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what next?

hermann götz | what next?

Von Vergangenheitsüberwältigung im Retro-Boom und wie die Popkultur dabei draufgeht

Wollten wir den Zeitfluss daran festmachen, wie schnell sich die Welt verändert, wie oft sie neu geschaffen, erfunden, ausgerufen wird, wir müssten sagen die Zeit rast. Oder besser: Sie rotiert. Im zügigen Zeitfluss des 21. Jahrhunderts ist längst das Ziel abhanden gekommen. Zumindest wenn wir von Mode, Musik oder auch von Kunsttrends reden. Die Zukunft küsst die Vergangenheit in Form hastiger Renaissancen, Remakes und Reanimationen. Das zentrale Symbol unserer Zeit ist zweifellos die Return-Taste und der Trendforscher von heute hat ein gutes historisches Gewissen: Bald ist jedes Jahrzehnt im letzten Jahrhundert aufgearbeitet und voll Affirmation bewältigt …


Der teleologische Absturz
Das messianische Versprechen der Kirche(n) und die sozialistische Vision vom selbstbefreiten Menschen haben unter dem Segen Hegels ein Welt-Zeit-Bild in unseren Köpfen implantiert, das stets ein Ziel als Versprechen enthält. Mit der Säkularisierung und der Verabschiedung von traditionellen politischen Ideologien (besonders von der des orthodoxen Marxismus) hat der vorgezeichnete Verlauf der Geschichte seine einst so eindeutige Richtung verloren.
Die teleologische Heilsgeschichte vom Austritt aus dem hier und heute hat auch die Idee der Avantgarden verursacht. Die Avantgarde, die politische wie die kulturelle aber, scheint sich Schritt für Schritt von der Idee ihres Ziels zu verabschieden, sie hat den Fortschritt, das Weiterschreiten und Vorausseilen zum Selbstzweck erklärt. Der Weg ist das Ziel, der Weg weg vom Status Quo. Und jetzt? Der Stoßtrupp der führenden Geschmacksträger und Meinungsproduzenten blickt vorwärts und stolpert aus lauter Ziellosigkeit im eilenden Zeitgeist-Gehorsam immer wieder über die Vergangenheit.


Die überforderten Zeitgeister
Längst reden wir nicht mehr über Avantgarden. Und doch hat zumindest die konservative Kulturkritik den Innovationsdruck der Moderne im Auge behalten. Wo sie verständnislos vor den Ergebnissen aktueller Kunst- oder Kulturströmungen verharrt, wird immer wieder das auch von Niklas Luhmann geprägte Bild eines zur Unkenntlichkeit erneuerten Kulturbegriffs gemalt, ungeachtet der Tatsache, dass der unbestrittene Zwang zu avancierten Positionen, der den Kulturbereich bestimmt, nur ein Nebenschauplatz ist, der die letztlich zentrale Problemstellung unserer Gegenwart symbolhaft vor-formuliert: die gesellschaftliche Zwangsdynamisierung im Neoliberalismus.

Seit die politische Linke sich nicht mehr als gesellschaftliche Avantgarde verstehen kann, agiert sie in einem Rückzugsgefecht um die am halben Weg verkümmerte Gesellschaftsrevolution höchstens noch konservativ. Der Innovationsdruck der Marktwirtschaft gerät hingegen zum bestimmenden Phänomen einer durch Kommunikationsindustrie, Gentechnologie und Deflationsdrohungen geforderten Gesellschaft. Sprich: Neben dem Einbruch teleologischer Ideologien muss das Tempo der tatsächlichen Veränderungen unseres Alltags als ein zweites entscheidendes Motivationsmoment für Retroströmungen in Kultur und Alltagskultur betrachtet werden.


Am Beispiel Popkultur
Dass Pop keine Vision mehr bedeutet, ist längst kein Geheimnis mehr. Dass Pop zu einem veritablen Marktfaktor (nicht nur) in der Kulturindustrie geworden ist ebenfalls nicht. "Das einstige Glücksversprechen, der Glaube daran, Pop könne einem sowohl die sexy Oberfläche als auch das Substrat eines gesellschaftlichen Anderen schenken, ist zur bloß noch oberflächlichen Liberalisierung geschrumpft: Der scheinbar human geworden Kapitalismus, der den eintönigen Alltag von Fabriken und Stechuhren gegen eine lockere Team-Atmosphäre eingetauscht hat, ist nicht zuletzt das Ergebnis von fünf Jahrzehnten Unterhaltungsindustrie und der schrittweisen Integration subversiver Pop-Strategien."

So Martin Büsser, einer der eloquentesten Grabredner der Popkultur, in der MiDiHy-Publikation selfware. file 1.
Retro, Remix, Revival ... allein die Vielfalt der Begriffe und Varianten, mit denen im Pop ein und dieselbe Sache – die gute alte Kunst des Aufwärmens – immer wieder neu verpackt wird, muss jedem Linguisten das Herz höher schlagen lassen. Nach der elektronischen Neubearbeitung alter Hadern folgt nun die Wiederkehr der guten alten Gitarrenmusik, dem DJ und seiner wiederentdeckten Plattensammlung folgen sinister sinnierende Singer-Songwriter. Motiviert nicht nur durch den Ruf nach Kontrasten (echtes Country-Schrummen statt artifiziellem Techno, weißer Gitarrenrock statt schwarzem Hip-Hop), sondern auch durch zunehmend interessante Käuferschichten weit jenseits der Twens, die auch ein bisschen an ihre Jugend erinnert werden wollen. Wir kennen das ja aus der Literatur: Die Generation Golf mit Playmobil-Schiffchen in der Badewanne, Pop-Bücher als Kindheitsverklärung, Biene Maya für 30-jährige usw. usf. „Endlich wird wieder erzählt, nach amerikanischem Muster“, hat es im Literarischen Quartett zu Haslingers Opernball geheißen. Kommt Ihnen das auch so bekannt vor? Wie hat sich mein Onkel über Norah Jones gefreut! Endlich mal wieder eine süße junge Singer-Songwriterin, die den guten alten Blues drauf hat. Ja, und was würde er erst zu Diana Krall oder Franz Ferdinand sagen!

