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was macht die zukunft?

harald ditlbacher | was macht die zukunft?

Interview mit Franz Mayerhofer, Zukunftsforscher i.R.

Vor etwa einem Monat lud mich die schreibkraft ein, einen Beitrag zum Thema Was wurde aus den Zukunftsforschern? zu verfassen. Bei meinen Nachforschungen stieß ich auf Franz Mayerhofers Buch Die künftige Welt, 1973 in Salzburg erschienen, und es gelang mir, den Autor ausfindig zu machen. Ich nahm mit Dr. Mayerhofer Kontakt auf, und er war so freundlich, mich für das folgende Gespräch in seiner Wohnung in Steyr zu empfangen.


Herr Dr. Mayerhofer, Sie waren Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre als Zukunftsforscher tätig. Damit gehörten Sie, zumindest im deutschsprachigen Raum, zu den Pionieren dieser Forschungsrichtung. Was hat Sie dazu bewogen, Zukunftsforscher zu werden? Haben Sie sich damit einen Kindertraum erfüllt? Oder sind Sie vom Schicksal eher zufällig in diese Richtung gedrängt worden?
"Pionier" ... das ist sicherlich nur mit Einschränkungen richtig. "Futurologie" sagte man damals ja auch. Also die Futurologie oder Zukunftsforschung, das begann in Amerika schon in den 20er Jahren. Aber davon wusste ich damals noch nichts, als mich die Sache zu interessieren begann, ich kam, wenn man so will, eher von der Science-Fiction, vom sogenannten Zukunftsroman, zu diesem Thema; Jules Verne und so Sachen. Als Kind hat mich das ungeheuer fasziniert, und insofern hab ich mir damals schon einen Kindheitstraum erfüllt; aber natürlich hat das Schicksal schon auch kräftig mitgemischt. Das Thema meiner Dissertation hat da natürlich dazu gepasst: Amerikanische Science-Fiction; und dann hab ich bestimmte Leute kennen gelernt, Helmuth Bender vor allem, da hatte ich natürlich schon Glück, da hat schon auch das Schicksal mitgespielt.

Sie studierten ...
... Germanistik und Anglistik, ja, in Wien. Ich wollte ursprünglich Lehrer werden, was ich dann schließlich auch geworden bin – nach einem längerem oder mittellangem Zwischenspiel. Na ja, und wie gesagt war ich ein begeisterter Leser von Science-Fiction ... und ein Dozent aus Wien, der Betreuer meiner Diplomarbeit, brachte mich dann in Kontakt mit Bernd Stürmer von der Anglistik in Freiburg [im Breisgau] und nach einigem Hin und Her konnte ich dort meine Dissertation beginnen. Das war natürlich eine gute Sache für mich. Und so ging es weiter: Über Bernd Stürmer lernte ich Helmuth Bender kennen, auch in Freiburg, der ein ziemlich junger Professor war damals, und der verfolgte meine Dissertation mit großem Interesse. Er kam zu den Seminaren, diskutierte mit mir usw. Und dann kam folgendes dazu: die Studentenbewegung, das war ja diese Zeit damals. Auf den Unis kam einiges in Bewegung, und Helmuth Bender war ein Stratege. Also ich will nichts Schlechtes über ihn sagen, aber er hatte schon im Sinn, die ganzen Veränderungen und Verschiebungen so weit als möglich zu seinem Vorteil hin zu beeinflussen. Er wollte sich ausbreiten auf der Uni, mehr Planstellen bekommen. Eine halbe Assistentenstelle hatte er schon für mich, und so vage hat er mir mehr in Aussicht gestellt. Eine Arbeitsgruppe für Zukunftsforschung wollte er einrichten. Na ja, und so wurde ich nach Abschluss meiner Dissertation Assistent bei Bender. Ich sollte beginnen, die Zukunftsforschung an der Freiburger Uni einzuführen. Das war natürlich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich kannte zwar sämtliche amerikanischen Science-Fiction-Magazine der 30er und 40er Jahre, aber von wissenschaftlicher Zukunftsforschung, von Zukunftsforschung mit einer realen Basis, hatte ich keine Ahnung. Und so war meine Tätigkeit zu Beginn ziemlich unprofessionell, aber ich war hochmotiviert. Ich arbeitete mich in das Thema ein, verbrachte ein Monat am Hudson-Institut bei Hermann Kahn, lernte Ted Gordon kennen, und so langsam nahm die Sache gewisse Formen an. Aber ich war nach wie vor alleine, Halbtags-Assistent, hatte null Budget, keine Ausrüstung – allein schon die Beschaffung von Literatur konnte zum Problem werden.

