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das gegenteil der osbournes

Ilse Kilic und Fritz Widhalm führen alle, die gerne in fremden Wohnungen schnurchteln, in ein literarisches Eldorado


Jana Brenessel & i.g. Naz: Reise in 80 Tagen durch das Wohnzimmer. Eine Fest- und Forschschrift. Mit Begleit-CD.

das fröhliche wohnzimmer 2001

Rezensiert von: werner schandor


Wenn einem das Heim zum Kosmos wird, dann ist es Zeit, dass das Universum-Team ausrückt und diesen Kosmos beschreibt. Im Fall von Ilse Kilic und Fritz Widhalm ist der Kosmos Das fröhliche Wohnzimmer und das Universum-Expeditionsteam besteht aus ihren literarischen Alter Egos Jana Brenessel und i.g.Naz.

Das fröhliche Wohnzimmer kennt man als Kleinverlag, als Zeitschrift (Untertitel: für unbrauchbare Texte und Bilder) und nicht zuletzt als Band, die einem verqueren Dilettantismus huldigt. Alle drei Betätigungsfelder von Ilse Kilic und Fritz Widhalm stehen ganz im Zeichen des Schweins, des Haus- und Hofmaskottchens des fröhlichen Wohnzimmers. Das Wohnzimmer hat seinen Sitz in Wien, genauer gesagt in der Fuhrmannsgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk, wo Kilic und Widhalm mit der Katze Suzie Traktor in einer Dreizimmerwohnung leben. Genau diese Wohnung ist das Ziel und der Gegenstand der gelungenen literarischen Expedition Reise in 80 Tagen durch das fröhliche Wohnzimmer. Während Kilic und Widhalm ihrem Biennalurlaub in Griechenland frönen, machen sich ihre Alter Egos Jana Brenessel und i.g.Naz im sommerlichen Wien mit Schlafsack und Wohnungsplan auf den Weg, um den wohnzimmeristischen Kosmos zu durchmessen:

"unsere beiden forschungsreisenden brechen ihr lager am fuße des sperrholzschrankes ab und machen sich auf den weg gen osten, der ihnen allerdings von einem riesigen holztisch versperrt wird. […] bei der überquerung der tischplatte müssen die beiden sehr darauf achten, auf keinen der verstreut herumliegenden, -lehnenden oder stehenden gegenstände zu treten. da wären zwei stempel, zwei lochmaschinen, eine klammermaschine, ein fläschchen tipp-ex, ein fläschchen schwarze stempelfarbe, ein riesiger bleistift, kugelschreiber, filzstifte, ein taschenrechner, ein kleiner tragbarer kassettenrekorder, ein metalllineal, zwei zigarettenschachteln aus blech, in die man zigarettenrationen hineingeben kann, quasi um sich selbst kontrollierend am zuviel rauchen zu hindern, ein paar wollsocken, kurz gesagt, alles, was ein schriftstellerisch tätiges wohnzimmer benötigt. der tisch grenzt mit der schmalseite an die nordwand, die andere schmalseite ragt weit in den raum hinein." 

Vom Vorzimmer bis zum Abstellkammerl nehmen Jana Brenessel und i.g. Naz jeden Winkel der wohnzimmerischen Altbauwohnung in 80 Kapiteln genau unter die Lupe. Dabei fallen ihnen unter anderem unzählige interessante Zeitschriften, Bücher, Filme und Tonträger in die Hände, die einen Einblick in die Wohnzimmer-Produktion von Kilic und Widhalm gewähren, die Mitte der 80er-Jahre einsetzte. Die Reise ins Wohnzimmer ist auf diese Weise auch eine Expedition in den subkulturellen Kosmos der 80er und 90er und generell in kulturelle Betätigungsfelder abseits des Mainstreams. Stichworte: Mail-Art, kopierte Fanzines und literarische Comics, selbst eingespielte Tonbänder, idealistische Zeitschriftenprojekte, Super-8-Filme und viele, viele Bücher, die in der berühmten Verlagsgruppe Ab-Hof-Verkauf erschienen, zu der auch die Edition Das fröhliche Wohnzimmer gehört. Für dieses fröhliche Wildern in allen möglichen Gebieten bekamen Kilic und Widhalm nicht ganz unpassend bereits das Etikett „Neo-Dada“ verpasst. Was jetzt noch fehlt, ist der Status eines Natur- respektive Kulturschutzgebietes, den das Wohnzimmer in einer Zeit, in der auch in der Literatur alles immer glatter, schnittiger und oberflächlicher wird, eigentlich anstandslos zugesprochen bekommen müsste. 

Vorbild für „Die Reise in 80 Tagen durch das Wohnzimmer“ ist Xavier de Maistres „Voyage autour de ma chambre“ (Die Reise um mein Zimmer) aus dem Jahr 1795. Das wohnzimmeristische Gegenstück aus dem Jahr 2005 ist mit zahlreichen Abbildungen versehen und wird mit einer Audio-CD mit 13 Hörbeispielen ausgeliefert. Auf der CD befindet sich neben etlichen anderen interessanten Stücken auch der Live-Mitschnitt der berüchtigten Bandscheibenoperette, die schon bei ihrer Aufführung 1996 in Köln gemischte Reaktionen im Publikum hervorrief.

 Eindeutig hervorragend ist dagegen die literarische Umsetzung der Reise durch das Wohnzimmer. Stilistisch und vom Tonfall her kokettieren Janaz mit einer naiven Attitüde, die das Spielerische ihrer künstlerischen Unternehmungen ausdrückt und auch mit der Unmittelbarkeit in Verbindung gebracht werden kann, die Kilic und Widhalm in ihren Werken leben. Oder einfacher: Hier wird die gute alte Verbindung zwischen Kunst und Leben in einer sympathischen Post-Punk-Dadaismus-Kombination ausgelebt. Wenn ich mir von einer guten Fee etwas wünschen könnte, dann das, dass dieses schöne Buch - das übrigens exzellent lektoriert ist - mindestens genauso viele Leserinnen und Leser findet wie der nächste Schinkenaufschnitt von Michael Köhlmeier oder das Gebrabbel von Robert Schneider.