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zwei protokolle leiserer kompositionen

Über die letzten beiden Gedichtbände von Helwig Brunner


Helwig Brunner: grazer partituren

Steirische Verlagsgesellschaft; 2004

Rezensiert von: janko ferk


"wonach noch suchen", fragt Helwig Brunner in seinem Gedicht aus dem Zyklus "die praxis des versagens". Sowie einer angekommen ist, sollte er eigentlich nicht mehr suchen, könnte man antworten. Es gibt viele Möglichkeiten, Orte zu finden oder Welt zu erfahren. Zumeist finden Annäherungen in der eigenen Person statt, sozusagen in sich selbst. Auch Helwig Brunner nimmt in seinen Gedichtbänden gehen, schauen, sagen und Grazer Partituren diesen poetischen Weg.
Bei Helwig Brunner wird man schon nach den ersten Gedichten darauf aufmerksam, daß er andere Augen und Ohren hat. Er sieht einerseits mit dem geschärften Blick eines akademisch gebildeten Naturwissenschaftlers und andererseits hört er mit dem feinen Ohr des absolvierten Musikers. Die Welt sieht für solch einen Dichter, der nicht unter "Wortverarmung" leidet, unter allen Umständen anders aus: "Konzentrisch/ sind die Kreise entgrenzten Glücks". Auch die Gedichte sehen anders aus, Brunner schreibt langzeilige, in denen mit Wörtern und Worten zuerst viel ausgelotet und dann manches gesagt wird. Er setzt Vers um Vers seine Wirklichkeit zusammen und "manche Mauern aber zeigt erst ihr Fall". Trotzdem ist Brunners "Welt ... kein Foto".

Helwig Brunner komponiert seine Gedichte mit Rhythmus sowie Spannung und "ehe ein Satz zu Ende ist, bist du längst in andre Anfänge verstrickt." Seine Verse sind nicht laut oder grell, sie prägen sich mit ihrer auffälligen Musikalität ein. Helwig Brunner ist ein ziemlicher Virtuose seiner Sprachkompositionen. Besonders in den "Grazer Partituren" beschreibt er Orte, aber auch Situationen, treffend, manchmal ironisch, meist lakonisch, da und dort ernst. Bei ihm legt sich in der "grenadiergasse" der Abend schlafen. In der "griesgasse" glost kein Feuer mehr, sondern ein Notebook- Bildschirm. (Welche Beobachtung könnte heutiger sein!) Man fühlt sich in Brunners Graz ganz wohl: Am "hauptplatz" fällt der Regen wie Aktienkurse. Auf Brunners akademische Anfänge fällt ein Gedankenblitz: In der Aula der Karl- Franzens- Universität wird der Knallfrosch nicht zum Prinzen wachgeküßt. Helwig Brunners versifizierter Stadtspaziergang ist "gewiss nichts wichtiges und doch gewichtig". Gesagt sei, daß die Gedichte trotz des Lokalkolorits nichts Provinzielles an sich haben. Keinesfalls sind sie ein Handbuch für "fremde Fremdeführer", höchstens ein am Hödlmoser geschulter Leser dürfte nach dieser Lektüre Nicht-Grazern Graz erklären. Brunners Verse sind stellenweise ein lockerer Gang durch eine Stadt, der ansonsten nicht sehr viele humorvolle Seiten abzugewinnen sind, jedenfalls nicht im täglichen Stress, der am wenigsten von der Lyrik geprägt wird.

Helwig Brunners Gedichte haben gewollte "rillen und sollbruchstellen", oft "weite maschen [wie] das handynetz". Sie sind intonierte Sprachmelodien, die inhaltlich und klanglich verdichtet sind. Das Register dieses Lyrikers reicht vom Privaten über Gesellschaftskritik bis zu ernsten Tönen. Beide Gedichtbände Helwig Brunners haben Tiefenschärfe. Der Intellekt des Lesers wird gefordert und gefördert. Man lernt dazu! Und was könnte man über Bücher Besseres sagen. Sind doch jene Bücher die besten, die ihrem Urzweck nahe kommen und vielleicht auch Vergnügen bereiten können. Von Trost gar nicht zu sprechen.


Helwig Brunner: gehen, schauen, sagen. Gedichte, Steirische Verlagsgesellschaft: Graz 2002