Eine Prognose für das Jahr 2000, die ich Ihrem 1973 erschienenen Buch Die künftige Welt entnommen habe, lautet: Besiedelung des Meeresgrundes. Wie kamen Sie zu dieser Prognose? Mit welchen Methoden hat man derartige Prognosen ermittelt?
Nun ja, diese Prognose war offensichtlich falsch. Aber so absurd, wie sie heute klingt, war das damals nicht. Und andere meiner Prognosen sind genau eingetroffen, zum Beispiel, dass die Entwürfe neuer Konstruktionen nur mehr am Computer entstehen. Aber solche Sachen sind sogenannte Einzelereignisse, so etwas ist äußerst schwer zu prognostizieren. Größere Trends lassen sich wesentlich zuverlässiger vorhersehen. Mit der Vorhersage solcher Einzelereignisse lehnt man sich natürlich ganz schön hinaus, aber die Leute hören das natürlich auch gern.
Wie auch immer, Sie fragten nach der Methodik. Der Blick in die Zukunft baut natürlich auf einem genauen Verständnis der Gegenwart auf. Da gibt es einiges Material, auf das Sie sich zunächst einmal verlassen können: die verschiedensten Wirtschaftsdaten, dann können Sie sich die Zyklik anschauen, die Demographie natürlich auch, langfristige politische Entwicklungen, die Zunahme der Weltbevölkerung – das wurde berechnet und darauf konnte man sich verlassen. Wenn Sie das alles zusammennehmen, können sie ganz grob einmal Problemfelder definieren. Zum Beispiel dass mit einer Zunahme der Weltbevölkerung eine Zunahme nach dem Bedürfnis bestimmter Ressourcen einher geht. Konkret: Lebensraum, Nahrungsressourcen. Dann entwerfen Sie ein sogenanntes "futurible", zum Beispiel eben: "Besiedelung des Meeresgrundes". Das würde Lebensraum schaffen, eine – unter Anführungszeichen – agrarische Bewirtschaftung des Meeresgrundes würde die Nahrungsressourcen vergrößern. Dann führen Sie Interviews mit Experten, mit Wasserbauingenieuren, mit Meeresbiologen, Medizinern. Sie müssen zu einer Einschätzung kommen, wie machbar das Ganze ist; was kostet das, welche technischen Innovationen sind dafür notwendig und solche Dinge. Weiters müssen Sie Gegenkonzepte auf die gleiche Weise prüfen. Die Schaffung künstlicher Oasen in Wüsten zum Beispiel. Wenn Sie das alles gemacht haben, dann erstellen Sie ein Liste dieser "futuribles", versehen sie mit vorläufigen Wahrscheinlichkeitswerten und gehen damit in die Testung, das heißt, Sie entwerfen einen Fragebogen, den Sie einer Stichprobe von Personen vorlegen. Sie fragen nach der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Eintreffens der Einzelereignisse in der Zukunft und nach deren Erwünschtheit. Idealerweise ist das Testverfahren iterativ. Außerdem sollten Sie die Abhängigkeiten der Einzelereignisse voneinander einbeziehen. Und am Ende der Prozedur haben Sie dann eine Liste von Einzelereignissen mit Faktoren für ihre Erwünschtheit und für die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens.

Diese Untersuchungen haben Sie vor etwa 30 Jahren durchgeführt. Wie sind Sie heute mit den damals erzielten Ergebnissen zufrieden?
Teils, teils ... Manche Prognosen haben verblüffend gut gestimmt, aber das sieht heute niemand. Der enorme Aufschwung der Informationstechnologien, Motorisierung – das ist heute allen selbstverständlich, und wenn das in den 1960er-Jahren prognostiziert wurde, denkt jeder: no na, das lag ja auf der Hand. Aber wenn ein Zukunftsforscher in den 70er-Jahren gesagt hat, im Jahr 2000 gibt es erste Siedlungen auf dem Mond, darüber wird heute gelacht, das ist dann eine Kuriosität ...
Aber ich gestehe schon ein, dass die damaligen quantitativen Verfahren nicht gehalten haben, was man sich von ihnen versprach. Die Aussagekraft der Wahrscheinlichkeitswerte, ich würde schon eher sagen - also ich kann mir das erlauben (lacht) –, also die ging schon eher gegen Null. Das war zwar eine nette Methode, aber ... – Na ja, lassen wir das.

