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das vakuum

sarah fötschl | das vakuum

Im öffentlichen und im privaten Raum

„To do“ or not to do. Kann ich wissen was mein Nachbar in diesem Augenblick tut oder nicht tut? Sollte ich es wissen? Die Antwort in diesem Falle lautet „nein“. In diesem Mietshaus schließt man sich nicht zusammen. Man schält nicht gemeinsam Kartoffeln und beaufsichtigt, kümmert sich um die Kinder, die sind nämlich vorhanden, zumindest das weiß man. Man bewältigt den Alltag, also das Leben, nicht gemeinsam. Man verhält sich ruhig. Sonst könnte man womöglich jemanden stören. „Individualismus“ und vorgeschobene Privatsphäre halten mich davon ab, auch nur zu wissen, wer hinter den Türen eigentlich wohnt – noch wohnt? – lebt oder auch nicht. Bin ich deswegen asozial? Nein, ich verhalte mich „relativ“ normal. Man verhält sich – und das verringert den Aktionsraum. Man tut es trotzdem, auch wenn man Gefahr läuft, sich dem Leben gerade dadurch zu entziehen, nämlich in der Art, dass man sich einfügt in den Strom, dessen Ursprung man nur erahnt, und man sogleich fast unsichtbar wird. Tut man es nicht, muss man mit Aufsehen rechnen, und dann sollte man eine Rechtfertigung, eine Befugnis oder zumindest eine Meinung parat haben. Wenn man sich schon hinstellt und den Mund öffnet, Luft holt, dann auch noch etwas sagt, sollte man sich vorher gut überlegt haben, ob man überhaupt kompetent genug ist. Sonst könnte ja jeder daherkommen und plötzlich etwas sagen. Und dann, ja dann wäre alles sehr schwierig. Da bin ich mir sicher. Diplomatischer ist es in jedem Fall, für sich zu bleiben, abzuwarten, vielleicht ergreift ja doch ein anderer die Initiative, und wenn nicht, wird das schon seinen Grund haben. Mit Sicherheit gibt es ohnehin einen Zuständigen. Mit dieser Attitüde

((durch ein von der Bürokratie geprägtes Gemüt, durch das Erkennen von Autoritäten und der lediglichen Vermutung derer Zuständigkeit))

bleibt man heimelig im Zustand des Vakuums. Dieses Vakuum, fein gesponnen und gepolstert aus Konditionierung, Pädagogik und manchmal auch Höflichkeit, bewahrt einen vor spontanem Verhalten. Wahrscheinlich befindet man sich ohnehin auch gerade „auf einem Weg“, hat Absichten, Aufgaben zu erledigen, Ziele. All diese Faktoren können das Vakuum aufrechterhalten. Die „Mission“ hält einen vom missio, dem „mit sich Geschehenlassen“, ab. Es sei denn, man schafft es aus seinem Vakuum auszubrechen. Dazu muss man nicht unbedingt Drogen einnehmen, sich auch nicht gleich völlig dekonditionieren oder gar dekonstruieren, es reichen einfach auch Momente des „Sich-bewusst-Werdens“. Oder die einfache Frage: Was tue ich da eigentlich? Aber so weit sind wir noch nicht.
Direkt vor meinem Vakuum, meinem Mietshaus, in meinem Vorort, ja vor meinem Fenster, verläuft eine Landstraße, auf der starkes Verkehrsaufkommen zu beobachten ist. Innerhalb dieses Komplexes „Autoverkehr“ lassen sich Verhalten, Interaktion und actio-reactio gut beschreiben oder zumindest behaupten: 1. Wer schneller ist, hat Recht 2. Noch schneller ist uns rechter 3. Restriktionen taugen uns gar nicht.

Das Vakuum, in dem man sich als auto-risierter Verkehrsteilnehmer befindet, ist uns ein gutes Recht geworden. Eingebettet in medialen Input, hippes Multitasking und das Recht zur rechten Zeit am rechten Ort anzukommen, lässt man uns – oder tun wir es sogar freiwillig – den Raum vergessen, durch den wir uns eigentlich bewegen. Dass dieser Raum nicht nur öffentlich ist, bleibt uns meist verborgen, da wir die Privatsphären daneben und dahinter nur vermuten können. Somit sind wir vom realen Leben draußen abgeschnitten, bis wir den Motor abstellen, aussteigen und die Autotür hinter uns zuwerfen. Würde man den fiktiven Verkehrsteilnehmer fragen, wie er es rechtfertigen kann, mit seiner motorisierten Bewegung im Raum nicht nur öffentlichen Raum in Anspruch zu nehmen, sondern auch privaten Raum immer wieder zu berühren, würde er vielleicht antworten: „Je schneller ich mich am privaten Raum vorbeibewege, desto weniger groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich das fiktive Private störe.“ So lange schneller ungleich lauter (akustisch) ist, stimmt das wahrscheinlich auch. Genau hier befindet sich die Schnittmenge zwischen Verkehrsteilnehmer und mir. Und dies ist eine Zone voller Grautöne. Beide sind als privat zu bezeichnen. Mein privater Raum hinter meinem Fenster und sein privater Raum in seinem privaten Automobil. In meinem Vakuum fühle ich mich (akustisch) nun aber gar nicht mehr wohl, und ich kann nicht anders, als mich zu fragen: Was tue ich da eigentlich? Und was tut der da eigentlich?

