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wir leben alle ewig

werner schandor | wir leben alle ewig

Über das bewusstseinsbedrohende Vergnügen, die Gegenwart in einem medienverseuchten Paradies zu verbringen

Wenn es einen Gedanken gibt, der mich mental aushebeln kann - neben dem, eine winzig kleine Entität in einem unvorstellbar riesigen Weltall zu sein - dann der, dass sich genau in diesem Augenblick auf der Welt alles gleichzeitig ereignet, was man sich an Wunderbarem, Grauenhaftem, an Uninteressantem und völlig Faszinierendem denken kann, nämlich genau jetzt!

Jetzt zum Beispiel hüpft irgendwo einer von einer Brücke, irgendwo nicht weit davon machen welche Sex, irgendwo anders knurrt jemandem der Magen, und ganz sicher gibt es in irgendeiner Bar wen, der gerade jetzt besoffen von seinem Hocker fällt. Die Beispiele ließen sich beliebig in alle Sphären des menschlichen Tuns von der Geburt bis zum Ableben und durch alle Spielarten des erfahrbaren Glücks/Unglücks führen. Aber nicht nur, dass sich diese Dinge genau jetzt alle ereignen: Zigtausende davon, die als berichtenswert gelten, werden - mit relativ geringer Zeitverzögerung - ebenfalls genau jetzt kolportiert. Das Wunder der Gleichzeitigkeit wird in die banale Sensation der Nachricht verwandelt.

Und da sitzen wir jetzt und surfen einmal eine halbe Stunde durch die Nachrichtenkanäle des Internets. Wir besuchen die Networks und Newsstations und laden uns Katastrophenberichte und Enthauptungsvideos runter, und wir fragen uns, warum wir uns nicht stande pede die Kugel geben angesichts all der Ungeheuerlichkeiten und der Katastrophen, die sich gegenwärtig irgendwo auf der Welt ereignen: Irak, Somalia, Israel, Tschetschenien etc. als Spitze des Eisbergs, auf die sich die mediale Aufmerksamkeit konzentriert, während das Morden und der Wahnsinn und das Unglück und das Elend schon neue Schauplätze gefunden haben, die uns erst bewusst werden, wenn die UNO eine Sanktion verabschiedet oder CNN darüber berichtet.

Zum Ausgleich zu diesen belastenden Neuigkeiten lässt sich jederzeit erfahren, welcher Hollywoodstar gerade mit wem in welchem Film brilliert. Und wenn wir es uns kalt-warm geben wollen, dann begeben wir uns beispielsweise in eine Straßenbahn oder in eine U-Bahn-Station und lassen uns auf TFT-Screens und Videowalls abwechselnd von Kriegen, Oscar-Preisverleihungen, Katastrophen und Sportergebnissen berichten. Diese Art "Nachrichtenmix" aus quasi Information und Tratsch flimmert pausenlos über die Bildschirme der so genannten Infokanäle. Es war angeblich Botho Strauß, der auf die Doppeldeutigkeit des Wortes Kanal im Zusammenhang mit Medien hingewiesen hat. Mitunter entwickelt man auch ein Kanal-Gefühl als Leser/Zuseher: Wenn man Nachrichten im Fernsehen ansieht oder eine österreichische Zeitung liest, wird einem das Hirn von Hunderten Problemen ohne Lösung und mit Hunderten Meinungen, die ohne fundiertes Wissen auskommen, betäubt.

Medienerfahrung im Alltag
Im Alltag sieht das so aus: Man sitzt morgens am Klo, blättert die Zeitung durch, und was unten rausgeht, wird einem oben unter die Schädeldecke gekleistert. Und dennoch hofft man jeden Tag, es möge irgendwann eine Nachricht dabei sein, die einen auf irgendeine Weise - emotional, geistig, sozial - weiter bringt. Doch die Hoffnung ist vergebens. Zum einen ist Qualität im Journalismus ein dehnbarer Begriff, mindestens so flexibel wie die Wurst unter einem; zum anderen wäre selbst der best-recherchierte Beitrag in dieser amorphen Umgebung aus Leserbriefseite und beliebiger PR-Einschaltung (oder zwischen Millionenshow und Personalitytratsch) nichts als eine verlorene Preziose im Kanalsystem. Jedes Thema wird so lange abgehandelt, kommentiert und dadurch ausgezuzelt, bis nichts als ein schaler Nachgeschmack übrig bleibt. Dieser Prozess dauert im Schnitt 3-4 Tage pro Thema, und dann gilt: "Yesterday's news are tomorrow's fish'n'chips papers." (Elvis Costello). Also vergessen wir das. Es wird sich nichts ändern.

