schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 12 - verhalten auf der balz
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/12-verhalten/auf-der-balz

auf der balz

klaus ebner | auf der balz

Der Kampf der Manieren gegen die Biologie

Oh Mann! Auf Schritt und Tritt den Kopf verdrehen, den Körper halb gewendet, das Hemd verschwitzt und tausend Filme spulen ab im Hirn. Keineswegs ist solches nur vorübergehend, ganz im Gegenteil, die Blickverwirrung reift zum Dauerzustand, das Abweichen vom Weg pulsiert in eng geknüpften Perioden, sodass jedwedes Fortkommen eher einem Getorkel denn einer koordinierten Bewegung gleicht: Trotz vermeintlich ehrbarer Abwehrhaltung gelingt es nicht, sich dieser Charakterisierung zu verschließen, auch mir nicht. Das Auge als wichtigstes Sinnesorgan feiert beim Mann fröhliche Urständ; denn es ist die Frau, die uns so ablenkt, unseren Regungen überraschende Richtungswechsel auferlegt und alle Sinne beherrscht, anders ausgedrückt: Wir schmachten nach Eva, la femme, der Weiblichkeit per se. Nicht nur, dass wir in jedem Großstadtgewühl unabbringbar Ausschau halten und vom feinsten Zucken einer grazilen Hand, dem unverfälschten Gewoge fraulicher Rundungen und sogar von den unbedarft dahinschweifenden Blicken etwa der Hälfte der Bevölkerung zwar aufgrund lebenslangen Trainings nicht gleich aus der Ruhe gebracht, aber doch nachhaltig beeinflusst werden, scheint Mann bei näherer Betrachtung grundlegend durch Frau konstituiert. Ob es das (angelernte) Verhalten anzuvisieren gilt oder mehr die (ureigenste) Beschaffenheit, spielt im Grunde keine Rolle, denn das eine kann ohne das andere nicht bestehen, ein Mann ohne Eigenschaften ist bekanntlich nur Roman, und ein Charakter ohne Träger subsistiert bestenfalls in theatralischer Phantasie.

Steißtattoos und Beindefilees
Einkaufsstraßen eignen sich besonders gut für Beobachtungen der anthropologischen oder besser: der andrologischen Art. Einzeln oder gemeinsam spazierend und – in höchstem Grade instruktiv – nebeneinander auf städtischen Holzbänken sitzend, geben unterschiedlichste Exemplare der Gattung Mann einander ein Stelldichein, frönen mutmaßlicher Solidarität, wenn sie wie aufgefädelt mit einer Bierdose in der Hand den jungen „Pupperln“ nachschauen, das Gesicht in Intervallen von links nach rechts wandern lassen (oder umgekehrt, eben wie sie es vom Formel-1-Rennen gewohnt sind) und von versteckt aufwippenden Busenansätzen, Steißtattoos und knöchelberiemten Beindefilees gar nicht genug kriegen können.Dass einer von ihnen dann aufsteht, die Trägheit abschüttelt, der Schönen nachstakst und ihr seine Aufwartung macht, je nach Alter und gesellschaftlicher Herkunft mal mit amerikanisierendem „Hi“, mal mit schönbrunnerischem „Küss die Hand“, ist wahrlich selten, doch es kommt vor. Aus der Balz wird dann oft geiferndes Schwanz­wedeln, harrend in androgengeladenem Hoffen, das nur allzu oft zu angeprangerter Lächerlichkeit verkommt.


Geduldete Samenschleuderer
Der Herr der so genannten Schöpfung, ein sich selbst anhimmelndes Geschöpf, wenn es nach der mehrtausendjährigen Gesellschaftshistorie geht, wähnt sich Herr über den Fortgang der Geschichte, Herr des eigenen, unbeugsamen Willens, Herr des Lebens. Und doch hüpft er als Spielball durch die Jahrhunderte, weiß mit sich selbst nicht unbedingt etwas Vernünftiges anzufangen und gerät zum Lebensspender doch nur als beizeiten zugelassener Samenverschleuderer. Sein ganzes Denken, lehrte uns die Psychologie, dreht sich um das Eine, und das ist tatsächlich auch das sexuelle Erlebnis, indes mehr noch die magnetisch anziehende Weiblichkeit und der Weg zu ihr, zur Frau. Den Mann daher als ewig balzenden Gockel zu bezeichnen, entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung, und sein Gehabe gemahnt an die leidenschaftlichste Brunft, ausufernd und zehrend, da sie beim Menschen nicht an bestimmte Jahreszeiten geknüpft ist.


