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wirtschaftliche möglichkeiten für unsere enkelkinder

peter wilhelmer | wirtschaftliche möglichkeiten für unsere enkelkinder

Die unerfüllten Hoffnungen der Wirtschaftspolitik

Im gegenwärtigen Augenblick erwarten die Menschen mehr als sonst eine grundlegendere Diagnose, sind sie ganz besonders bereit, sie aufzunehmen, begierig, sie auszuproben, wenn sie nur einigermaßen annehmbar sein sollte. Von dieser zeitgenössischen Stimmung abgesehen, sind aber die Gedanken der Ökonomen und Staatsphilosophen, sowohl wenn sie im Recht, als wenn sie im Unrecht sind, einflussreicher, als gemeinhin angenommen wird. Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen. Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen ihren Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfasste.

- Zeitdiagnosen wie diese von John Maynard Keynes aus dem Jahre 1936 haben etwas Paradoxes an sich, sie sind nämlich immer aktuell: die Menschen sind mit denen, die den Ton angeben, unzufrieden, sie verlangen Grundlegendes; die Entscheidungsträger halten sich für originell und autonom, wenn sie "ihre" Ideen machtvoll umsetzen; die Ideenproduzenten haben offiziell nichts zu melden. Das war offenbar zu Zeiten der großen Wirtschaftskrise gleich wie heute, in einer Periode bislang nie da gewesenen Wohlstands (zumindest innerhalb der "fortschrittlichen" Welt). Was mag das bedeuten? Dass man es den Menschen nie Recht machen kann? Dass Wohlstand und Zufriedenheit (oder gar Glück?) unterschiedliche Erfüllungsbedingungen aufweisen? Dass Politiker, Lobbyisten und Wirtschaftskapitäne mitunter weniger Bildung mitbringen als man es sich wünschen würde? Dass die Intelligenzija Nachhilfe in der Selbstvermarktung nötig hätte? Man würde es sich zu leicht machen, diese Fragen einfach hinzuwerfen und mit einem schlichten ja (oder nein) zu beantworten.
Der folgende Beitrag beschäftigt sich vor allem mit zwei der prominentesten Vertreter der "akademischen Schreiber" und deren Ideen. Und mit der damit verknüpften Frage, wie sich diese Ideen verwandeln und in die Welt der Politik und der Gesellschaft insgesamt diffundieren.

Keynes und der Wandel zum Keynesianismus
Zunächst sei betont, dass der Einfluss einzelner Theoretiker, wie beispielsweise der von Keynes kaum überschätzt werden kann. So übernahm dieser bereits in jungen Jahren, parallel zu seiner glänzenden akademischen Karriere, wichtige Funktionen beim britischen Schatzamt, publizierte bei führenden liberalen Zeitschriften Englands, war Herausgeber des bedeutendsten wirtschaftswissenschaftlichen Fachorgans in England, dem Economic Journal, fungierte als Mitglied diverser wirtschaftlicher Beiräte und Gremien und war schließlich einer der Chefverhandler für die britische Regierung in Bretton Woods. Mit seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung des Zinses und des Geldes (1936) hat Keynes nicht nur die Volkswirtschaftslehre revolutioniert, sondern auch die wirtschaftspolitische Praxis von weiten Teilen Europas und der USA zumindest bis in die 1970er Jahre herauf dominiert. Keynes hat in seiner bahnbrechenden Arbeit keineswegs ein vollständiges, konsistentes wirtschaftspolitisches Konzept entworfen. Das wäre seinem theoretischen Selbstverständnis zuwider gelaufen. Er erachtete ökonomische Theorie nicht als ein wohletabliertes System, das unmittelbar auf praktisch politische Fragen angewandt werden könnte, sondern als eine Methode des Denkens, mit deren Hilfe man bestenfalls einige Grundprinzipien herausarbeiten könne. Und die Kunst bestehe darin, diese auf eine sich stets wandelnde Welt mit immer wieder neuen Problemen anzuwenden. Keynes war viel zu sehr vertraut mit der praktischen Wirtschaftswelt, mit Fragen der Organisation und Verwaltung, um auf die unmittelbare Implementierung wissenschaftlicher Rezepte zu vertrauen. Schon gar nicht glaubte er an die Existenz von Universallösungen, die unabhängig von der jeweils besonderen Situation gleichsam mechanisch angewandt werden könnten.