Ich verhalte mich also nicht, durchbreche das Vakuum und telefoniere mit der zuständigen Behörde. Aufgrund der immensen Geschwindigkeit und des akustischen Vakuums des Automobils kann ich mich dem Verkehrsteilnehmer gegenüber ja nicht direkt verhalten. Beim Anfragen bei der „Hauptmannschaft“ wird mir Inkompetenz vorgeworfen. Antrag abgelehnt. Weiter: Kann ich mich kompetent verhalten, ohne kompetent zu sein? Wäre es degoutant, die Straße mit kleinen Metallkrähenfüßchen zu versehen? Die Folgen wären fatal und keineswegs nachhaltig. Ich müsste mich verantworten, mein Verhalten würde nicht einmal als Notwehr durchgehen. Wäre es sinnvoller, barbrüstig im Schlüpfer mit aussagekräftigem Plakat die Straße zu blockieren? Vielleicht. Mein Verhalten könnte ich als Greenpeace-Aktion deklarieren und zumindest temporär ein Tempolimit heraufbeschwören. Auf Schlüsselreize kann man sich verlassen, will man auf sich aufmerksam machen. Die Folgen wären jedoch auch hier fatal, mein Verhalten wäre zwar auffällig, aber eben auffällig. In diesem Fall muss ich mich wohl entweder verhalten oder umziehen. In beiden Fällen bleibe ich in meinem Vakuum und inkompetent.

((durch ein von der Bürokratie geprägtes Gemüt, durch das Erkennen von Autoritäten und der lediglichen Vermutung derer Zuständigkeit))

Das Vakuum durchbrechen und kom­petent bleiben, oder: We’re on the way to find you, so please forget who you are.
Wie kann ich mich verhalten, wenn mir die „Fressraupen“-Politik höllisch auf den (Kartoffel-)Sack geht? Ich bin befugt, mich meiner zumindest indirekten demokratischen Mittel zu bedienen. Ich bin berechtigt, mich gegebenenfalls meiner Stimme, sollte mir das Verhalten des Hauptmanns nicht zusagen, zu enthalten, und ich darf und muss mich Konsum-verhalten. Das ist schön. Meine Kaufkraft kann meinem Konsumverhalten Ausdruck geben. Verändere ich mein Konsumverhalten, kann ich immerhin in einem Schein von Individualismus, innerhalb meiner vorgeschobenen Privatsphäre, mein Joghurt verzehren und dann dem Herrn Raiffeisen mein Pfandglas zurückbringen. Und – pay once act twice – dem Herrn NÖM eins auswischen. Da wird er aber schaun. Ich habe also immerhin kompetente Kaufkraft, um meinem Verhalten Ausdruck zu verleihen, und umgekehrt. Zumindest hat mir noch niemand erzählt, ich sei „aber ein inkompetenter Kunde“, nachdem ich meine Mastercard durch den Schlitz gleiten hab lassen. Meine Meinung will mir die Marktforschung geradezu abringen, und nichts interessiert sie mehr, als mein Verhalten. Hier darf ich kompetent sein. Hier darf und soll ich mein Vakuum durchbrechen und darf mein ganz individuelles Verhalten freiheraus tun. Der freie Markt (auch die freie Marktwirtschaft ist ein Vakuum ohne die Marktforschung) ist wirklich an mir interessiert. Hier darf ich sagen und tun was ich will und trotzdem kompetent sein. Man kann sagen, dass zumindest hier nicht nur der Warenaustausch, sondern auch der Meinungsaustausch friedens(v)erhaltend wirken kann.

((nicht nur durch ein von der Bürokratie geprägtes Gemüt, durch das Erkennen von Autoritäten und der lediglichen Vermutung derer Zuständigkeit))

Zurück in meinem Mietshaus werde ich dann allerdings trotzdem an der Nachbarstür klopfen, der öffnenden Person ein „Pscht!“ ins Ohr hauchen und einen Sack Kartoffeln darniederlegen.