Überlebensstrategie
So hat auch die Balz eine Eigenschaft, nämlich die Lebenslänglichkeit. Lebenslang gebunden an den Blick, der unaufhörlich bereit ist, tiefste Konzentration im Sekundenbruchteil über Bord zu katapultieren, um gleich darauf einen Angelhaken auszuwerfen in der Hoffnung, ein Stückchen jener anderen Welt ins Boot zu hieven, die Verzückung und Verhängnis im gleichen Atemzug bedeutet. Begonnen haben wir früh, oh ja, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, wenn mein gerade mal zweijähriger Sohn sich an meiner Schulter festkrallt, damit er sich leichter umdreht, um einer Joggerin nachzuschauen. Dieser Reflex – denn jede Bewegung, die, eigenständig vom Nervensystem gesteuert, quasi selbsttätig abläuft, ist ein solcher –, dieser Reflex also, der bleibt, nicht nur in der Blüte der Jugend, sondern bis ins hohe Alter, ein Reflex, der uns zu Kasperlfiguren eines sehr machtvollen Gefühls degradiert, eines Gefühls, das uns sogar dann noch quält, wenn der Körper längst nicht mehr mit von der Partie ist.

Das reflexartige Schwärmen entspricht einer gefinkelten Überlebensstrategie, sagen Humanbiologen, dem Streben danach, die eigenen Gene möglichst weit und möglichst oft auszustreuen. Bei genauerem Hinhören teilt sich allerdings die Gemeinde der Gelehrten in jene, die alle Gefühlsschwankungen der Männer zu justifizieren suchen, und solche, die genau darin das aggressive Herumschlagen eines patriarchalischen Aufbäumens vermuten. In einem gewissen Zusammenhang damit steht vielleicht eine Theorie, die ich kürzlich gehört habe, der Versuch einer Erklärung, wie und warum die Spezies Mensch Intelligenz entwickelt haben könnte. Amerikanische Anthropologen (ich vermute in diesem Fall ausschließlich männliche Exemplare) stellten die Behauptung auf, der Mann habe Intelligenz entwickelt, um die Frau zu beeindrucken, sie zu ködern, sie also herumzukriegen. Aber warum, fragte ich mich, sind dann beide Geschlechter in gleichem Maße intelligent (wenn vielleicht auch mit etwas unterschiedlicher Ausrichtung)? Und warum lassen sich – wenn wir schon vom Jahrmarkt der sexuellen Anziehung reden – so viele Frauen keineswegs von Intelligenz beeindrucken, sondern eher von persönlicher Souveränität, ökonomischer Potenz und simpler chemischer Kompatibilität? Nein, mit Intelligenz hat das alles wohl nur indirekt zu tun, da begeben wir uns auf eine tiefer liegende Ebene, auf etwas Vegetatives, dessen Wurzeln prähistorische sind und den Geschlechtern mit der ungleichen hormonellen Ausstattung seit Ewigkeiten Rätsel aufgeben, die sie knacken sollten.

Wie geht Mann eigentlich damit um? Mit dem Benehmen, das oftmals keinen Benimm kennt, aus Sicht der Frau normalerweise weder von Haltung noch von Anstand und schon gar nicht von Respekt zeugt, mit dieser unauslöschlichen Sucht? Wie geht es ihm damit, dass er tagtäglich, um nicht zu sagen: minütlich, einem weiblichen Wesen nachschaut, die Augenmuskeln zum Verdrehen anspannt und sich über die (nicht wirklich eintretende) Atemnot mokiert?


