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wo die dinge schweben

Wolfgang Hermanns poetischer Blick auf das Andere in Gestalt von Japan


Wolfgang Hermann: Japanisches Fährtenbuch

W. Neugebauer; 2003

Rezensiert von: werner schandor


"Manchmal geht von den uniformen Gesten der Menschen hier ein schöner Glanz aus. Dieser Glanz ist ihre Bereitschaft, nichts Besonderes zu sein." - In der kurzen Klappentext-Biographie des Vorarlberger Autors Wolfgang Hermann sind auch "langjährige Auslandsaufenthalte, u.a. als Lektor an der Sophia-Universität in Tokyo" vermerkt. Von einem dieser Aufenthalte im Fernen Osten hat Hermann das Japanische Fährtenbuch mitgebracht, das im Winter 2003 im kleinen W. Neugebauer Verlag in Feldkirch bei Graz erschienen ist.

Das Fährtenbuch ist eine Sammlung von Augenblicks-Wahrnehmungen und kurzen Notizen eines Europäers in Japan: "Japan: wo die Dinge schweben (selbst ein Blick in eine Autowerkstatt bezeugt es)." Das Land, scheint es, kann seinen europäischen Besuchern das Staunen zurückgeben: Sei es wegen der bis zur Selbstaufgabe reichenden Zurückhaltung der Japaner, denen umgekehrt die Ausländer regellos bis zum Barbarentum erscheinen; sei es andererseits wegen der Exzessivität, mit der die Japaner dem modernen Leben frönen: "Hier, im Japan des Jahres 1998, kauft man mit rasender Geschwindigkeit, man reißt die Güter förmlich aus den Regalen, wirft das Geld weg, als wäre es von einem Virus befallen."

Hermann beobachtet Sake-Trinker in Lokalen, Striptease-Tänzerinnen, Beamte bei der Dienstausübung, Leute im Bus oder in der Schnellbahn, er saugt Eindrücke auf wie ein Schwamm das Wasser, und aus diesen Eindrücken versucht das wahrnehmende Ich, etwas für sein Leben abzuleiten. Doch Japan versperrt sich dem westlichen Verständnis. Hermann registriert die Phänomene, aber er unterlässt etwas erklären zu wollen, wofür einem Europäer der Sinn fehlt.
Stadterkundungen sind - vermutlich nicht erst seit Walter Benjamins Pariser Passagen - in der europäischen Literatur immer auch Selbsterkundungen. Doch in Japan versagt das Prinzip Ich-Erfahrung mittels Stadt-Durchwanderung. "Durch Tokyo geht man nicht, es ist keine Stadt des Raums. Überall dieselben Fassaden - in allen japanischen Städten -, das Winkelwerk, die Inseln darin nur schwer zu finden. Keine Stadt für den Flaneur."

Obwohl Wolfgang Hermanns Notizen und Beobachtungen sehr persönlich gehalten sind, erfährt man sehr wenig über das Alltagsleben oder die Arbeit dessen, der da als Ich in Erscheinung tritt. "Der entscheidende Fehler der Romane ist, daß sie zuviel Sinn ergeben. Das Leben ergibt niemals Sinn", wird Aldous Huxley zitiert. Es ist paradox: Gerade indem Wolfgang Hermann darauf verzichtet, seinem Text-Patchwork einen nützlichen Sinn zu geben - Marke Reiseführer oder Erzählung aus der Fremde -, erlangt das Japanische Fährtenbuch jene sinnliche Qualität, die Dichtung auszeichnet. Hermann gewinnt diese Qualität aus der poetischen Auseinandersetzung mit dem Anderen, für das Japan eine Metapher bildet. Sein Fährtenbuch vereint in sich das Schwebende eines Essays mit der Konzentration eines Zen-Bogenschützen.