schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 11 - und jetzt?! pfeffer wie salz
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/11-und-jetzt/pfeffer-wie-salz

pfeffer wie salz

michy köhn | pfeffer wie salz

Drei Tage Unwetter. Keinen Fuß konnte ich vor die Tür setzen. Und nebenan ein Unrast, der seine Wohnung renovierte. Klopfen, wie prasselnder Regentropfen an Fenster. Das alles zusammen nervte. Ich musste raus. Und es passte, denn heute war Straßenfest in der Müllerstraße und die Sonne schien ab und an. Die Müllerstraße ist die Hauptverkehrsader im Berliner Wedding, hinterm Schillerpark. Nicht weit von mir. Ich konnte zu Fuß hin, meinen in drei Regentagen versifften Schädel auslüften, das Klopfen und Hämmern von nebenan, und Hans das versprochene Manuskript mitbringen. Wir wollten uns auf dem Straßenfest treffen, hatten uns Jahre nicht gesehen. U-Bahnausgang Rehberge, schlug er vor. Ja, genau da, pünktlich um fünf. Vor vierzehn Tagen war ich in die Stadt zurückgekehrt - und ich freute mich auf unser Wiedersehen.

Vorher noch einen Becher randvoll mit Klarem und etwas Cola. Das sollte bis zum Straßenfest reichen. Ich schluckte und steckte den breit gedrückten Becher mit dem Rest darin in die rechte Seitentasche meiner Lederjacke. Das Manuskript in die linke. Die Zigarette in den Mund. Hände in die Hosentasche, jedenfalls bis zum nächsten Schluck. Unwillkürlich machte sich ein Lächeln auf meinem Gesicht breit, merkte ich. Es musste die Wiedersehensfreude sein, das zu erwartende Bad in der Menge, die Wirkung des satten Zuges aus dem Becher. Wohl wegen der letzten Schlucke musste ich pinkeln. Und wieder spürte ich dieses Ziehen in der Blase. Hinter einem Gebüsch sollte die Sache sich unproblematisch erledigen lassen, hoffte ich. Denn in letzter Zeit hatte ich beim Wasserlassen unter Schmerzen gelitten. Der Strahl tröpfelte, anstatt zu sprudeln, und deswegen befürchtete ich mir auf die Hose zu seechen.

Ich holte tief Luft und öffnete mich. Der Strahl, der diesmal ziemlich kräftig gegen die Blätter des Gebüsches schoss, erfüllte mich mit Freude und Erleichterung. Der Druck im Anusbereich ließ nach. Ich schüttelte, beugte die Knie, um den letzten Tropfen ungestört abfallen zu lassen, und sah mit kurzem Blick an meiner Hose herunter: alles OK. Ich grabbelte an der Jackeninnentasche. Wohlan, den Schluck danach hatte ich mir redlich verdient. Den leeren Becher versenkte ich in einem Abfallkorb.

Vom Festplatz herüber zitterten sich Schallwellen Musik durch die Bäume. Reggae erfüllte den Park. Ich wiegte mich im Takt und je näher ich den Rhythmen kam, desto heftiger schlugen die in mir zu. Ich empfinde so nicht täglich, wie man sich denken kann. Denn wer tanzt schon im Park vor sich hin, aber es ist mir dazu ein angenehmer Ort. Früher hatte ich hier meine ersten Freundinnen getroffen. Nicht weit von hier ging ich in die Schule. Ja, auch jetzt ist mir so als wäre mir eine alte Liebe nachgekommen. Es wäre Zeit. Und noch heute kenne ich jede Stimme, so, als lebte ich noch in so einem Leben.