Tür aufhalten
Nun, wir halten den Damen die Tür auf, deuten durchaus mal eine Verbeugung an, zwinkern spitzbübisch und halten mit Komplimenten keinesfalls zurück. In manchen Ländern gehört der angedachte Flirt zum guten Ton, in anderen zählen Witz und Esprit, und in jedem Fall, sogar wenn wir Routine darin haben, über Gleichberechtigung zu diskutieren, verzichten wir auf den Vortritt. Gewiss spielt das Gefallen eine Rolle, ein Messen, sei es verstohlen oder unverblümt, die aufblitzende Vorstellung, wie es denn wäre, wenn … Indes muss die Erotik keineswegs knistern, damit das vielfach erprobte Schema funktioniert. Sogar wenn Mann sein weibliches Gegenüber als abstoßende Schabracke einstuft, bleibt er höflich und zuvorkommend, versucht ein gewisses männliches Interesse an den Tag zu legen, denn so – glaubt er – wäre Frau freundlich zu stimmen; wer weiß schon, vielleicht wird ausgerechnet diese einmal seine Kundin oder seine Chefin (worin sich die beim Mann intensive Imprägnierung mit ökonomischen Belangen zeigt, aber das ist ein anderes Thema). Gleichwohl läuft dieser Mechanismus automatisch ab, ist er doch schließlich eingebettet ins männliche Unterbewusstsein, wo Galanterie und andere werbende Attitüden die Persönlichkeit traktieren. Dazu kommt noch, dass in Männerfreundschaften wenig bis nie über die eigene Wehrlosigkeit gegenüber der Sucht nach der Frau gesprochen wird, und wenn sogar die (ehrliche, von rüden Revierverteidigungsritualen befreite) Debatte über Sexualität ausfällt, fühlen wir uns verlassen und allein.


Schlag ins Gesicht
Mann agiert indes nicht immer allein, im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein und zum Fest obskuren Stubenhockens, sondern entwickelte seit jeher eine Vorliebe, sich mit Gleichgesinnten zusammenzurotten und im Verein allgemein gültige Regeln auszutüfteln, die dann als Mythen, Glaube, Ethik oder Gesellschaftsrecht im öffentlichen Bewusstsein verankert sind und auf diese Weise den Auftritt jedes Einzelnen (das heißt: jeden Mannes und jeder Frau) normieren. Der Gedanke etwa, dem Nächsten die Ehefrau nicht streitig zu machen, findet sich in den jüdischen (und folglich auch christlichen) Geboten ebenso wie im Koran und in der lebensnahen chinesischen Philosophie. Gewiss, was hier vor dem willkürlichen Zugriff des Stärkeren und der Anarchie gesichert werden soll, ist Besitz, der Besitz an der Frau, den der Mann zu beanspruchen anfing, als er das vermutlich von der biologischen Gebärfähigkeit abstammende Matriarchat zerschlug und das Patriarchat schuf. Ein Besitz, über den er, zumindest in der so genannten westlichen Welt, heute nicht mehr verfügt: Emanzipation und Feminismus konturierten ein in der gesamten aufgezeichneten Menschheitsgeschichte nicht da gewesenes Selbstbewusstsein der Frau, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit und in vereinzelten Bereichen, wie beispielsweise im Scheidungsrecht, die klare Bevorzugung; überdies leben wir in einer Zeit, in der die jungfräuliche Geburt dank Retortenzüchtung kein ekklesiastischer Mythos mehr ist und schon gar kein Hirngespinst altväterlicher Machtentfaltung, wodurch die letzte Bastion einer maskulinen Unentbehrlichkeit wohl endgültig gefallen ist; manche Human­ethologen erwarten sogar, dass dadurch die menschliche Organisationsform der Familie zukünftig zerfallen wird. Freilich, gebracht haben die erwähnten, von Männerrunden erdachten Reglementierungen schon früher nicht besonders viel. Weder wurde Sokrates an seiner Xanthippe froh, noch verkniff sich Jean Paul, den Siebenkäs zu dichten, und Stifter ertränkte seinen ehelichen Frust nicht, wie andere, im Suff, sondern gleich im See und sich dazu. Es wäre müßig, weitere Beispiele anzuführen, denn sie stimmen unsereins traurig, enthüllen sie doch schonungslos die Tragweite unserer Niederlage. Die Frauen aber machte das hinterlistige Ansinnen für viele Jahrtausende zu Menschen zweiter Klasse, und in vielen Kulturkreisen der Erde sind sie das heute noch. Vielleicht ist eine gewisse Aufmüpfigkeit, die wir dann beobachten und mit Begriffen wie „Hausdrache“ und „Venusfalle“ belegen, ja eine Art Rache, die das ersonnene Machtgefüge zu einem unvergesslichen Schlag ins männliche Gesicht verkehrt.


