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michaela monschein | quo vadis lyrik?

PASSION ist das Wort,
welches die Neurosen heilt in das Wort Passion.
Passion ist das Wort,
welches das Wort Krankheit und Verstörtheit
und Lächerlichkeit und Peinlichkeit und Obsession erlöst
in das Wort Passion.

Passion ist das Wort,
in welchem das Wort Passion wird.


Christian Uetz, Das Sternbild versingt


„und jetzt?“ ist eine Frage, die heute auch immer wieder an die Lyrik gestellt wird. Lange sind jene Zeiten vorbei, in denen Trends, Dichterschulen und Richtungen klar identifizierbar und benennbar waren. Immer häufiger taucht die Frage auf, was die Lyrik heute noch leisten könne, inwieweit sie als Ausdrucksform überhaupt noch zeitgemäß sei, welche Formen und welche Sprache noch akzeptiert werden könnten und ob sie noch ein Publikum habe. Andererseits gibt es immer mehr Veranstaltungen, bei denen Lyrik auch in großem Umfang öffentlich gelesen und gefeiert wird.

Mehr als genug Anlass, um eine mögliche Form der Annäherung an das Thema das Gespräch jenseits einer abgehobenen theoretischen Diskussion zu suchen. Das Gespräch mit zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Lyrikern. Für den Schweizer Christian Uetz sind die Rezitation und der bewusste Kontakt zum Publikum entscheidende Momente seiner Arbeit. Er tritt immer wieder bei Festivals für experimentelle Poesie und spoken poetry auf. Der Österreicher Michael Donhauser hingegen wird immer wieder, beinahe stereotyp, als ernster, stiller und sehr genau beobachtender Dichter beschrieben. Gilt Uetz als wortmächtiger Sprachakrobat, wird Donhauser gerne als reiner Naturlyriker gesehen.

Mit Das Sternbild versingt und Vom Sehen sind von beiden Schriftstellern vor kurzem Bücher erschienen, die sich einer eindeutigen Gattungszuordnung eigentlich verweigern. So enthält der Gedichtband von Christian Uetz auch Prosatexte. Donhausers Vom Sehen versammelt Prosa, Essays und wissenschaftliche Aufsätze, die in den vergangenen zwölf Jahren entstanden sind. Isola, eine Erzählung vom wieder gefundenen Sehen, erscheint in diesem Band erstmals.

Auch in Hinblick auf das Selbstverständnis und die Zugehörigkeit zur Literatur eines bestimmten Landes gehören Eindeutigkeiten der Vergangenheit an. Für den in Liechtenstein geborenen Michael Donhauser, der einen Großteil seines Lebens in Österreich verbracht hat, gilt, dass seine Herkunft auf der biografischen Ebene uneindeutig ist. „Zugehörigkeit an sich gibt es nicht. Vielmehr ist es eine entstandene Zugehörigkeit.“ Sprachlich fühlt er sich, wie er betont, dem Schweizer Raum verbunden.
Für Christian Uetz spielen Fragen nach einer Schweizer Literatur oder einer sprachlichen Zugehörigkeit keine wichtige Rolle mehr. Sein Verständnis von Sprache und Literatur verortet er mindestens so eigenwillig wie Donhauser in einem völlig anderen grenzfreien und bewusst grenzüberschreitenden Kontext.

So beschäftigen sich die an beide gestellten Fragen ganz zentral auch mit dem Thema Schreiben und Sprache an sich, versuchen Schlaglichter auf Entwicklungen zu werfen, auf ganz individuelle Positionsbestimmungen und mögliche oder sich bereits andeutende Entwicklungen. Spricht man Donhauser und Uetz auf Schlüsselbegriffe ihres Schreibens wie Schönheit, Verweigerung oder eben die Bedeutung der Sprache an, relativiert sich der erste Eindruck großer Unterschiedlichkeit auf unerwartete Art und Weise.

 

Was stand am Beginn Ihres Schreibens?

Uetz: Der Anfang war für mich das Lesen von Philosophie. Nietzsches
Zarathustra hat mich zu den ersten Gedichten geführt. Von da an kam ich auch schnell zur Philosophie. Ich habe später ja auch Philosophie studiert.

