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stimmig zweistimmig

Sinnlich und synchron erzählt – Birgit Pölzls Romandebüt


Birgit Pölzl: zugleich. Roman

Steirische Verlagsgesellschaft; 2003

Rezensiert von: hermann götz


Viel war in den Feuilletons während der letzten Jahre über erotische Literatur von, für und über Frauen zu lesen, über literarisch verarbeitete Intimitäten, bisweilen über versprachlichten Exhibitionismus. Schnell gewinnen herbeigeschriebene Trends wie dieser an Eigendynamik, öffnen eine Schublade, in der sehr vieles und sehr Verschiedenes Platz hat - manches Mal zum Nutzen der Autoren, die sich und ihr Schreiben plötzlich auf der Höhe der Zeit wiederfinden, zuweilen auch zu ihren Ungunsten, werden mit derartigen Schubladen doch zahlreiche Wege zur Über- und Missinterpretation thematisch verwandter Texte geöffnet.

Auch zugleich, der Romanerstling der Grazer Autorin Birgit Pölzl, verspricht - vorerst durch die Gestaltung des Covers - eine Verwandtschaft mit erotischen Frauenromanen. Die Lektüre scheint diesen ersten optischen Eindruck zu bestätigen. Hier dreht sich das Denken nicht zuletzt - sondern zuallererst - um Eros, oder vielmehr um Sinnlichkeit. Um eine Sinnlichkeit, die jedoch mit expliziter Erotik oder biographischen Offenbarungen sehr wenig zu tun hat.

Christine, die Protagonistin des Romans, leidet an einem wachsenden Gehirntumor, zumindest ist dies die Diagnose, die sie, die Gattin eines beruflich ebenso wie durch seine Affären viel beschäftigten Arztes, selber stellt. Christines Strategie gegen den Tumor ist unorthodox und eigenwillig: Durch einen inneren Wandel, durch eine Lernaufgabe, die auch den Tumor zur Aufgabe bringen soll, will sie gesunden: "Begehren ohne zu begehren", so das mystische Vorhaben Christines, eine Kunst, die sie in Ecuador als erotische (oder doch nicht erotische?) Kunst erfuhr, aber nicht für sich selbst erlernte. Die Kunst des Begehrens ohne zu begehren scheint allein auf dem Weg des Begehrens werden zu können, dadurch, dass Christine mit dem eigenen Begehren und dem Begehren anderer in Berührung kommt. So gerät der Roman zu einer erotischen Reise, die ein Abenteuer mit dem nächsten verbindet. Stimmen, Sinneserfahrungen und -eindrücke, Zweifel und Reflexionen bilden den Rahmen des Erlebten, das in ein Gespräch mit dem Leser mündet, dem die Entscheidung, ob Christines Strategie Erfolg haben kann, nicht ohne Bedenken abgenommen werden soll.

Die sukzessive Spaltung des denkenden Ich, die Christine erfährt, und der Kampf gegen dieselbe werden für den Leser unmittelbar erfahrbar durch die Aufspaltung der Erzählerin in zwei Stimmen, die manchmal mit-, meistens gegeneinander berichten, was Christine denkt, fühlt, tut oder nicht tut. Damit scheint Pölzl die Tradition der erzählerischen Selbstreflexion aufzugreifen, in Wahrheit aber dient dieses Spiel der Stimmen weniger der Autorin, die sich so auch der Auseinandersetzung mit dem Instrument des Erzählers/der Erzählerin stellt, als der unmittelbaren Vermittlung des Erzählten durch die Art und Weise, wie erzählt wird. Der erzähltechnische Kunstgriff ist hier inhaltlich motiviert, nicht literaturtheoretisch.

Das eigentliche Kunststück, das Pölzl mit ihrem Roman gelungen ist, liegt in der Anschaulichkeit, in der großen Sinnlichkeit, die dem Buch eigen ist, trotz der zuweilen sperrigen Erzählhaltung, trotz seines eigenwilligen Plots. Wer nach Lektüre dieser Rezension das Gefühl hat, hier habe eine Autorin mühsam einen abgehobenen Roman konstruiert, irrt. Bei der Lektüre des Buches wächst vielmehr der Eindruck, dass genussvoll geschrieben und lustvoll erzählt wird - und die Sympathie, die Pölzl bei der Beschreibung ihrer Protagonistin empfunden zu haben scheint, sie färbt auf die Leser ab.