Was sagen Sie eigentlich zur Trefferquote der "Prognosen" so mancher Science-Fiction-Autoren? Ich denke an Jules Verne oder H.G. Wells, die schon zur Jahrhundertwende vom Mondflug phantasiert haben, oder auch an Raumschiff Enterprise. Da wurde das Handy vorweggenommen, die Videokonferenz, der sprechende Computer.
Nun ja. Wenn Sie sich tatsächlich die Trefferquoten anschauen würden, also die wäre katastrophal. Vergessen Sie nicht, was in der Science-Fiction alles vorkommt, was nicht Realität wurde: das Beamen, die Bedeutung der Raumfahrt, die Außerirdischen (lacht). Nein, die können diesbezüglich nicht mit Zukunftsforschern konkurrieren. Aber Zukunftsromane sind auch nicht als Prognosen gemeint, das sind Gedankenspiele, Szenarien. Tatsächlich beeinflussen Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforscher einander. Ein guter Romanautor muss sich schlau machen über künftige Trends. Und da kommt noch etwas anderes dazu. "Prognose" ist ja so ein Wort. Die Bevölkerungsentwicklung lässt sich zum Beispiel gut vorhersagen. Aber da gibt es ja eine Rückkopplung. Wenn also aufgrund ihrer Prognose Maßnahmen eingeleitet werden, Maßnahmen, die greifen, dann biegt die Realität von ihrer Prognose ab. Anders ist es bei richtigen "futuribles", die müssen Sie in die Köpfe hineinbringen, damit sie zur Realität werden. Das sind ja im Prinzip nichts anderes als Ideen, als Vorschläge, und da haben es Science-Fiction-Autoren, wenn sie ein großes Publikum haben, oft leichter, wenn sich beispielweise Hollywood interessiert. So bringen Sie ihre Ideen in Umlauf, darauf kommt es an.


Um wieder auf Ihre Karriere als Zukunftsforscher zurückzukommen: Sie arbeiteten damals als Assistent an der Freiburger Universität. Wie ging Ihre Laufbahn weiter?
Ja, da kamen dann einige Probleme daher. Benders Strategie ging nicht auf. Manche Leute begannen an seinem Stuhl zu sägen. Und als er merkte, dass der Wind umschlug, machte er sich davon. Er ging nach Wuppertal und ließ mich mehr oder weniger im Regen stehen. Ich hatte immer schon eine schwierige Stellung gehabt im Unigefüge, aber ohne Bender hing ich völlig in der Luft. Ich hatte an meiner Habilitationsschrift gearbeitet, aber ohne die Unterstützung Benders wagte ich nicht, sie einzureichen. Also bin ich weg von der Uni. Im Rahmen meiner Unitätigkeit hatte ich Kontakte zu VW in Wolfsburg aufgebaut, mit einigen Leuten in der Entwicklungsabteilung, durch Experteninterviews. Und auf meine Anfrage hin wurde mir dort eine Stelle angeboten. So wechselte ich nach Wolfsburg.

Was waren Ihre Aufgaben bei VW?
Qualitative Marktforschung im wesentlichen, im Rahmen der Produktentwicklung. Ich führte Befragungen durch zu den Mängelerlebnissen bei den gängigen Autotypen, und ich kam zu dem Schluss, dass die Autos zu unbequem waren. Ich konnte den Bedarf nach einer Großraumlimousine feststellen. Manche Leute – Leute, die viel mit dem Auto unterwegs waren – kauften sich einen VW-Bus und ließen ihn zur Großraumlimousine umbauen. Ich entwickelte ein Rohkonzept für einen neuen Typ von Auto und präsentierte es der Leitung der Entwicklungsabteilung. Die Reaktionen können Sie sich kaum vorstellen: "Wer soll denn das kaufen, ein Wohnzimmer auf Rädern?", "Mini-Wohnmobil" wurde gesagt, "Haben Sie noch nie was von Ölkrise gehört?" und so Sachen. Das war Mitte der 70er Jahre. Anfang der 80er kam dann Renault mit dem Espace. Das war genau das Konzept, das ich VW vorgeschlagen habe ... und die Erfolgsgeschichte des Espace ist wohl hinlänglich bekannt: phantastische Verkaufszahlen. Das hat sich VW entgehen lassen, sie hätten die ersten sein können. Das war ihr Fehler.
Na ja, so geht es oft. Sie können einen Trend frühzeitig erfassen, sie können ein perfektes Konzept entwickeln, aber wenn Sie es nicht in die Köpfe der Entscheidungsträger hineinbringen ...