Mein Dasein jetzt hatte in diesem Sinne aber zuwenig Bewegung, deshalb ist es so blass. Vielleicht auch aus anderen Gründen, was weiß ich. Ich weiß es nicht, weil ich mir darüber wenig Gedanken tue, ich sehe nicht in fremde Fenster, rede nicht in unbekannte Ohren, ich schreibe - seit drei Jahren.
Das war alles an Kommunikation.
Dieses Schreiben kostete meine Ehe. Es verleitete mich, dass ich mich in meiner Einsamkeit wohl fühlte - und irgendwie wollte ich das auch nicht anders. Ich genoss es. Die Zeit der gemeinsamen Langeweile war vorüber, einfach so. Und sowieso mag ich dieses halbseidene Zusammenleben nicht, diese Trennungen, bei denen man aufmerksam und liebevoll miteinander tut, als wäre nichts geschehen. Es ist etwas geschehen. Eine Liebe ist gestorben. Ob nun gerade zu diesem Zeitpunkt, wenn man sich trennt, oder schon als man heiratete, oder irgendwo dazwischen, dass bleibt die Frage. Ich will die nicht beantworten, dass muss schon jeder für sich tun. Und was ich noch weniger glaube, dass Mann und Frau nach einer Trennung 'gute' Freunde bleiben können. Eventuell kann man 'gute' Erinnerungen bewahren, das ist aber schon alles; denn eine Trennung ist ein Abschied, ein Abschied eine Trennung, es sei, die findet auf dem Flughafen oder Bahnhof statt, wo eine Wiederkehr nicht ausgeschlossen ist. Jedenfalls sehe ich das so.

Ich musste schon wieder pinkeln. Ein Glück, das ich noch ein paar Hauseingänge vor mir habe bis dahin, wo Publikum ist. In eines der Portale stelle ich mich, unbemerkt denke ich, und löse die Pein. Plötzlich schießt kläffend ein Hund von hinten auf mich zu, und ich musste lachen, las ich doch eben einen satirischen Artikel eines Schreibbruders, dessen Protagonist von einem Dackel der Sack malträtiert worden waren. "Pfui!" rief ich im Vorgefühl des Schmerzes.
"Du alte Sau!" hörte ich als Antwort, "kannste nicht woanders hinpissen?"
"Wenn das so einfach wäre, gute Frau." Und dann war es passiert, beim raschen Einpacken des Geräts hatten zwei-drei Tropfen meine Jeans dunkel eingefärbt.
"Scheiße!"
"Nicht das noch. Ich hole meinen Mann, du Bettnässer, wenn du nicht augenblicklich hier verschwindest..."

Nicht, dass ich diese paranoide Sphäre genoss, die ich notgedrungen hatte errichten müssen um meiner Notdurft nachzukommen. Lieber hätte ich mein Intimleben anders geschützt, doch diese Kuh, die mit Hund und ihrer Mutter spazieren ging, ihre Mutter war wohl eine verhinderte Wahrsagerin, denn die weissagte in sichtlicher Vorfreude: "Der will uns bestimmt noch seinen Schwanz zeigen!" - der steckte ich die Zunge heraus, "nicht mal meinen Arsch, ihr blöden Weiber" und machte dass ich wegkam. Wenn überhaupt, würde ich die beiden Hetären als unheilige Familie in einer meiner Kurzgeschichten wiedersehen. Darin würden die mich, den Helden, anklagen: "Der hat uns alles kaputtgemacht, hat unsere Seele beschmutzt", würde die Alte sagen. Ein schwarzer Rahmen wäre ihre Fratze, darin ein verschachteltes stilles Bild, und sprachlose Worte am Ende, als ich mich nicht zu ihren Vorwürfen äußere...

Nach ein paar schnellen Schritten hörte ich sie hinter mir empört auflachen. Ja, ich werde den immer noch hinter mir her pöbelnden erbosten Zanken ihre Anklage wegen Unsittlichkeit zurückschicken, dachte ich, denn ich musste weiter, was trinken, sonst ginge der Streit um meine Person bis über den Tod hinaus...

Der jetzt krachende Beat zog mich wie ein Staubsauger auf die Festmeile und schon stand ich mit einer Dose Bier in der Hand vor dem Podium der Rocker. Ein sechzigjähriger Barde in engen Jeans, lässig die Gitarre umgehängt, mit einem Griff in die Seiten, mit dem anderen seine Hoden bespielt. Und ich wollte schon rufen, na Bruder, auch Pinkelprobleme wegen der Prostata?, als mir von hinten jemand irgendetwas in die Kniekehlen rammte.

