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pippi langstrumpf

paulus hochgatterer | pippi langstrumpf

oder von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens

Wie anfangen?, lautet in meiner Situation zwangsläufig die Frage. Zitieren ist in der Regel eine unverfängliche Möglichkeit. - Wen? Freud macht sich erfahrungsgemäß ganz gut, auch Peter Sloterdijk oder Steven Spielberg. Weniger in Betracht kommt vielleicht Michel Foucault, denn der ist an AIDS gestorben und mit etwas, das zugleich ambivalent besetzt und tragisch ist, soll man nicht beginnen, weniger auch John Locke. Seine Gedanken über Erziehung hat nämlich in Wahrheit keiner gelesen, außerdem - wer interessiert sich heutzutage schon für das 17. Jahrhundert?

Die Rede ist jedenfalls vom Kindsein. Kinder haben Mütter, Väter, Lehrer und Kinderpsychiater. Eine Mutter sollte neben unzähligen anderen guten Eigenschaften vor allem eine besitzen, - sie sollte sich gelegentlich an die Zeit erinnern, in der sie selbst ein Kind war und jemand anderer ihre Mutter. Ein Vater benötigt in Wahrheit, die Kindererziehung betreffend, nur eine einzige gute Eigenschaft, nämlich genau die angeführte: er sollte sich gelegentlich an die Zeit erinnern, in der er selbst ein Kind war und jemand anderer sein Vater, und dann sind eh schon alle zufrieden. Ein Lehrer sollte sich ab und zu an die Zeit erinnern, in der er selbst Schüler war und jemand anderer versucht hat, ihm den Conjunctivus irrealis beizubringen oder den Lehrsatz des Pythagoras oder warum sich der Wasserwirbel über einem Badewannenablauf auf der nördlichen Halbkugel in die andere Richtung dreht als auf der südlichen. Ein Kinderpsychiater schließlich - ‚man kehre zuerst vor der eigenen Tür', hört man, und dabei tauchen in unseren Erinnerungen jene Großmütter auf, die in erster Linie Sprichwörterreservoir waren - ein Kinderpsychiater schließlich sollte sich ebenfalls gelegentlich darauf besinnen, wie es damals war, als er klein war und die anderen groß, als er sich schlecht gefühlt hat und die anderen nicht, oder er sich schlecht gefühlt hat und die anderen auch oder die anderen sich seinetwegen schlecht gefühlt haben und er selbst sich erst später. Wir alle sollten uns gelegentlich an unsere Kindheit erinnern - jetzt bin ich beinahe dort, wo ich hin will -, und da wir gute Mütter, Väter, Kinderpsychiater, Lehrer und Kinder- und Jugendanwälte sind, tun wir es auch. Wir erinnern uns an Gutes und weniger Gutes, an Ostereiersuchen und an Verletzungen, an Kirchgänge und an Essigpatscherln. Die meisten von uns erinnern sich lieber ans Ostereiersuchen als an Verletzungen. Wie es sich mit Kirchgängen und Essigpatscherln verhält, ist vermutlich weniger eindeutig.

Wie anfangen?, lautete die Frage. Zitieren, war ein Vorschlag, und wir waren eben bei Kindheitserinnerungen. Als jemand, der ausgewiesenermaßen eine gewisse libidinöse Beziehung zu Büchern hat, zitiere ich aus einem Buch, das mit Kindheitserinnerungen zu tun hat, aus der kleinen Novelle Eifersüchtig des amerikanischen Romanciers Richard Ford. Die ersten Sätze:

In den letzten Tagen, während ich bei meinem Vater in seinem Haus unterhalb des Teton-Flusses lebte, las er mir vor. Nach der Arbeit am Küchentisch sitzend oder frühmorgens, während ich mich vor ihm am Ofen anzog, las er mir laut aus den Regionalzeitungen vor oder aus Zeitschriften - Life und Geographic - oder aus alten Schulbüchern, die mit Kordeln zusammengebunden in den Nebenräumen unseres Hauses zurückgelassen worden waren.

Das kennen wir alle, die wir in einer bestimmten Phase unseres Lebens erfahren durften, was man in psychoanalytischer Nüchternheit ‚eine genügend gute Elternbeziehung nennt': Mama oder Papa lesen uns vor, vielleicht nicht gerade nach der Arbeit und schon gar nicht frühmorgens, vielleicht nicht gerade aus Regionalzeitungen, da schon eher aus alten Schulbüchern. Die Eltern lesen ihren Kindern vor: prototypisch findet das am Bett statt, hat mit Augenzufallen zu tun und mit einem ab und zu einschießenden Lachen. Es fühlt sich gut an, das ist entscheidend, - natürlich abhängig davon, woraus vorgelesen wird. Schulbücher fühlen sich untermittelgut an, auch wenn sie alt sind. Wirklich gut fühlen sich zum Beispiel an: Das kleine Gespenst, Mio, mein Mio, Der Räuber Hotzenplotz und Pippi Langstrumpf.