Weniger Verkehr
Und verkehrt wird auch anders, aber immer weniger. Sexualität auszuleben gilt nämlich nicht mehr als maskulin, sondern gerät zunehmend in den Verruf, ein durchtriebenes Mittel der Machtausübung zu sein, des In-Schach-Haltens und der Unterdrückung der Frau, ein Symbol patriarchischer Unterwerfungskunst – so behaupten militante Feministinnen – in dem die buchstäbliche Fesselung durch Schwangerschaft ebenso mitschwinge wie die tiefenpsychologische Instrumentalisierung der phallischen Gegebenheit zur Waffe. Wenn Mann gebunden ist, höre ich bisweilen sagen, dann spielten solche Anschauungen eine ganz andere Rolle, verpufften quasi in heimeliger Zweisamkeit, also bliebe ihm doch kein Grund, sich zu beklagen und überhaupt sein Balzgehabe weiterzuführen und einer (fremden) Frau auch nur nachzuschauen. Aber seien wir doch einmal ehrlich: Solch hehrer Gedanke funktionierte doch nur, wenn Mann in der Beziehung seine Sucht ausleben könnte, und zwar so, wie er es sich vorstellt. Indes berichten die von mir Befragten einhellig das Gegenteil; allein schon den sexuellen Hunger betreffend (und wenn es sich nur um Phantasien dreht, die es abzufackeln gilt) kann Mann üblicherweise schon froh sein, wenn die Ausbeulung der Pyjamahose, die nicht zu vermeidende Morgensteife, von seiner landläufig besseren Hälfte geflissentlich ignoriert wird und nicht Anlass zu endlosen prustenden Lachkrämpfen bietet.

Aus den USA schwappte die als wissenschaftlich bezeichnete Erkenntnis zu uns, dass Männer aufgrund ihres (ungleich) hohen Testosteronspiegels dermaßen „versext“ seien und deshalb eigentlich nicht anders könnten, als jedem Hintern nachzugucken und alles daranzusetzen, möglichst oft im Leben zum Schuss zu kommen. Auch die Untersuchungen von Mark Bellis und Robin Baker verweisen auf einen inzwischen genetisch verankerten Drang des Mannes, seine Spermien möglichst flächendeckend zu verteilen. Postwendend erfolgte die Reaktion öffentlichkeitswirksamer Frauen, die meinten, das sei ganz typisch und Mann versuche wieder einmal, seinen kranken Sexualtrieb zu betonieren. Abgesehen vom politischen Staub, den  die amerikanischen Nachrichten aufwirbelten, verpackten sie eine neue Pille, eine bittere nämlich, deren psychische Auswirkung den radikal-feministisch orientierten Damen nicht einmal im Traum eingefallen wäre: Hier wird eine Absolutheit vermittelt, eine Unumstößlichkeit, mit der die wahrscheinlich wissenschaftliche Erklärung in die Gemüter der Männer kracht; es ist eine implizite begnadigungslose Verurteilung, diesen zwanghaften Trieb niemals loswerden zu können, sondern bis ins hohe Alter danach zu hecheln, doch noch eine Frau ins Bett – und „ihn“ dann hoffentlich hoch – zu kriegen, die im Grunde grausame Aussicht, weiterhin alle paar Minuten an etwas Sexuelles zu denken und ein ganzes Leben lang am unverständigen, hintergründigen oder gar amüsierten Nein der Frauen zu verzweifeln. In manch männlichem Kreis soll das (ebenfalls amerikanische) Computerspiel Doom sehr verbreitet sein. In unserem Zusammenhang bekommt der „doomed male“ jedoch eine ganz andere Dimension!


