autorin Elisabeth Vera Rathenböck hat diesen Versuch unternommen und in der edition innsalz ihr privates Herbarium des Präsens vorgelegt. In 74 Glossen kann man nachlesen, welche Beobachtungen, Reflexionen und Erlebnisse die Wahrnehmung der Autorin prägten bzw. prägen. Das Sachregister reicht von der "Anatomie des Präsens" über das "Fernsehgerät", den "Literat" und die "Reise" bis zu den "Zikaden". Eine Passage des Buches war übrigens schon in Heft 8 der "schreibkraft" vorabgedruckt, nämlich Notizen aus Lisbeth Clemens' "Logbuch", die unter der Rubrik "Ortswechsel" verzeichnet sind.

Die Gegenwart fungiert als Leitmotiv des Buches, die Erdbeere könnte man als Leitfrucht sehen, denn: […] dieses Ananasgewächs [wird] in der Kunst als Symbol des Präsens verwendet […]: ihr fruchtig-frischer Geschmack lockt mit unaufdringlichem Reiz den Hunger nach Leben hervor." - Zum Beleg für dieses Behauptung ruft Elisabeth Rathenböck in der Glosse "Erdbeere" den Text eines gewissen Charles Meyer zitierenderweise in den Zeugenstand. Diesen Charles Meyer kann es nun geben, oder er kann eine Erfindung bzw. ein alter Ego der Autorin sein, denn im Herbarium des Präsens betreibt E.V. Rathenböck ein gewitztes Spiel mit dem Name-Dropping, das in geisteswissenschaftlichen und kunsthistorischen zur Legitimation eigener Gedanken betrieben wird. Rathenböck zitiert in ihren Notaten Paul Virilio und Joseph Beuys, Johannes Winter und Lisbeth Clemens und viele andere mehr. Einige dieser Autoren sind anerkannte Denker, andere reine Erfindungen von Rathenböck. Alle Zitate - echte von echten Personen, erfundene von erfundenen und erfundene von den echten Personen - sollen es den Lesern des Buches leichter machen, Rathenböcks Behauptungen Glauben zu schenken. Beispiel: "'Im Präsens finden wir uns mit der irdischen Schwerkraft ab, mehr können wir darüber nicht sagen", zitieren die Präsentisten gerne und oft Albert Einstein."

Ein Herbarium, das sei der Ordnung halber erwähnt, wird in Lexika als "systematisch angeordnete Sammlung gepresster und getrockneter Pflanzen" definiert. Systematisch wie ein Lexikon sind auch Rathenböcks Texte aufgebaut, die immer wieder aufeinander verweisen, freilich ohne einen chronoligischen Handlungsverlauf in die Wege zu leiten, wie dies Andreas Okopenkos Lexikonroman tut. Rathenböcks Buch versteht sich denn auch nicht als Roman, sondern vielmehr als geordnete Sammlung von Texten, die mit nüchternem, manchmal schon vivisektorischem Blick und kunstgeschichtlich geschultem Denk-Reflex das jeweilige Hier und Jetzt als fiktive Dokumentation festhalten. Auf sachliche Weise entsteht dadurch ein poetisches Lexikon eines gegenwärtigen Geistes.