Pippi Langstrumpf, der Anfang, ein wenig länger als zuvor Richard Fords Eifersüchtig. Wäre ich ein katathym-imaginativer Psychotherapeut, so würde ich jetzt sagen: "Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und begeben Sie sich im Geist an den Rand einer kleinen, kleinen Stadt."

Am Rand der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten. In dem Garten stand ein altes Haus und in dem Haus wohnte Pippi Langstrumpf. Sie war neun Jahre alt und wohnte ganz allein da. Sie hatte keine Mutter und keinen Vater und eigentlich war das sehr schön, denn so war niemand da, der ihr sagen konnte, dass sie zu Bett gehen sollte, gerade wenn sie mitten im schönsten Spiel war, und niemand, der sie zwingen konnte, Lebertran zu nehmen, wenn sie lieber Bonbons essen wollte.
Früher hatte Pippi mal einen Vater gehabt, den sie schrecklich lieb hatte. Ja, sie hatte natürlich auch eine Mutter gehabt, aber das war so lange her, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte. Die Mutter war gestorben, als Pippi noch ein ganz kleines Ding war, das in der Wiege lag und so furchtbar schrie, dass es niemand in ihrer Nähe aushalten konnte. Pippi glaubte, dass ihre Mama nun oben im Himmel sei und durch ein kleines Loch auf ihr Kind runterschaue, und Pippi winkte oft zu ihr hinauf und sagte: "Hab keine Angst um mich! Ich komm schon zurecht!"

Ihren Vater hatte Pippi nicht vergessen. Er war Kapitän und segelte über die großen Meere, und Pippi war mit ihm auf seinem Schiff gesegelt, bis er einmal bei einem Sturm ins Meer geweht worden und verschwunden war. Aber Pippi war ganz sicher, dass er eines Tages zurückkommen würde. Sie glaubte überhaupt nicht, dass er ertrunken sein könnte. Sie glaubte, dass er auf einer Insel an Land geschwemmt worden war, wo viele wohnten, und dass ihr Vater König über alle Neger geworden war und jeden Tag eine goldene Krone auf dem Kopf trug.

"Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!", pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. "Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich Negerprinzessin. Hei hopp, was wird das für ein Leben!"

Ihr Vater hatte dieses alte Haus, das in dem Garten stand, vor vielen Jahren gekauft. Er hatte gedacht, dass er dort mit Pippi wohnen würde, wenn er alt war und nicht mehr über die Meere segeln konnte. Aber dann passierte ja das Schreckliche, dass er ins Meer geweht wurde, und während Pippi darauf wartete, dass er zurückkam, begab sie sich geradewegs nach Hause in die Villa Kunterbunt. So hieß dieses Haus. Es stand möbliert und fertig da und wartete auf sie. An einem schönen Sommerabend hatte sie allen Matrosen auf dem Schiff ihres Vaters Lebewohl gesagt. Sie hatten Pippi sehr gern und Pippi hatte sie auch gern.
"Lebt wohl, Jungs", sagte Pippi und gab allen der Reihe nach einen Kuss auf die Stirn. "Habt keine Angst um mich. Ich komm schon zurecht."

"Habt keine Angst um mich. Ich komm schon zurecht." - Das sollten wir uns merken.
Warum mögen Kinder Pippi Langstrumpf? Warum mag das Kind in uns Pippi Langstrumpf immer noch? - Man könnte, an der Oberfläche bleibend, sagen: Weil sie so stark ist und in Wahrheit doch jeder von uns stärker sein möchte als der Rest der Welt. Oder: Weil sie ein Pferd und einen Affen hat und wir uns alle noch gut an die Gesichter unserer Eltern erinnern können, als wir versuchten, bei ihnen eine Katze oder einen Goldhamster durchzusetzen. Oder man könnte sagen: Weil ihr Papa Schiffskapitän und Negerkönig ist, und welches Kind besitzt schon einen Schiffskapitän und Negerkönig als Vater. Oder: Weil Pippi ungeniert "Negerkönig" sagen kann und "Plutimikation" und "Spunk" und "Kumminalsteuern", ohne dass ihr jemand mit political oder sonstiger correctness kommt.
Ich glaube, das stimmt alles, und Identifikation funktioniert zum einen Teil auch so: Ich kann etwas, der andere kann es besser, also will ich so sein wie der andere. Der andere hat etwas, ich habe es nicht, also will ich ebenfalls so sein wie der andere. Ich glaube allerdings, dass es nur zum einen Teil so einfach funktioniert, dass es zum anderen Teil ein wenig komplizierter ist.


