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liebe am ende der welt

gabriel loidolt | liebe am ende der welt

eine irische geschichte (auszug)

"Die höchste Liebe ist die geheime." - Aus dem Hagakure von Yamamoto Yamamoto (1659 - 1719)


II

Immerhin, Ende Jänner, als alles blühte wie in Zentraleuropa erst Wochen später, wußte ich, wie Laura Grey küßte:
Sie fühlte sich gar nicht so steif an, wie ich mir vorgestellt hatte, wenn sie mit einem Pferdezopf, meist mit einer Perlenkette um den Hals, mit farblos lackierten Nägeln aus dem Gang, in dem die meisten Büros der Arts untergebracht waren, in die Studentenmensa herangestöckelt kam. Ich hatte das Gefühl, daß sie aufblühte. Ich jedenfalls war aufgeblüht.
Anfangs hatte sie nichts mit mir zu tun haben wollen, was über eine Tasse schalen Kaffee in der Mensa hinausging - obwohl ich ihr nicht unsympathisch war, wie sie zugab. Anfangs versuchte sie sogar, mir aus dem Weg zu gehen: Nach einer längeren Pause, wo sie für mich unauffindbar gewesen war, sah ich sie mit ihrer Tochter zwei Mal beim Lunch, als ich mich gerade zu einer Vorlesung aufmachte. Die beiden winkten mir zu, wir wechselten einige Worte, ich merkte mir die Zeit der unerwarteten Begegnungen.
Als ich eine Woche später, jedes Mal ein paar Minuten früher, in der Mensa erschien, tauchte Laura nicht auf, als habe sie meine Taktik bereits im Vorfeld durchschaut. Sogar in ihrem Büro war sie nicht anzutreffen.
Kurz vor Weihnachten jedoch hatte sie erneut Probleme mit dem Wagen. Ich kam gerade auf den Parkplatz, tatsächlich zufällig, falls der Zufall nicht der unendliche Spielraum Gottes ist. Die Sonne war unsichtbar, aber die Wolken über uns hatten gleißende Ränder, von denen aus das Licht fächerartig ausstrahlte. In Claire unten goß es in Strömen.
"Hello Dany, warum streikt der Motor schon wieder?" stieß Laura verzweifelt aus. Ich lächelte. "Weil dein Lenkrad auf der falschen Seite ist." Sie lachte.
Ein Handy hätte mich wohl überflüssig gemacht, das gab es noch nicht. So stieg sie in meinen Wagen, fütterte mich mit einem Minzbonbon und ließ sich zur Werkstätte fahren, um dem Mechaniker vom letzten Mal die Leviten zu lesen. Dann bat sie mich, sie zur Playing School zu fahren.
Auf der Fahrt schaltete ich oft, um ihren Schenkel zu streifen. Aber nicht zu oft. Selbstverständlich entschuldigte ich mich. Laura kicherte bald ungeniert, sie hatte mich durchschaut. Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Es war ein plumper Trick, aber auch ein kleines Ritual, das Ritual hilft einem über gewisse Hürden hinweg. Mein eigentlicher Trick war ein ganz anderer - weil der Sicherheitsbeamte weder am Schranken stand, noch in seiner Kabine hockte, ich aber halten mußte, sah ich meine Begleitung an und sagte in das heftiger werdende Trommeln des Regens:
"Ich würde dich liebend gern küssen, Laura."
Wohl irritiert von so viel unverschämter Wahrheit starrte sie mich plötzlich mit halb offenem Mund an. Ich packte sie blitzschnell am Ansatz des Pferdezopfs und drückte meine Lippen auf ihre. Zu meiner Überraschung fand ich ihre Zunge schnell, atmete ihren warmen Minzeduft in Schüben ein. "O God!" stieß sie bald nach Luft schnappend aus, während sie sich mit den Füßen gegen den Boden stemmte und der Regen als gnädiger Vorhang die Scheiben herunterfloß.
Kaum daß sie sich meiner Umarmung entwunden hatte, klopfte es. Sie funkelte mich an. Mir war schwindlig vor Glück. Ich sah die Knöchel des Sicherheitsbeamten, dann den Umriß des Pferdegesichts mit der Tellerkappe.
"Hello Laura, hello Dany! Such a mess! Isn't it?"
Ich stieg auf das Gas, Laura stieß mir in die Seite. Sie verstand das Pferdegesicht wohl anders als ich. Ich beruhigte sie. Das Pferdegesicht hatte unmöglich etwas sehen können, weil auch die Scheiben noch angelaufen waren. Außerdem war er von der Seite herangetreten. Laura schmollte.
Ihre Tochter spähte schon wieder sehnsüchtig hinter der Fensterscheibe nach ihrer Mutter hervor und winkte diesmal auch mir zu. Mich erstaunte, wie gut das Gedächtnis der Kleinen war. Ich glaube nicht, daß Laura ihr viel von mir erzählt hatte, dazu gab es keinen Grund, schon gar nicht in Irland. Vielleicht hatte die Kleine auch bloß meinen Wagen wieder erkannt.
Diesmal ging ich mit Laura mit in die Playing School, als wäre es selbstverständlich - vielleicht bemerkte sie auch nur zu spät, daß ich ihr folgte. An der Tür, wo die Kleine an der Hand der Betreuerin erschien, beeilte sich Laura, mich als Kollegen vorzustellen, bevor sie Sally in die Arme nahm, küßte und ihr "Hello, Sally-sweety-pie!" ins Ohr murmelte. Dann stellte sie mich sogar vor.
Sally versteckte ihr Köpfchen immer wieder hinter der Hand der Mutter, während sie mich schüchtern, aber neugierig mit dem blauen Silberblick ihrer Mutter anlächelte.