Das Gekicher der Mädel
Gerade in Wien, wo der Walzer auch Balzer heißen könnte, gehen wir in dieser Sache oft ungeschickter ans Geschäft, als unser Ruf es glauben machen möchte. Natürlich geht es jetzt ums Ganze, denn das hofierende Geplänkel, verführerische Bewunderung und komödiantisches Auf-Distanz-Halten zugleich, nimmt viel Raum ein; der viel zitierte Wiener Charme ist keine Legende, sondern ein Stückchen Realität, auch wenn dies von den Hiesigen zumeist gar nicht empfunden wird, weil’s halt so normal ist. Dass aber ausgerechnet ein Engländer mir sagte, wie sehr ihm bei unseren Mädeln (tatsächlich hat er dieses Wort verwendet) in Liebesangelegenheiten das Gekicher auf die Nerven ginge, löste eine Reflexion aus, die mich auf eine Suche nach den Ursachen schickte und nach dem Part, den gar wir Männer in dieser Tragödie besetzen. Eine gewisse Affinität zu emotionaler Offenkundigkeit mag übertriebenen Kopfdrehern durchaus Vorschub leisten, doch hätte ich gemeint, dies unterscheide sich kaum vom Alltag in Paris oder Zagreb. Und so komme ich noch einmal darauf zurück, auf den Mann, auf das Männliche oder das, was wir dafür halten. Sind die auffälligen Verhaltensmerkmale, die sich nicht nur in einer Einkaufsstraße, sondern auch in völlig anderen, nach allgemeinem Verständnis entschärften Situationen, wie im Geschäft und bei der Arbeit, zeigen, tatsächlich Wesenszüge jenes Geschlechtes, das sich nur allzu gern angesichts der Tatsache, mit Herr betitelt zu werden, als legitim herrlich einstuft, oder kommt hier eine kulturelle Prägung zum Vorschein, die aufgrund der zweifellos existierenden internationalen Gemeinsamkeiten bisher kaum ins Gewicht fiel? Die Vergangenheit als vorzeitliche Jäger haben wir alle gemeinsam, das lässt sich nicht leugnen, und die Auswirkungen der Jahrmillionen andauernden Konditionierung sind heute noch sichtbar, jedes Mal, wenn es darum geht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und sei es nur jenes, die Aufmerksamkeit einer bestimmten Frau oder noch mehr in ihr zu erregen.

Jeder Sucht haftet der Makel an, unheilbar zu sein. Sie lässt sich unterdrücken, sogar Abstinenz mag helfen und den Lockungen aus dem Weg zu gehen, aber völlig besiegt werden kann sie nicht. Selbst wenn Mann es schafft, seine Manieren so zurechtzustutzen, dass er im Umgang mit dem andern Geschlecht den Eindruck eines gefühlskalten Fisches erweckt, schlummert das Verlangen in ihm, die lauernde Gier nach der Ablenkung, die zwar jede Geradlinigkeit ins Schwimmen bringt, indes auch einen Duft verströmt, den er unaufhörlich schnüffeln möchte. Auf jeden Fall wirkt sich das auf sein Verhalten aus, lenkt nicht nur seine Gedanken, sondern auch die Worte, die ihn prägen, es lässt ihn unangebracht fiebrig durch das Damenwäscheabteil eines Kaufhauses hasten und beim Eiskaufen wie zufällig die Finger der reizenden Italienerin berühren. Natürlich beruhigt es mich jetzt ungemein, die Augen zu schließen und tief durchzuatmen, mich bequem aufs Sofa zu setzen und einen der Pölster zu umschlingen und an die Brust zu drücken – Mann sein ist Schicksal, und damit zu hadern beschleunigte lediglich den Infarkt. Ergo beschließe ich, die Wohnung zu verlassen, in die nächste Straßenbahn zu steigen und den übrigen Nachmittag auf einer der großen Einkaufsstraßen zu flanieren, genüsslich die Geschäfte entlangzubummeln und mit den Blicken, wie es der Zufall eben verlangt, in eine andere Welt zu fließen.