Donhauser: Am Anfang war sicher ein Ausdruckswille vorhanden, der es in Bewegung gesetzt hat. Ich bin über so verschiedene Medien wie Fotografie und Malerei zum Schreiben gekommen. Gemeinsam war ihnen der gleiche Motor. Die Vorstellung von dem, was man als eigene Aufgabe empfindet, wird im Laufe der Zeit klarer. Gewisse Vorstellungen sind vorhanden. Der Ausdruck von seelischen Zuständen tritt in den Hintergrund. Es bleibt einem etwas davon, was noch kommt. Entscheidend ist, was alles schon getan ist. Was man alles nicht schreibt, wenn man schreibt. Die Entwicklung findet über das Lesen statt. Wo ist etwas, das derzeit nicht zur Sprache kommt.

 

Wie definieren Sie Ihr Schreiben?

Uetz: Das Schreiben ist die Verdichtung der Erfahrung. Versammeln, was ich erlebe. Schreiben als Erkenntnisgewinn. Gedichte sind die verdichtetste Form. Gedichte sind konzentrierte Energie, wie Blitze. Das kann keine Form so sehr wie Gedichte. Der Ausdruck dabei ist ein musikalischer, je musikalischer desto bleibender. Dazu kommt, dass ich zurzeit einen Roman begonnen habe, und ich nehme an, dass sich mein Denken als ein musikalisches verselbständigt hat. Das bedeutet, dass ich nicht eigens auf die Musikalität achte, sondern mich von der Sache her leiten lasse. Ich schreibe für diejenigen, denen ich etwas sagen kann. Ich nehme an, dass ich all jenen etwas sage, denen ich etwas sage.

Donhauser: Ausdruckswille und Absichtslosigkeit sind für mein Schreiben sehr wichtig. Das Gleichgewicht zwischen beiden entsteht fast unwillentlich. Es ist die Vorstellung, dass beide Elemente wirksam sind. Ich mache keine wirkliche Unterscheidung zwischen dem Schreiben von Lyrik und Prosa. Von der Fremdwahrnehmung her bin ich wohl vor allem Lyriker. Ich sehe den letzten Unterschied nicht. So ist zum Beispiel mein Roman Livia ein riesiges Gedicht. In beiden Fällen gibt es zigfache Überarbeitungen. Früher war ich als Lyriker nüchterner und habe in der Prosa viel mehr an Grenzelementen zugelassen, die ins Schwelgerische gehen. Ganz umgekehrt also zu der Erwartung, die man mir eigentlich entgegen gebracht hat. Es gibt Momente, in denen sich ein Gedichtband entwickelt. Ist der richtige Ton gefunden, wird er immer weiter variiert. Das macht einen Gedichtband aus. So hat zum Beispiel in Zusammenhang mit Pierre Rivière das „und“ in „ich und hüte mich“, dieses sprachgestische Zurückweichen, für mich damals eine ganz neue Ausdrucksebene geöffnet.

 

Was bedeutet Sprache für Sie?

Uetz: Sprache ist für mich Religion oder besser: Religion ist Sprache. So wie wir sprechen, ist unser Glaube. Sprache ist so das Mittel des Göttlichen. Je poetischer, desto göttlicher.

Donhauser: Ich neige schon dazu, mich von der Überfrachtung abzusetzen. Ich denke auch, dass es der Sprache gar nicht gut tut, wenn man sie so ausschließlich liebt. Explizite Besessenheit ist zu hoch. Man ist es, aber man soll es vielleicht nicht sagen.

 

Wen würden Sie als Vorbilder nennen?

Uetz: Zu meinen Übervätern gehören Celan, Trakl, Hölderlin, auch Jandl und natürlich Philosophen wie Nietzsche, Heidegger, Kierkegaard, Hegel, Kant und Platon. Mit dem Lesen von philosophischen Texten begann, wie schon gesagt, für mich das Schreiben überhaupt.