Die Hypothese, Teil 1
Wenn etwas kompliziert wird, formuliert man eine Hypothese, außerdem: was ein ordentliches Referat sein will, braucht sowieso eine:
Teil 1 derselben: Wir mögen Pippi Langstrumpf, weil sie uns vor Augen führt, wie man mit Paradoxa lebt.
Pippi ist zugleich schlimm und brav, naiv und brillant, grob und sensibel, revolutionär und traditionsbewusst, unwissend und gebildet, politisch und subversiv, provinziell und polyglott. Sie fängt Verbrecher und verschreckt zugleich Polizisten. Sie rettet kleine Jungs aus Feuersbrünsten und hängt andere mit den Hosenträgern auf Bäume. Sie weiß vielleicht, dass sieben plus fünf zwölf ist; mit Sicherheit weiß sie, dass daher nicht auch sechs plus acht zwölf sein kann. Sie bäckt Kekse, erledigt das Ausstechen allerdings auf dem Boden, geht zur Schule, allerdings nur kurz, und feiert klarerweise Weihnachten, allerdings einen Tag später als die anderen. In einer Welt, die nach Eindeutigkeit strebt, führt uns Pippi Langstrumpf vor Augen, dass Pluralität nicht nur ein Grundprinzip der Demokratie, sondern in erster Linie eine wesentliche Voraussetzung für ein unbeschwerteres Leben darstellt.

Am augenfälligsten wird Pippis Rolle als personifiziertes Paradoxon vielleicht in den Bereichen von Sprache und Sexualität. Auf beiden Feldern spannen sich zwischen Metaphorik und Konkretem Bögen, die auf wundersame Weise in Schwebe gehalten werden, sei es, dass Pippi mit wenigen Worten ihre Villa Kunterbunt in ein Kinderheim umzudeuten weiß, sei es, dass sie, selbst konsequent in Strumpfbändern und blauem Höschen mit weißen Punkten, einerseits ihre mit einer Fülle an Sexualsymbolen aufgeladene Geschichte durchläuft, andererseits durchwegs in einer Verfassung kindlicher Unschuld verbleibt. Aber das ist eine Angelegenheit, die an anderem Ort zu erörtern sein wird.


Die Hypothese, Teil 2
Hat eine Hypothese einen Teil 1, so kann auch Teil 2 nicht fern sein. Teil 1, zur Rekapitulation: Pippi Langstrumpf führt uns vor Augen, wie man mit Paradoxa lebt, daher mögen wir sie.

Teil 2: Das wesentliche Paradoxon von Kindheit ist, dass sie in erster Linie dazu dient, sich selbst erfolgreich zu Ende zu bringen. Oder, noch pointierter: Das Gelingen einer Kindheit erkennt man daran, dass sie ver­schwindet.

Wenn sich eine konkrete Kindheit anschickt, tatsächlich zu verschwinden, wird sie üblicherweise abgelöst von etwas, an dessen Existenz die meisten von uns trotz allem noch glauben, nämlich vom Erwachsensein. Zum Erwachsensein wiederum fallen uns Begriffe ein wie Identität, Autonomie, Kritik-, Reflexions- und Einsamkeitsfähigkeit, Familie, Betriebsausflug und Finanzamt. Oder eine Kurzvariante: Keine Schule mehr. Wählen gehen. Sex haben.