Seine Anhänger und insbesondere die Praktiker, die in seinem Geist zu agieren meinten, zeigten diesbezüglich weit weniger Skrupel. Rasch verwandelte sich die Lehre von Keynes in die keynesianische Lehre. Und die Lösungen, die Keynes für die Zeit einer tiefen Depression, gekennzeichnet von Arbeitslosigkeit, Preisverfall und Misstrauen der Unternehmer, vorgesehen hatte, wurden als politisches Allheilmittel missverstanden. Selbst in der wirtschaftlichen Extremlage der 30er Jahre diskutierte Keynes ein ganzes Paket wirtschaftspolitischer Maßnahmen: eine aktive Beschäftigungspolitik, die im wesentlichen über öffentliche Investitionen angekurbelt werden soll; eine Geldpolitik der niedrigen Zinsen; eine Steuerpolitik zur Anregung der Konsumentennachfrage und eine kurzfristig flexible, langfristig aber stabile Wechselkurspolitik. Geblieben ist bei vielen nur die Überzeugung, dass ein ausgabefreudiger Staat für die nötige Nachfrage zu sorgen habe.
Freilich zeigen gelegentlich sogar stark vereinfachte Rezepte positive Wirkungen. So lotste der Demokrat John F. Kennedy 1961 einige hochtalentierte junge keynesianische Ökonomen als wirtschaftspolitische Berater nach Washington. Einer der ersten Vorschläge zielte auf eine Steuersenkung zur Ausweitung der gesamtwirtschaftlichen Produktion ab. Die Maßnahmen wurden umgesetzt und zeigten rasch Erfolge: das wirtschaftliche Wachstum betrug bereits drei Jahre später zwischen 5% und 6%, gleichzeitig fiel die Arbeitslosigkeit. Auf die Frage eines Reporters an Kennedy, warum er sich für eine Steuersenkung aussprach, antwortete dieser: "Um die Wirtschaft zu stimulieren! Haben Sie Ihre Vorlesung ‚Wirtschaft 101' (= der Einführungskurs in Makroökonomik an amerikanischen Universitäten) vergessen?"

Wie dauerhaft sich Keynes' Grundgedanken - wenn auch in stark vereinfachter Form - im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt haben, lässt sich am erfolgreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch der Nachkriegszeit illustrieren. Das vom Nobelpreisträger Paul Samuelson verfasste Economics, befindet sich seit 1948 auf dem Markt und wird nunmehr in der 17. Auflage den Wirtschaftsstudierenden weltweit nahe gebracht. Auch Samuelson spricht sich bis zur jüngsten Auflage für eine deklariert keynesianische Stabilisierungspolitik aus, die im Bedarfsfall einem ins Stocken geratenen Wirtschaftssystem auf die Sprünge helfen soll. Mit der Verbreitung von Samuelsons Lehrbuch verbreitete sich - zumindest bei Politikern, Staatsbeamten und anderen Wirtschaftspraktikern - die Zuversicht, wirtschaftliche Probleme ließen sich generell mit keynesianischen Rezepten lösen. Der Keynesianismus wurde spätestens bis zu den 70er Jahren zur Orthodoxie. Die subtilen und stets auf spezifische Probleme zugeschnittenen Ideen von Maynard Keynes wurden vergessen.

Schumpeter und wirtschaftliches Wachstum
Nun ändern sich die Zeiten, die Lehrbücher und die Ideologien von Staatspräsidenten. Das Lehrbuch neuen Stils, das seit 1997 Samuelsons Dauerbrenner an Popularität überflügelt, stammt vom Harvard-Ökonomen N. Gregory Mankiw. Der New York Times zufolge wurden Mankiw vom Verlag 1,4 Millionen US-$ versprochen, bevor er eine Zeile geschrieben hatte. Es liegt mittlerweile in der dritten Auflage vor, präsentiert sich bunt, kurzweilig, peppig, voll mit Quizfragen und überraschenden Beispielen aus Sport, Kultur und Geschichte. Ergänzend werden Power-Point-Präsentationen, CD-Roms, Video-Sets, E-Learning-Kurse und WebCT-Material angeboten. Das Buch ist in sechs unterschiedlich langen Versionen erhältlich, findet reißenden Absatz und wird auf der ganzen Welt verwendet. Mankiw findet aber nicht nur Zugang zu den Hörsälen dieser Welt - unlängst ist er zum ökonomischen Chefberater des Republikaners George W. Bush avanciert.