Donhauser: Ich kann nicht sagen, wie ich zu diesem Dinggedicht gefunden habe. Die Subsummierung unter Ponge greift ohnehin zu kurz. Die Wahrnehmung meiner Arbeit als „deutscher Ponge“ ist zum Teil bei meinem Gedichtband Von den Dingen stehen geblieben. Neben vielen anderen war für Vom Sehen Adalbert Stifter wichtig. Insgesamt wird es wohl eine Reihe von etwa 30 Schriftstellern gewesen sein, die mich immer wieder interessiert hat.

 

Was sind die Themen, die Inhalte Ihrer Literatur?

Uetz: Die Geistesgegenwart der Begegnung hat Vorrang vor allem. Das ist die Intensivierung der Begegnung im Gespräch. Das geht jede Begegnung an, und insofern ist es auch steuerbar. Dass es immer noch der Wille ist, der bestimmt. Mein Schreiben ist ein Wachheitsmittel. Es geht um Präsenz, die durch Worte aufgeladen wird.

Donhauser: In meiner intensiven Beschäftigung mit der Natur ist die Bewegung ein entscheidendes Moment. Die Bewegung von Blattwerk führt zu einer Bewegung in der Sprache. Es entstehen Korrespondenzen. Die Natur ist das Gegenüber in dem ich mir selbst am lebendigsten begegne. Es geht zuerst um das Feiern des Lebens, nicht um das Klagen. In der fast personifizierten Natur habe ich eine Umgebung gefunden, die mitfeiert. Natur ist dabei nicht etwas Unberührtes. Ich habe nicht immer das Erhabene im Sinn. Natur ist auch ein sich überall und immer wiederholendes Phänomen. Der Gegenstand aber steht nur begrenzte Zeit zur Verfügung und ist ortsgebunden. Es geht um das Ansprechen von etwas Allgemeinem. Anders als beim Erzählen von Alltagsgeschichten, geht es darum, den Jahreszeiten, dem Wetter nahe zu bleiben.

 

Welche Bedeutung hat Schönheit für Sie?

Donhauser: Schönheit hat für mich sehr viel mit einer Haltung zu tun: Menschen, Umgebung, Arbeit, Sprache. Ich denke, es gibt menschliche Haltungen, die schön sind. Schönheit verbindet Widersprüche in sich, Form, Lebendigkeit. Die sprachliche Arbeit ist das Finden des Ausdrucks. Wie übersetze ich Schönheit in Sprache?

Uetz: Schönheit ist mir auch sehr wichtig: Als die größere Lust, als die schönere Gegenwart. Das ist nicht anders als im Leben. Es geht um ein Maximum an Intensität in jeder Hinsicht, ein aktives Auf-etwas-Vollkommenes-Hingehen. Es ist eine Wellenbewegung von Höhen und Tiefen. Es lohnt sich, sich darauf einzulassen. Es gibt eigentlich keine Wahl.

 

Welche Rolle spielt für Sie das Moment der Verweigerung?

Donhauser: Verweigerung ist der Versuch, Posen eher nicht einzunehmen. Posen sind erstarrte Haltungen. Ich habe keine Lust mehr auf die hohe Erzählkunst. Es geht daher auch um die bewusste Verweigerung der Virtuosität. Es ist so viel leere Virtuosität vorhanden, soviel sprachliches Blendwerk, gekonnter Bluff.
Ich habe die Natur kaum je als Zufluchtsort definiert. Ich beobachte auch nicht genau. Ich erzeuge den Eindruck der genauen Beobachtung. Es ist eigentlich ein Sehen aus den Augenwinkeln: „Vielleicht war das Versäumnis der Kern meiner Methode, vielleicht versäumte ich zu sehen und sah so, erfand so, was ich sah, das Versäumt-Gesehene“. (Aus: Vom Sehen) Das klangliche Moment ist der Motor für Texte. Das Ohr ist viel mehr beteiligt, als dass es Augenliteratur sein könnte.

Uetz: Die Verweigerung gilt für mich auch. Die Position an der Art von Politik nicht teilzunehmen ist eine Art von Politik. Die Verweigerung heißt, sich nicht von der bürgerlichen Pflicht her zu verstehen, sondern von der Freiheit der Liebe.

