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schema f und das funkeln

Anti-Joyce: Johannes Weinberger kehrt nicht die Erzählsprache gegen die Ideologie des Romans gekehrt, sondern den Inhalt


Johannes Weinberger: Ich zähle zornig meine Schritte

edition luftschacht; 2004

Rezensiert von: stefan schmitzer


Ein Roman wird zum Roman nicht kraft seiner Länge. Der Roman grenzt sich von der Erzählung ab, indem er seine Bezeichnung vor sich herträgt. Und die signalisiert uns: Idealtypische Durchdringung von Allgemein und Besonders, Spannungsbogen und Moment, Satz und Kapitel, Individuum und Gesellschaft.
Oft genug heißt ein Text Roman, und man bezieht ihn auf die paar Modelle des archetypischen Bauplans, die man kennt, ohne dass dazu wirklich Anlass wäre. Sprich: Oft genug wird an den Etiketten von 250-Seiten-Erzählungen herumgeschwindelt. Macht aber nichts: Der ideale Aufbau bleibt im Kopf bestehen, die einzelnen Texte bleiben Aktualisierungsversuche: Nämlich eines Konzepts von Humanisierung.

Johannes Weinbergers Text Ich zähle zornig meine Schritte kommt ohne Etikett aus, dauert (ja, dauert) keine 90 Seiten, hat vermutlich nicht einmal versucht, "Roman" zu sein, und - ist einer. Ein waschechter. Das ist seine große Stärke, und das ist zugleich seine große Schwäche. Auch in Hinblick auf die Sache mit der Humanisierung.

Ein Verrückter (so genau wissen wir das nicht) spricht zu seiner imaginären Tochter. Seine Nachbarin träumt von Paris, oder ihm, oder der Freiheit. Dann noch Karl, der Lügner, der seine schwerkranke Frau umbringt. Das bleibt denn auch - uneindeutig, wie es ist - der einzige echte Befreiungsschlag, von dem hier die Rede sein wird.

Die Nachbarin vertrocknet, und der Verrückte verzweifelt (mangels Frau) an der realen Ankunft der herbeigesehnten Tochter. Und aus. In der Enge, die diese drei Masken generieren, muss Befreiung gewalttätig sein, um unwiderruflich zu werden. Dass die schiere Fähigkeit zur Freude eine zugrunde liegende Illusion braucht, "der Traum einen Namen", und dass diese Namen dann der ermöglichten Freude durch ihre je eigenen Gesetzmäßigkeiten ein Ablaufdatum setzen, als hätten die Protagonisten einen Teufelspakt geschlossen, ist einer der Gedanken, die dem Roman zugrunde liegen.

Wir werden an die Grenze dieser Ablaufdaten geführt. Die zwei Sprecher, die drei Figuren beziehen sich (auch) auf einander. In Tableaus liegt ihr Weg vor uns, und das Wort "scheitern" ist nur deshalb unangebracht, weil der Text nirgends einen katastrophischen Endpunkt einführt (außer bei Karl, und das sagt uns: Scheitern ist mindestens möglich).

Hier liegt auch das Problem: Ich zähle zornig meine Schritte ist wie ein Roman gebaut, gescheit und bis in die Details hinein symmetrisch. Aber als romanhafte Struktur bräuchte er das Element der menschlichen Entwicklung. Dass es fehlt, also: dass sich die Protagonisten letztlich im Kreis drehen, dass die Veränderungen zwischen Vorher und Nachher nur akzidentiellen Charakter haben, verleidet einem die Lektüre ein wenig.

Weinberger versteht natürlich sein Handwerk, und deshalb thematisiert er das Absurde, das seinem Buch anhafte, gleich auf der ersten Seite: "Ich hätte gerne ein Packerl Godot. - Ja, da werdens ein bißl warten müssen."; und dann wieder auf der letzten, wo der gleiche abgestandene Witz den Kreis für die Nachbarin schließt. Ich zähle zornig meine Schritte setzt die Hoffnungen aufs Spiel, die sich an seine Form knüpfen, kaum dass die Lektüre beginnt. Es wendet das Schema F gegen sich selbst. Das enttäuscht Leser. Es wirft aber damit auch die Frage auf, inwiefern die Romanform an sich schon ideologisch ist. Eine gute Frage, der man sich vielleicht mal probeweise aussetzen sollte. Auch weil die einzelnen Absätze für sich genommen aufs Romanhafteste funkeln. Man kann annehmen, dass Weinberger die Romanform als solche, das Humanisierungsprogramm des formvollendeten Erzählens ganz gezielt auf die Schaufel nimmt. Sozusagen ein Anti-Joyce: Nicht die Erzählsprache wird hier gegen die Ideologie der Großform gekehrt, sondern der "Inhalt".