Mankiw verortet sich selbst zwar ebenfalls in der Tradition von Keynes, argumentiert in seinen Büchern allerdings deutlich liberaler als Samuelson. In wirtschaftspolitischer Sicht stehen bei ihm weniger kurzfristige Stabilitätsprogramme als vielmehr ein grundsätzliches Marktvertrauen und lang­fris­tige Fragen der Kapitalbildung und des Wirtschaftswachstums im Vordergrund. Mankiw scheint mit seiner Orientierung zu langfristigen Problemen diejenigen zu bestätigen, die in den 80er- und 90er-Jahren die Ära Schumpeter ausgerufen haben.

Joseph Alois Schumpeter, der altösterreichische Universalgelehrte, gilt bis heute als großer Gegenspieler von Keynes. In mancherlei Hinsicht war er dies auch. Im selben Jahr (1883) wie Keynes geboren, gestaltete sich sein Leben deutlich anders als das des Briten. Er war der prototypische Gelehrte, zeigte sich in allen Wissensgebieten beschlagen, scheiterte allerdings mehrfach in der Praxis. Sowohl seine kurze Zeit als Finanzminister als auch seine Präsidentschaft der Biedermann-Bank endeten in Debakeln. Obwohl man sich heute weitgehend darin einig ist, dass Schumpeter buchstäblich ein „Opfer der Umstände“ wurde - als Patriot wollte er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ein ruiniertes Österreich finanziell retten, das nicht mehr zu retten war -, zeigten seine glücklosen Versuche in der Praxis bei ihm selbst Wirkung. Er sprach nicht gern über diese Jahre, und ein Biograph Schumpeters, Erich Schneider, meint dazu:

Aber wenn er einmal darüber sprach, wurde sehr bald klar, warum ein Mann von Schumpeters Habitus bei seiner Exkursion in die Welt der Politik und der Wirtschaft scheitern musste. Politik und Wirtschaft sind Welten der Aktion. Die Welt der Wissenschaft ist die der Meditation und Kontemplation. In dieser Welt der Meditation lebt der Gelehrte. Die Welt der Aktion ist ihm im Kern wesensfremd. Sie braucht Menschen eines ganz anderen geistigen Habitus als die Welt der Wissenschaft; und eben deshalb wird der wirkliche Gelehrte, der Gelehrte aus Leidenschaft, wenn er das politische Parkett oder den Boden der Wirtschaft betritt, in der Regel scheitern.

Schumpeter, der leidenschaftliche Gelehrte, hat jedoch auch wichtige Beiträge zu wirtschaftspolitischen Fragen beigesteuert. Dabei stellte er stets die wirtschaftliche Entwicklung und das Unternehmertum in das Zentrum seines Denkens. Dementsprechend beurteilte er auch politische Maßnahmen bezüglich der Verträglichkeit mit wirtschaftlichem Wachstum. Während für Keynes die Beschäftigung das wirtschaftliche Hauptproblem und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Voraussetzung dafür war, stand bei Schumpeter die Kapitalbildung im Vordergrund, die durch entsprechende Ersparnisse gesichert werden müsse. Für den kurzfristig argumentierenden Keynes stellten Ersparnisse eine potenzielle Bedrohung dar, weil sie die Nachfrage mindern, für den langfristig denkenden Schumpeter waren Ersparnisse die wichtigste Voraussetzung für die wachstumsfördernde Kapitalbildung. Keynes misstraute dem Marktmechanismus in Bezug auf seine Fähigkeit, dauerhaft Beschäftigung zu generieren. Schumpeter zeigte sich skeptisch in Bezug auf einen Staat, der sich auf wirtschaftliche Feinsteuerung einlässt. Mit anderen Worten und eher in der Sprache der Wirtschaftspolitik: Keynes argumentierte nachfrageorientiert, Schumpeter angebotsorientiert.

