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brief von unterwegs

peter rosei | brief von unterwegs

Angesichts der tausendfachen Verortung – in einer einzigen Straße gibt es hunderte zumindest zehn Stockwerke hohe Häuser, und in jedem von ihnen kommen auf zehn Stockwerke zehn Lokale, Discos, Bars, Karaokeläden, die fünf Kellergeschosse jetzt einmal nicht eingerechnet, dann gibt es Boutiquen, Schallplattenläden, Fastfood, Losbuden, Anreißer und Zettelverteiler – und all das wird wieder beschienen von tausenden Neonlichtern, die zum Teil laufen, sich, momentweise zu Schriftbildern gefasst, bewegen, von den Gebäudefassaden herunterzustürzen scheinen, auf dem Asphalt zu Farbwellen zerfließen, sich zwischen den Passanten stromartig gabeln – und der Verkehr ruckt an, zwischen Wolkenkratzern – und das ist wieder nur eine Straße von hunderten, von tausenden: Ich war dort. Aber wo war ich wirklich? Jetzt, auf Fidschi, kommt mir das Tokyoter Leben wirr und fahl vor. Ich kann es mir kaum vor Augen rufen. – Ich schreibe das hier an dem Platz, den ich mir gleich nach meiner Ankunft zum Schreiben eingerichtet habe. – Jetzt verstehe ich Robinson besser, das Ichbezogene und vielfach Bombastische seiner Erklärungen.

„Der Zaun ums Haus liegt eingerissen / ums Haus der Frau, die einmal ich geliebt. // Nur Veilchen wachsen da, / vermischt mit frischen, grünen Blättern.“ – Ein altjapanisches Gedicht, ich las es gestern erst in meinem Hotelzimmer in Tokyo.
 
Palau, Kiribati, Vanuatu, Tuvalu, Tonga, Fidschi. – Die Hauptinsel von Fidschi heißt Viti Levu. – Taveuni ist die drittgrößte Insel, liegt etwas südöstlich ab hinter der zweiten Hauptinsel. Der erste Europäer, der hier vorbeikam, war Abel Tasman, 1643, auf der Suche nach dem vermuteten Südkontinent.  – Ich fahre mit dem Finger auf der Landkarte irgendwelche Inselumrisse entlang.

Über Nadi auf Viti Levu komme ich nach Fidschi herein. Nadi ist der große Verteilerflughafen für den Südpazifik; aber er schaut etwa so aus wie der Flughafen in Dubrovnik.
Auf dem Flugplatz auf Taveuni lädt ein Mann die Koffer auf seinen Karren und führt sie zum Warteunterstand hinüber, wo auch der Angestellte der Air Pacific hinter einer Glasscheibe seines Amtes waltet.

Stummes und wie seit Ewigkeiten einsames Dastehen der Bergmassive im Inneren der Inseln, mit ihren moosbedeckten Basaltfelsen, die wie Kuppeln oder Kirchtürme irgendeiner seltsamen Religion aufragen, mit grasbedeckten Graten und Gipfeln und den von Urwald überwucherten Flanken und Füßen. Palmen stehen mit ihren Blätterwedeln aus dem Unterwuchs heraus.
Einsame Wege und Straßen führen zu abgelegenen und gottverlassen in der Einöde dastehenden Häusern.
Ich meine, du spürst ein Schluchzen – oder das Aufwallen einer großen Angst, wenn du diese Hütten siehst, weil du denkst – und dieser Gedanken hat die Macht des Panischen: Da könnte ich nicht leben!
      
Unendliche Abschattierung des Grün, wundervoll kontrastiert von den rosig durch das hellgrüne und gleißende Meerwasser heraufschimmernden Riffen und Korallenbänken, die, zu Landschaften und Gärten gefasst, sich vor den Inseln ausbreiten.
Die Inseln wieder, mit ihren Kuppen, Gipfeln, Tälern und Wannen, ändern im Fort- und Vorbeigehen unentwegt ihre Form, und zwar so leicht und wie absichtslos im so oder so durch Wolken, Nebelschwaden oder Ballungen von Morgendunst einfallenden Licht, dass man meinen könnte, all dies, das ganze Schauspiel, sei bloß eines der Phantasie, Traum einer heißblütigen und wilden, im tiefsten Inneren verzweifelten und dann wieder glückstrunkenen Seele.