 

In welche Tradition, wenn überhaupt, würden Sie sich einordnen?

Donhauser: Die Naturlyrik ist eine Tradition, von der ich mich eigentlich schon entfernt habe. Natur als Metapher ist mir fremd. Gleichzeitig stehe ich schon in dieser Tradition. Naturlyrik erweckt natürlich auch Erwartungen und hat damit auch einen provokativen Reiz. Natur ist für mich ein auslösendes Moment. Schreiben in einem Zimmer interessiert mich ähnlich einem Landschaftsmaler relativ wenig. Ich lasse mich durch die Umgebung bewegen.

Uetz: Mein Schreiben ist sehr bestimmt vom Lesen von all den Schwärmern, die mich in der Geschichte der Menschheit schon begeistert haben: Shakespeare, Hölderlin, Nietzsche, Platon.

 

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Schreibens?

Donhauser: Die letzten Meraner Gedichte sind eigentlich Abschiedsgedichte von der Naturlyrik. Sie erzählen von dem was war. Das, was Rausch war, wird als Erinnerung zitiert.

Uetz: Es wird ankommen in der vollendeten Gegenwart. Allgegenwart in der Gegenwart. Es verselbstständigt sich.

*****


Ich verträumte sie nicht, ich brachte sie nicht auf den Punkt, die Nachmittage, die Gärten, die Abende, den Herbst: ich kannte den Punkt nicht, auf den sie zu bringen gewesen wären, ich kannte den Traum nicht, den ich träumen hätte können, ich kehrte immer wieder zurück zu den Zwetschkenbäumen, wie sie so in zwei Reihen standen, so entblättert fast und zerbrechlich, so fast schwarz vor der noch hellen Nacht. Ich mißtraute den Beschreibungen, der Montage, den Verfremdungen, der Abstraktion: ich berührte die Wipfel der Zwetschkenbaumreihen und sie wankten, kaum spürbar, ich streichelte ihr Gezweig, ihre äußersten Zweige und hängenden Blätter, die sich leise drehten, ich atmete ihre Scham, ich legte meine Hand um ihre Knie, sie bogen sich leicht, es flüsterte. Die Gärten funkelten, bunt von den Glühbirnen, lagen still und vermengt mit den Stimmen der Gäste, ich blieb, an meinem Tisch, und hörte hinauf in das Lilarot und Veilchenblau des abendlich nächtlichen Himmels: ich hörte das Klingen der Gläser und das Reden und Lachen und lehnte mich an einen nahen Zwetschkenstamm, fühlte seine Rinde an meiner Wange, ich trank mich in ein Glück aus Zuversicht und Schmerz und Versöhnung und Widerstand. Die Blätter vermehrten den Schein der Lampen, die Hecke war bestückt mit Fetzen von Lichtern, die Fledermäuse zuckten über den Kies und hinauf in die Helligkeit zwischen den Kronen der Bäume, ich war schwer und schwebte: ich saß in einem Ansturm, einer Vielzahl von Dunkelheiten, von Schattenwürfen, von Wortresten und Seidengluten und Schaukelndem, wenn dann ein Wind durch die Gärten fiel. Ich tauchte das Brot in den Wein: gab es den Trost, der von den Gärten kam, das Schweigen, das Geheimnis, das Wissen? Ich dachte in Lauten, ich vernahm, was ich dachte, in Lauten, ich belauschte mich und hörte das Laub und hörte es rascheln: es gab den Schauder als Zittern, als Fernhererzittern, doch ohne Irrlicht oder Echo, das hallte, es war, als wäre die Sage in den Gärten vom Verhängnis befreit, als wäre sie so wieder offen für ein Heimfinden, ein Wiedersehen, ich machte mich auf. Es war, als machte ich mich auf den Weg, doch ich blieb, ich nahm den Aufbruch an den Dingen vorweg, sah den Kies noch, wie verstreut bedeckt von Schalen und Blättern und Stielen, sah die Schalen noch und die Maschen vom Zaun, die Rauten, das Runde: die Nacht hatte sich um die Gärten gelegt.

Michael Donhauser, Vom Sehen