Der Essayist Volker Demuth hat im Sommer 2004 in seinem Beitrag Die Zeit des Vulgären im deutschen Lettre international darauf hingewiesen, dass die Fixierung auf das Aktuelle in Form der Nachricht der Tendenz zur Vulgarisierung der Gesellschaft wesentlich Vorschub geleistet hat. Vulgarisierung im Sinne von: Verblödung und Trivialisierung bis hin zur Kultivierung kleinlicher und egoistischer Motive als Geheimnis von Wahlerfolgen politischer Parteien. Die Medien bezeichnet Volker Demuth dabei als "Engel des Vulgären". Der Aktualitäts- und Neuigkeitswahn der Nachricht, die "zur unangefochtenen politisch-sozialen Wissensform der Gesellschaft" geworden sei, "provoziert ununterbrochen die psychomotorischen Verfahren kurzschlüssiger Reiz-Reaktions-Schleifen". Demuth verwendet dabei die Worte "Instantanismus" und "Immediatismus", deren Definition man sich jederzeit aus dem Fremdwörter-Duden ableiten könnte, und ich übersetze für mich: Auf Nachricht folgt breite Empörung folgt neue Tat folgt wieder Nachricht folgt wieder Empörung usw. usf., und das für ein Thema nach dem anderen, bis man merkt, dass sich in diesem System weder geistig noch emotionell etwas gewinnen lässt, sodass man als halbwegs sensibler Mensch überhaupt keine Regung mehr zeigt bzw. bis einem jede Regung auf jede Nachricht lächerlich und verlogen vorkommt. Statt anzuregen, stumpfen Nachrichten ab. - "Darin liegt ein Teil des modernen Schicksals des Augenblicks", schreibt Volker Demuth. "Ein anderer entfaltet sich direkt vor unseren Augen. Die zeitlich koordinierte Optimierung von Interaktionen pumpt die Gegenwart nämlich auf, fast bis zum Zerreißen." Analoges gilt beim Konsum von Massenmedien: Hier zerreißt es einem regelmäßig das Hirn, ohne das man es mitbekommt. Klassischer Fall der Implosion.

Nonsens statt Nirwana
Nun ist die Selbstauslöschung des Geistes im Grunde nichts Schlechtes, wie wir vom Buddhismus wissen. Aber wenn sich statt dem Nirwana ein völlig ununterscheidbarer Salat aus Nonsens, Politberichterstattung (also in gewissem Sinn auch Nonsens) und Sportberichten ins Hirn ergießt, eben ein „Nachrichtenmix“, dann kann man dem schwerlich etwas Erlösendes abgewinnen. „Heaven is a place where nothing ever happens“, sang David Byrne auf der Talking-Heads-Platte Fear of Music Ende der 70er. Es wäre himmlisch, meint Byrne, wenn einmal nichts passierte. Ich schätze, wenn David Byrne in der oststeirischen Provinz aufgewachsen wäre, wo auch nie etwas passierte, bevor man in der Region Ende der 70er bei Ölbohrungen auf Thermalwasser stieß, dann hätte er diesen Zustand nicht unbedingt himmlisch genannt. Aber trotzdem: Es muss gar nicht nichts passieren, damit man seine himmlische Ruhe hat, es reicht schon, dass man mit Nachrichten nicht zugemüllt wird. Arbeitsaufgabe: Stellen sie sich eine Gegenwart vor ohne Zeitungen, ohne Radio, ohne Fernsehen, ohne Internet, ohne Handy. Stellen Sie sich das vor für einen Tag, ein Monat, ein Jahr. Ich finde, das hat Qualitäten. Unsereins verzieht sich zwei Wochen im Jahr irgendwo in die Berge, wo es noch keinen Handyempfang gibt, das kann entspannender sein als 14 Tage Wellnessurlaub in der Oststeiermark.

Ab in die Unzeitlichkeit
Als Jugendlicher reagierte ich auf die sich abzeichnende mediale Verblödung (oder: Vulgarisierung) der Gesellschaft mit einem regen Interesse für Mystisches. Meister Eckhardt lag mir fern, dafür meditierte ich über die weniger sperrigen der metaphysischen Sentenzen des Logikers Ludwig Wittgenstein. Etwa jener: „Wenn man unter Unendlichkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.“ - Zum Beispiel gerade jetzt. Und jetzt. Und gerade jetzt. Spüren Sie die Ewigkeit, die sich in Ihnen ausbreitet?! - Na sehen Sie!

Eigentlich müssten wir, in unserer medialen Ewigkeit angelangt, völlig erlöst sein, denn die Gegenwart ist so mächtig geworden, dass ein Blick in die Zukunft geradezu lächerliche Formen annimmt. Spaßig wie wir „schreibkräfte“ sind, wollten wir uns die Zukunft unseres pro-ironischen Mengenmediums von einer Wahrsagerin prophezeien lassen. Aber schließlich wollte sich keiner von uns für diesen Ulk die Mühe machen, eine entsprechende Person ausfindig zu machen. Die Zukunft hat an Glaubwürdigkeit verloren. Insgeheim belächelt man Leute, die für ihre private Pension vorsorgen und dafür monatlich den Gegenwert eines 2-Hauben-Menüs berappen. Man belächelt sie, weil man ahnt, sie werden dereinst maximal eine Wurstsemmel mit Gurkerln dafür erhalten. Es lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. - Und keinesfalls der, der privaten Pensionskassen auf den Leim geht. Aber das nur am Rande.