Ich gehe die Straße hinunter, die einzige Straße von Taveuni, sie führt um die Insel herum. Eine breite, kürzlich erst asphaltierte Straße. Viele Fußgänger unterwegs. Überall in der sog. Dritten Welt begegnen dir an den Rändern der Landstraßen die Menschen.
Im Wald, unter Palmstauden, Gummibäumen, Farnen, Kava-Pflanzen die Hütten der Einheimischen, meist schachtelförmige Gebilde mit einem Vordach aus Wellblech. Die meisten Hütten oder Häuser stehen auf Stelzen. Die Stelzen sind nützlich gegen die Bodenfeuchte, gegen Ratten und Kröten. Alle drei Jahre etwa muss man mit einem Taifun rechnen.

Der Melo-Baum mit seiner schirmförmigen Krone und den weit ausladenden, stets von Schmarotzerpflanzen bewachsenen Ästen. Wer so viel zu geben hat, dem machen ein paar ungebetene Gäste nicht viel aus. – Uralte Bäume da oder dort, an einem Fluss­übergang, im Dorf, oder einfach irgendwo an der Straße.

Die Supermärkte sind fest in den Händen der Inder. Um die Jahrhundertwende, vom 19ten aufs 20ste, brachten die Engländer die Inder ins Land, zur Arbeit auf den Plantagen. Heute stellen die Inder und Indischstämmigen die Hälfte der Einwohner. Rassenfragen sind auf Fidschi immer auch ökonomische Fragen. Das Konterfei der Queen ziert die Banknoten der Republik Fidschi. Mein Gott, denke ich beim Betrachten von Fotos aus den Fünfziger-Jahren, ich sehe die damals noch junge Elisabeth den sogenannten Eingeborenen beim Tanz zuschauen. Naturgemäß ist die Königin ganz in Weiß gekleidet.

Es gibt Hindus und Moslems hier, dazu alle möglichen protestantischen Kirchen und Sekten und, natürlich, die katholische Kirche mit einem gemauerten Kirchlein am Meeresstrand, mit einer Madonnenstatue aus Gips.
Hinter der Kirche der Strand, auf dem bei Ebbe die Leute unterwegs sind, mit Handnetzen und Körben, um Muscheln, Krebse und anderes essbares Getier einzusammeln, kleinere Fische aus Prielen und Wasserlöchern zu fischen.

Wenn dich eine Seeschlange beißt, nach längstens zwei Minuten bist du tot! – Es gibt viele von diesen Schlangen hier, etwa einen Meter lang. Sie sind nicht angriffslustig, liegen wie schlummernd in seichten Lacken. Bei Flut schwimmen sie dann.
Erinnerung: Verfolgt man die Nachrichtensendungen in den japanischen Medien, wird einem bald klar, dass, von den herrschenden Parteien inspiriert, das Volk auf einen möglichen Krieg gegen Nordkorea eingestimmt wird. Ob der Krieg kommen wird? Im Moment sieht es nicht danach aus. Das kann sich rasch ändern. Japan, als der enge Verbündete der USA, wird sich an diesem Krieg, kommt er denn, beteiligen und dafür aus der zu erwartenden Beute belohnt werden.

In einem seiner schönsten Gedichte beschreibt Brecht, wie er seine junge Liebe küßt, unter dem Pflaumenbaum, und wie zugleich hoch am Himmel oben, und ungeheuer weiß, eine Wolke zieht. – Er kann sich der Frau, des Mädchens jetzt eigentlich nicht mehr recht erinnern; er weiß nur mehr, dass er sie geküsst hat. Und dass da diese Wolke war, so ungeheuer weiß und oben, die so schnell verging.

Das Gedicht, mit seiner raffinierten Verbindung des Mädchengesichts mit den Blüten des Pflaumenbäumchens, die Brecht nur anspielungsweise aufblühen lässt, mit seinem Schmerz um das Vergangene, Entschwundene, seiner tiefen Lust am Ewigen, erinnert mich beim Lesen an chinesische, an japanische Gedichte, und ich entsinne mich.