Forever young
Dabei steuert die Retro-Schiene im Pop-Business mit ihrer Großoffensive für die Käufergruppe 30+ auf einen sys­teminhärenten Widerspruch zu. Immerhin ist Pop (in seiner jeweils aktuellen, auf musikalischen Trends basierenden Ausprägung) der stärkste kulturelle Code von und für Jugend. Nicht zuletzt deshalb stellen die Popkultur und ihre subkulturellen Stoßtruppen ein so unerschöpfliches Kapital für die Industrie dar. „Im Pop der neunziger Jahre überschneiden sich subkulturelle Auflehnung und Industrie-Interessen bis zur Deckungsgleichheit; dabei ist Subkultur nicht nur marktfähig geworden, sondern gibt längst Strukturen für den Markt vor.“ So Walter Grond in Der Erzähler und der Cyberspace. Und weiter: „Zweifelsohne bedeutet Pop ein gigantisches Geschäft, aber auch Ökonomie zum Gewinn von Selbstwertgefühl für ein Massenpublikum. Die Vorstellung von Jugendlichkeit löst die der Avantgarde als Vorläufer des Kommenden ab. Als Ware erscheint Zukunft greifbar, weswegen die Aura von Markenartikeln die Aura von Kunstwerken beerbt.“

Wenn alte Sounds und verstaubte Arrangements, wie sie Jones, die Grammy-schwere Tochter von Ravi Shankar, bietet, plötzlich wieder süßer junger Pop sind, wird aus der Jugend-Chiffre Pop ein potenter Jungbrunnen für alle, die sich nicht alt vorkommen wollen (und wer will das schon). Das Aufwärmen historischer Pop-Strömungen im Rahmen aktueller Trends passt zu dem Befund, dass jugendlicher Lifestyle längst kein Privileg der unter 30-jährigen mehr ist. Kult statt Nostalgie, lautet die Devise, mit der musikalische Wiedergänger gefeiert werden, die vormals als Evergreens und Superhits verkauft wurden. Die Frage ist nur, wie lange noch? Wie lange kann Pop mit den Generationen mitwachsen, die er geprägt hat? Wie lange kann er trotzdem glaubhaft vermitteln, jung zu sein und jung zu machen?

Und vor allem: Wie lange halten die endlichen Rohstoffressourcen der heroischen Popgeschichte beim aktuellen Raubbau der Revivalkultur vor? Zur Erinnerung: Auch Pop hat einmal eine Vision vermittelt, seine Wurzeln, seine Roots im London der 50er-Jahre wie in den schwarzen Slums der amerikanischen Südstaaten haben den geradezu revolutionären Anspruch einer breiten, die Grenzen von Klassen und Ethnien überschreitenden Gegenkultur begründet. „Blues war das Aufzeichnen der Stimme rechtloser Subjekte“, schreibt Dietrich Diederichsen in dem grundlegenden Pop-Aufsatz Pop - deskriptiv, normativ, emphatisch über die ersten einschlägigen Mitschnitte, die für ihn eine der frühesten Manifestationen der Pop-Bewegung markieren.

In dem Moment, wo also zum ersten Mal die innerlich gespaltene, unzufriedene Stimme ertönt, die Stimme des Menschen vor jeder Repräsentation und politischen Organisation, kommt die Stimme nicht von irgend jemandem, dem die Abstraktion „Stimmzettel“ das Recht der eigenen, irreduzibel persönlichen Stimme genommen hat, sondern sie kommt von einem völlig Rechtlosen. Vom Sohn eines Sklaven.

Heute sind wir so weit, dass nach dem siebenten Blues-Revival und der vierten Reggae-Blüte der Country für das Alternative-Segment entdeckt werden muss, ein Sound, der seit seiner Nashville-Blüte für Jahrzehnte nach rechten weißen Südstaatencowboys und texanischen Ölnationalisten gerochen hat. Nichts gegen Calexico, nichts gegen Bonny „Prince“ Billy. Aber der Rückgriff auf das lang stigmatisierte Banjo und den Truck-driving-Groove illustriert doch sehr deutlich, wie wenig Alternativen die alternative Szene noch hat.

What next?
Und jetzt? Was kommt nach dem Johnny-Cash-Revival? Was folgt auf die fünfte Wiederentdeckung des leidigen Cowboystiefels? Die 80er drohen schon seit Jahren, Nena und George Michael haben's jetzt geschafft, aber – au weh – auch Heavy Metal lässt nicht auf sich warten, die sensationelle Wiedergeburt der Stonewashed-Jeans habe ich hoffentlich versäumt, doch wenn Thomas Gottschalks Schulter­pölster bei H&M einziehen, weiß ich nicht mehr, wo ich einkaufen soll. Wer wird uns als nächstes aus dem Hier und Heute retten? Und werden wir wieder zurück in die Zukunft verführt? „Tapp tapp tapp, quietsch: Pop wohnt hier nicht mehr, nur seine Diskursaufwickelungsmaschine steht noch im Keller.“ Schrieb Klaus Ungerer anlässlich der Tutzinger Tagung zum Pop. Die Vision ist verzogen, die Disk hängt bei Return to Sender.