Pippi Langstrumpf hat zwar keinen Sex, oder wenn, dann höchstens auf einer metaphorischen Ebene, und trotzdem ist sie auch erwachsen. Oder, anders formuliert und kurz retour zu Teil 1 unserer Hypothese: Wir lieben Pippi Langstrumpf, weil sie Paradoxa verkörpert, und wir lieben sie besonders, weil sie es vor allem mit dem genannten Kernparadoxon von Kindheit tut. Sie ist die Verkörperung der Übergangszone vom Kind zum Erwachsenen, damit die Personifikation des Gelingens von Kindheit.
Pippi besitzt zwar eine kindliche Statur, doch andererseits Kräfte, die es ihr erlauben, eine Kuh über den Zaun zu heben und auf dem Jahrmarkt den stärksten Mann der Welt zu besiegen. Sie hat zwar kein eigenes Einkommen, jedoch einen Koffer voll mit Goldstücken, der ihr ökonomische Unabhängigkeit sichert. Sie hat zwar den Buchstaben i noch nicht gelernt, doch kennt sie die Hauptstadt von Portugal und weiß, dass es in Argentinien streng verboten ist, Schularbeiten zu machen. Derartiges bedeutet intellektuelle Unabhängigkeit. Unabhängigkeit auf ethischer Ebene wiederum beweist sie damit, dass sie sich zwar über allerhand Vorschriften hinwegsetzt, dennoch für sich selbst eine große Sicherheit in der Beurteilung dessen, was gut und was böse ist, besitzt. Sie hört sich die Vorstellungen der Erwachsenen zwar an, mit wem sie Umgang haben sollte und mit wem nicht, entscheidet am Ende jedoch selbst, was man, und das leuchtet unmittelbar ein, soziale Unabhängigkeit nennen kann. Sie weiß um ihre Herkunft, ist im Stande, aus ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, ist also auch biographisch unabhängig. Jenen Schritt, auf den es meines Erachtens ganz besonders ankommt, wenn Kindheit gelingen soll, tut sie eigentlich schon am Anfang der Geschichte: sie imaginiert sich die Eltern weg. Papa Efraim Langstrumpf wird auf Taka-Tuka-Land verbannt, welches bekanntlich die ziemlich entfernteste Südseeinsel überhaupt ist, und darf erst auf Seite 250 gerade einmal für eineinhalb Kapitel zu Pippi auf Besuch kommen. Dann muss er wieder fort. Dass die Mutter kurzerhand zu Tode kommen muss, ist zugegeben eine etwas drastische Variante, im Verein mit Pippis Vorhaben, neben dem Negerkönigvater Negerprinzessin zu werden, andererseits ein wunderbarer Beweis dafür, dass es den Ödipuskomplex wirklich gibt. Manchmal scheint es offenbar Negerkönige zu brauchen, damit Psychoanalytiker sich freuen können. „Hab keine Angst um mich“, sagt Pippi jedenfalls zu ihrer Mutter, die im Himmel sitzt, „ich komm schon zurecht!“ Die Mutter ist maximal weit entfernt; die Tochter ist identifiziert mit ihr und ihrer Sorge und ist zugleich in der Lage zu sagen: ich bin groß genug, auf mich selbst zu schauen. So soll es sein.

„Hab keine Angst um mich! Ich komm schon zurecht!“ Das hatten wir uns ja schon gemerkt.
Die Eltern wegimaginieren zu können und zugleich mit ihnen identifiziert zu sein, ist ein entscheidendes Kriterium für die erfolgreiche Abwi­­cklung des Projektes Kindheit in Richtung Erwachsensein. Dafür braucht es allerdings eins vor allem: Erwachsene Eltern. Gibt es die noch?

Schwund des Erwachsenseins
Wir leben in einer Zeit des exponentiell beschleunigten Wirklichkeitswandels. Das ist eine Binsenweisheit oder, wenn man es hochgestochener sagen will, eine implizite Tautologie, denn zum Wesen des Menschen scheint die Entwicklung zum beschleunigten Wirklichkeitswandel dazuzugehören. Was wiederum nichts daran ändert, dass immer schneller alles anders wird, dass wir immer weniger mitkriegen und immer schneller immer mehr veraltet. Besondere Relevanz hat das für unsere Erfahrungen. In unserer Lebenswelt scheinen jene Situationen zunehmend selten wiederzukehren, für die wir unsere Erfahrungen gemacht haben. Unsere Erfahrungen scheinen immer weniger brauchbar zu sein, verkommen zu One-Way-Experiences, zu Wegwerferfahrungen. Dieses Phänomen, der Verlust der Bedeutung der eigenen, der Primär-Erfahrung führt - reziprok - dazu, dass man immer abhängiger wird von Erfahrungen, die man entweder selbst noch nicht gemacht hat oder nie machen wird, die jedenfalls andere für einen machen. Das hat zur Folge, dass eben genau jene Verfassung verschwindet, die Sie sich nach wie vor mehr oder minder selbstverständlich zuschreiben, ich mir auch. Die Rede ist vom Erwachsensein. Die eigene Erfahrung als verlässlich zu erleben, auf die Erfahrungen anderer nicht primär angewiesen zu sein, die Welt als vertraut wahrzunehmen, den organisierten Apparat von Bildung hinter sich gelassen zu haben, - das war seit jeher die Position des Erwachsenen. Nichts davon ist mehr der Fall. Verunsichert segelt man dahin, von einem Erfahrungsmistkübel zum nächsten, wirft dort was rein, nimmt da was raus - und lernt von den Kindern. Das heißt dann meistens „Die Eltern lernen mit“. Die romantische Figur, dass Kinder ihre Primärerfahrungen mit Hilfe der Eltern machen, wird abgelöst durch die ganz und gar unromantische Figur, dass Eltern ihre Tertiärerfahrungen durch die Kinder machen, die sie als Sekundärerfahrungen aus dem Internet beziehen. Die Kinder werden zu Experten des Erfahrungserwerbes aus zweiter und dritter Hand, und man selber bleibt weltfremd und wird nicht mehr erwachsen. Daraus ist für alle, die ihren Neil Postman gelesen haben, mühelos abzuleiten, dass er in zweierlei Hinsicht unrecht hat: Erstens ist im Vernetzungszeitalter das Fernsehen als Urquell allen Übels nicht mehr dingfest zu machen. - Das geht durch als ein Phänomen der Veränderungsbeschleunigung, ist doch Das Verschwinden der Kindheit bereits im Jahr 1982 erschienen. Zweitens, und dieser Irrtum wiegt schwerer, tut die Kindheit nicht, was er behauptet, nämlich verschwinden, im Gegenteil, sie scheint - lebenszeitmetaphorisch - sich breit zu machen und zu jener Entwicklungsphase zu werden, in der man alles erledigt: Sitzenlernen, Greifenlernen, Laufenlernen, Großwerden, Lernen, Sex haben, Lernen, Kinderkriegen, Lernen, Arbeiten, Lernen, Sterben. Schluss mit Lernen. Alle atmen auf.

