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phantastische bilder

Traude Korosas Geschichten über die schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft


Traude Korosa: Hannas Vermächtnis und andere Erzählungen

Triton; 2003

Rezensiert von: katharina santner


Die abtrünnige Sonja lässt sich von ihrer Stadt zurückerobern. Marion liegt gefesselt im Gitterbett und träumt sich auf ihre Bank im Hessenpark. Den Frauen in Traude Korosas Geschichten fehlt oft die Kraft sich aus gesellschaftlichen Strukturen zu befreien. Aber auch Männer wie der Behinderte Georg oder der Karli Doktor, der vom sozialen Aufstieg träumt, stehen plötzlich vor einem unüberwindbaren Hindernis. Immer wieder spielt die Vergangenheit eine Rolle. Zum Beispiel, wenn die Bachleitnerin wegen eines Stücks Brot im Konzentrationslager landet oder die Hebamme Lena ihr eigenes Kind aussetzt. So treffen Menschenbilder aus Vergangenheit und Gegenwart aufeinander und manchmal mischt die Autorin auch Phantasie darunter.

Eines haben alle Figuren in Traude Korosas Erzählband Hannas Vermächtnis und andere Geschichten gemeinsam: Sie scheinen umspannt zu sein von einem Netz aus Konvention und Ausweglosigkeit. Ihre Geschichten sind Geschichten, die man sich nach dem Motto "Hast du schon gehört..." unter der Hand weitererzählt. Mit dem Unterschied, dass bei Traude Korosa der Mensch im Mittelpunkt steht. Sie zeigt die Innenwelt, die Gefühle und die Abgründe der menschlichen Psyche und ergreift Partei für die Schwachen. Ihr knapper, realistischer Stil verhindert dabei ein Abgleiten in Klischees.

Korosa Figuren reden und denken in ihrer eigenen Sprache. Damit vermittelt sie auch die Denkweise der österreichischen Landbevölkerung. Wenn der Georg "dem Herrn Personaldirektor" begegnet, spürt man die Autoritätshörigkeit. Und wenn die Lena "ein ganz Stilles" auf die Welt bringt, kommt der Stellenwert eines Kindes in der ländlichen Gesellschaft zum Ausdruck. Doch vor allem wenn es um Wahnsinn und Verzweiflung geht, gleitet Traude Korosas Stil von einer realistischen Darstellung in phantastische Bilder über. "Dann kommt sie, die spinne und saugt sie aus, bis theresa ganz leer ist, alles ist weg, das blut, das gefühl, die angst, alles ist weg, sie ist hohl, leer." So gelingt es der Autorin, Gefühle greifbar zu machen.

Traude Korosa kennt den durch Konventionen vorbestimmten Weg. Nach ihrer Kindheit im Mühlviertel arbeitete sie auf Wunsch ihrer Familie als Krankenschwester in Linz. "Irgendwann würde sie heiraten und dann könnte sie wenigstens für Mann und Kinder einen Kamillentee kochen", schreibt die Schriftstellerin El Awadalla über die Zukunftspläne von Korosas Eltern für ihre Tochter. Tatsächlich heiratete Traude Korosa und bekam zwei Kinder. Doch schließlich änderte sie ihr Leben, ließ sich scheiden und arbeitete als Tagesmutter. Darauf folgte das Studium der Germanistik und Publizistik in Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien und Lesungen in Oberösterreich und Wien ebneten den Weg als Schriftstellerin. Korosa fördert Autorinnen und ist Herausgeberin von Literaturzeitschriften. Nach 20 Jahren liegt jetzt ihr erster eigener Sammelband vor - tragischerweise im Wiener Triton-Verlag, der im Frühjahr 2004 in Konkurs ging. In Hannas Vermächtnis gelingt es Traude Korosa, die kleinen Tragödien im nahen Umfeld realistisch darzustellen. Mithilfe ihres unverkennbaren Stils zeichnet sie Bilder von Menschen mit all ihren Emotionen ganz ohne mediale Dramatik.