Die Erste, mit der ich mich auf der Insel befreunde, ist Audrey – ich meine, auf diese Weise befreunde, dass der andere gar nicht merkt, dass man sich mit ihm befreundet, Symphatie für ihn empfindet.
Audrey ist eine vielleicht siebzigjährige Amerikanerin, die auf der Veranda ihres Hauses eine Art Kaffeehaus betreibt, sie verkauft Kaffee und selber gemachte Torten. Man merkt gleich, dass man einen komplizierten und empfindlichen Menschen vor sich hat, eine Künstlernatur – hätte man früher einmal gesagt.
Von Audreys Veranda schaue ich zum Strand hinunter mit seinen Palmen, der immer leer daliegt. Meer – Strand – Straße: Auf der Straße Fußgänger, die zum nahegelegenen Supermarkt gehen, von dort herkommen und zur Veranda heraufgrüßen: Bula! – Das L wird anders ausgesprochen als bei uns.

Ja, es ist alles hier ein bisschen märchenhaft. Nur macht mir das Wissen um kolonialistische Vorgänge, um den Einfluss des globalen Tourismus, als deren Ergebnis alles doch auch dasteht, immer wieder einen fetten Strich mitten durch die Rechnung.

Korallen werden als Material verwendet, mit dem man Schlaglöcher in Wegen auffüllt. Wie weit ist es da zur Magie, die ich einst empfand, als ich Coral Gardens von Malinowski las?

Aber nachts, wenn du in die Mondnacht hinaustrittst, und der Mond scheint beinah so stark wie eine Sonne, nur die Farben des Tages fehlen, die schwarzen Blätter rauschen, weiß oder silberfarben die Wiesen, hoch und schwarz die Palmen, rundum fliegen lautlos riesige Fledermäuse, und das endlose Meer draußen in allen Tönungen von Silber über Perlgrau zu Taubengrau und Schwarz – dann wieder erinnerst du dich an erlesenen Zauber, von Kindsbeinen an, und der alte Zauber mischt sich ganz wirklich mit dem neuen und gerade dir vorgezauberten, und du bist selig verwirrt.

„Von Innsbruck herauf wird’s immer schöner, da hilft kein Beschreiben“, so Goethe an Frau von Stein, als er aus dem Inntal hinauf Richtung Brenner fährt. Und er beschreibt dann doch die Dörfer und Kirchlein, die hoch oben über Abgründen stehen, auf Bergschultern, wo auf den Wiesen Heu gemacht wird, während Bergbäche brausend zur Tiefe stürzen.

Abends zieht ein mächtiger Sturm vom Meer her auf: Erst dunkelt es nur ein, wie gewöhnlich sehr schnell hier. Dann verschleiern sich die kleinen Inseln im Meer draußen noch zusätzlich, eine Art Seufzer ist zu hören; und dann ist der Sturm auch schon da, mit Regenböen und kurzen Verfinsterungen, in die dann wieder Mondlicht fällt, von einem Mond, der am Himmel oben auf zerrissenen Wolken zu reiten scheint. Weiße Wolkenbänke tauchen in diesem allerhellsten Mondlicht auf, aber sie bestehen nicht aus dem Stoff, aus dem Wolken sich für gewöhnlich bilden, nein, diese Körper da oben scheinen aus einem ganz anderen Material gemacht, aus dem gegenteiligen, wenn wir das einmal so sagen wollen, die Wolken bestehen aus leerem Nichts – und sind doch anzuschauen wie fest umrissene und reale Körper.

Später mischt sich das Brausen der hochgehenden Flut mit dem Wüten des Sturms zu einem Gelärm, laut wie ein vorbeirasender Zug. Immer wieder setzt der Lärm kurz aus, aber nur, um umso lauter wieder einzusetzen, und in den wirbligen Gedanken eines bösen Halbschlafs fliegen, hoch droben, die Palmen und Hütten der Insulaner mit den schaumigen Wolken des Sturms, und die Boote, die man bei Ebbe für gewöhnlich im Schlick der Watten liegen sieht, sausen jetzt pfeilschnell, auf ein Vielfaches vergrößert, durch die hallenden Wolkenschluchten des Himmels.