„Das kapitalistische System als solches“, lesen wir bei Schumpeter im Jahre 1931, „bedarf keiner Regelung oder Planung innerhalb oder außerhalb einer Depression, um zu funktionieren, Erfolge zu erzielen und Zusammenbrüche zu vermeiden [...] Überblickt man manche der größten Schwierigkeiten der heutigen Weltwirtschaft [...],  so erkennt man, dass die Kausalkette fast immer auf Industrieförderungen der Vergangenheit zurückführt, die lebensunfähige Gebilde zu lebensunfähigen Dimensionen aufgebauscht hat.“ So beurteilte Schumpeter die wirtschaftliche Depression der 30er-Jahre vor allem als Folge gravierender politischer Fehler. (Auch Keynes sah in der restriktiven Geldpolitik zu Zeiten wirtschaftlicher Stagnation einen Fall von Politikversagen.) Ein wirtschaftliches Auf und Ab ist für Schumpeter völlig normal, der Kapitalismus verändere ständig sein Gesicht, „schöpferische Zerstörung“ sei sein Wesensmerkmal. Wirtschaftspolitik sei dazu da, die wirtschaftliche Ent­wicklung zu fördern bzw. die Anpassung an sich ständig verändernde Parameter zu erleichtern. Und Sozialpolitik habe die sozialen und wirtschaftlichen Kosten des Konjunkturverlaufs zu mildern.

Kein Wirtschaftspolitiker, der ernst genommen werden will, würde es heute wagen, wirtschaftliches Wachstum nicht als vorrangiges Ziel zu erachten. So erweist sich auch die aus Österreich stammende EZB-Direktorin Gertrude Tumpel-Gugerell bei einer Rede, die sie am 23. März dieses Jahres anlässlich der EU-Erweiterung in Prag gehalten hat, als ideengeschichtlich sattelfest:

The main motivation behind the decision on the Lisbon agenda few years ago was this unused potential of Europe. To achieve the objectives requires change and reform in our economies or as the Austrian born economist Joseph A. Schumpeter put it: economic progress means turmoil. Growth results from technological in addition to capital accumulation. Technological innovation results from entrepreneurial investments like R&D. The incentive to engage in innovative investments is affected by the economic environment.

Kapitalismus als Übergangsstadium
Trotzdem wäre es voreilig, den immer wieder konstruierten Keil, der zwischen Keynes und Schumpeter getrieben wird, noch weiter hineinzuklopfen. Bei allen Unterschieden im Temperament und bei öffentlichen Auftritten, bei allen theoretischen Differenzen in Fragen der Inflation oder Geldpolitik: Die beiden Autoren zielten in ihren wirtschaftspolitischen Empfehlungen meist auf unterschiedliche Schwerpunkte ab, bedingt durch die jeweilige konkrete Situation, aus der heraus sie argumentiert haben. Aber nur in verkürzten politischen Programmen laufen diese Auffassungen notwendig auf ein striktes Entweder-Oder zu.
Keynes und Schumpeter zeigen bei aufmerksamer Lektüre viel mehr Gemeinsamkeiten, als man in politischen Ansprachen oder Rezepten zum Ausdruck bringt. Sie waren keineswegs engstirnige Fachvertreter. Sie sahen das wirtschaftliche Geschehen in größere soziale Prozesse eingebettet und vergaßen dabei niemals die moralischen und soziologischen Voraussetzungen wirtschaftlicher Erfolge. Sie hatten zum Teil sehr konkrete Vorstellungen von der möglichen Zukunft der kapitalistischen Marktwirtschaft. Schumpeter ging es vor allem darum, die Widersprüchlichkeiten ökonomischer Entwicklung herauszuarbeiten. Keynes verwies das Ökonomische überhaupt auf die Mittelebene; wirtschaftliche Güter seien nicht mehr als Instrumente zur Erreichung höherer, der Menschen würdigerer Ziele. Und beide erinnerten an die sozialen und moralischen Folgen einer überzogen kapitalistischen Gesinnung.