Die Hypothese, Teil 3
Endlich sind wir dort, wo wir hin wollten, Sie und ich, nämlich bei der ursprünglichen Überschrift und damit bei der Möglichkeit, dass in diesem Vortrag auch drin ist, was drauf stand. Also:
Hypothese, Teil 3. Im Gegensatz zur Kindheit, deren Gelingen sich in ihrem Verschwinden erweist, würde man das Gelingen von Erwachsensein an seinem Bestehenbleiben erkennen. Der Fall ist freilich, dass Erwachsensein zu verschwinden und Kindheit bestehen zu bleiben scheint. Da auf diese Weise Kindheit nicht mehr gelingt, sondern nur noch überhand nimmt, beseitigt sie sich gewissermaßen selbst. Bestehen bleibt, wie eben skizziert, eine im Wesentlichen altersunabhängige Verfassung von Erfahrungsentwertung. Erstens.

Zweitens: Neben der Sicherheit von Erfahrung scheint im Fahrtwind der Veränderungsbeschleunigung vor allem etwas zu erfrieren, das sich zu einem wesentlichen Teil aus Erfahrungen konstituiert, nämlich die Lebensgeschichte. Ist uns selbst noch manchmal auf die Nerven gegangen, zum hundertsten Mal zu hören, an welchem Tag der Großvater aus der Gefangenschaft zurückkehrte, auf welche Weise die russischen Besatzungssoldaten die ersten Fahrräder unserer Eltern zu Schrott fuhren oder wie das war mit dem Rohrstab in den Händen der Frau Volksschullehrerin, so scheinen die Kinder heute die Namen ihrer Großeltern zunehmend weniger häufig zu kennen und keine Ahnung davon zu haben, wo ihre Eltern zur Schule gegangen sind, geschweige denn, ob sie in ihrer Kindheit ein Fahrrad besessen haben oder nicht. Wozu auch?, fragt man sich und wendet sich Dringenderem zu. Dass auf diese Weise die individuelle Biographie als halbwegs geschlossenes und anschlussfähiges Konstrukt verloren geht und der lose Cluster aus mehr oder minder unverbundenen Fragmenten zur üblichen lebens­geschichtlichen Existenzform wird, scheint lediglich ein wenig apokalyptisch veranlagte Skeptiker wie mich zu irritieren.

Zukunft braucht Herkunft. - Dieser Satz, dessen ursprüngliche Autorenschaft längst nicht mehr verlässlich zu rekonstruieren ist, klingt in unseren angeblich aufgeklärten Ohren zum einen ziemlich reaktionär, zum anderen lehrt die Erfahrung - vor allem im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die in Schwierigkeiten stecken -, dass es sich als anschlussloser biographischer Asteroid im historischen All nicht so gut leben lässt. Kinder wollen wissen, wer ihre Eltern sind und wie die Zeit war, in der sie jung waren, welche Lieblingsspeisen sie hatten und welche großen Gefühle, welche Ideale und welche seelischen Schmerzen; sie wollen es wissen und erfahren es angesichts der wirklich wichtigen Frage nach dem endgültigen Erscheinungsdatum des Pentium-V-Prozessors nicht mehr. Dies allerdings - eine Wiederholung, um Irrtümern vorzubeugen - nicht, weil sie, die Kinder, es angesichts der in Aussicht gestellten Vermehrung von Gigahertzen und Megapixeln nicht wissen wollen, sondern weil wir, die Mütter, Väter, Lehrer, Kinderpsychiater und Jugendanwälte es angesichts dieser Phänomene offenbar nicht mehr mitteilen.
Ist das wichtig genug? Zahlt sich das überhaupt aus? Diese Frage - ein Kopfwenden zu unserer Hypothese - erwächst aus einer Position der Unsicherheit und mangelnden Verankerung in der Welt, aus einer Position, in der man sich selbst eher als ohnmächtiges Pixel denn als wirkmächtiges, weil biographisch fundamentiertes Ich erfährt, kurz aus einer Position, in der man nicht mehr erwachsen wird.

