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von medien und wirklichkeiten

hans durrer | von medien und wirklichkeiten

Selbst denken macht glücklicher

Und jetzt schalten wir live in den Vatikan, wo der Papst vermutlich zum Frieden aufrufen wird, wie er das ja schon in seiner Weihnachtsansprache getan hat, sagt die Moderatorin auf n-tv und ich denke mir, da wird mir wieder einmal in Reinkultur vorgeführt, dass das nichts als Mutmassungen sind, die mir die Medien da unter dem Titel Nachrichten zumuten. Wie wäre es, wenn man mir ganz einfach sagte, was der Papst wirklich gesagt hat? Also keine Vermutungen, einfach nur das, was er gesagt hat? Das erfahre ich dann in der Spätausgabe: er habe mit scharfen Worten den Terrorismus verurteilt.

Was uns am Fernseher geboten wird, ist inszenierte Wirklichkeit, sie hat mit dem realen Geschehen auf der Welt nur ganz am Rande zu tun. Dargeboten wird uns dieses Schauspiel von Leuten, die zum Teil etwas mehr, und zum Teil etwas weniger intelligent sind, also dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen, und die – wir beziehen uns auf die Sendungen mit einem gewissen Informationsanspruch – auch durchaus der Meinung sind, sie seien kritische Hinterfrager der bestehenden Verhältnisse. Nun irrt der Mensch meist dann ganz heftig, wenn er sich selber einzuschätzen hat, und die Fernsehmoderatoren bilden da keine Ausnahme. Mögen sie sich noch so kritisch finden (und es im Privaten auch durchaus sein), für die Leute, die sie eingestellt haben, mussten sie vor allem mehrheitsfähig sein.

"Und was wird der Präsident jetzt machen?", fragt die Moderatorin im warmen Studio den von Windböen gebeutelten Korrespondenten vor dem Weissen Haus, der diesen Präsidenten bisher auch immer nur von weitem gesehen hat, doch von dem jetzt Aufklärung erwartet wird. Mit andern Worten: er soll so tun als ob. Und das tut er dann auch: wir kriegen die üblichen ausbalancierten Mutmassungen. Auf allen Kanälen, und ohne grosse Abweichungen. Es besteht Konsens darüber, wie die Weltpolitik einzuordnen ist.

Dass soviel Einigkeit nicht stutzig macht, erstaunt. Zugegeben, ich rede von mir. Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass die Redaktionen aller vierzig Kanäle, die ich empfangen kann, alle die gleichen Schwerpunkte in der Tagesberichterstattung setzen. Leben wir denn nicht, wie es die westliche Ideologie behauptet, in Freiheit, die doch eine gewisse Vielfältigkeit zur Folge haben müsste? Und dann diese Uniformität! Wie kommt das nur? Daher, dass der Mensch zwar dauernd nach dieser Freiheit schreit, doch so recht eigentlich will er sie ja gar nicht, weil er Angst vor ihr hat.

In Dostojewskijs Grossinquisitor kehrt Christus auf die Erde zurück, und zwar ins Spanien der Inquisition, wo er belehrt wird, dass die Freiheit, die er den Menschen hat bringen wollen, diese nur unglücklich und verzweifelt gemacht habe, "denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als die Freiheit." Und: "Aber wisse, dass jetzt und gerade heutzutage diese Menschen mehr als je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füssen gelegt."

Auch deshalb hat Kant, dessen 200. Todestages wir heuer gedenken (sollten), davon gesprochen, dass es zum Selber-Denken Mut braucht. Lesen wir heutzutage jedoch von den Medien, so erfahren wir immer wieder, dass diese vorwiegend Angst haben, Einschaltquoten nicht zu erreichen, Zuschauer oder Leser zu verlieren. Von solchen Angsthasen, die nur dann eine Nachricht bringen, wenn sie sicher sein können, dass sie alle andern Sender und Zeitungen auch bringen, will ich nicht über die Welt informiert werden. Wirklich nicht.

Allerdings, zum Abschalten fehlt mir dann auch wieder der Mut. Ich fürchte, ich bin eben doch mehr Schaf, als ich gemeint habe. Weshalb ich mich denn auch dem Drama hingegeben habe, das die Schweizer Politik und alle Schweizer Medien Ende letzten Jahres nicht mehr zur Ruhe kommen ließ: Herr Blocher in den Bundesrat? Glaubte man den Parteien auf der Linken, so musste diese Wahl unbedingt verhindert werden, weil der Schweiz sonst ein Rechtsrutsch drohte, der ein soziales Desaster zur Folge haben würde. Glaubte man den Parteien auf der Rechten, so hatte die Landesregierung die Parteienstärken zu reflektieren und ihr Kandidat also Anspruch auf einen Sitz.

Ich selber fand und finde, es spiele überhaupt keine Rolle, wer in dieser Regierung (in der sowieso alle wichtigen Parteien vertreten sind - die berühmte Konkordanz) sitzt und bin deshalb auch nicht im Geringsten verwundert, dass es die Schweiz, trotz der Wahl der Herren Blocher und Merz, immer noch gibt. Was für eine Schweiz? Eine soziale oder eine unsoziale? Das ist doch die Frage, mag man hier, und nicht zu Unrecht, einwenden. Ja, klar, einverstanden, doch ich werde mich auf eine solche Diskussion nicht einlassen, weil ich nämlich nicht glaube, dass dies von Politikern, die in eine Exekutive gewählt worden sind, abhängt.

Angenommen, ich hätte Recht, angenommen, die Macht von Exekutivpolitikern werde weit überschätzt, wie kommt es dann, dass einer Bevölkerung wochenlang eingeredet wurde, von dieser Wahl hänge wirklich so viel ab? Sicher, aufgebauschte Sensationen bringen Zuhörer, Zuschauer und Leser, fördern also das Geschäft. Und sonst? Sie stabilisieren die Verhältnisse.
Bei den Römern hieß das „panem et circenses“, denn schließlich gehört der Mensch beschäftigt, sonst könnte er ja womöglich noch auf blöde Ideen kommen; heutzutage macht man ihn zum Medienkonsumenten.

Schon mal den Ausdruck „denkender Medienkonsument“ gehört? Eben. Das geht irgendwie nicht. Und es ist auch besser so. Für die Medien. Denn würde der Mensch wirklich denken, gäbe es diese Medien, deren einziger Zweck es ist, uns einzulullen, nicht. Oder glaubt etwa jemand, ein Medium, das eine dreiminütige Einblendung für einen Hintergrundbericht hält, könnte uns aufklären?

Die Unmündigkeit des Menschen, hat Kant gemeint, sei selbst verschuldet; ihre Ursachen Faulheit und Feigheit - und diese werden auch weiterhin garantieren, dass wir uns Medien gefallen lassen, die uns ihre ausbalancierten Mutmaßungen als Wirklichkeit zu verkaufen versuchen.

Und jetzt!? Wie wär’s mit etwas Mut und ein bisschen Anstrengung; mit Selberdenken, den eigenen Erfahrungen trauen, sich seine eigene Welt kreieren?