So erachtete Keynes bereits in frühen Arbeiten nicht technische und wirtschaftliche Fragen als die am heftigsten umstrittenen, sondern psychologische und moralische. Und in der Arbeit Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder aus dem Jahre 1930 geißelte er die Liebe zum Geld als Besitz als „ziemlich widerliches Leiden, eine jener halbverbrecherischen, halbkrankhaften Neigungen, die man mit Schaudern an die Fachleute für geistige Erkrankungen verweist.“ Wer sich ständig mit wirtschaftlichen Problemen abstrample, verwechsle mit der Zeit Zwecke und Mittel. Wirtschaftliche Güter und Institutionen wie Kapital oder Geld seien nur die Mittel zum Erreichen höherer Zwecke. Der Kapitalismus sei nicht mehr als ein Übergangsstadium, in dem wir alle Arten von Kniffen und Tricks aufrechterhalten, weil sie so nützlich dafür seien, die Kapitalakkumulation zu fördern. Das Problem der Kapitalknappheit könne aber grundsätzlich überwunden werden, die verbleibende Arbeit sei mehrheitlich gemeinsam und in einer „Drei-Stunden-Schicht“ absolvierbar. Und langsam werde man zu alten Grundsätzen zurückkehren, die wir in der Zwischenzeit vergessen haben: „Daß Geiz ein Laster ist, das Verlangen von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld verächtlich, und daß diejenigen, die sich am wenigsten um den Morgen sorgen, am wahrsten in den Pfaden der Tugend und maßvoller Weisheit wandeln“. Keynes gönnte sich hier den Blick in eine ferne Zukunft, in der die wirtschaftlichen Probleme überwunden seien und in der der Mensch wieder zu sich selbst finden und sich seinen wirklichen Zweck­en widmen könne: dem gepflegten Dis­kurs mit Freunden und dem Schaffen und Genuss von Kunst und Kultur.

Auch für Schumpeter ist der Kapitalismus nur ein Durchgangsstadium, das sich weiterentwickeln werde, das andererseits aber auch nicht aus sich selbst heraus entstehen konnte. Denn der Kapitalismus bedurfte schützender Schichten aus Zeiten des Feudalismus, insbesondere derjenigen der Aristokratie. Es seien die vor-kapitalistischen Elemente mit ihrem Ethos und ihrer politischen Kraft, die „die Schlachten der Bourgeoisie“ schlagen. In den Diplomaten, Verwaltungsbeamten und Politikern von heute, die wichtige innenpolitische und internationale Aufgaben übernehmen, finden wir die Feudalherren und Ritter von gestern. Schumpeter zufolge ist die bürgerliche Schicht selbst von ihrer Mentalität her alles andere als gut gerüstet, einen Staat zu leiten und ein Volk zu regieren. Sie bedürfe demnach anderer Schichten, die die Voraussetzungen dafür schaffen, dass überhaupt produziert und Handel getrieben werden könne. Der kapitalistische Prozess habe durch „seine Mechanik und seine psychologisch-soziologischen Wirkungen“ mit diesem schützenden Herren jedoch gründlich aufgeräumt: „Indem der Kapitalismus den prae-kapitalistischen Gesellschaftsrahmen zerbrach“, so Schumpeter in Capitalism, Socialism and Democracy (1942), „hat er nicht nur Schranken niedergerissen, die seinen Fortschritt hemmten, sondern auch Strebepfeiler, die seinen Einsturz verhinderten“. Aber der Kapitalismus zerstöre nicht nur den institutionellen Rahmen der Feudalgesellschaft, der die dominante Ausrichtung auf das Wirtschaften erst ermöglichte, der Kapitalismus untergräbt Schumpeter zufolge auch seinen eigene gesellschaftliche Struktur. Der innovative Unternehmer werde durch bürokratisch gelenkte Expertenteams ersetzt; das freie Vertragsrecht mit seinen beinahe beliebigen Gestaltungsräumen werde durch stereotype, unpersönliche, bürokratisierte Verträge (als Beispiel wählte Schumpeter gern die Arbeitsverträge) vereinheitlicht; die Institution des Privateigentums hauche gleichsam ihr Leben aus, wenn von dem ehemals starken Eigentümerinteresse nur mehr Aktienpakete rechtloser, uninformierter Teilhaber bleiben; und nicht zuletzt die Familie werde durch den Kapitalismus in ihrer Bedeutung geschwächt. Mit der exzessiven Ausrichtung auf wirtschaftliche Belange und der damit einhergehenden Rationalisierung und Bürokratisierung wende sich das Sys­tem gegen die Voraussetzungen seiner selbst. Und schließlich zersetze sich der Kapitalismus von innen heraus, indem er die treibenden Kräfte, die ehedem auf langfristige Entwicklung ausgerichtet waren, die Motivation zum Investieren zunichte mache. Der Kapitalismus braucht und verbraucht also nach Schumpeter die moralischen und sozialen Energien, auf die er angewiesen ist. Und je stärker er ist, je brachialer sich die kapitalistische Gesinnung  durchsetzt, desto heftiger bekämpft sie ihre eigenen Voraussetzungen. Bei Marx stirbt der Kapitalismus an seinen Misserfolgen, bei Schumpeter an seinen Erfolgen. Aber Schumpeter argumentierte nicht nur destruktiv: mit der Zerstörung des eigenen institutionellen Rahmens schaffe der Kapitalismus die Voraussetzungen für einen neuen Rahmen. Ein System auf einer „höheren Grundlage der Rationalität“ werde geschaffen, der Schumpeter so verhasste Sozialismus. 