Jetzt könnte ich, nach dem Veralten von Erfahrung und dem Verlust von Biographie, drittens, über die Karriere von Aufmerksamkeit in Zeiten zunehmender Veränderungsbeschleunigung reden, über die Frage, ob Pippi Langstrumpf ein ADHS-Kind ist oder nicht, besonders aber über die Rolle des kindlichen Aufmerksamkeitsdefizits als projektives Phänomen einer zunehmend aufmerksamkeitsdefizitären Erwachsenenwelt. Das traue ich mich allerdings nicht, denn dabei werde ich regelmäßig erst missverstanden und dann geprügelt.
Projektion ist dennoch ein gutes Stichwort.

Wie reagieren wir, jene so genannten Erwachsenen, die es ein Stück nicht mehr sind, auf die skizzierten Umstände? Man fühlt sich bedroht durch das Wahrnehmen der eigenen defizitären Verfassung. Man fühlt sich ebenso bedroht durch jene, die offensichtlich aufmerksamer sind, noch erfahrungssicher und schneller begreifen, durch die realen Kinder. (Andererseits ist man enttäuscht, wenn’s dann doch nicht so ideal funktioniert.) So oder so kriegt man seine Probleme mit diesen selbstbewussten kleinen Experten. Unter Zusammenkratzen der letzten Reste von historischem Bewusstsein, die man vorfindet, konstatiert man: Prügeln hat nichts geholfen, Verständnis auch nichts, - jetzt stecken sie uns in den Sack! Den kardinalen Denkfehler, Kinder seien die Exponenten der Veränderungsbeschleunigung, und die Bedrohung gehe von ihnen aus und nicht vom eigenen Festhängen in einer Position des Kindseins, übersieht man. Die Folge ist, dass man als jemand, der sich mit dem Erwachsenwerden redlich abmüht, sein Repertoire an mehr oder minder kultivierten psychischen Defensivstrategien aufbietet. Man projiziert entweder - Projektion war ja auch die Parole - den abgewehrten eigenen Mangel auf die anderen, in unserem Fall auf die Kinder, und sucht nach Aufmerksamkeitsdefiziten und herandräuender Kriminalität. Oder man identifiziert sich mit dem vermeintlichen Angreifer, wähnt dort Erlösung und stellt das Ganze unter den Titel der Vernunft. Man beschäftigt sich mit Hochbegabtenförderung, mit Fremdsprachen im Kindergarten, Laptops in der Volksschule und watcht Babys.

Apropos Babys. Sie waren eines, ich war eines. Wie wir als Baby waren, daran können wir uns leider nicht erinnern. Das ist auf eine entwicklungsneurologische Gemeinheit zurückzuführen, nämlich auf die Unreife jener Großhirnstrukturen, die für die Speicherung bewusster Gedächtnisinhalte zuständig sind. Was übrigens ganz und gar nicht heißt, dass die frühen Eindrücke und Erlebnisse vorübergehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Ganz im Gegenteil, sie werden in stammesgeschichtlich älteren Hirnregionen niedergelegt und entfalten, vor allem bei Stress, umso nachhaltiger ihre
Wirkung. „Unbewusstes“ hat man das in Zeiten genannt, als die psychoanalytische Sprache noch unter die lebenden Fremdsprachen gezählt wurde. „Prozedurales Gedächtnis“ heißt das jetzt. Ganz egal, was da in Ihren oder meinen cerebralen Mandelkernen aus unseren ersten eineinhalb Lebensjahren festgehalten wurde, hätte man Sie oder mich seinerzeit als Baby einem Psychologen vorgestellt, hätte er uns beschrieben als Wesen von eingeschränkter Wahrnehmung, rudimentär im Denken, von primitiver Bösartigkeit beim Biss in die Mutterbrust, gelegentlich symbiotisch anklammernd und dann wieder mutwillig schlaflos, wenn’s die Eltern besonders nicht brauchten. Uns wäre das wurscht gewesen. Wir wären in gummibereiften Sportwägen durch die Stadt oder in die Natur gefahren und hätten erst alle drei Stunden die Brust und später alle vier Stunden die Flasche gekriegt, zwischendurch ab und zu zergatschte Banane. Wir wären gewesen, was wir waren, kleine Anarchisten, immer wieder rasend gegen ein offensichtliches Repressionsregime. Leider können wir uns nicht erinnern, aber so schlecht kann es nicht gewesen sein, wenn ich uns hier und heute so anschaue.