Bald waren wir die besten Freunde. Sally und ich. "Dany, Dany, Dany!" rief sie, wenn ich ihr in der Mensa über den Weg lief. Sie rutschte vom Sessel, lief zu mir und küßte mich über das ganze Gesicht. Ich mußte ein Taschentuch ziehen, denn sie leckte mich glatt ab, ja kündigte das sogar voll schelmischer Freude an. "I'll lick you!" Das drohte sie auch so mancher Studentin an, die zeitweise auf sie aufpaßte. Die Umstehenden lachten und die Kleine auch. Ach, warum war Laura mit ihren Zärtlichkeiten so geizig!
Laura war in meinen Armen zwar biegsam, doch stets hin- und hergerissen zwischen Hingabe und Zurückhaltung. Wenn ich sie in ihrem Büro bedrängte, durch dessen Fenster nur die Kühe einer angrenzenden Weide sehen konnten, behielt sie ängstlich die Tür im Auge. Klopfte es, schob sie mich sofort von sich weg, brachte ihr Haar mit einigen Handgriffen in Ordnung, die Bluse, den Rock. Ich wischte mir den Lippenstift mit einem Taschentuch ab und drehte mich nicht um. Sie sagte laut einen Satz auf englisch, bevor sie zur Tür rief: "Come in please!"
Meist klopfte eine Studentin, die nur ihren Kopf hereinsteckte und erschrocken sagte: "Sorry. I didn't want to disturb you." Laura lachte errötend, bevor sie sich auf die Lippen biß, als wäre sie beim Ehebruch ertappt worden.
Mir schien, sie machte sich zu viele Sorgen. Doch wenn ich sie darauf ansprach, schüttelte sie energisch den Kopf. Ich wollte nicht widersprechen - zudem hatte ich vor kurzem ein Formular unterschrieben, das meinen Vertrag am College um ein Jahr verlängerte.
Außerhalb ihres Büros war alles noch schwieriger: Sie hielt mich meist auf Abstand. Auf Ellbogenabstand. Das tat weh. Sehr weh. Ich hatte wohl angefangen, sie zu lieben. Ich war längst so weit, daß ich mich nicht mehr von Plakatschönheiten blenden ließ. Laura war hübsch, aber die vielen Sommersprossen im Gesicht haßte sie, vor allem im Sommer, wenn die Sonne sie regelrecht zum Erblühen bracht, wie sie sagte. Mich störten die Sommersprossen nicht. Laura hatte für mich längst eine Gestalt angenommen, die vom Gesamteindruck lebte: ihr Lachen, wenn sie einen Whiskey zu viel getrunken hatte und mich bat, sie zu ihrem kleinen Sportwagen zum College hochzufahren; ihre Konzentration, wenn sie ihre Lesebrille aufsetzte und die Arbeiten der Studenten im Büro korrigierte; die Leuchtkraft ihrer Silberaugen; ihr stolzer Gang in einem Pub, wenn sie mit ihrem Handtäschchen von der Toilette kam; ihr Husten bei einem Lungenzug, weil sie selten rauchte. Oder ihre besorgte Miene nach dem Austausch von Zärtlichkeiten - sie zog schnell ein Tempotaschentuch, befeuchtete es mit der Zunge und wischte mir ihren rosa Lippenstift aus dem Gesicht.
Meine Tage wurden immer voller von Laura, ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihrem Gang. In den Nächten dachte ich nur mehr an sie. An ihre sich endlich weiter vorwagenden Hände im Schutz dünner Decken, die Berührung ihrer lockenden Brüste, den Gegendruck ihrer Alabasterschenkel. In meiner Phantasie wühlte ich mich bereits so heftig in das dunkle keltische Haar, daß meine Träume mir wie aus Erbarmung folgten, bevor sie mich überholten und alles so wunderbar vorausponnen, was die irischen Tage mir noch ängstlich verweigerten … ach Laura, liebste Laura!