Ist das eine Frage der Verpackung oder der Überzeugungskraft?
Wahrscheinlich ... oft ist es auch so, dass die Chefs, die Entscheidungsträger – und das sind immer ganz, ganz wenige Leute – einem Einzelnen nicht glauben, einem einzigen Berater. Die müssen das auch aus dem Fernsehen hören, die brauchen Umfragedaten.
Da habe ich letztlich etwas über diese Bioterror-Geschichten in Amerika gelesen, das passt auch zu dem, was ich zuvor über die Science-Fiction Autoren sagte, dass sich die oft leichter tun. Das ganze passierte in der Clinton-Ära. Also Clintons Marineminister, Richard Danzig, war der Meinung, dass Bioterror DIEkommende große Gefahr für Amerikas Sicherheit werden würde. Egal wie er dazu kam, jedenfalls war das seine Meinung. Er schildert dem Präsidenten dieses Bedrohungsszenario, doch er stößt auf taube Ohren. Clinton will von dem Bioterror-Zeugs nichts hören. Und jetzt passen Sie auf, was dieser Danzig gemacht hat: Irgendwie kam er in Kontakt mit dem Science-Fiction Autor Richard Preston. Preston war auf der Suche nach einem neuen Stoff, und dieser raffinierte Danzig, was tut er? Er spielt Preston gezielt Geheiminformationen zu, FBI, Pentagon: Informationen zum Thema Bioterror. Preston schreibt einen reißerischen Roman, The Cobra Event, und landet einen Bestseller. "Gut recherchiert", heißt es in der Presse, im Vorwort steht was von Insiderinformationen. Und auch Präsident Clinton liest diesen Roman, und siehe da, er ist beeindruckt. Plötzlich ist er infiziert von diesem Bioterror-Virus. Er lässt den Science-Fiction Autor Preston vor einem Senatsausschuss über Bedrohungsszenarien referieren und ändert seine Politik: Die Vorbereitung auf Terroranschläge mit biologischen Waffen erhält höchste Priorität. Medikamente werden eingelagert, Gasmasken angeschafft, Geldströme werden umgeleitet. - So läuft das. Sie müssen die Entscheidungsträger überzeugen, auch wenn es – wie beim Bioterror – blanker Unfug ist. Aber nur so können Sie die Wirklichkeit beeinflussen.

Sie halten die Angst vor Bioterror für blanken Unfug?
Ja, ich denke schon. Meiner Ansicht nach hat diese Bioterrorangst keinerlei reale Basis, das ist ein Wahngebilde, das in irgendwelchen amerikanischen und vielleicht auch europäischen Köpfen entstanden ist, aber nichts Reales.

Nach der Ablehnung ihres Konzeptes für eine Großraumlimousine ... wie ging Ihre Karriere bei VW weiter?

Sie war zu Ende. Ja, das kann man so sagen. Ich ließ mir diese barsche Ablehnung nicht gefallen, ich ging mit meinem Konzept zur Geschäftsführung, und ja, wahrscheinlich habe ich mich menschlich etwas ungeschickt verhalten, also zu emotional. Schließlich wurde ich sogar in ein Sekretariat versetzt, als besserer Bürogehilfe. Und da ging ich dann. 1976 ging ich zurück nach Österreich, nach Schärding und wurde AHS-Lehrer.
Das war keine schöne Zeit damals, auch privat nicht. Ich hatte das Praktikum noch zu absolvieren, da gab es dann einen finanziellen Engpass. Also karrieremäßig war das damals schon eher ein Crash, ein ausgewachsener, wenn man so will.

Und jetzt? Wie geht es Ihnen jetzt? Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute auf Ihre Zeit als Zukunftsforscher zurück?
Na ja, mit durchaus gemischten Gefühlen. Das alles ist ja schon ziemlich lange her. Das war ein Abschnitt meines Lebens, ein Abenteuer, eine spannende Zeit mit Erfolgen und Misserfolgen. Aber ich trauere dem nicht nach. Und ich bin froh, dass ich raus bin aus diesem Geschäft, dass ich kein Markt- oder Trendforscher bin heute. Das wäre nichts für mich, mir den Kopf über Zahnbürstengriffe zu zerbrechen. Oder Trend-Guru sein. Nein, dazu habe ich wahrscheinlich zu viel Schamgefühl; und wissenschaftliche Schulung ... um über Trends wie Cocooning zu philosophieren. Kaffeesatzleserei ist das, ohne reale Grundlage und ohne reale Auswirkungen.

Dürfte ich Sie zum Abschluss noch um eine Prognose für sagen wir 2040 bitten? Ganz unverbindlich.
Also nein, so etwas mache ich nicht, so etwas kann ich nicht. Ich bin heute ein pensionierter AHS-Lehrer, ein Pensionist. Ich freue mich, wenn mein Sohn zu Besuch kommt, wenn wir gemeinsam essen gehen oder so. Aber Prognosen mache ich keine mehr. Aus dem Geschäft bin ich raus.