Du Unendlichkeit du
Nach Wittgensteins Aphorismus müssten wir in einer Gesellschaft, die das Gegenwärtige, die „Echtzeit“, so fetischartig behandelt, im Grunde mys­tisch verzückt sein. Und nach Ödon von Horvaths Feststellung, wonach nichts so sehr das Gefühl der Unendlichkeit vermittelt „als wie die Dummheit“, müssten wir angesichts unserer Medienlandschaft mit dem Unendlichen erst recht auf du und du sein. Und siehe: Wir sind es ja. Und dennoch fehlt uns etwas.

Der Unterschied zum Beginn des letzten Jahrhunderts, als Wittgenstein und Horvath ihre Sätze formulierten, und heute, liegt unter anderem im Verlust einer Zentralperspektive. „Die tradierte Fixierung auf Zukunfts- und Erlösungshorizonte wird neumedial durch einen Kult der Simultaneität ersetzt“, schreibt der Mannheimer Germanist und Medienanalytiker Jochen Hörisch in seiner unlängst in der edition suhrkamp erschienen, sehr lesenswerten Aufsatzsammlung Gott, Geld, Medien.
Was (nicht erst seit der deutschen Wende oder der schwarz-blauen Regierung in Österreich, aber seit ihr ganz besonders) verloren gegangen zu sein scheint, ist der Glaube, dass die Zukunft irgendetwas bringen könnte, das besser als die Gegenwart ist. Während sowohl der christliche Glaube als auch Aufklärung und Avantgarde von einem erreichbaren Idealzustand - nach dem Tod / durch das vernünftige  Denken / durch die Kunst - ausgegangen sind und ihn angestrebt haben, setzt der Mensch der Gegenwart ausschließlich auf die Gegenwart. Die Frage „und jetzt?!“ in Bezug auf große politische / künstlerische / soziale Entwürfe für die Zukunft klingt gerade deshalb so verzweifelt, weil wir wissen, dass es keine Erlösung geben kann und keine geben wird. Weil wir wissen, dass eine gute Idee - und sie kann noch so gut sein - sich nicht durchsetzt, solange nicht ein paar Leute ein großes Geschäft dahinter wittern. Wir sind schon froh, wenn sich nicht permanent die blödesten Ideen durchsetzen. Wir sind schon von jedem geistigen Nulldefizit quasi tief beglückt.

Wie erkenne ich einen Zombie?
Wir leben in der Ewigkeit, aber wir sind nicht erlöst. Für diesen Zustand gibt es eine Bezeichnung aus der afrikanischen Mythologie: Zombies. Als ich bei Google „Def. Zombie“ eingab, stieß ich auf die Seite „nensch.de“ (wie Mensch, nur mit Sprachfehler), und dort auf die Frage:

„Wie erkenne ich einen Zombie? - Ein Zombie ist ein menschenähnliches Wesen. Er reagiert wie ein Mensch, bewegt sich wie ein Mensch, redet wie ein Mensch. Öffnet man seinen Schädel, findet sich ein voll funktionsfähiges Gehirn. Doch der Zombie hat kein Bewusstsein. Alles, was er tut und unternimmt, geht maschinenhaft vor sich. Er erlebt nichts.“ - Und ergänzen müsste man noch: Den Medienzombie von heute erkennt man auch an seinem Armin-Assinger/Dieter-Bohlen-Grinsen und seiner unerträglich guten Laune.
Soll das schon alles sein?! - Nein. Nachdem dieser Artikel Trost spenden will - die schreibkraft entlässt Sie nicht deprimiert in Ihr Alltagsleben - zum Abschluss noch ein paar Anregungen, wie Sie sich gegen die Verwandlung in einen Zombie wehren können:

  • Werfen Sie Ihr Fernsehgerät beim Fenster hinaus (immer zuerst schauen, ob unten jemand steht oder geht).
  • Kündigen Sie Ihr Zeitungsabo und flüstern Sie folgenden Satz in die Sprechmuschel, wenn Sie zwei Tage danach um 19:30 Uhr den Anruf vom Call-Center erhalten, das die Aboabwicklung Ihres Blattes übernommen hat: „Zombie, weiche!“ Wiederholen Sie den Satz, wenn Ihnen unbeirrt ein neues, noch günstigeres Angebot für Ihr Abo („acht Tage lesen und nur zwei Tage zahlen“) unterbreitet wird.
  • Wenn Sie sich durch Ihren Medienkonsum bereits ein wenig unwohl gefühlt haben sollten, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Hausarzt. Fragen Sie ihn einfach: „Herr Doktor, ich glaube, ich werde ein Zombie. Was kann man dagegen tun?“ Er wird Ihnen helfen.
  • Bleiben Sie am Laufenden und abonnieren Sie die schreibkraft, das einzige in Zombieangelegenheiten hilfreiche Mengenmedium Österreichs, diesen letzten Engel des Hehren.