"Menschenskind!"
Ich knickte nach hinten ein, und aus der Bierdose schäumte es über mein T-Shirt. Immerhin konnte ich jetzt sagen, dass die Pinkelspritzer auf meiner Hose von daher stammten.
"He, Marschall!" brüllte Wolle, ein Freund aus Jugendtagen, den Krach des Beats übertönend, in mein Ohr.
"Wolle, du Sack!" Und ich strich mir die Bierreste aus dem Bart.
"Lange nicht gesehen, Alter." Und er steckte mir ein frisches Bierchen in die Hand.
"Warm wie Pferdepisse" kommentierte ich sein Geschenk.
"Ich bin Selbstversorger; bei den Preisen hier..." Und Wolle deutete auf einen winzigen Rucksack, in dem es fröhlich wie Glas auf Blech klingelte.
"Ich hab auch nen Kurzen?!" kam die Bestätigung. Feuchte Augen bekam er dabei, dem Schluck und meiner Retourkutsche gewiss.
"Ich weiß das du nen Kurzen hast, Wolle. Kurze Dinger wachsen auch im Alter nicht mehr." Wobei wir beide in brüllendes Lachen ausbrachen.
"Komm, Alter" er wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln, drängte mir die Pulle Korn an die Lippen, "schlucken!"
"Halt bloß den Sack verschlossen, sonst klauen se dir noch dit Bier," verfiel ich in den lange nicht gesprochenen Berliner Slang.
"Recht haste."
Erst jetzt sah ich Wolles Veilchen.
"Du hast dich nicht verändert."
"Wieso?"
"Wegen dem da," und ich deutete auf sein rechtes Auge.
"Ja, immer rechts, ist mir auch schon aufgefallen!" Und er brüllte wieder vor Lachen.
"Wer war's?" wurde ich meiner alten Sheriffrolle gerecht.
"Mensch, Marschall - uninteressant..."
"Lass mich raten, - der 'Gepeickerte', stimmt's?"
"Hmm," grummelte Wolle.
"Soll ich mal?" kam meine Anfrage.
"Mensch, Marschall, du bist doch auch nicht mehr der Jüngsten Einer,"
versuchte er die Situation zu entschärfen
"Ach weißt du, Wolle, was man bei der Legion gelernt hat, vergisst man so
schnell nicht wieder..."
Doch Wolle hatte nicht ganz unrecht, der 'Gepeickerte', mit richtigem Namen Dieter, war eine nicht ungefährliche Nummer. Seinen Spitznamen hatte er, weil er auf dem Penis den Namen seiner Freundin tätowiert trug. Wenn er kein Geld zum Saufen hatte, zog er durch die Kiezkneipen und haute ungefragt sein Ding auf den Tresen. Einer war immer dabei, der dafür einen ausgab.
Einmal geriet er an den Falschen. Bei der folgenden Rangelei zog Dieter ein Messer und rammte das seinem Widersacher in den Leib. Der so Abgestochene verblutete in der Kneipe.
Als Dieter aus dem Knast entlassen wurde, nach diesem verdammten Urteil, beschwerte er sich bei jedem, den er kannte - oder nicht, nachdem er also vier Jahre hinter Gittern verbracht und dort den Verlust mehrerer Zähne, die Absonderungszelle und unzählige Schläge ertragen hatte, war er natürlich auch seinen Job los. Das, und das Gefängnis, hatten ihn vollends um den Verstand gebracht.
Er fing an Wolle zu erpressen. Beide waren Soziahilfeempfänger - bloß, dass Wolle noch einen Notgroschen besaß, den er bei seiner Fernfahrerei mit dem Verticken von sogenannten Transportschäden erwirtschaftete, und dieses kleine Vermögen auf dem Amt nicht angegeben hatte, von dem aber Dieter wusste...
Wolle zahlte. Zahlte er mal nicht, schlug ihm Dieter auf die Fresse. Also zahlte Wolle.
Vorgestern war es wieder so weit.
"Komm, Kumpel, lass dir doch helfen!"
Ne-Ne, du, das mach ich alleine," und Wolle ließ durch Jackenfutter und Stoff hindurch ein Springmesser ins Freie, "das hab ich seit gestern..."
Auwei, es war ihm also ernst, sonst hätte er, der mit seinen Klamotten so penible, nicht seine 'gute' Jacke ramponiert.
"Mann, Wolle!" konnte ich noch sagen. Doch der sagte nichts mehr, drehte sich um und ging. Über die Schulter rief er fröhlich: "Man sieht sich."
Winkte beidarmig. Mehr war vorerst nicht.