Wir sind 40 geworden - mehr oder minder -, der Wirklichkeitswandel hat vor uns nicht Halt gemacht und auch nicht vor den Babys.
So sehen wir, spätestens seit Stern, Lewis, Dornes und wie sie alle heißen, die Säuglinge nicht mehr blind, primär autistisch und primitiv bösartig, sondern in erster Linie postmodern nüchtern, vielfach kompetent und neoliberal leistungsbereit. Sie hören intrauterin Mozart, schwimmen postnatal wie Flipper und freuen sich, wenn sie aus dem Radio vernehmen, wie viel Kindergeld sie kriegen. Ab der ersten Minute ihres Daseins nehmen sie kreuzmodal wahr, ab der zweiten erkennen sie das Gesicht der Mutter und ab der dritten zeigen sie Ärger, wenn ihnen ein Keks weggenommen wird. Von Anfang an sind sie hoch aufmerksam, das ist derzeit vielleicht am wichtigsten. Alles wird selbstverständlich durch ausgewiesene Baby-Watcher entsprechend seriös evaluiert. Und wenn sich die kleinen Kontraktpartner dann doch gelegentlich affektiv entäußern, stirbt nicht gleich die Mutter wie bei Pippi Langstrumpf, sondern man besucht eine der inzwischen allenthalben existierenden Schreiambulanzen. Eine gewisse Fokusverrutschung scheint da jedenfalls passiert zu sein, neoliberal leistungskonform, von Mangel und Bedürftigkeit zur Kompetenz. Baby-Watching als Kompetenzbeobachtung, als Leistungsfeststellung, wenn man will, kaum dass man die Schnürungen des Wickelpolsters losgeworden ist. Irgendwann wird das Wahlrecht folgen und im Anschluss daran werden sie unsere Pensionen zahlen.

In der Zwischenzeit sollten wir noch etwas tun. Überbrückungsstrategien entwickeln, könnte man zum Beispiel sagen. Diese Überbrückungsstrategien scheinen, so nebenbei, alle ein wenig mit Widerstand und Verweigerung zu tun zu haben, also mit dem Nein-Sagen. Damit bleiben wir noch eine Sekunde bei den Babys, genauer: bei René Spitz, dem Urvater der Säug­lingsbeobachtung, und einem Bild aus seiner Beschreibung des frühen Mutter-Kind-Dialoges: das Nein wird aus der Kopfbewegung geboren, mit der der Säugling die mütterliche Brust ablehnt. Das Nein wird damit zu einem zentralen Organisator der Identitätsentwicklung, drückt es doch aus: Ich habe ein Bedürfnis nicht, das der andere an mir wahrzunehmen meint. Somit wird klar: Es gibt hier mich und dort, getrennt von mir, den anderen.

Es gibt hier mich und dort den anderen. - Das richtet auf, das ist Voraussetzung, um sich überhaupt identifizieren zu können, und das könnte auch ein Hintergrundsatz sein, vor dem wir, die wir unseren Kindern gegenüber nach wie vor versuchen, Erwachsene zu sein, nach Überbrü­ckungsstrategien Ausschau halten. Was soll überbrückt werden? Die Leerstellen hinter unseren unbrauchbaren Primärerfahrungen? Die Lücken, die zwischen unseren biographischen Fragmenten klaffen? Oder eben jenes Niemandsland, das sich auftut, wo Kindheit nicht eindeutig durch Erwachsensein abgelöst wird? Überbrückungsstrategien. - Der deutsche Philosoph Joachim Ritter nennt es das Schaffen von Kontinuität unter Diskontinuitätsbedingungen. Pippi Langstrumpf hätte es vermutlich „Boden nicht berühren“ genannt. Wie kann es ge­lingen?

Unter anderem durch die Pflege von Usancen. Man backe Kekse, feiere Weihnachten, singe im Chor, gehe täglich um drei vor halb außer Haus, fahre jährlich auf dieselben Pisten zum Schifahren, fange auf längeren Familien-Autofahrten nach dreißig Kilometern an, Soletti zu essen und nach sechzig Kilometern, „wer sieht die meisten Mercedesse?“ zu spielen. Man bringe die Kinder am Samstagmorgen in die Schule, serviere ihnen zu Mittag eine Pizza Rusticana ohne Pfefferoni und stehe bitteschön pünktlich am Bahnsteig, wenn sie vom Schikurs zurü­ck­kommen. Man sage auch dem pubertären Mutisten täglich lächelnd „Guten Morgen“, lächle entsprechend weniger, wenn die vereinbarten Haushaltsverpflichtungen nicht erfüllt werden, und halte trotzdem die Auszahlungstermine des Taschengeldes peinlich genau ein. Man scheue sich - in Summe - nicht, ein Gewohnheitstier zu sein, denn Gewohnheitstiere wissen, wo sie hinsteigen, und wer weiß, wo er hinsteigt, tut sich leichter mit „Boden nicht berühren“.