Wohin führt der Weg?

Behält eher Keynes mit seiner Vision Recht, dass der Kapitalismus sich seiner Aufgaben entledigen könne, um in eine humanistische Welt der Kunst und des Geistes zu münden? Oder wird Schumpeters pessimistischere Vision einer umfassenden Rationalisierung und Bürokratisierung zur Wirklichkeit? Höchstwahrscheinlich wird keine von beiden eintreffen. An dieser Stelle soll keine andere, neue Vision dazu gestellt werden. Viel wichtiger erscheinen zwei zentrale Einsichten, die uns die beiden Ökonomen hinterlassen haben: Wirtschaftspolitik sollte fallorientiert gestaltet werden, je nach den konkreten Problemen, die uns berühren und bedrängen. Waren das in jüngerer Vergangenheit vor allem Arbeitslosigkeit, Inflation und Wirtschaftswachstum, so werden heute vor allem die Probleme der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich und einer schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung laut. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass wir nicht alles auf einmal bekommen werden. Meist gilt, dass man, je mehr man sich einem Ziel nähert, sich von einem anderen immer weiter entfernt. Für die Entscheidung, welche Ziele uns am wichtigsten sind,  ist die zweite Einsicht hilfreich, dass wir nämlich ein Weltbild brauchen, das über die „globalisierte Marktwirtschaft“ hinausgeht. Wirtschaftliche Gesinnung bedarf moralischer und sozialer Voraussetzungen und sie ist auch nicht der letzte Zweck. Wie in der FAZ unlängst nachzulesen war, ist derzeit in Frankreich ein Projekt im Laufen, das für die Entwicklung Europas zukunftsweisend sein könnte. Die Franzosen nennen es, ganz entgegen dem derzeitigen Trend zum freien Markt, eine „Theorie der Regulation“. Dahinter verbirgt sich nicht die Rückkehr zu einem allmächtigen Staat, der in alle privaten Belange seiner Bürger hineinregiert, sondern die Einsicht, dass wirtschaftliche und politische Institutionen nicht nur dem Vernunftkalkül folgen, sondern vor allem durch Sitten, Gebräuche und Lebensstile bestimmt werden. Daraus ergibt sich ein starker Bezug zur eigenen Tradition und ein nicht zu unterschätzender Widerstand gegen vereinheitlichende Reformen. Diese Idee ist freilich alt, die Deutschen haben vor mehr als 150 Jahren eine mächtige Schule auf ihr gegründet. Vielleicht wird diese alte Idee neu aufgegriffen und zum kommenden Paradigma europäischer Wirtschaftspolitik?