Nämliches trifft zu für Menschen, die im Stande sind, ins Detail zu gehen. Das Hochhalten des Details überbrückt die Abgründe, die sich öffnen, wenn man meint, immer nur das Ganze sehen zu müssen. Backen Sie also nicht nur Kekse, sondern verzieren Sie sie auch; feiern Sie nicht nur Weihnachten, sondern bestehen Sie auf dem weißen Tischtuch mit dem gelben Rand, das Sie so besonders mögen; weisen Sie den Herrn Sohn auf den Unterschied zwischen dem einfachen und dem doppelten Krawattenknoten hin, auch wenn er Sie dabei anschaut, als hätten Sie Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Binden Sie Ihre Fliegen selbst, sofern Sie Fliegenfischen gehen, achten Sie dabei auch weiterhin nicht auf die Gesichter Ihrer Familie; und putzen Sie ruhig Ihre Bergschuhe, auch wenn Sie wissen, dass sie bei der nächsten Tour wieder dreckig werden. Rechnen Sie nach dem Schikurs mit Ihrer Tochter das Sonderbudget, das Sie ihr gegeben haben, genau ab (und sagen Sie erst danach, dass sie sich den Rest behalten kann). Pflegen Sie Ihre Teilleistungsstärken, auch wenn es sich um einarmige Riesenwellen oder die intimen Kenntnisse der einheimischen Orchi­deenwelt handelt. Wer sich im Detail stark fühlt, fühlt sich in der Regel im Ganzen nicht schwach, und das klingt ja schon einmal sehr nach Erwachsensein.

Ähnliches gilt - und anderes haben Sie von jemandem, der gelegentlich auch als Erzähler ausgewiesen wird, nicht erwartet -, Ähnliches gilt für die Kultur des Erzählens. Erzählen schafft - Joachim Ritter - Kontinuität unter Diskontinuitätsbedingungen. Oder, für diejenigen, die ab und zu ein lateinisches Zitat noch lustig finden können: Narrare necesse est. Erzählen ist notwendig. In einem Zeitalter der Rationalisierung stellt die Narration den gleichgewichtigen Kontrapunkt dar. Der natürlichste Weg der Reduktion von Informationskomplexität ist der Rekurs auf das Mündliche. Oder einfacher: Eine Welt, die danach strebt, sich selbst in immer vielfältigeren Fragmenten zu erklären, bleibt eine Welt von Fragmenten; kontinuierlich wird sie erst durch die Erzählung. Auf einer weniger abstrakten Ebene hat das niemand so treffend formuliert wie der Gießener Transzendentalbelletrist Odo Marquard: „Die Geschichten, die wir zu erzählen haben, sind unser Personalausweis. Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten; wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selbst.“
Somit wären wir wieder dort, wo wir zu Beginn waren, beim Geschichtenerzählen.

Pippi Langstrumpf - natürlich müssen wir noch einmal zurück zu ihr, dem Referenzsubjekt im Schaffen von Kontinuität unter Diskontinuitätsbedingungen. Am Ende der ganzen Geschichte holt Pippi vor ihren Freunden Thomas und Annika drei kleine runde Dinger aus dem Schrank, die genau aussehen wie gelbe Erbsen.

„Ich habe sehr gute Pillen für die, die nicht groß werden wollen“, sagte Pippi, „Krummeluspillen, ich hab sie vor langer Zeit in Rio von einem alten Indianerhäuptling gekriegt, als ich gerade mal sagte, dass mir nicht so viel daran läge, groß zu werden.“ „Und diese Pillen sollen helfen?“, fragte Annika zweifelnd. „Natürlich“, versicherte Pippi. „Aber man muss sie im Dunkeln nehmen, und dazu muss man sagen:
Liebe kleine Krummelus,
niemals will ich werden gruß.“
„Groß meinst du wohl“, sagte Thomas.
„Wenn ich ‚gruß’ gesagt habe, dann mein ich ‚gruß’“, sagte Pippi. „Das ist nämlich gerade der Trick, verstehst du. Die meisten sagen ‚groß’, und das ist das Schlimmste, was passieren kann. Denn dann fängt man erst richtig zu wachsen an.“

Sie löschen die Kerzen, schlucken die Pillen und sprechen den Vers.

Nun war es geschehen. Pippi machte die De­ckenlampen an. „Herrlich“, sagte sie. „Jetzt braucht man nicht groß zu werden und Hühneraugen zu kriegen und andere unangenehme Sachen. Allerdings, die Pillen haben so lange im Schrank gelegen, dass es nicht ganz sicher ist, ob ihnen die Kraft nicht schon ausgegangen ist.“

So gelingt Kindheit. Seelenruhig schluckt man die Krummeluspille gegen das Erwachsenwerden, denn in Wahrheit ist man absolut sicher, dass sie nicht wirkt. Man hat sie schließlich von einem Erwachsenen bekommen. Aber das ist schon wieder ein Paradoxon.

*****

(Abdruck eines Vortrages, gehalten am 27. April 2004 auf Einladung der Kinder- und Jugendanwaltschaft Graz im Rahmen der Vortragsreihe "Ist die Kindheit noch zu retten?" an der Universität Graz.)